das Kirchenjahr

Letzter Sonntag nach Epiphanias

Die Verklärung

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe I - Ex 3, 1-8a(8b-9)10(11-12)13-14(15) = 2. Mose 3, 1-8a(8b-9)10(11-12)13-14(15)

zu Gen 3, 1-10:

Liebe Gemeinde!
In Indien ist es selbstverständlich, dass man sich die Schuhe auszieht, wenn man die Wohnung eines anderen betritt. Man vermeidet auf diese Weise, den Dreck von der Straße in die Wohnung hinein zu tragen. Da man in der Regel Sandalen trägt, ist das auch praktisch überhaupt kein Problem.
Genauso verhält man sich dort auch, wenn man einen Tempel oder einen Kirchenraum betritt. Während eines Gottesdienstes häufen sich vor der Tür die Sandalen, und man wundert sich schon manchmal, dass hinterher niemand ohne Fußbekleidung nach Hause gehen muss. Alle Gottesdienstbesucher finden ihre Sandalen wieder.
In unserem Land ist das anders, denn oft lässt es die Witterung gar nicht zu, dass man barfuß oder in Strümpfen einen Kirchenraum betritt. Meist ist es zu kalt, höchstens im Sommer könnte man sich das mal trauen, aber man will sich ja nicht die Füße schmutzig machen.
Und natürlich kann man sich auch fragen: warum eigentlich? Was macht diesen Ort so anders, dass man ihn nicht mit seinen Schuhen betreten sollte?

Wir haben gerade gehört, dass es schon eine Begründung für das Schuheausziehen gibt: dies ist heiliges Land.
Aber ist das wirklich eine Begründung? Denn eigentlich gibt es doch gar keine heiligen Orte. Gott ist überall. Und er ist an keinem Ort weniger als an einem anderen. Und natürlich auch an keinem Ort mehr als an einem anderen. Er ist überall gleich da.
Darum gibt es ja auch Menschen, die es nicht für nötig erachten, in den Gottesdienst zu gehen, weil sie der Ansicht sind, dass sie irgendwo anders genauso gut mit Gott reden können.
Wir merken an der Erzählung, wie die Art und Weise, in der man sich damals, als die Geschichte aufgeschrieben wurde, Gott vorstellte, kaum angemessen ist: Denn Gott erscheint als einer, der überrascht zu sein scheint, als sich Mose dem Dornbusch nähert. Oder er merkt zumindest erst, als sich Mose aufmacht, den Dornbusch näher zu besehen, dass es jetzt zu einem Sakrileg kommen könnte.
Doch eigentlich hätte Gott das schon längst gewusst, denn er ist ja der Ewige, für den Zeit keine Rolle spielt. Er ist das Gestern, Heute und das Morgen. Er ist Alles in Allem.
Doch fiel es den Menschen damals noch schwer, sich von den Bildern zu lösen, in denen man von Gott zu reden pflegte, und so bleibt es in dieser Geschichte dabei, dass er durchaus menschliche Züge hat.
Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. 5 Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! (Ex 3, 4–5)
Ja, es wird noch besser, wenn Gott gewissermaßen in den brennenden Dornbusch reingezwängt wird, als wäre er eben nicht allgegenwärtig, sondern nur in diesem kleinen Dornbusch.
Doch da müsste man dann fragen: was ist danach, wenn Mose sich wieder auf den Weg macht? Bleibt Gott dann dort im Dornbusch zurück?
Natürlich nicht. Gott verspricht ja auch wenig später, dass er immer und überall da sein wird, indem er Mose seinen Namen offenbart: „Ich werde sein”, so hat es Martin Luther übersetzt. „Ich–Bin–Da”, so übersetzten es Franz Rosenzweig und Martin Buber, die beiden jüdischen Gelehrten.
Diese zweite Übersetzung, „Ich–Bin–Da”, gefällt mir ehrlich gesagt besser, denn sie macht in besonderer Weise deutlich, was für Gott gilt: Er ist da, wo ich bin – und das darf jeder Mensch für sich in Anspruch nehmen: Gott ist da, bei mir.
Was soll das also nun mit dem heiligen Land? Wobei mit Land ja kein politisches Land wie Deutschland oder Italien oder Brasilien gemeint ist, sondern schlicht das Stück Erde, auf dem man steht. Wie kann so ein Stück Land heilig werden?
Fangen wir bei den Kirchen an, könnten wir darauf verweisen, dass vor dem Beginn eines Kirchbaus der Boden, auf dem die Kirche stehen soll, gesegnet wird. Und bevor der erste Gottesdienst in der Kirche stattfindet, wird auch der Raum gesegnet.
Mit diesen Segenshandlungen wird deutlich gemacht: dieser Ort ist bestimmt für den Gottesdienst, und zwar ausschließlich. Er ist ein Ort, an dem die Begegnung mit Gott in besonderer Weise ermöglicht wird.
Man nennt solche Handlung darum auch Weihe, was es vielleicht noch deutlicher zum Ausdruck bringt, denn der Ort wird einem bestimmten Zweck, nämlich dem Gottesdienst, geweiht.
Heilig wird er aber dadurch nicht, auch wenn Kirchengebäude die Begegnung mit Gott ganz bewusst ermöglichen wollen. Denn kein Gebäude kann Gott fassen – das hatte schon Salomo erkannt. Und so bleibt auch eine Kirche zunächst einmal nur Bauwerk, bis sich diese Begegnung mit Gott ereignet.
Schauen wir noch einmal auf die Geschichte mit Mose. Mose sieht den brennenden Dornbusch. Es gibt dafür naturwissenschaftliche Erklärungen, und das Phänomen gibt es in der Wüste öfter als nur dieses eine Mal. Andere Menschen wären vermutlich achtlos daran vorüber gegangen, weil sie das Bild gewohnt waren. So aber nicht Mose. Er wird aufmerksam. Er hat etwas erkannt, was andere nicht sehen, und will es sich näher betrachten.
Doch weiß er noch nicht, was er sich da anschauen will. Erst durch die Ansprache Gottes wird es offenbar: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! (Ex 3, 5)
Tritt nicht herzu – komm nicht näher. Denn offensichtlich ist er schon nah genug. Er hatte es zunächst unklar gespürt, dass hier etwas Besonderes ist, und nun wird es ihm von Gott selbst offenbart: Heiliges Land! Mitten in der Wüste.
Nein, das ist kein Grundstück, das für einen Kirchbau vorgesehen ist, sondern es ist die Gegenwart Gottes, die dieses Land heiligt.
Dennoch hat man später, das sein nur am Rande vermerkt, dort, wo man den Ort des brennenden Dornbuschs vermutete, ein Kloster errichtet, das sogenannte Katharinenkloster.
Doch zurück zu Mose. Er kann uns zum Vorbild werden, denn für jeden Menschen gibt es solche brennenden Dornbüsche, wie auch Mose ihn gewissermaßen entdeckt hat.

