das Kirchenjahr

1. Sonntag nach Epiphanias

Die Taufe Jesu

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe I - Jos 3, 5-11.17

Liebe Gemeinde! Ich habe in der vergangenen Woche lange darüber nachgedacht, was dieser Text wohl mit dem Besonderen dieses Tages zu tun haben könnte.
Es geht ja heute um die Taufe Jesu, um seine Gottessohnschaft. Da ist das Bekenntnis Gottes zu Jesus Christus: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe”. (Mt 3, 17b) Er ist das fleischgewordene Wort des Schöpfers.
Für uns leichter noch nachvollziehbar in dem kleinen Kind in der Krippe als in dem erwachsenen Mann, der sich da nun in den Jordan begibt und taufen lässt, so als wäre er ein Mensch wie du und ich.
Aber so ist es ja auch schon in der Krippe gewesen: der Sohn Gottes, der Allmächtige, gibt diese Allmacht auf, damit er unser Bruder werden kann.
Und jetzt dieser Predigttext, der uns davon erzählt, wie das Volk Israel damit beginnt, in das Land einzudringen, das ihnen Gott verheißen hatte.
Was verbindet diesen Text mit der Taufe Jesu?
Beide Texte haben mit dem Jordan zu tun: das wäre aber sicher nur eine dürftige und nicht besonders ergiebige Verbindung. Denn während hier das Wasser stehen bleibt, steigt dort Jesus in das fließende Wasser hinein. Aber immerhin ist es der Jordan.
Ja, aber das ist dann doch nicht so viel, dass man daraus eine Predigt stricken könnte, etwas, das uns für unseren Alltag Stärkung und Hoffnung schenkt.
Und dann überlegte ich, worum es eigentlich in dem Text aus dem Buch Josua geht, was der Kern dieses Textes ist. Und da merkte ich, dass es nicht um die Durchquerung des Jordans ging – immerhin ein ganz wunderbares Ereignis, denn schließlich blieben ja die Wasser des Flusses einfach so stehen, und die Israeliten konnten trockenen Fußes das Flussbett durchqueren – sondern darum, dass Gott sich in diesem Ereignis als der Gegenwärtige erweist, als der „Ich-Bin-Da”, wie Buber und Rosenzweig den Gottesnamen übersetzten.
Gott steht zu seinem Volk, er steht zu seinen Verheißungen, und macht dies nun auf wunderbare Weise deutlich.
Das Zeichen des Bundes – die Lade Gottes – steht in der Mitte des Jordans, und das Volk Gottes zieht trockenen Fußes an der Lade vorbei durch den Jordan hindurch.
Im wahrsten Sinne des Wortes ist Gott in ihrer Mitte – durch das Bundeszeichen und durch das Wunder, dass das Wasser des Flusses still steht und ihnen nicht schaden kann. Deutlicher kann die Gegenwart Gottes kaum werden.
Und dann wird diesem Ereignis ein Denkmal gesetzt – eigentlich sogar zwei. Die zwölf Männer, die da in der Mitte unseres Predigttextes erwähnt werden und dann gar nichts mehr zu tun zu haben scheinen, nehmen jeder einen Stein aus dem Flussbett und bringen ihn in das Lager. Josua macht daraus einen Steinhaufen in Gilgal, zum Zeichen dafür, dass Gott sein Volk trockenen Fußes durch den Jordan hindurch geführt hatte.
Der Erfahrung des lebendigen Gottes wird ein Denkmal gesetzt, sie wird „versteinert”.
So wichtig das Erinnern ist, und so wichtig es auch ist, dass solche Erfahrungen nicht nur mündlich überliefert, sondern auch manifestiert werden, weil sie irgendwann dann doch zu Märchen zu werden drohen, die niemand für wahr halten will, so wenig angemessen ist das, was hier geschieht.
Denn die Erfahrung der Nähe Gottes ist eine höchst lebendige Erfahrung, die man nicht mit noch so schönen oder beeindruckenden Denkmälern festhalten kann. Sie ist nicht erinnerte Vergangenheit, sondern sie ist und bleibt erlebte Gegenwart.
Und weil das Volk Israel nach vielen Jahren begann, auch diese Erinnerungen der vorigen Generationen zu vergessen, geschah, was geschehen musste: Der Abstand zu Gott wurde immer größer, bis sie ihn schließlich nicht mehr erkannten.
Er war nicht mehr der Gott, der mit ihnen einen Bund geschlossen hatte. Sie fühlten sich stark genug, für sich selbst zu reden und zu handeln. Sie dachten, sie bräuchten Gott nicht, und wenn doch, dann hätten sie ihn sich schon entsprechend (zurecht) gemacht. Aber das wäre dann nicht mehr dieser Gott gewesen, der sich so lebendig in ihrer Mitte gezeigt hatte, sondern ein Märchen, das sie sich dann erzählt hätten.

Ist das jetzt nicht doch sehr weit weg von der Taufe Jesu?
Nein, überhaupt nicht. Denn so wie Gott seinem Volk damals bei der Durchquerung des Jordans so nahe gekommen ist, so ist er erneut in Jesus in die Mitte seines Volkes gekommen.
Aber diesmal war es doch etwas anders. Jesus tat kein großartiges Wunder am ganzen Volk. Er wandte sich vielmehr den einzelnen Menschen zu. Er machte die Erfahrung der Nähe Gottes für jeden, der ihm begegnete, möglich.
„Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens”, hatte Petrus einst bekannt und dann noch hinzugefügt: „Wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.” (Joh 6, 68)
Gott war in Jesus inmitten seines Volkes, so, dass man in der Begegnung mit ihm die Herrlichkeit Gottes erfahren konnte.
Und als Jesus nach seiner Auferstehung in das Reich Gottes aufgenommen wurde, da sagte er noch zu seinen Jüngern: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.” (Mt 28, 20b)
Mitten unter uns. Er ist da.
Doch dann begann das Gleiche wie damals im Volk Israel: es wurde ein Denkmal errichtet.
