das Kirchenjahr

Christvesper

Die Geburt des Herrn*

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe I - Jes 9, 1-6

Liebe Gemeinde,
Wir haben sie vorhin gehört, die Worte des Propheten Jesaja. Wie ist es Ihnen ergangen, als Sie diese Worte hörten? Rauschten sie einfach an Ihnen vorüber, so wie das Wasser in einem Bach an einem vorüberrauscht? Oder wurden Sie von einem bestimmten Vers angesprochen? Oder haben Sie an die Friedensbewegung denken müssen?
Oder überlegen Sie jetzt, welchen Text ich eigentlich meine?
„Das Volk, das im Finstern wandelt“ - damit begann es. Will man den Text geschichtlich einordnen, wird man in die Zeit der Vernichtung des Nordreichs durch die Assyrer, ins 8. Jahrhundert vor Christus, versetzt.
Das Südreich Juda ist zum Spielball der großen politischen Mächte, allen voran Assur, geworden. Es wurden regelmäßige Tributzahlungen fällig, die natürlich von der Bevölkerung mit Mühe aufgebracht werden mussten.
In dieser Zeit wurde der Prophet Jesaja zum ersten Mal laut und verkündete die Erlösung, die Befreiung aus der erneuten Unterdrückung. Und er tat es mit diesen Worten:
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. 2 Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. 3 Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. 4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. (Jes 9, 1-4)
Jesaja verkündet zunächst einmal die Befreiung von der Macht der Unterdrücker. Niemand soll sie mehr wie Sklaven behandeln, sie sollen nicht mehr für andere arbeiten müssen, sie sollen nicht mehr geschlagen werden, wenn die Kräfte nachlassen und sie das verlangte Pensum nicht schaffen können.
Merkwürdig verwoben ist in diese Worte die Gegenwart und das Handeln Gottes, der noch nicht einmal genannt, aber doch direkt angeredet wird: „Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude!“ (Jes 9, 2a)
Und dann geht es weiter mit dieser Form der Anrede, bis die Ankündigung des Friedens auf eigentlich recht brutale Weise erklingt: „Jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.“ (Jes 9, 4)
Brutal deswegen, weil man meinen könnte, dass alles, was mit Krieg zu tun hat, durch die Gewalt des Feuers vernichtet wird – also Gewalt mit Gewalt beendet wird.
Aber so ist es nicht gemeint. Es geht vielmehr darum, deutlich zu machen, dass all das Kriegsgeschirr nicht mehr benötigt wird. Es muss nicht im Schrank oder einer Waffenkammer aufbewahrt werden in der Erwartung eines erneuten Krieges, sondern es wird tatsächlich nicht mehr gebraucht – nie mehr.
Wenn ich versuche, uns in solch einer Situation wieder zu finden, wie sie damals herrschte, fällt mir das schwer. Wir haben gerade 500 Jahre Reformation gefeiert, und das Wort Freiheit spielte da eine herausragende Rolle: wir sind frei!
Krieg haben wir seit über siebzig Jahren nicht mehr gehabt, wir können also durchaus sagen, dass wir in Frieden leben. Da finden wir uns also nicht wirklich wieder.
Es gibt aber zahlreiche Menschen unter uns, denen es anders geht. Manche von ihnen sind in den letzten Jahren zu uns gekommen, weil sie in ihrer Heimat entweder erbarmungslose Unterdrückung und Ausbeutung erlitten oder dort Krieg herrschte, der ihnen jegliche Lebensgrundlage nahm und Gefahr für ihr Leben und das ihrer Familie bedeutete.
Für diese Menschen klingt diese Verheißung so, als sei sie direkt für sie gesprochen. Denn an ihnen ist wahr geworden, was dort vorhergesagt wird.
Und natürlich können wir das zumindest auch für unsere Väter und Mütter sagen, die die Kriegszeit erlebten und seither in Frieden leben konnten.
Krieg ist nicht mehr.