So wie Mose in der Eintönigkeit des Wüstenlandes kaum Aufregendes zu erwarten hatte, ist auch unser Leben von der Alltäglichkeit geprägt. Selten gibt es mal etwas Außergewöhnliches. Und auch der brennende Dornbusch war für Mose sicher nicht etwas Außergewöhnliches. Man kann wohl vermuten, dass er so etwas schon öfter gesehen hatte. Aber dieses Mal ist es nun doch etwas Besonderes.
Mose hatte dieses Besondere gespürt, obwohl es nicht offensichtlich war. Und er gab seiner Neugierde nach und wich von dem vorgegebenen, geplanten Pfad ab. Er bewegte sich auf den Dornbusch zu und begegnete Gott.
Solche Erfahrungen sind auch für uns möglich. Vermutlich sehen unsere brennenden Dornbüsche aber anders aus. Doch das spielt keine Rolle.
Es geht darum, dass wir achtsam werden und sind für die Begegnung mit Gott. Denn es erfordert ein Abweichen vom gewohnten Pfad. Das fällt uns nicht leicht, denn es bedeutet ja auch, dass wir unsere Sicherheit, den vertrauten Rahmen, verlassen müssen. Aber das ist es, was Gott von uns erwartet. Dass wir diesen Schritt tun vom Gewissen ins Ungewisse hinein, um dann zu erkennen: hier ist heiliges Land. Hier ist Gott. Hier ist der „Ich–Bin–Da”.
Und dann, wenn ich meine Sicherheiten aufgegeben habe, kann ich mich auch von Gott ansprechen lassen und antworten: „Hier bin ich”.
Wer ist dieses „Ich”? Von Mose wissen wir:

  • Er war ein Findelkind, das auf dem Hof des Pharao groß geworden war;
  • Er war ein Mörder;
  • Er war ein Flüchtling und damit heimatlos.
Wir kennen auch unsere eigene Geschichte. Wir können Antwort geben auf die Frage, wer wir sind. Aber ich bin ziemlich sicher, dass jede und jeder unter uns Dinge erlebt und getan hat, die man lieber vergessen möchte, die man aus der eigenen Lebensgeschichte streichen möchte.
Doch nun ist da die Begegnung mit Gott. Und da bin ich, Gott gegenüber, an einem Ort, der durch die Gegenwart Gottes geheiligt ist. Nichts bleibt verborgen. Gott kennt mich durch und durch.
Das Spannende an der Begegnung des Mose mit Gott ist, dass Gott ihm nun nicht erst einmal Vorhaltungen macht und sagt: Du hast ohne Grund einen Ägypter erschlagen, oder: du hast dich vor deiner Verantwortung gedrückt und bist abgehauen. Sondern Gott nimmt diesen Mose und sendet ihn zum Pharao zurück, dorthin, von wo er aus Angst um sein Leben geflohen war.
Kein Wunder, dass Mose versucht, sich da rauszureden. Das würden wir sicher auch tun. Aber letztlich überwindet ihn Gott, denn auf jeden Einwand hat er schon die entwaffnende Antwort parat.
Mose wird gehen, denn Gottes Ansprache ist überwältigend, sie ist lebensverändernd.