Anfangs noch war der Fisch das Erkennungszeichen der Christen, dessen einzelne Buchstaben im Griechischen die Anfangsbuchstaben der Wortfolge „Jesus Christus, Sohn Gottes, Retter” bildeten. Das war ein Bekenntnis, mit dem man sich zu erkennen, aber auch preis gab.
Die Gemeinde lebte im Verborgenen, getrieben und geführt vom Heiligen Geist, der ihnen immer wieder Mut zum Bekenntnis schenkte, auch auf die Gefahr hin, dass sie gefangen genommen und im schlimmsten Fall gefoltert und getötet werden würden.
Der Fisch war noch kein in Stein gehauenes Denkmal, auch wenn er auf manchen Grabplatten der ersten Jahrzehnte der Christenheit zu finden ist.
Er blieb Bekenntnis, denn sie alle vertrauten darauf: Jesus Christus ist da, mitten unter ihnen.
Doch dann kam das Kreuz als neues Symbol ins Spiel. Kaiser Konstantin sah es in einem Traum als Zeichen des Sieges über seine Widersacher, und weil er unter diesem Zeichen den Sieg errang, wurde fortan das Kreuz zum Symbol der Christenheit. Es erinnert uns an die Wundertaten Gottes – und versteinert diese Erinnerung.
Teils sehr schöne Kunstwerke wurden da geschaffen, aber sie sind nicht Gott, sie können die Nähe Gottes nicht bewirken. Und darum ging es den Christen genauso wie dem Volk Israel damals: sie entfernten sich von Gott.
Kreuzzüge, Kriege gegeneinander, Machtmissbrauch unter dem Zeichen des Kreuzes – alles war da. Auch das „Gott mit uns” stand auf den Gürtelschnallen der Soldaten des ersten und zweiten Weltkrieges und war der Leitspruch des preußischen Königshauses seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts. War es frommer Wunsch oder eine Feststellung?
Man kann sich jedenfalls erinnert fühlen an die muslimischen Terroristen, die in ganz ähnlicher Weise Gott für sich in Anspruch nehmen, obwohl sie bei dem, was sie tun, wohl kaum weiter entfernt von Gott sein können.
Es gibt nur einen, wenn auch geringen, Unterschied: Dort wurde unter diesem Leitspruch Krieg geführt, hier wird Terror verbreitet.
Jesus Christus wollte nichts von beidem. Er forderte seine Jünger vielmehr zur Feindesliebe auf. „Liebt eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen.” (Lk 6, 27b; ähnlich Mt 5, 13b)
Kann man das denn? Es scheint nahezu unmöglich, gerade auch angesichts des Terrors, den wir jüngst erlebten. Muss man da nicht zurück schlagen?
Wenn wir auf Jesu Worte hören, ist die klare Antwort ein „Nein”. Denn Gewalt erzeugt wieder Gewalt.
Das ist aber kein Naturgesetz. Man kann diesen Kreislauf durchbrechen, indem man sich selbst dafür entscheidet, den Weg Jesu zu gehen und auf Gewalt zu verzichten.
Merkwürdigerweise musste es uns ein Hindu vormachen, dass Gewaltlosigkeit durchaus überwältigend sein kann: Mahatma Gandhi hat dadurch immerhin die Unabhängigkeit Indiens herbeigeführt.
Denn Gewaltlosigkeit ist nicht nur ein passives Hände-In-Den-Schoß-Legen. Sie macht vielmehr dem Gegenüber bewusst, dass er Unrecht tut. Und das wiederum bringt einen Prozess in Gang, der zum Frieden führt und zur Freiheit.
Dabei ist eins gewiss: Wer gewaltlos handelt, der wird auch erfahren, dass Gott bei ihm ist, denn er verlässt sich ja in erster Linie auf die Kraft Gottes und Sein Handeln.
Er benutzt Gott nicht als Kulturgut, sondern er vertraut auf das Handeln Gottes. Und dabei rechnet er auch damit, dass Gott durchaus andere Wege gehen kann, als wir es uns vorstellen oder vielleicht auch wünschen.
Denn Gottes Wege sind unergründlich. Wir können seine Gedanken nicht kennen und manches Mal auch nicht verstehen. Wir dürfen aber darauf vertrauen, dass es gute Wege sind, Wege, die zu Frieden und Freiheit führen, Freiheit in der Gegenwart Gottes.
Gott ist in unserer Mitte – das dürfen wir auch heute erleben. Aber sobald wir Gott instrumentalisieren, sobald wir ihn zum Denkmal machen oder zu einem Kulturgut, wie es die Organisation Pegida gerne möchte, entfernen wir uns von Gott, denn dann versuchen wir, Gott nach unseren Vorstellungen und Wünschen zu gebrauchen.
Aber Gott lässt sich nicht gebrauchen. Er ist kein Instrument in unseren Händen. Er ist souverän, er handelt auf seine Weise. Und dieses Handeln wird nun mal sichtbar am Kreuz, das aber nicht als Denkmal, sondern als Zeichen der Sühne und Vergebung verstanden sein will: das Kreuz, an dem die Schuld der Menschheit gesühnt wurde, damit wir erleben können: Gott ist mitten unter uns.
Amen
oder
Liebe Gemeinde,
40 Jahre war das Volk Israel durch die Wüste gewandert. Vierzig Jahre – genug Zeit, um die Generation, die der Zusage Gottes nicht trauen wollte, sterben zu lassen – die Generation, die es noch erlebt hatte: die Knechtschaft in Ägypten und die Befreiung aus dieser Knechtschaft durch die Macht Gottes.
Nun war es eine neue Generation, die an der Grenze des Landes stand, das später Israel genannt werden sollte. Menschen, die in der Wüste aufgewachsen waren, wandernd, ohne festen Wohnsitz, aber mit der Hoffnung, eines Tages das gelobte Land betreten zu können, von dem es hieß, dass darin Milch und Honig flössen.
Das wurde ihnen erzählt von denen, die wussten, dass sie selbst nie dorthin kommen würden. Die Hoffnung wird weitergegeben – Hoffnung auf ein Leben ohne Sorgen und in Frieden.
