das Kirchenjahr

Judika

Bereit zum Dienst*

Predigtanregung

Der Name des Sonntags Judika leitet sich vom Beginn der lateinischen Antiphon ab: "Judica me, Deus, et discerne causam meam de gente non sancta" (Ps 43, 1; deutsch s. unten, wörtliche Übersetzung von "Judika" hervorgehoben)
Von diesem Sonntag an bis zum Karsamstag wird auch die Gloria-Patri-Strophe, die üblicherweise an jeden Psalm angefügt wird, nicht mehr gesungen, weil mit diesem Sonntag nach altem Brauch die eigentliche Passionszeit beginnt. Das wird in der neuen Agende (dem EGb) nicht mehr so gesehen. Dort schweigt Gloria Patri erst ab dem Sonntag Palmarum.
Nach dem Sonntag Laetare, an dem die Hingabe Jesu bedacht wurde, betont nun der Sonntag Judika den Gehorsam Christi genauso wie unseren Gehorsam. Es geht also um unsere Antwort auf Gottes Handeln und Gebot, die unaufgebbare Dualistik der Gnade Gottes: wenn sie nicht angenommen wird, kann sie auch nicht wirken. Es ist die Freiheit der Selbstentscheidung, von Gott geschenkt, die uns auch das Verderben bringen kann. Die Texte zeigen uns in teilweise grausamer Härte, wie Gehorsam immer auch zum Segen führt.

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II - Hebr 13, 12-14

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Diese Perikope kann schon Kopfschütteln verursachen. Nur Vers 14 klingt vertraut - er wurde von Johannes Brahms in seinem Deutschen Requiem vertont - aber sonst fragen wir uns, was es mit den Versen 12-13 auf sich hat. Vermutlich spielen sie darauf an, dass Jesus auf Golgatha, einem Ort vor den Toren der Stadt Jerusalem, gestorben ist. Aber aus welchem Lager sollen wir gehen? Dies wird erst deutlich durch den Zusammenhang des Textes. Und da kann es schon schwierig werden. Die Verse 10 und 11 sprechen zunächst davon, dass wir einen Altar haben, von dem die Diener der Stiftshütte, also die Anhänger des jüdischen Glaubens, nicht essen dürfen - sie haben kein Recht dazu. Die "Begründung" ist nun außerordentlich merkwürdig: die Lieber der als Sündopfer geopferten Tiere sind aus dem Lager hinausgetragen und dort verbrannt worden. Dort wurde also ein weiteres Opfer, ein Brandopfer, vollzogen? Sicherlich nicht im Sinne eines Brandopfers - die Tiere wurden dort nur entsorgt.
Jedenfalls wird jetzt Jesus dazu in Analogie gesetzt: auch er wurde außerhalb der Tore, also vor dem Lager, geopfert. Darum ist unser Altar außerhalb des Lagers, da, wo Jesus geopfert wurde. Wir sind aufgerufen, das Lager des Volkes Israel zu verlassen, um Jesus nachzufolgen, was wohl in Lästerungen und Schmach resultierte, denn wer wendet sich schon dem "Abfall" zu?
Schließlich mündet diese merkwürdige Analogie in den vertrauten Vers 14: wir suchen die zukünftige Stadt, weil wir hier keine bleibende Stadt finden. Dieser Vers kann natürlich als Konsequenz dessen gedacht sein, was zuvor geschieht. Aber diese Analogie würde nun doch erheblich hinken: das Lager der Israeliten war während der Wüstenwanderung ja auch nichts anderes als eine vergängliche Stadt, die abgerissen und an einem anderen Ort neu aufgebaut wurde, bis schließlich das Ziel, der Zion, die Stadt Jerusalem gefunden worden war. Warum benutzt als der Autor nicht das Bild der Stadt und des Tempels, von denen wir uns lösen sollen? Denn Jesus starb ja nicht vor den Toren des Lagers, sondern vor den Toren der Stadt.
Diese Frage wird uns wahrscheinlich ewig beschäftigen. Es soll hier nur der Hinweis genügen, nicht zu leichtfertig das Bild dahin biegen zu wollen, dass man das Vertraute, Sichere, Übersichtliche aufgeben solle, um sich dem Risiko auszusetzen. Denn auch das Lager lässt diese Attribute vermissen. Es ist immer von der Ungewissheit begleitet, wie lange man an diesem Ort bleiben kann. Das Zelt bietet keine Sicherheit, sondern nur Schutz vor Sonne und Regen, und das auch nur dürftig. Das Lager wird, durch den immer wiederkehrenden Standortwechsel, nicht vertraut, sondern präsentiert sich jedes Mal in neuer Gestalt, mit einer unheimlichen oder zumindest unbekannten Umgebung. Dieser Text gibt diese Interpretationsmöglichkeit also nicht her - oder man tut ihm Gewalt an.
Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang hilft auch nicht wesentlich weiter beim Umsetzen dieser Perikope. Gehorsam passt weniger als Nachfolge, um die es hier wohl geht. Nachfolge, die allen Widrigkeiten trotzt. Gehorsam nur in dem Sinn, als Nachfolge und Gehorsam zusammengehören. Aber der Gehorsam steht nicht im Mittelpunkt des Predigttextes.
Umso schwieriger ist es nun natürlich, über diesen Text eine Predigt zu gestalten. Es sollte wohl vermieden werden, diese implizierte Aufforderung, sich vom Volk Israel abzusetzen, in die Predigt einfließen zu lassen. Da hat der Verfasser als Kind seiner Zeit gesprochen, in der das Volk Israel versuchte, sich von der Gruppe der Christen abzusetzen, die bis dahin noch als jüdische Sekte angesehen wurden, wodurch auch die Juden Gefahr liefen, mit den Christen von den römischen Herrschern verfolgt zu werden. Vielmehr sollte der Aspekt der Nachfolge in den Vordergrund gerückt werden, die dadurch motiviert wird, dass wir auf der Suche sind. Dann könnte man tatsächlich auch das Bild vom Lager aufnehmen als einem Bild des Unterwegsseins, aber Vorsicht! Dieses Bild kann unschlüssig werden, sobald man daran das Verlassen des Lagers als Aufforderung zum Verlassen gewohnter, gesicherter Strukturen anschließt.

Liedvorschläge:

Also liebt Gott die arge Welt (EG 51)
O Mensch, bewein dein Sünde groß (EG 76)
O hilf, Christe, Gottes Sohn (EG 77, 8)
Du großer Schmerzensmann (EG 87)
Jerusalem, du hochgebaute Stadt (EG 150)
Lasset uns mit Jesus ziehen (EG 384)



Buchempfehlungen:
  • Orgelmeditation für die Fastenzeit. Audio-CD v. Pater Dominikus spielt Werke alter Meister. 2003 - 1. Auflage.
  • Passion und Ostern. Agende II/1 v. VELKD (Hg.). Lutherisches Verlagshaus 2011, 344 S. - 1. Auflage.
    Umfassendes Material für Gottesdienste in der Fastenzeit und zu Ostern.