Solche Ansprache können auch wir erleben. Wenn wir aufmerksam unsere Wege gehen, wenn wir damit rechnen, dass Gott etwas abseits von unseren gewohnten Wegen auf uns wartet, und wenn wir dann dorthin gehen, um es näher zu besehen, werden wir auch die Stimme Gottes hören.
Ob wir bereit sind? Ich glaube, man kann nicht wirklich bereit sein. Mose war es auch nicht. Und sicher werden wir uns genauso wenig wie Mose geeignet fühlen für das, was Gott von uns will.
Doch Gott erwartet von uns nichts Unmögliches, wie wir an dem weiteren Verlauf der Geschichte von Mose und dem Volk Israel erkennen können. Er wird dem, der auf ihn vertraut, immer zur Seite stehen. Denn er ist der „Ich–Bin–Da”. Das ist sein Name, auf den wir vertrauen dürfen.
So wünsche ich uns, dass wir stets wachsam sind und nicht achtlos an unserem brennenden Dornbusch vorübergehen, sondern uns von Gott ansprechen lassen und uns dann auf den Weg machen, den er für uns bestimmt hat.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Gott ist gegenwärtig (EG 165)
Wach auf, du Geist der ersten Zeugen (EG 241)
O dass doch bald dein Feuer brennte (EG 255)
Kommt her, des Königs Aufgebot (EG 259)
Gott wohnt in einem Lichte (EG 379)
Gott ruft dich, priesterliche Schar (EG 587)

Predigtvorschläge zu Reihe II - Offb 1, 9-18

Predigtvorschlag I:

Zu Offb 1, 9–18
Lied: Der Morgenstern ist aufgedrungen (EG 69, 1–4)