Etwas Neues steht also bevor. Neu für alle, die nun dort versammelt sind, denn sie erinnern sich nur noch an das Nomadenleben. Es ist ein Neuanfang, der für dieses Volk ohne Gott selbst nicht vorstellbar ist.
Die Bundeslade ist dabei das Zeichen der Gegenwart Gottes. Aber sie ist nicht Gott, wenngleich ihr furchterrregende Kräfte nachgesagt werden. In ihr sind die Steintafeln mit den zehn Geboten aufbewahrt, die im Grunde den Anfang besiegelten für dieses immer größer werdende Volk Israel, das Volk Gottes.
Grundlage für ein friedvolles Zusammenleben unter dem Schirm Gottes.
Nun, angesichts des Neuen, das sich vor ihnen ausbreitet, steht dieses Volk Israel vor einer scheinbar unüberwindbaren Grenze.
Der Jordan – nicht nur ein plätschernder Bach, sondern ein breiter Fluss. Man könnte zwar weiter nach Norden, zur Quelle hin, ziehen, und dort den Fluss überqueren. Aber dies war der Ort, an dem sie ihr Land betreten sollten.
Bestimmung nennt man so etwas, bestimmt durch Gottes Hand – hier sollte das Volk Israel beginnen, Heimat zu nehmen.
Es würde einen Weg geben, das wussten sie. Gott würde schon für einen Weg sorgen.
Zwei Kundschafter hatte man ausgesandt, die, als sie zurückkehrten, berichteten: „Der HERR hat uns das ganze Land in unsere Hände gegeben, und es sind auch alle Bewohner des Landes vor uns feige geworden.“ (Jos 2, 24)
Man hatte dort schon vernommen, dass das Volk Israel einen mächtigen Gott an seiner Seite hat, ja, den mächtigen Gott, neben dem kein anderer bestehen kann. Die Menschen waren nicht wirklich feige: sie hatten Angst.
So macht sich das Volk Gottes also nun auf, den Jordan zu überqueren – aber wie? Mit Booten würde es Tage und Wochen dauern, und so viele Boote gab es ohnehin nicht.
Aber dieses Mal erinnerten sie sich an die Macht Gottes, an der ihre Vorfahren damals, vor vierzig Jahren, gezweifelt hatten, und sie rechneten mit ihr.
Die Bundeslade als Zeichen der Gegenwart Gottes wird voraus ziehen und dann mitten im Fluss Halt machen. Gott wird das Wasser nicht weiter fließen lassen, ja, es wird sich weit zurück stauen, damit das Volk Israel trockenen Fußes in das verheißene Land einziehen kann.
Das gab es schon einmal, nur ohne die Bundeslade, damals, auf der Flucht aus Ägypten. Wer an dieser Erzählung der Mütter und Väter gezweifelt hatte, der würde jetzt allen Zweifel hinter sich lassen können.
Und so machen sie sich auf, denn die Macht der Gegenwart Gottes hatten sie auf ihrer Wanderung durch die Wüste ausgiebig erfahren. Tag und Nacht war er sichtbar mit ihnen gezogen, als Rauchsäule am Tag, als Feuersäule des Nachts.
Nahrung hatte er ihnen gegeben – Manna und Wachteln, und Wasser floss aus dem kahlen Felsen, damit sie zu trinken hatten.
Erneut erweist sich nun Gott als der Allmächtige, dem alle Naturgewalten untertan sind. Die Gesetze der Natur werden vorübergehend außer Kraft gesetzt.
Das kann nur der Allmächtige tun, dem keine Grenzen gesetzt sind. Und so geschieht das Unglaubliche: Das Wasser fließt nicht mehr.
Gott ist. Das wird an dieser Stelle ganz offensichtlich.
Aber dazu ist er eigentlich nicht da, um die Naturgesetze auszuhebeln. Sein Volk, das noch gewissermaßen in den Kinderschuhen steckte, brauchte solche Zeichen, um vertrauen zu lernen.
Aber es ist nicht die Aufgabe Gottes, die wunderbare Ordnung, die er vorzeiten geschaffen hatte und die so ausgezeichnet funktionierte, zu ignorieren oder gar zu verändern. Der Mensch muss sich dieser Ordnung fügen, und nicht umgekehrt, und so muss er die Gegenwart Gottes nicht aus den Wundern, die alles Vernünftige auf den Kopf stellen, erfahren, sondern aus den Wundern die im Alltäglichen sichtbar werden.
Doch manches Mal wünschten wir uns, solche Wunder wie damals, als das Volk Israel in das Land Kanaan einzog, würden auch heute geschehen – endlich wäre ein Beweis da dafür, dass es Gott gibt, den Allmächtigen, dem alle Mächte dieser Welt untertan sind.
Aber wie lange würde das ehrfürchtige Staunen anhalten? Wie lange würde es dauern, bis wieder das Verlangen nach einem neuen Gottesbeweis aufflammte, weil sich Menschen eben nur dann auf Gott einlassen wollen, wenn er seine Schöpfung durcheinander bringt?
Gott muss sich nicht auf diese Art beweisen. Er hat es oft genug getan.
Und vielleicht hat er es auch damals nicht auf die Weise getan, wie es uns da erzählt wird.
Vielleicht ist diese Erzählung vielmehr ein Symbol dafür, dass Gott alle Hindernisse wegräumt, die uns daran hindern, vorwärts zu kommen.
Aber selbst das wäre wohl gar nicht gewollt. Denn Gott hat uns ja alles gegeben, damit wir in guter Weise leben können, ohne Krieg, ohne Hass, ohne Hunger. Alles ist da – wir müssen nur lernen, es so zu gebrauchen, dass alle etwas davon haben.
Gott ist – daran zweifelte damals niemand mehr, als dieses nomadische Volk sich aufmachte, um das verheißene Land einzunehmen. Das allein war schon etwas Merkwürdiges, Besonderes.
Viel Leid ist seither geschehen, immer wieder auch im Namen Gottes, so als ob der Mensch an die Stelle Gottes treten könnte.
Aber es war und ist immer Menschenmacht, die zerstört und vernichtet, die Hoffnung nimmt und Zwietracht sät.