Aber so ganz stimmt das dann ja doch nicht. Zwar leben wir in Frieden, aber sehr viele Menschen tun dies nicht. Für sie ist der Zustand, aus dem die Verheißung des Jesaja gewissermaßen befreit, noch bittere Realität.
Was ist mit ihnen? Können wir sie einfach vergessen oder beiseite schieben? Stören sie vielleicht unser schönes Weihnachten?
Zunächst einmal müssen wir festhalten: Gott sieht jeden Menschen mit liebevollen Augen an. Er würde keinen Menschen, der sich ihm zuwendet, ausgrenzen oder gar von sich stoßen.
Die Friedensbotschaft des Jesaja macht auch keinen Unterschied zwischen Freund und Feind, sondern sagt ausdrücklich:
Jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift...“ (Jes 9, 4) Und das bedeutet vor allem: es gibt keine Notwendigkeit mehr, sich irgendwie für den Eventualfall zu rüsten.
Wir könnten endlich aufhören, Jahr für Jahr Milliardenbeträge in die Rüstung zu pumpen, und anstelle dessen wieder mehr dort investieren, wo Menschen Not leiden, und ihnen zu einem besseren, vor allem menschenwürdigen Leben verhelfen.
Doch niemand hat den Mut zu solch einer Entscheidung.
Die Prophezeiung hört nicht mit diesen Worten auf, das wissen Sie, sondern sie mündet in das, was sie zu einer Prophezeiung für diese Heilige Nacht macht: sie berichtet von dem Kind, das uns geboren wird.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter (Jes 9, 5a)
Schon merkwürdig. Wie kann ein Kind solch eine Wirkung haben?
Die Christen haben von Anbeginn diese Worte auf den Gottessohn bezogen. Denn für sie war klar: solch einen umfassenden Frieden kann kein irdischer Herrscher erwirken. Mit dem Kind kann also kein gewöhnlicher Herrscher gemeint sein.
Wir erleben es ja auch, dass es keinem unserer Regierenden gelingt, z.B. wahre Versöhnung und Friedensbereitschaft im Nahen Osten zu bewirken. Es gelingt uns nicht, gegeneinander kämpfende Völker zum Frieden zu bewegen. Und wenn es dann doch mal an einer Stelle gelingt, flammt an einer anderen ein neuer Konflikt auf. Und wir müssen natürlich auch schauen, was für Folgen unser Eingreifen in solche Konflikte hat. Im Irak hat das Eingreifen internationaler Truppen sicher nicht zu dem Ergebnis geführt, das man eigentlich erreichen wollte. Auch in Afghanistan und in anderen Ländern können wir nicht zufrieden sein mit dem, was dort an sogenannten internationalen Friedenseinsätzen bisher geschehen ist.
Das, was der Prophet Jesaja als wichtigste Botschaft an uns weitergibt, dass jeder Stiefel und jeder Mantel, die mit Krieg zu tun hatten, verbrannt wird, kann also nicht durch Menschen erreicht werden.
Da muss Gott ans Werk. Und er tut es auch.
Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.
Der Gottessohn.
Sicher kann man einwenden: Friede hat er aber auch nicht gebracht. Man könnte die Kreuzzüge nennen, oder die Konfessionskriege, wo beide Seiten den gleichen Anspruch erheben, das Evangelium in Wahrheit zu vertreten.
An dieser Stelle kommt die Freiheit ins Spiel, die uns von Gott geschenkt ist. Denn natürlich will Gott uns nicht wie Sklaven oder gar Marionetten behandeln. Er nimmt uns vielmehr ernst, indem er uns Verantwortung überträgt und dazu die Freiheit, mit der er uns von Anbeginn der Schöpfung begabte. Und natürlich kann Freiheit missbraucht werden. Entscheidend ist letztlich, wie man selbst mit seiner Freiheit umgeht und wie man auf den Missbrauch von Freiheit reagiert.
Das Kind, von dem in der Prophezeiung die Rede ist, Jesus Christus hat uns einen Weg dazu gezeigt. Es ist ein Weg, den wir so nicht gerne gehen möchten, denn es ist ein Weg der bedingungslosen Liebe, die so weit geht, dass sie sogar den Tod in Kauf nimmt.