Es ist dunkel, ja so dunkel, dass man buchstäblich die Hand vor den Augen nicht erkennen kann. Kein Dämmerlicht, an das sich die Augen gewöhnen könnten. Pechschwarz ist es.
Wo es dunkel ist, da ist es auch kalt. Die Kälte kriecht an einem hoch, man spürt sie deutlich an den Zehen, dann an den Fingerspitzen. Ich fröstele.
Die Dunkelheit macht mir Angst. Wo ist der Ort, zu dem ich mich zurückziehen kann? Wo finde ich Schutz? Im Dunkeln erkenne ich nichts. Ich weiß nicht, ob ich vorwärts, nach rechts oder links, oder gar zurück gehen muss, um einen sicheren Ort zu finden. Vielleicht ist es am Besten, sich hinzukauern und zu warten, bis es hell wird.
So sitze ich einige Minuten. Aber schon kommen die ersten Zweifel: was, wenn ich hier auf dem Pfad eines wilden Tieres hocke? Es wird kommen und mich zerreißen. Was, wenn an diesem Ort Räuber vorbeiziehen? Sie werden mich überfallen und ausrauben, vielleicht sogar erschlagen. Die Angst wird stärker. Einschlafen kann ich jedenfalls nicht. Ich stehe auf, gehe etwas zur Seite – vielleicht findet sich so ein sicherer Ort? Doch der Fuß stößt gegen etwas hartes, vielleicht einen Stein. Es geht nicht weiter.
Die Angst wächst weiter, umkrampft mein Herz. Die Dunkelheit weicht nicht. Langsam drehe ich mich um, vorsichtig, nur nicht von der Stelle bewegen. Ist irgendwo ein bißchen Licht zu erkennen? nichts, nicht der kleinste Funke, kein Lichtstrahl, keine Dämmerung. Wo bin ich? Bin ich in einer Höhle? Stehe ich auf einem weiten Feld? Ist es nur dunkle Nacht, oder wird diese Finsternis ewig dauern? Vorsichtig strecke ich die Hände aus, aber da ist nichts... nur kalte Luft. Einen Schritt vorwärts... noch einen... langsam geht es voran, bis mein Fuß wieder gegen ein Hindernis stößt. Die Hände tasten ins Leere. Ich hebe den Fuß an, es ist so etwas wie eine Stufe. Der nächste Schritt aber geht ins Leere. Ich falle, nur kurz, dann setzt der Fuß auf. Ich strauchele, fast wäre ich hingefallen. Ich kauere mich wieder zusammen. Der Schreck sitzt in den Gliedern. Was, wenn ich kurz vor einem gähnenden Abgrund stehe? Ich beschließe, keinen Schritt mehr weiterzugehen, bis es wieder hell wird. Aber... wann wird es hell?
Die Gedanken gehen wirr durcheinander. Ich erinnere mich an vieles, was in meinem Leben geschehen ist. Immer wieder drängen sich Ereignisse in das Bewusstsein, in denen ich versagt habe. Weil ich etwas versäumt hatte. Weil ich jemanden beleidigt hatte. Weil ich andere verletzt hatte, manchmal sogar ganz bewusst. Weil ich nicht um Verzeihung bat. Ich weiß: ich habe Unrecht getan. Ich wollte das nicht. Und wenn ich es damals wollte, so bereue ich es jetzt doch. Nur: wie kann ich es jetzt wieder gutmachen? Kann ich es überhaupt wieder gutmachen? In der Dunkelheit ist es unmöglich. Ich weiß ja nicht, wohin! Hätte ich doch etwas getan, als es noch hell war. Als mich diese endlose, ewige Finsternis noch nicht umschlossen hatte.
Lassen Sie uns nun aus dem Lied Nr. 56 die Strophen 1 und 2 singen.
Gem.: Weil Gott in tiefster Nacht erschienen (EG 56, 1–2)
Was ist das? Ein Lichtstrahl – dort hinten, so wie durch ein Loch in einer schwarzen Leinwand. Das Licht blendet mich. Der Strahl ist fein gebündelt, er trifft auf den Boden, nicht weit von hier. Aber wenn ich dorthin schaue, erkenne ich nichts. Das Licht fällt auf schwarzen Grund. Um mich herum ist es immer noch dunkel. Der Lichtstrahl kann die Umgebung nicht erhellen. Ob ich einen Schritt darauf zugehen kann? Oder ist zwischen dem Lichtstrahl und mir vielleicht doch eine Kluft, in die ich hineinstürzen werde, wenn ich es wage? Vorsichtig schiebt sich ein Fuß vorwärts, tastend. Nun der andere Fuß. Langsam nähere ich mich dem Punkt, auf den das Licht fällt. Aber was ist das? Der Lichtpunkt entfernt sich von mir, langsam. Er ist wieder genauso weit weg von mir wie zuvor, als ich ihn das erste Mal erblickte. Starr stehe ich an meinem Platz. Er darf nicht wieder verschwinden. Das Licht ist das einzige, an dem ich mich orientieren kann!