Dennoch gilt, dass Gott ist.
So hatten es die Israeliten damals erfahren, nachdem sie 40 Jahre lang durch die Wüste gewandert waren und nur aus den Erzählungen ihrer Eltern die Hoffnung mitnahmen auf ein Land, das ihnen Heimat werden könnte.
Ob das auch unsere Aufgabe ist – die Hoffnung weiter zu geben an die, die nach uns kommen? Wäre das nicht eine schöne Aufgabe?
Durch Jesus Christus ist Gott allen Menschen offenbar geworden – als der Allmächtige, der sich jetzt auf ganz andere Weise zu erkennen gibt.
Er wird Mensch und macht auf diese Weise seine unergründliche Liebe zu allen Menschen sichtbar.
Er bedient sich unserer Schwachheit, um Frieden zu stiften und Geborgenheit und Sicherheit zu schenken. Er tilgt unsere Schuld, damit wir die Gemeinschaft mit ihm wieder erfahren können.
In den Schwachen wird er mächtig – also in uns, ganz so, wie er damals im Volk Israel mächtig wurde.
Gott ist – und er kommt. Er lässt uns nicht allein. Ja, besser noch: wir sind nicht allein. Er ist mitten unter uns, auch und gerade jetzt. Das ist unsere Hoffnung und unsere Freude, aus der wir Kraft schöpfen dürfen für jeden neuen Tag und die wir dann auch gerne weitergeben.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Heut singt die liebe Christenheit (EG 143)
Gott ist gegenwärtig, lasset uns anbeten (EG 165)
Ich singe dir mit Herz und Mund (EG 324)
Wunderbarer König, Herrscher von uns allen (EG 327)
Großer Gott, wir loben dich (EG 331)

Predigtvorschläge zu Reihe IV - Jes 42, 1-9

Liebe Gemeinde!
Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen. So verkündige ich auch Neues; ehe denn es aufgeht, lasse ich's euch hören.
Ehe denn es aufgeht... nicht: ehe denn es geschieht. Es geht ganz offenbar um eine Bewegung, eine Entfaltung, ein langsames Sichtbarwerden, und nicht um ein „Rumms“, mit dem plötzlich alles anders wird.
Ehe denn es aufgeht: ich dachte bei diesem Wort zuerst an die Sonne. Viele von Ihnen werden es am Anfang des Jahres gesehen haben, wie die Sonne am frühen Morgen, noch bevor sie aufging, ihre Strahlen hervorbrechen ließ, die sich an den kleinen Wölkchen, die am Himmel langzogen, in einem fast rosaroten Licht brachen.
Ein wunderschönes Bild, das man mehrere Morgen hintereinander betrachten konnte. Aber wenn sich die Sonne dann tatsächlich aus der Tiefe erhob, verlor das Licht schnell diese bezaubernde Färbung, und es wurde wieder das gewohnte, kalte Licht, das sich dann auch noch oft hinter Wolken verbarg.
Der Prophet, der hier Worte Gottes wiedergibt, meint aber eigentlich ein anderes Aufgehen, obwohl es im Grunde doch ähnlich ist, nur vollzieht sich dieses Aufgehen viel langsamer: es ist das Aufgehen der Saat.
Wer einen Garten hat, freut sich, wenn die Samen aufgehen. Jedes Jahr pflanzen wir uns ein paar Tomaten, und jedes Jahr staune ich, wie aus den kleinen, zarten Keimlingen im Laufe des Sommers kräftige Pflanzen mit herrlichen Früchten daran werden.
Das Aufgehen der Saat ist etwas ganz Besonderes: das kleine Korn bricht auf, es entsteht die Wurzel, das erste Blatt, und schon ist die Pflanze da, die sich nur noch wenige Tage von den Resten des Samenkorns nährt, um dann alle Nahrung aus der Erde und von der Sonne her zu empfangen.
Und doch braucht es seine Zeit, bis es so weit ist. Und wer es erleben will, der braucht Geduld...
Man könnte dieses „Aufgehen“ auch auf einen Menschen beziehen: aus einem hilflosen Säugling wächst über viele Jahre ein Mensch heran, der je für sich ganz einzigartig, etwas ganz Besonderes, ist oder, so könnte man ja auch sagen, wird.
Vielleicht deuten die Worte Jesajas tatsächlich auf solch einen Menschen hin, vor allem, wenn man sie als Worte über das, was zuvor gesprochen worden war, betrachtet:
Siehe, das ist mein Knecht - ich halte ihn - und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat.
Natürlich haben sich die Menschen, die die Perikopenordnung festgelegt haben, etwas bei der Auswahl dieses Textes gedacht: sie sahen die Beziehung zu dem Evangelium von der Taufe Jesu, das wir vorhin gehört haben und wo die Stimme Gottes zu hören ist: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.
Das klingt verblüffend ähnlich, und spätestens seit es die Evangelien gibt, haben Christen die Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja auch immer auf Jesus hin gedeutet.
Ich will das auch nicht abweisen, aber ich möchte doch gerne, dass wir uns deswegen nicht allzu schnell von dem abwenden, was Jesaja uns da verkündigt.
Denn er redet ja nicht von Gottes Sohn, sondern von seinem Knecht!
Das mag Erinnerungen an das Gleichnis vom verlorenen Sohn wecken, der sich selbst nach seiner Buße dem Vater zuwendet mit den Worten: ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Als Knecht wollte er bei ihm arbeiten.
Aber das wäre dann schon die einzige Verbindung, und dieses Gleichnis hat ja nichts mit Jesu Identität zu tun, sondern erzählt uns von der unvergleichlichen und unendlichen Liebe Gottes.
Da ist jedenfalls ein Bruch zwischen Jesaja und den Evangelien, der sich nicht so ohne weiteres kitten lässt, auch wenn vieles von dem, was über diesen Gottesknecht gesagt wird, auch auf Jesus hinzudeuten scheint.
Aber es gibt eben auch anderes, was noch Zukunftsmusik ist, und wir denken wieder an die Worte am Ende unseres Predigttextes: Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen. So verkündige ich auch Neues; ehe denn es aufgeht, lasse ich's euch hören.