Das ist das Kind in der Krippe: verletzlich bis zum Äußersten, und doch Gottes Sohn.
Wie begegnen wir diesem Kind, das uns die Liebe Gottes so konsequent vor Augen hält?
Antworten wir mit Liebe? Oder sagen wir: das ist nicht umsetzbar, es ist Utopie – und machen resigniert so weiter, wie wir es gewohnt sind?
Ich möchte Sie dazu ermutigen, es zu versuchen, und zwar nicht nur heute, sondern jeden Tag neu: sehen Sie in ihren Mitmenschen – und damit meine ich besonders und gerade die, die einem quer stehen, die die eigenen Pläne durchkreuzen, die einen schlicht ärgern – sehen Sie in ihren Mitmenschen ein geliebtes Kind Gottes. Gott liebt jeden Menschen.
Wie die Menschen auf diese Liebe antworten, steht auf einem anderen Blatt. Wir sind jedenfalls dazu gerufen, diese bedingungslose Liebe weiterzugeben, ohne Wenn und Aber, ganz so, wie Gott uns liebt.
Ich gebe zu, dass es nicht leicht ist, immer positiv von seinen Mitmenschen zu denken. Sie machen es einem ja auch nicht gerade leicht.
Vielleicht hilft es ja, sich in die Lage des anderen zu versetzen und sich selbst mit dessen Augen zu betrachten. Es könnte ja sein, dass aus der Perspektive des anderen ich mich genauso verhalte wie ich selbst den anderen sehe.
Warum dann nicht den Weg gehen, den Gott selbst beschritten hat, und lieben, so wie er uns geliebt hat?
Denn das ist sein Weg, den er uns durch seine Menschwerdung offenbart hat.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Das Volk, das noch im Finstern wandelt (EG 20)
Kommt und lasst uns Christus ehren (EG 39)
Jauchzet, ihr Himmel (EG 41)

Predigtvorschläge zu Reihe V - Lk 2, 1-20 (s. Christnacht Reihe VI)

Liebe Gemeinde!
Da liegt es, das Kind in der Krippe, klein und hilflos, der Willkür der Herrscher ausgeliefert, und doch groß und mächtig, mächtiger als alle Herrscher dieser Welt. Paradox. Gott weiß schon längst, was geschehen wird; er weiß, dass dieses Kind, sein Sohn, Gott, einst als Mann am Kreuz sterben wird, verachtet von den Menschen, um derentwillen er heute Mensch wurde. Und dennoch setzt er sich dieser Gefahr aus - nein, es ist ja keine Gefahr, es ist die Realität des Todes, in die er sich hineinbegibt. Er liefert sich dem Tod aus. Hat er das nötig?
Sicher nicht. Gott könnte uns auch schlicht uns selbst überlassen. Er könnte uns dieser Realität des Todes ausliefern. Was daraus würde, können wir uns ausmalen: zu sehr schauen wir auf unseren eigenen Bauchnabel, zu wenig erkennen wir die Not der Menschen, die um uns herum, aber auch in weiter Ferne leben. Sich mit den Nachbarn gut stellen, ja, das ist schon gut und richtig. Das dient ja auch uns selbst, denn wenn wir uns gut mit den Nachbarn stellen, dann wird es auch mir gut ergehen, sie werden für mich Partei ergreifen.
Es bedarf nur einer gewissen Anpassung, um Freunde zu gewinnen, »mit dem Strom schwimmen« nennt man das. Dann kann man sich schon beruhigt zurücklehnen und sein Leben genießen. Denn darum geht es doch vor allem: sein eigenes Leben in vollen Zügen genießen zu können. So bildet sich um mich herum ein recht enger Kreis, aus dem ich selten herauskomme, weil innerhalb dieses kleinen Kreises alles in bester Ordnung ist. Die Welt außerhalb dieses engen Kreises wird nebensächlich, man schließt sich der Meinung der anderen an, die in diesem Kreis sind und die verächtlich auf die Menschen herabblicken, die ein paar Häuser weiter wohnen und denen es nicht so gut geht wie mir. Man ist abgestumpft gegenüber den unzähligen Nachrichten vom Elend in der Welt, und helfen können wir ja sowieso nicht.