Der Lichtstrahl rührt sich nicht. Ich mache wieder einen Schritt vorwärts, langsam... Der Lichtstrahl entfernt sich wieder, nachdem ich ihm kurz ein kleines Stück näher gekommen war. Kann es sein... Kann es sein, dass dieses Licht mich aus der Finsternis herausführen will? Vorsichtig bewege ich mich einen weiteren Schritt vorwärts. Tatsächlich, das Licht bewegt sich weiter, als wolle es mich führen. Erleichterung breitet sich aus, Hoffnung: Bald bin ich aus dieser Finsternis raus! Bald wieder im Licht! Aber noch sind Schritte zu tun. Noch bin ich nicht dort. Wer weiß, was mir auf meinem Weg durch diese Dunkelheit noch begegnen wird. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich wieder vorwärts komme. So setze ich einen Fuß vor den anderen, immer noch vorsichtig, aber immer zuversichtlicher. Ich glaube, Herr – hilf meinem Unglauben.
Lassen Sie uns nun das Lied Nr. 596 singen: Ich möchte Glauben haben.
Gem.: Ich möchte Glauben haben (EG 596, 1–4)
Gleißendes Licht umgibt mich. Wo bin ich hier? Es ist so wunderbar, in dieser Helligkeit, nachdem ich so lange in tiefster Nacht gewesen bin. Aber erkennen kann ich nicht viel – die Augen müssen sich erst an das gleißende Licht gewöhnen. Ich kneife die Augen zusammen, blinzele nur, bis Ich langsam die Umrisse von Gestalten, die neben und hinter mir stehen, erkennen kann. Denn hier ist es nicht ganz so hell. Das Licht kommt von vorne, direkt vor mir. Dort scheint eine große Gestalt zu sein, die sich gewaltig über alles erhebt. Muss ich mich vor ihr fürchten? Geht von ihr eine Bedrohung aus? Ich verspüre keine Furcht. Ich habe keine Angst. Denn ich weiß, dass von dieser Gestalt das Licht ausging, das mich aus der Finsternis herausgeführt hat. Also muss diese Lichtquelle mir wohlgesonnen sein. Am liebsten würde ich auf sie zugehen, aber dafür ist es doch zu hell. Die Augen haben sich noch immer nicht an dieses strahlende Licht gewöhnt.
Um mich herum ist es wie Musik. Ich freue mich und singe mit! Und langsam erkenne ich immer mehr: vor mir erhebt sich ein Kreuz, das sich immer deutlicher abzeichnet. Merkwürdig, denn an diesem Kreuz ist die Quelle des Lichtes. Von dort strahlt es hell zu mir. Und ich höre von dort eine Stimme: Fürchte dich nicht. Ich habe dich zu mir geführt. Durch dieses Kreuz bist du erlöst – alle deine Schuld ist von dir genommen. Denn ich habe es vollbracht: ich bin durch den Tod hindurchgegangen – ich habe das Leben errungen – für dich.
... Ich verneige mich – aus Dankbarkeit, und schaue noch einmal auf. Der dort am Kreuz hat meine Seele aus der Finsternis gerettet. Ich verspüre Frieden und Ruhe. Geborgenheit umgibt mich. Es herrscht keine Angst mehr. Mir ist vergeben. Ich spüre die Liebe dessen, der sich für mich geopfert hat. Mit dieser Liebe will ich leben – ich will sie weitergeben und so Frieden und Versöhnung bewirken.
So schreibt Johannes in der Offenbarung:
Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.
Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Amen
Lied: Herzlich tut mich erfreuen (EG 148, 1–3.9)