Hier hören wir in der Tat etwas von der Ambivalenz des „Schon Jetzt“ und „Noch Nicht“, in der wir uns befinden, wenn wir den Sieg über den Tod glauben, aber noch nicht leibhaftig erfahren haben; wenn wir uns durch den Glauben vor Gott gerechtfertigt sehen, aber gleichzeitig erkennen müssen, dass es in unserer Welt alles andere als gerecht zugeht.
Dabei spricht Jesaja ja ausdrücklich von dieser Gerechtigkeit; er redet davon, dass dieser Knecht Gottes „das Recht unter die Heiden bringen“ wird, und dass er „nicht verlöschen und nicht zerbrechen“ wird, „bis er auf Erden das Recht aufrichte“. Da könnte man zwar sagen, dass Jesus das ja getan hat, aber wir würden dann wohl von einem anderen Recht reden als dem, wovon Jesaja spricht.
Für Jesaja geht es nämlich um die Gerechtigkeit, die niemanden benachteiligt oder übervorteilt, sondern jedem zuteilt, was er zum Leben benötigt. Da ist nicht alles vergeistlicht, es spielt sich nicht alles nur in der Seele ab, während der Leib verschmachtet und in Krankheit und Elend vergeht. Wenn Jesaja von Heil redet, dann ist es ein ganzheitliches Heil, das den ganzen Menschen umfasst, so wie es auch in Jesus zeichenhaft sichtbar wurde – aber eben nur zeichenhaft.
Unser Predigttext, übrigens das erste der sogenannten Gottesknechtslieder, verkündet dem Volk Israel Wohltaten, die auch auf die Heiden, also alle die, die nicht zum Volk Israel gehören, ausstrahlen. Die ganze Welt wird sich verändern, denn es wird keine Ungerechtigkeit mehr in ihr geben.
Darauf warten wir genauso wie das Volk Israel, nur dass wir schon das Neue gehört haben durch Jesus Christus. Wir haben es gehört und warten darauf, dass es aufgeht, gespannt, vielleicht auch ungeduldig.
Und vielleicht lesen wir dabei die Worte des Propheten dann nicht nur als Zukunftsmusik, sondern auch als Anleitung für ein Leben in dem „Schon Jetzt“:
dass wir eintreten für Gerechtigkeit, wo Ungerechtigkeit herrscht;
dass wir Frieden bringen dorthin, wo Krieg herrscht;
dass wir eintreten für Versöhnung, wo Streit herrscht;
dass wir eintreten für die Liebe, wo Hass herrscht;
dass wir die Wahrheit sagen, wo Irrtum herrscht;
dass wir ein Licht anzünden, wo die Finsternis regiert.
Dann werden wir es sehen, schon bald, wie das Neue aufgeht zur Ehre Gottes, des Vaters.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Tröstet, tröstet, spricht der Herr (EG 15)
Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld (EG 83)
Such, wer da will, ein ander Ziel (EG 346)
Christus, das Licht der Welt (EG 410)
Schalom, Schalom! Wo die Liebe wohnt (EKHW/EKHN-EG 627)

Predigtvorschläge zu Reihe V - Joh 1, 29-34

Vor der Predigt wurde das Lied „O Lamm Gottes, unschuldig” (EG 190.1) gesungen

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist, der da war und der da kommt. Amen O Lamm Gottes,
unschuldig am Stamm des Kreuzes geschlachtet,
erbarme dich unser.

Liebe Gemeinde,
Das scheint nicht so recht in diese Zeit hinein zu passen, die ja eigentlich noch ganz erfüllt ist von der Freude der Heiligen Nacht, in der unser Herr Jesus Christus geboren wurde. Ein Passionslied, wo wir noch nicht mal den Sonntag Septuagesimä haben, ja, wo doch gerade erst Epiphanias gewesen ist! Und wer weiter geschaut hat, weiß, dass das Lied nach der Predigt ein ebensolches Lied sein wird, ein Lied der Passion, das uns an das Leiden und Sterben Jesu erinnert.
Wie kann das sein?
Nun, manche wissen es sicher schon: es hat mit dem heutigen Predigttext zu tun. Er steht im Evangelium nach Johannes im 1. Kapitel:
Am nächsten Tag sieht Johannes, dass Jesus zu ihm kommt, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt! Dieser ist's, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist, denn er war eher als ich. Und ich kannte ihn nicht. Aber damit er Israel offenbart werde, darum bin ich gekommen, zu taufen mit Wasser.
Und Johannes bezeugte und sprach: Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm. Und ich kannte ihn nicht. Aber der mich sandte, zu taufen mit Wasser, der sprach zu mir: Auf wen du siehst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, der ist's, der mit dem heiligen Geist tauft. Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist Gottes Sohn.
(Joh 1, 29-34)

Das Evangelium des Johannes ist ein literarisches Kunstwerk. Es nimmt Bezug auf Bekanntes und stellt zugleich Jesus als Erfüllung all dessen, was sich in der Vergangenheit angedeutet hat, dar. Dabei vermittelt der Evangelist in gekonnter Weise grundlegende Wahrheiten des Glaubens, indem er die damaligen Ereignisse auf ganz eigene Weise erzählt. Der Anspruch ist hoch, dementsprechend weicht das Evangelium von den anderen ab. Viel deutlicher als in den anderen Evangelien wird bei Johannes deutlich, dass Jesus der Sohn Gottes ist, der selbst im Grunde alles in der Hand hat. Das beginnt schon mit den ersten Worten, dem sogenannten Johannesprolog.
Am Anfang ist das schöpferische Wort, und dieses Wort nimmt in Jesus Gestalt an. Den Weg dieses schöpferischen und zugleich fleischgewordenen, also geschöpf-gewordenen Wortes beschreibt Johannes auf ganz einzigartige Weise.
Bis zur Stelle, wo unser Predigttext beginnt, ist der Name Jesus kein einziges Mal gefallen. Es war die Rede vom Wort, das am Anfang war, vom Licht, das in der Finsternis scheint, vom fleischgewordene Wort, das die Herrlichkeit Gottes offenbart. Und natürlich von Johannes dem Täufer, der von diesem fleischgewordenen Wort zeugt, aber zugleich auch ganz deutlich erkennen lässt: ich bin nicht der, den ihr erwartet. Ich kündige ihn nur an.