Unsere Wirtschaft ist darauf ausgerichtet, uns den größtmöglichen Vorteil herauszuholen, und beutet dabei die Arbeitskraft unzähliger Menschen aus, die darum in unvergleichlich ärmeren Verhältnissen als wir leben müssen. Daran tragen auch wir schuld, denn die Wirtschaft funktioniert nach dem Prinzip der Nachfrage: was wir fordern, das wird sie uns zur Verfügung stellen. Was wir nicht wollen, wird auch die Wirtschaft nicht produzieren.
Was für eine armselige, kleine Welt. Es ist die Welt des Todes. In dieser Welt hat uns der Tod fest im Griff. Er engt uns ein, er macht unser Leben klein und erbärmlich. Aber das erkennen wir nicht. Wir wollen ja aus unserem Leben etwas machen, es in vollen Zügen genießen. Obwohl wir vom Tod umfangen sind, grenzen wir doch den Tod aus unserem kleinen, engen Leben aus: Gestorben wird in Altenheimen oder Krankenhäusern, also weit weg vom alltäglichen Leben. Ab und an kommt der Tod durch einen Unfall in unser Leben hinein, dann ist er erschütternd, aber man verdrängt diese Realität unseres Lebens und wendet sich wieder dem Alltag zu: das beste aus dem eigenen Leben machen.
Darum ist auch das Christfest, die Geburt unseres Heilands, für viele nur ein Familienfest, nicht mehr. Den Meisten scheint das ja auch zu reichen. Man beschränkt sich auf das Austauschen von Nettigkeiten, ein paar Geschenke, den Weihnachtsbaum, um den man sich vielleicht als Familie versammelt... nur selten wird auch die Weihnachtsgeschichte gelesen, noch seltener steht diese Geschichte im Mittelpunkt des Geschehens am Heiligen Abend, und wiederum noch seltener macht man sich Gedanken darüber, was diese Geschichte für mein eigenes Leben bedeutet.
Gott wurde Mensch, weil er es nicht länger mit ansehen kann, wie wir uns nur um uns selber drehen. Weil es für ihn unerträglich geworden ist, dass wir ein so sinnloses Leben führen. Er will unserem Leben einen neuen Sinn geben. Darum begab er sich unter die Macht des Todes.
Gott wurde Mensch. Er wurde Mensch um unseretwillen, weil er uns liebt. Weil wir ohne ihn nicht leben können. Weil wir ihn brauchen, um die Grenzen, die der Tod uns setzt, zu überwinden. Damit wir erkennen, um wieviel wertvoller das Leben wird, wenn wir beginnen, abzugeben und zu teilen. Gott ist Mensch geworden, weil ohne ihn der Tod irgendwann das letzte Wort haben wird in unserem Leben.
Doch nun nicht mehr: Gott hat den Tod überwunden. Er hat uns eine Tür geöffnet, die uns ein völlig neues Leben ermöglicht, nein, nicht ein Leben in Wohlstand und Luxus, sondern ein Leben der Gemeinschaft mit allen Menschen dieser Welt, ein Leben, das uns reich macht, weil es Grenzen überwindet, weil es Frieden macht, weil es Liebe weitergibt, weil es Gerechtigkeit fordert und lebt. Dieses Leben begegnet uns heute in der Krippe. Nehmen wir es an, lassen wir uns von diesem Leben beschenken.
Amen
oder
Liebe Kinder, liebe Gemeinde!
Wisst Ihr eigentlich, wie der Weihnachtsstern entstanden ist, der den drei Weisen den Weg zum Jesuskind in der Krippe gezeigt hat?