Predigtvorschlag II:

Liebe Gemeinde! „Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus” – was für eine Anrede! Mich beeindruckt, wie der Seher mit wenigen Worten so viel zum Ausdruck bringt. Solch einen Menschen wünscht man sich an seine Seite.
Bruder – das ist er ja eigentlich nicht, zumindest nicht nach dem Fleisch, mal ganz abgesehen davon, dass er vor fast zweitausend Jahren gelebt hat. Aber er ist und bleibt Bruder, weil er ein Kind Gottes ist, und vor allem, weil er sich selbst als Kind Gottes sieht, so wie wir uns durch die Taufe auch als Kinder Gottes sehen dürfen. Auf diese Weise sind wir miteinander verwandt, auch über die Zeit hinweg.
Mitgenosse an der Bedrängnis – er sitzt auf einer Insel, was soll er denn Bedrängnis leiden? Nun, die Insel ist klein und hat nur wenig Vegetation, es ist dort ein spärliches Leben. Und so viel wir von Johannes wissen, war er dorthin verbannt worden, die Insel war sein Gefängnis.
Er schreibt ja, dass er um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus auf dieser Insel war. Das ist Bedrängnis. Er fühlt mit seinen Glaubensgenossen, die allerdings noch ganz andere Formen der Bedrängnis erleiden. Er ist Mitgenosse an der Bedrängnis, weil er mitleidet, wenigstens im Geist.
Mitgenosse am Reich – in einem Atemzug mit der Bedrängnis ist da plötzlich vom Reich die Rede. Gemeint ist natürlich das Reich Gottes. Ich stelle mir vor, was Johannes am Ende über das himmlische Jerusalem schreibt: "Gott wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen." Das ist das Reich, das ganz im Gegensatz steht zur eben noch genannten Bedrängnis. Freiheit, die weit über räumliche Freiheit hinausgeht; Freiheit von allem, was uns bedrängt, was uns Angst macht. Mitgenosse am Reich.
Und schließlich:
Mitgenosse an der Geduld in Jesus – hier verbinden sich die beiden Gegensätze, Bedrängnis und die Freiheit des Reiches Gottes. In Jesus wurde beides offenbar: das Leid menschlicher Existenz genauso wie seine Überwindung. Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Ganz nah! Habt nur ein wenig Geduld. Geduld in Jesus.
Ist es nicht doch schon sehr lang geworden, mag man fragen – immerhin zweitausend Jahre!?
Aber was sind schon zweitausend Jahre? „Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache” (Ps 90, 4), so heißt es im 90. Psalm, und wenn man spitzfindig sein will, so kann man daraus schließen, dass für Gott seither mal gerade zwei Tage und Nächte verstrichen sind. Was ist das schon? Habt nur ein wenig Geduld.
Ja, der Johannes wirkt allein durch diese kurze Vorstellung schon sympathisch, auch wenn sein Buch der Offenbarung einem manchmal wie ein Buch mit sieben Siegeln erscheint.
Hier, am Anfang seines Buches, schreibt er davon, wie er am Tag des Herrn, also einem Sonntag, vom Geist ergriffen wurde und all das sah, was Menschen über die Jahrhunderte immer wieder auf's Neue bewegt hat.
Was, wenn er es für sich behalten hätte? Aber die Verbreitung dessen, was er sieht, gehört ja zu seinem Auftrag, der jetzt an ihn ergeht: „Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden...”
Johannes sieht etwas – er halluziniert, würden die meisten Menschen heute wohl sagen. Es ist ein Hirngespinst, etwas, das das Gehirn hervorbringt, weil die Schaltkreise darin nicht ganz richtig funktionieren. Aber ist das wirklich so? Und selbst wenn es so wäre: diese Visionen haben nicht nur Menschen bewegt, sie haben auch unzähligen Menschen in schweren Situationen geholfen, sie haben ermutigt, sie haben Hoffnung gemacht, sie haben neue Wege eröffnet. Sollte das nicht ein Geschenk Gottes sein?
Und überhaupt: ist nicht alles, was mit uns geschieht, letztlich doch inbegriffen in den großen Plan, den Gott für seine Schöpfung hat? Liegt nicht alles in seiner Hand?
Am Anfang hört Johannes nur eine Stimme. Er hätte sich die Ohren zuhalten können, er hätte weggehen können, aber er will wissen, wer da zu ihm redet.
Was er sieht, nachdem er sich umwandte, ist nicht nur diese Gestalt, die er dann zu beschreiben versucht – es ist der Plan Gottes, der sich da vor ihm ausbreitet, wenn auch nur in Bildern, die eher andeuten als beschreiben.
Dass er sich umwenden muss, um sehen zu können, mag eine Bedeutung haben. Es weist vielleicht darauf hin, dass die Anrede Gottes nicht immer direkt erfolgt, dass sie eine Antwort erfordert, auch wenn diese Antwort nur eine halbe Umdrehung ist; wenn Gott uns anruft, dann ist es an uns, uns nach ihm auszurichten, hinzuhören und hinzuschauen.
Erst dann, wenn wir reagieren, können wir auch einen Blick hineinwerfen in das Reich Gottes, das uns doch schon so nahe gekommen ist.
Das Bild, das sich vor Johannes' Augen aufbaut, wirkt sehr konkret. Es ist, als hätte man alles hinter ihm wie ein Bühnenbild aufgestellt, und jetzt muss er nur noch beschreiben, was er da zu sehen bekommt.
Oder befand er sich vielleicht in einer Kirche? Aber damals gab es noch keine Kirchen, und was es auf der Insel Patmos an Gebäuden gab, war wohl eher spärlich und wenig eindrucksvoll.
Dieses Bild aber: es ist überwältigend. Wenn Johannes in einer Kammer gesessen hat, dann öffnet sich diese Kammer jetzt in unendlicher Weite. Die Herrlichkeit Gottes strahlt durch diese Schilderung hindurch.