Und dann beginnt unser Predigttext. Hier hören wir den Namen „Jesus” zum zweiten Mal im Evangelium; diesmal spricht der Evangelist von ihm wie von einem Menschen, während die erste Nennung des Namens wie ein Programm anmutet: Die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.
Nun ist unser Predigttext im Grunde ein Zeugnis Johannes des Täufers. Fast geheimnisvoll erscheint dieser Abschnitt. Zunächst berichtet er in der Gegenwart.
Johannes reagiert auf das Kommen Jesu mit der Aussage: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt. Und noch einmal spricht er dann von seiner eigenen Funktion als Prophet dieses Einen, indem er auch Bezug nimmt auf das, was zu Anfang des Evangeliums gesagt wurde: er war vor mir, obwohl er nach mir kommt.
Am Anfang war das Wort ... und das Wort wurde Fleisch.
Doch dann ändert unser Predigttext seinen Charakter, und es ist, als erinnere Johannes der Täufer sich an Vergangenes: „Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm. Und ich kannte ihn nicht. Aber der mich sandte, zu taufen mit Wasser, der sprach zu mir: Auf wen du siehst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, der ist's, der mit dem heiligen Geist tauft. Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist Gottes Sohn.
Kein Bericht von der Taufe Jesu übrigens, auch das eine merkwürdige Eigenart des Textes. Obwohl das Herabfahren des Geistes wie eine Taube an dieses Ereignis erinnert, so wie es in den anderen Evangelien berichtet wird, scheint der Evangelist den Einwand des Täufers im Bericht des Matthäus für angemessen zu halten: „Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde” - wie kann der Schöpfer aller Dinge noch der Taufe bedürfen?
Es bleibt offen, in welchem Zusammenhang der Heilige Geist auf Jesus herabfuhr. Es ist denkbar, dass dies für Johannes in dem Moment klar wurde, als er Jesus auf ihn zukommen sah. Wie sonst wäre die spontane Reaktion zu erklären, mit der der Täufer Jesus zum „Lamm Gottes” erklärt?
Der Predigttext bietet nun zwei wesentliche Kernaussagen über Jesus: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt”, und: „Dieser ist Gottes Sohn”.
Allein das sind schon zwei fast gegensätzliche Aussagen, denn es ist für Außenseiter kaum zu verstehen, warum der Sohn Gottes die Sünde der Welt tragen sollte.
Das Lamm Gottes: diese Worte sind eine Anspielung auf Jes 53, wo es vom Gottesknecht heißt: „Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird...” (Jes 53, 7)
Durch Jesus werden Worte der Propheten erfüllt, Worte, die in den Herzen der Menschen tief verwurzelt sind, die eine kaum vorstellbare Sehnsucht geschürt haben nach Freiheit und nach Selbstbestimmung.
Doch hier wird dem Lamm eine Aufgabe zuteil, die größer ist als das, was der Prophet Jesaja sah. Dort trägt der Gottesknecht die Strafe für das Volk Gottes, für Israel. Hier trägt er die Sünde der ganzen Welt. Das ist eine vielfach größere Last, die man sich gar nicht vorzustellen vermag.
Der Blick weitet sich, es ist schon offenbar: Gott wendet sich allen Menschen zu. Er ist nicht mehr nur der Gott eines kleinen Volkes, sondern der Gott aller, wie er es schon zu Zeiten der Schöpfung gewesen ist, als Adam und Eva den Anfang machten, und ja eigentlich immer blieb, nur dass er sich jenes Volkes besonders annahm.
Das Lamm Gottes - nicht das Lamm des Menschen. Es ist wichtig, dass wir uns das vergegenwärtigen.
Das Lamm ist ein Opfertier, es wird geschlachtet, um Versöhnung zu bewirken; so war es bestimmt in den Schriften des Gesetzes. Das Lamm ist Symbol der Freiheit, denn sein Blut schützte das Volk Israel und befreite es aus der Knechtschaft in Ägypten.
Doch damals war das das Opfer, das Menschen darbrachten. Nun ist es ein Opfer, das Gott selbst darbringt. Es ist das Lamm Gottes.
Gott hat gesehen, wie wenig wir selbst tun können, um uns zu befreien aus unserer eigenen Schuld. Immer wieder verstricken wir uns erneut, schaffen es nicht, das, was uns von Gott trennt, zu beseitigen. Kein Opfer kann jemals vollends Schluss machen, kein Opfer, das wir darbringen, vermag, alle Schuld von uns zu nehmen. Und wenn doch, dann nur solange, bis wir erneut Schuld auf uns laden.
Darum muss Gott selbst handeln. Darum ist es das Lamm Gottes, das jetzt für alle Menschen die Sünde auf sich nimmt und trägt bis zur letzten Konsequenz. Kein Mensch könnte das, weil kein menschliches Handeln Gott versöhnen kann. Darum ist es der Sohn Gottes, wie Johannes der Täufer dann bezeugt, der zugleich das Lamm ist, das unsere Schuld auf sich nimmt.
Darüber jetzt, in der Zeit so kurz nach der Zeit des Christfestes, nachzudenken, fällt schwer. Aber es ist nötig. Denn ohne Kreuz gäbe es keine Krippe. Die Geburt Jesu wäre bedeutungslos für die Menschheit, man hätte niemals aufgeschrieben, was wir vor gerade mal zwei Wochen gefeiert haben.
Erst dadurch, dass Jesus Lamm Gottes ist, dadurch, dass er bereit ist, die Sünde der Welt auf sich zu nehmen, ans Kreuz zu tragen und damit letztlich auch den Tod, der uns von Gott trennte, zu überwinden, können wir Weihnacht als etwas Besonderes feiern.
Gott kommt. Seine Geschichte mit uns ist noch nicht zu Ende.