Ich will es Euch erzählen. Kurze Zeit bevor Jesus geboren werden sollte, rief Gott alle Engel zu einer großen Versammlung zusammen. So eilten alle herbei, der Himmelssaal füllt sich, bis schließlich kein Engel mehr hineinpasste. Die Tore wurden verschlossen, weil man glaubte, dass alle Engel versammelt wären. Denn der Himmelssaal war gerade so groß, dass alle Engel darein passten.
Aber ein Engel, der Jüngste von ihnen, hatte den Himmelssaal nicht rechtzeitig erreicht. Seine Flügel waren klein, und er konnte noch nicht so schnell fliegen wie die anderen. So pochte er an die Tür, aber seine Fäuste waren so klein, dass es drinnen nicht zu hören war. Denn Gott hatte schon begonnen, zu den Engeln zu sprechen:
"Es steht ein großes Ereignis bevor", so sagte er, "und ich brauche Eure Dienste! Ihr wisst, dass mein Sohn Jesus bald geboren wird. Hirten sollen die ersten sein, die davon erfahren. Aber es wird nicht genügen, dass einer von Euch ihnen erscheint und davon berichtet. Ich will, dass ihr alle mitgeht und einen herrlichen Lobgesang anstimmt, so dass sie erkennen, dass Gottes Sohn geboren ist."
Ein beifälliges Murmeln erhob sich. Die Engel fanden die Idee gut, sie freuten sich, an diesem großen Ereignis beteiligt zu sein. Sie hätten sonst zwar im Himmel gesungen, aber auf der Erde würde es noch schöner sein, denn dann konnten sich die Menschen auch an dem Gesang erfreuen. Gott fuhr fort:
"Der Erzengel Gabriel wird Euch den Weg zeigen. Nun macht euch auf, es ist bald so weit!"
Kaum waren die Worte verklungen, wurde auch schon die Tür aufgestoßen, und munter strömten die Engel aus dem Saal heraus.
Fast wäre Tabris, so hieß übrigens der jüngste Engel, von den Türen umgeworfen und auf die Erde hinabgestoßen worden, doch er konnte sich gerade noch fangen. Es wäre nicht gut gewesen, wenn er ohne Auftrag Gottes auf die Erde gefallen wäre, denn dann hätte er sein Recht, Engel zu sein, verloren.
So atmete er erleichtert auf, fasste sich ein Herz und trat in den Himmelssaal ein.
Die Augen auf den Boden gerichtet, begann er, zu Gott zu sprechen: "Vater, ich bitte um Verzeihung, aber ich war nicht rechtzeitig da, so dass ich draußen bleiben musste und..." "Ich weiß!", unterbrach ihn Gott. »Das ist schade. Aber weil Du nicht dabei warst, als ich den anderen Engeln den Auftrag erteilt habe, darum musst Du nun hierbleiben. Ich habe keinen Auftrag mehr für dich.«
Tabris' Augen füllten sich mit Tränen. Aber er wollte so schnell nicht aufgeben. »Bitte, ich möchte so gerne etwas tun! Ich freue mich doch auch so sehr über die Geburt deines Sohnes! Hast Du denn keine andere Aufgabe für mich? Bitte, ich will nicht hier zurück bleiben!«
»Hmm«, überlegte Gott, der Mitleid mit dem kleinen Engel empfand, »ich hätte da schon noch eine Aufgabe, nur... um die wollte ich mich eigentlich selbst kümmern. Aber vielleicht... na, ich will es mit Dir versuchen.
Da sind drei Weise im Morgenland, denen muss auch von der Geburt meines Sohnes berichtet werden. Sie leben etwas weiter weg, deswegen müsstest Du Dich beeilen, damit sie bald aufbrechen können.«
»Ich mache mich sofort auf den Weg!« rief Tabris voller Freude. In dem Moment begann, ein strahlendes Licht von ihm auszugehen. Verwundert sah er Gott an, und der sprach: »Hast du das noch nicht erlebt? Wenn Engel sich freuen, dann erstrahlen sie in einem hellen Licht!«
Tabris freute sich noch mehr, und er leuchtete auch noch mehr. Doch dann begab er sich hinunter auf die Erde, und das Leuchten erlosch langsam. Denn der Weg hinunter auf die Erde ist mühsam, da vergisst man schon mal die Freude.