Ganz nebenbei, so scheint es, wird mit Hilfe der Symbolik noch so manches andere vermittelt, was sich uns heute nicht ohne Weiteres erschließt. Die Menschen damals lebten mit solchen Symbolen und konnten darum auch sogleich etwas damit verbinden.
Sieben Leuchter: da gibt es den Bezug zu den zuvor genannten sieben Gemeinden. Warum eigentlich sieben Gemeinden, warum gerade diese sieben Gemeinden?
Die Sieben ist die Zahl der Vollkommenheit, der Fülle, aber sie setzt sich auch zusammen aus der vier und der drei, der Zahl der Schöpfung und der Zahl Gottes, stellt also eine Verbindung her zwischen Gott und seiner Schöpfung.
Die Sieben weist gerade in der Bibel hin auf das neue Zeitalter, das mit Jesus Christus angebrochen ist. Während zuvor die Menschen durch ihre Hybris, ihr „Wie-Gott-Sein-Wollen”, von Gott getrennt lebten und nur vergeblich versuchen konnten, die ursprünglich gewollte Verbindung zu Gott wieder herzustellen, hat jetzt Gott selbst diesen Schritt unternommen und breitet seine Arme aus, anstatt sie abwehrend zu verschränken.
Die sieben Gemeinden weisen durch ihre Zahl auf dieses neue Zeitalter hin, auf die Verbindung zwischen Schöpfer und Schöpfung. Es geht nicht um eine Beschränkung der Offenbarung auf einen kleinen Kreis der christlichen Gemeinden, denn die Sieben ist die Zahl der Fülle, der Vollkommenheit, und meint die ganze christliche Kirche in ihrer Vielfalt.
Dazu kommt: Wenn man die Gemeinden auf der Landkarte miteinander verbindet, gewinnt man den Eindruck eines Dreiecks, das das Symbol der Trinität ist und wiederum auf Gott hinweist – die Verbindung der christlichen Gemeinde untereinander stellt gewissermaßen die Verbindung zu Gott her.
Die Sieben spielt für die Offenbarung immer wieder eine wichtige Rolle, und sie taucht ja auch in dieser ersten Vision noch einmal auf, wenn von den sieben Sternen in der Hand des Menschensohnes die Rede ist. Insgesamt haben wir es in unserem kurzen Predigttext schon dreimal mit der Sieben zu tun!
(Wenn man noch weiter gehen will: die Zahl der in diesem Text genannten Körperteile des Menschensohnes beträgt ebenfalls sieben: Brust, Haupt (Haar), Augen, Füße, Hand, Mund, Angesicht.)
Aus dem Mund des Menschensohnes geht ein Schwert hervor, zweischneidig und scharf. Das weist auf die Kraft seiner Worte hin. Sie haben trennende Wirkung: da gibt es die einen, die darauf hören und sich danach richten, und da gibt es die anderen, die mit seinen Worten nichts anfangen können und auch nichts anfangen wollen.
Das Wort dieses Menschensohnes kann auch vernichtend sein. Das Bild von zweischneidigen Schwert weist auf das Gericht Gottes hin, das das endgültige Ende des alten Zeitalters darstellt.
Johannes ist von dieser Erscheinung überwältigt und fällt nieder vor seine Füße – Zeichen äußerster Demut. Wie anders soll er auch auf die Begegnung mit dem Allmächtigen reagieren?
Was dann folgt, finde ich spannend: Es ist nicht nur ein Wort, das den Propheten wieder aufrichtet. Der, den Johannes mit einem Menschensohn vergleicht, legt seine rechte Hand auf ihn.
Mir fällt hier die Berührung als ein wichtiges Element der Begegnung auf. Es ist die beruhigende Hand der Mutter, die dem verängstigten Kind das Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit vermittelt. Es ist die Hand des Vertrauens, die sich dem anderen öffnet und damit anzeigt: du brauchst keine Angst zu haben, ich komme zu dir in Frieden.
Wenn Gott dem Menschen begegnet, dann ist es manchmal solch eine Berührung, die uns aufmerksam werden lässt. Wir werden angerührt von der Hand des Engels, einer guten Hand, die uns den Frieden verkündigt.
"Fürchte dich nicht!" (Offb 1, 17), das sind die ersten Worte nach dieser Berührung, Worte, die schon so oft aus dem Mund Jesu hervorgegangen waren, weil die Jüngerinnen und Jünger es einfach nicht begreifen konnten, wenn die Majestät Gottes in Jesus sichtbar wurde.
„Fürchte dich nicht!”, denn Gott will bei uns wohnen. Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah!
Und dann erst folgt die Erklärung dieses Bildes, obwohl wir es längst erkannt haben: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.” (Offb, 1, 17-18)
Fürchte dich nicht, ich bin's, ich war tot, doch ich lebe und habe dem Tod und der Hölle die Macht genommen! Jetzt kann kommen was will: ich habe den Sieg bereits errungen!
Das ist der Trost des Evangeliums! Denn der Tod ist überwunden, er hat keine Macht mehr. Darum: Fürchte dich nicht!
In der Feier des Abendmahls ist es uns geschenkt, dass wir dieses Bild gewissermaßen in uns aufnehmen. Der Erste und der Letzte und der Lebendige schenkt sich uns in den Gaben von Brot und Wein.
Mögen wir das heilsame Handeln Gottes in und an uns erfahren.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Der Morgenstern ist aufgedrungen (EG 69)
O Jesu Christe, wahres Licht (EG 72)
Herzlich tut mich erfreuen (EG 148)
O Christe, Morgensterne (EG 158)
Wie herrlich gibst du, Herr, dich zu erkennen (EG 271, 1.6-8)
Christus, das Licht der Welt (EG 410)
Gotts Wort, du bist der Morgenstern (EG 442, 4-9)

