das Kirchenjahr

4. Sonntag nach Trinitatis

Die Gemeinde der Sünder

Predigtanregung

Der 4. Sonntag nach Trinitatis wendet sich der Gemeinde zu. Sie wird als Gemeinde der Sünder gesehen, die der Gnade Gottes bedarf. Ohne die Erkenntnis der eigenen Sünde ist es unmöglich, die Gnade Gottes anzunehmen, weil man sie nicht für nötig hält. Selbstgerechtigkeit entsteht, die dann in Überheblichkeit und Menschenverachtung mündet. Wichtig ist der Aspekt der Gemeinschaft; wir sind Sünder eben nicht (nur) als Individuen, sondern als Gemeinschaft, indem wir z.B. durch Schweigen teilhaben an dem Unrecht, das an anderen durch Menschen unserer Gemeinschaft geschieht.

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IV - Joh 8, 3-11

Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau zu ihm, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte 4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. 5 Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? 6 Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7 Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. 8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. 9 Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. 10 Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? 11 Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Diese Erzählung birgt zwei wichtige Aspekte, die sich einmal auf das Zusammenleben der Menschen untereinander und einmal auf das Verhältnis der Menschen zu Gott beziehen. Im Grunde ist dabei auch im ersten Aspekt schon der zweite sichtbar, denn nur wenn wir unser Leben von Gott her sehen und verstehen, dann werden wir auch unserer eigenen Mangelhaftigkeit bewusst, die es uns untersagt, uns als Richter über andere zu erheben.
Der Satz: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein" ist ja längst sprichwörtlich geworden, wobei freilich der erste Teil meist schon unter den Tisch fällt. Den ersten Stein zu werfen, wird heutzutage eher als ein Akt der Agression gesehen und ist darum an sich schon verwerflich. In gewissem Sinne ist auch diese Geschichte eine Kritik der Agression, aber diese Kritik ist sehr subtil: sie wirft den Agressor zurück auf sich selbst und hinterfragt dessen Berechtigung zu dieser agressiven Handlung. Denn natürlich fühlt sich der Angreifer im Recht. Die Handlung als solche, die hier durchgeführt werden soll, wird hingegen nicht in Frage gestellt. Sie ist eine vom Gesetz vorgegebene Strafe und darum nicht verwerflich. Es erhebt sich hier nur die Frage: wer hat überhaupt das Recht, also den Anspruch darauf, diese Bestrafung auch zu vollziehen? Letztlich dürfte dies nur Gott sein.
Jedenfalls hat dieser eine Satz Jesu eine verheerende Wirkung. Die Ankläger ziehen sich zurück, sie werden sich ihrer eigenen Schuld bewusst, nachdem sie sich ihr Leben lang darum bemüht hatten, gerecht zu sein und auch von sich glaubten, diesen Stand erreicht zu haben.
Diese Haltung ist heute überaus aktuell: Kaum einer akzeptiert die Prämisse, dass der Mensch von Geburt an Sünder ist, was die Lehre von der Erbsünde aber zwingend vorschreibt. Ohne Sünde gibt es dann auch keine Notwendigkeit der Vergebung. Folglich ist der Mensch seines eigenen Glückes Schmied, er ist in der Lage, das Paradies auf Erden ohne das Eingreifen einer äußeren Macht herbeizuführen. Genauso stellten es sich auch jene vor, die die Ehebrecherin steinigen wollten. Sie wollten damit das Böse, das durch sie verkörpert wurde, vernichten. Dabei übersahen sie, dass sie selbst durchaus nicht frei sind von Sünde. Eine komplette Ausrottung der Menschheit wäre vonnöten, nur dann wäre das Paradies zu nichts mehr nutze. Also muss doch eine andere Macht eingreifen, und diese Macht, Gott, macht nicht halt bei irgendeinem Sünder, sondern wenn, dann vergibt sie jedem, der sich mit seiner Sünde auf sie wirft.
Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang ist deutlich: wir sind alle Sünder und als solche unter die Gnade Gottes gezwungen. Wenn wir uns anders sehen, dann sind wir Blinde, die nicht wissen, wohin sie gehen. Die Predigt kann versuchen, Ereignisse aus der eigenen Gemeinde aufzugreifen, wo die eigene Sündhaftigkeit hinter der Anklage anderer zurückblieb, wo man sich selbst zum Richter erhob, ohne seine eigenen Mängel, und damit seine Unfähigkeit zu richten, zu akzeptieren.

Liedvorschläge zur Predigt:


Heilger Geist, du Tröster mein (EG 128)
Allein zu dir, Herr Jesu Christ (EG 232)
O gläubig Herz, gebenedei (EG 318)
Jesus nimmt die Sünder an (EG 353)
Ich habe nun den Grund gefunden (EG 354)



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