Kaum war Tabris auf der Erde angekommen, machte er sich auf den Weg. Engel wissen immer, wohin sie gehen müssen, sie brauchen keine Landkarten und auch keinen Kompass. Aber solange sie bei den Menschen sind, dürfen sie nicht fliegen, sondern können sich nur zu Fuß fortbewegen. Und das war gar nicht so einfach für die Füße des jungen Tabris. Er wanderte einen Tag und noch einen, und noch einen dritten. Die Füße taten weh, als er endlich am Ziel angelangt war.
Die drei Weisen saßen gerade beieinander und begutachteten eine Sternenkarte, als Tabris eintrat. Sie wussten natürlich nicht, dass er ein Engel war, fragten aber freundlich, was er wünsche. »Der Heiland ist geboren, der Sohn Gottes!«, verkündete der kleine Engel freudestrahlend, und ein bisschen leuchtete er wohl, aber nicht viel, denn auf der Erde ist es für Engel fast nicht möglich, zu leuchten, es sei denn, es sind ganz viele, oder man ist ein Erzengel.
Die drei Weisen blickten Tabris verständnislos an, denn das schimmernde Leuchten hatten sie nicht wahrgenommen. »Wovon sprichst Du?«, fragte einer.
»Wo soll er denn geboren sein?«, fragte ein anderer. »Welcher Stern weist denn auf dieses Ereignis hin? Wir haben nichts Ungewöhnliches am Himmel gesehen, und wir beobachten den Himmel jede Nacht«, sagte der dritte.
Tabris war ratlos. Auf keine der Fragen wusste er eine Antwort. Er konnte nur weitersagen, was ihm aufgetragen war. Und es wurde ihm klar, dass ihm die drei Weisen nicht glaubten. Er war einfach zu jung und zu klein. Noch einmal sagte er: »Der Heiland ist geboren, der Sohn Gottes!«, aber die drei Weisen lachten nur, freundlich zwar, aber sie nahmen ihn nicht ernst.
Unverrichteter Dinge und sehr betrübt kehrte Tabris in den Himmel zurück. Er fürchtete sich aber, vor Gott zu treten. Anstelle dessen überlegte er, ob es nicht doch einen Weg geben würde, den drei Weisen die Botschaft zu verkünden.
In dem Augenblick sah er ein Licht auf der Erde aufstrahlen. Es war der Moment, als alle Engel den Hirten erschienen und Gott mit ihrem Gesang lobten. Da kam ihm eine Idee. Er dachte bei sich: »Die Weisen suchen einen Stern, der sie auf den Heiland hinweist. Ich will dieser Stern sein!«
Und schon platzierte sich Tabris genau über den Ort, wo das Gotteskind geboren war, und begann, sich zu freuen. Er freute sich, weil er die richtige Idee gehabt hatte, und weil der Sohn Gottes geboren war. Ja, jetzt konnte er sich freuen. Und er begann zu leuchten. Erst schwach, dann immer stärker und stärker, bis sein Licht hell erstrahlte, so hell, dass man es überall sehen konnte.
Und kaum erstrahlte er am Himmel, da machten sich die drei Weisen schon auf den Weg, um dem neugeborenen König ihre Ehrerbietung zu erweisen.
Auch Gott sah den kleinen Engel, wie er strahlend hell am Himmel leuchtete, und sprach zu ihm: »Das hast du gut gemacht! Dein Licht weist auf den hin, der das Licht für alle Menschen ist. So werden die Menschen erkennen, wie sehr ich sie liebe!«
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Vom Himmel hoch, da komm ich her (EG 24)
Ehre sei Gott in der Höhe (EG 26)
Ich steh an deiner Krippen hier (EG 37)
Dies ist die Nacht, da mir erschienen (EG 40)
Kommet, ihr Hirten (EG 48)
Was soll das bedeuten (EG 539)
Stern über Bethlehem (EG 542)