Das Opfer ist vollbracht, schon lange, aber es gibt Zeiten, da frage ich mich, was es gebracht hat. Es hat sich ja wahrlich nicht viel geändert seit damals, auch unter Christen geht es allzu menschlich zu.
Aber es wäre wohl die falsche Sichtweise, wollte man meinen, dass alles beim Alten geblieben ist. Natürlich hat das Opfer Jesu, des Lammes Gottes, etwas verändert.
Gott ist versöhnt. Wir müssen nichts mehr tun, um diese Versöhnung zu vollbringen. Wir müssen nichts mehr opfern, wir müssen keine Genugtuung leisten.
Solange wir das aber versuchen, haben wir noch keinen Teil an diesem Opfer. Solange wir meinen, es selbst schaffen zu müssen, sind wir nicht erlöst. Unsere Sünde hält uns gefangen, sie bindet uns an uns selbst.
Das muss aber nicht so sein.
Es braucht schon ein bisschen Mut, zuzulassen, dass Versöhnung mit Gott nicht durch uns geschieht, sondern durch Gott selbst. Wer das nicht annehmen kann, der ist verloren. Wer es aber annimmt, der hat das ewige Leben, komme, was da wolle.
Siehe, das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt - Gottes Sohn, Jesus Christus.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Jesus ist kommen, ein Opfer für Sünden (EG 66, 6-9)
*Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld (EG 83)
O Lamm Gottes, unschuldig (EG 190.1)
Christe, du Lamm Gottes (EG 190.2)
Siehe, das ist Gottes Lamm (EG 190.4)
Gott liebt diese Welt (EG 409)

Predigtvorschläge zu Reihe VI - 1. Kor 1, 26-31

Liebe Gemeinde!
Kennen Sie noch das heitere Beruferaten mit Robert Lembke? Ich habe diese Sendung in meiner Jugend genossen. Der Gast machte eine Geste mit der Hand, die er in seiner beruflichen Tätigkeit häufiger ausübte, und dann ging das Fragen los, wobei man oft über die Formulierung der Fragen schmunzeln musste.
5 Mark bekam der Gast für jede Frage, die mit Nein beantwortet wurde, in sein „Schweinderl”. Nach 10 Fragen, die mit „Nein” beantwortet wurden, war dann Schluss. Mit mehr als 50 Mark ging der Gast also nicht nach Hause. Aber darauf kam es ja nicht an, sondern es ging um den Beruf dieses Menschen.
Und das war eigentlich neben den Fragen das Schönste an dieser Fernsehshow, den Beruf des Gastes kennen zu lernen. Der wurde dann nämlich in einem kurzen Film vorgestellt. Und oft kannte man diesen Beruf bis dahin noch gar nicht.
Wie kommt man zu seinem Beruf? Heutzutage ist es in der Regel so, dass man noch als Schüler zur Berufsberatung geht, die nach verschiedenen Tests und Befragungen Empfehlungen ausspricht. Letztlich aber entscheidet man selbst, welchen Beruf man erlernen möchte.
Doch dabei bleibt es nicht. Nach der Ausbildung ist es ja heutzutage längst nicht mehr sicher, ob man auch in den ausbildenden Betrieb übernommen wird. Manche wollen sich ohnehin noch weiterbilden und spezialisieren.
Andere aber fangen ihre Karriere mit der Arbeitssuche an. Und manchmal muss man feststellen, dass der Beruf, für den man sich ausbilden ließ, keine wirklichen Zukunftschancen hat.
Dann sucht man sich eine Stelle, in der man mit der Ausbildung, die man hinter sich gebracht hat, halbwegs zurecht kommt, oder man muss sich umschulen lassen.
Während man früher sein ganzes Leben im erlernten Beruf und in der gleichen Firma arbeitete, wechselt man heutzutage zumindest den Arbeitgeber öfter, häufig ändert sich auch die berufliche Tätigkeit.
Das, was man als Beruf bezeichnet, ist nicht mehr statisch, sondern einem stetigen Wandel unterzogen, und natürlich sind auch die Anforderungen, die heute an einen Beruf gestellt werden, ganz andere als etwa vor 50 Jahren.
Beruf - darin steckt das Wort „berufen”. Berufen, das kann sowohl passiv als auch aktiv gebraucht. Ich kann jemanden berufen, oder ich werde berufen. Im Blick auf den Beruf ist eher die passive Bedeutung gemeint. Das ist meine Beruf, dazu wurde ich berufen. Jemand anders hat mich gerufen, das zu tun.
Aber das stimmt dann doch eigentlich nicht, denn den Beruf suche ich mir ja selber aus. Ich bin also kein Berufener, es sei denn dadurch, dass der Arbeitgeber mir eine Stelle in seinem Betrieb gibt.
Früher war das anders: die Kinder nahmen den Beruf des Vaters an, sie konnten und wollten sich dagegen nicht wehren. Da konnte man schon eher von Berufung reden, und von daher hat das Wort „Beruf” ja auch seinen Ursprung.
Nun redet auch Paulus von einer Berufung. „Seht doch auf eure Berufung”, sagt er.
Was er damit genau meint, ist anfangs gar nicht so klar. Es scheint, dass er tatsächlich den Beruf meint, den die Gemeindeglieder ausüben - also z.B. Bäcker, Gärtner, Schuster oder so was. Denn er führt dann ja aus: nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene, nicht viele Weise nach dem Fleisch gehören zu Euch.
Er schaut also zunächst auf den Beruf der Gemeindeglieder und sagt: ihr seid eigentlich nichts Besonderes, ihr ragt nicht aus der Masse heraus, ihr seid nicht die Elite.
Die ersten Christen gehörten ja eher zu den sozialen Randgruppen. Viele Sklaven, Bauern und Handwerker wurden Christen, eben die Unterschicht der Gesellschaft.
Der Blick auf den weltlichen Beruf dient dem Paulus aber nur dazu, die eigentliche Berufung näher zu begründen und zu erläutern.
Ihr seid von Gott Berufene. Und jetzt schaut nochmal zurück, was ihr seid - von wo her ihr berufen seid.
Gott schaut nicht auf das Äußere. Er sucht sich nicht die Creme de la Creme aus - zumindest soweit man das nach menschlichen Maßstäben so sagen würde.
Die christliche Gemeinde besteht nicht aus Firmenchefs, aus Millionären, aus Präsidenten, Kanzlern, Ministern usw. obwohl sicher einige von ihnen der Kirche angehören. Aber die Mehrheit sind einfache Menschen, die in Politik und Wirtschaft, „also in der Welt”, keine so große Rolle spielen und über deren Aktivitäten die Medien kein Wort verlieren würden: Schichtarbeiter, Handwerker, Hausfrauen, Hausmänner, Hilfskräfte, Arbeitslose, Rentner.
Das sind zwar längst nicht alle, aber das ist die Mehrheit der Gemeinde, die von Gott berufen ist.
„Was töricht ist vor der Welt”, so formuliert es Paulus.
Man sagt eigentlich niemandem, dass er dumm ist. Denn das wird als Beleidigung aufgefasst, selbst dann, wenn es stimmt.
Aber wer entscheidet denn, was dumm ist und was nicht? Niemand würde auf die Idee kommen, ein Kind als dumm zu bezeichnen, das sich beim ersten Versuch, selbst aus einem Becher zu trinken, den ganzen Inhalt des Bechers über das Gesicht gießt.
Man würde auch nicht einen alten Menschen, der an Demenz leidet und sich an nichts mehr erinnern kann, als dumm bezeichnen, weil er ratlos in das Gesicht seiner Tochter schaut und sich nicht an ihren Namen erinnert.
Aber wenn man einen ganz sachlichen Maßstab anlegen würde, würde es ja für beide stimmen. Das Kind ist noch nicht einmal in der Lage, ordentlich zu trinken. Und der alte Mensch kriegt nichts mehr ordentlich auf die Reihe. Beide könnten selbständig gar nicht existieren - also sind sie unnütz, töricht, dumm.
Vor der Welt seid ihr töricht - genau darauf will Paulus hinaus: nach dem Maßstab, den die Welt ansetzt, seid ihr dumm, mißachtet, nichts Besonderes.
Ihr seid nicht viel wert. Höchstens taugt ihr als Steuerzahler und als Wähler, und als solche bekommt man schon noch etwas Aufmerksamkeit. Aber das war's dann auch schon.
Aber für Gott sieht das ganz anders aus. Er hat andere Maßstäbe. Anstatt der Elite hat er Euch gewählt. und das bedeutet: ihr seid wichtig. Jede und jeder Einzelne. Ihr seid nicht nur wichtig, sondern ihr seid etwas Besonderes. Ihr seid erwählt von Gott, um das, was etwas zu sein scheint, zunichte zu machen.
Dabei geht es natürlich nicht darum, Menschen zu vernichten. Es geht darum, den Blickwinkel zurecht zu rücken. Während die einen von oben nach unten schauen, schauen die anderen von unten nach oben.
So soll es nicht sein. Sondern alle sollen geradeaus schauen können. Niemand ist besser als der andere, niemand ist höher oder niedriger. Der Bundespräsident nicht, der Firmenchef nicht, der Millionär nicht. Sie sind vor Gott alle gleich.
Was auch immer man für eine tolle Leistung vollbracht hat (und man kann sich ja wirklich manchmal fragen, was für eine tolle Leistung diese oder jene Person eigentlich vollbracht hat, dass sie jetzt so eine herausragende Stellung innehat), es spielt vor Gott keine Rolle.
Und dennoch sind alle hier, jede und jeder Einzelne, etwas Besonderes. Aber wir sind es nicht aus uns selbst heraus, weil wir so toll sind, weil wir so viel können und es dann auch noch gut machen, sondern wir sind es, weil Gott uns dazu macht, weil wir von ihm berufen sind, weil er uns erwählt hat, seine Kinder zu sein.
Und das kann jeder einzelne hier von sich sagen: ich bin Gottes Kind. Das ist meine Berufung. Das macht mich zu etwas Besonderem. Das macht Sie, jeden einzelnen von Ihnen, zu etwas Besonderem. Weil Gott uns dazu berufen hat.
Diese Erkenntnis soll uns aber nicht überheblich werden lassen. Dann wären wir ja nicht besser als die Welt. Wir sind es, wie gesagt, nicht aus uns selbst heraus, sondern weil Gott uns dazu berufen hat. Es ist, im wahren Sinn des Wortes, unser Beruf, Christ zu sein.
Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn.” sagt Paulus.
Dass das manchmal schwer fällt, ist wohl wahr. Denn wir wollen ja alles aus Gottes Hand erwarten, müssen aber feststellen, dass uns vieles verwehrt bleibt.
Die Beförderung z.B. bleibt ein Traum - ein anderer ist mal wieder vorgezogen worden. Nicht immer wird eine Krankheit geheilt. Der Tod nimmt liebe Menschen von uns. Die Rente reicht nicht. Die Bewerbung war mal wieder erfolglos.
Wie kann man da Gott rühmen?
Wir können ihn rühmen, weil er uns erwählt hat, zu seinem Volk dazu zu gehören durch Jesus Christus. Und weil wir darauf vertrauen können, dass er alles zum Guten wendet, egal, wie schlecht es zur Zeit steht.
Und da ist noch eins: meist bemühen wir uns ja selbst um eine Besserung der Situation, ohne dabei daran zu denken, dass Gott an unserer Seite steht. Indem wir uns auf uns selbst verlassen, haben wir ja schon vergessen, was es heißt, von Gott berufen zu sein. Wir verfehlen unseren Beruf, unsere Berufung, wenn wir glauben, alles allein schaffen zu müssen.
In allem, was ich tue, ist Gott mit am Werk. Das Gelingen liegt in Gottes Hand. Dass uns das immer neu bewusst wird, dazu helfe uns Gott durch seinen Geist.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Ein Herz, das Demut liebet (EG 10, 3-4)
Auf, Seele, auf und säume nicht (EG 73)
Mein Seel, o Herr, muss loben dich (EG 308)
Sollt ich meinem Gott nicht singen (EG 325)
Ich will dem Herrn singen (EG 340)