Predigtvorschläge zu Reihe III - 2. Petr 1, 16-19 (20-21)


Liebe Gemeinde!
Wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen.
Voller Überzeugung und mit starkem Selbstbewusstsein lesen sich diese Worte aus einem Brief, der nach der Meinung nahezu aller Theologen gar nicht von dem stammt, der als Verfasser benannt wird. Petrus war schon tot, als dieser Brief vermutlich im letzten Drittel des ersten Jahrhunderts entstand.
Den Namen der Person, die diesen Brief geschrieben hat, kennen wir allerdings nicht. Nur eines wissen wir: sie schlüpft mit Leichtigkeit und Geschick in die Haut des Apostels, der ja doch eine besondere Stellung innerhalb der frühen christlichen Gemeinden hatte. Er war die Autorität, von der Jesus gesagt hatte: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.(Mt 16, 18)
Auf solche Autorität konnte man sich verlassen, und so nimmt nun ein Niemand diese Autorität für sich in Anspruch. Das war damals nicht wirklich außergewöhnlich, im Gegenteil: es gab viele Schriften, die von einem „Ghostwriter”, wie man das heute so schön nennt, geschrieben wurden, also von einem Menschen, der sich als ein anderer ausgibt. Und man akzeptierte dies auch wenigstens so lange, wie die Schrift im Geist dessen geschrieben wurde, der als Verfasser genannt wurde.
Und so wäre es auch richtiger zu sagen: der Verfasser nimmt die Autorität Petri nicht für sich in Anspruch, sondern für diesen Brief. Er selbst bleibt ja völlig unbekannt und unerkannt. Er will auch gar nicht bekannt werden, denn es geht ihm nicht darum, Berühmtheit und Anerkennung zu erlangen. Er will nur, dass das, was er schreibt, von den Menschen, die diesen Brief lesen, ernst genommen wird.
Darum schlüpft er gewissermaßen in die Haut des Apostels, ohne sich jemals selbst als der Apostel zu sehen. Er ist ein Glied der christlichen Gemeinde, irgendwo in der damals bekannten Welt, und sorgt sich um die junge christliche Gemeinde.

Wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen.
Muss man einem Menschen, der so etwas von sich sagen kann, nicht Glauben schenken? Ich will es jedenfalls tun und bleibe darum bei dem Namen, den er selbst am Anfang des Briefes nennt: Petrus.
Es ist natürlich nicht von ungefähr, dass wir heute diesen Abschnitt aus der Bibel als Predigttext vor uns haben. Denn es geht ja, wie wir anfangs gehört haben, am letzten Sonntag nach Epiphanias genau darum: die Herrlichkeit Jesu, die in dem Ereignis seiner Verklärung sichtbar wurde.
Aber es verwundert mich dann doch, dass es nur drei Personen vorbehalten blieb, diese Herrlichkeit zu sehen – selbst die übrigen neun Jünger mussten warten, bis er ihnen als der Auferstandene erschien. Und was ist mit uns, die wir rund zweitausend Jahre später leben?
Wir tappen vollends im Dunkeln, so scheint es, niemand von uns hätte die Chance, Jesus leibhaftig zu sehen, und schon gar nicht seine Herrlichkeit.
Oder vielleicht doch?
Ich möchte gerne etwas der Frage nachgehen, warum nur so wenige seine Herrlichkeit sehen durften – mal abgesehen von denen, die erlebten, wie er Wunder vollbrachte. Aber das konnten ja durchaus auch andere tun und war darum noch nicht wirklich etwas Außergewöhnliches – es offenbarte zwar etwas von seiner Macht, aber nicht unbedingt von seiner Herrlichkeit.
Herrlichkeit sehen – das bedeutet doch, ein Stück Himmel zu sehen. Sie wissen: nicht den blauen Himmel über uns, sondern den Himmel, der häufiger das Reich Gottes genannt wird. Und dieses Reich Gottes, diesen Himmel, den hätten wir schon gerne alle greifbar nahe, aber er lässt sich nicht greifen, er bleibt verborgen, er entzieht sich unserem Zugriff. Es wäre ja auch zu schön, wenn wir alle unsere Mitmenschen darauf hinweisen könnten: hier ist er, oder da. So einfach ist es nicht. Und doch, so hat Jesus gesagt, ist das Reich Gottes mitten unter uns.
Wie geht das? Und gilt das überhaupt noch? Ist damit nicht die Gegenwart Jesu damals unter den Jüngern gemeint? Da dürfen wir wohl auf die Worte Jesu am Ende des Matthäus–Evangeliums verweisen, wo er sagt: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.”, bevor er in den Himmel – das Reich Gottes – aufgenommen wird (Mt 28, 20).
Wie also können wir das Reich Gottes, das mitten unter uns ist und zugleich so unendlich fern zu sein scheint, erfahren? Allein durch den Glauben, würde uns Martin Luther wohl antworten, und Recht hat er. Der Glaube schließt uns gewissermaßen die Tür auf und lässt uns einen Blick hinein werfen in dieses Himmelreich, weil es eben doch greifbar nahe ist, nur dass wir es nicht festhalten können.
Vielleicht ist es deswegen, dass nur eine kleine auserwählte Gruppe von sich sagen kann: „Wir haben seine Herrlichkeit selbst gesehen.” Denn nur so wird deutlich, dass es eigentlich gar nicht darauf ankommt, dies mit eigenen Augen zu sehen, sondern darauf, es zu glauben.
Gott muss seine Herrlichkeit nicht allen Menschen zeigen, weil alle Menschen es selbst sehen können, trotz der Dunkelheit, in der sie vielleicht gefangen sind: die Herrlichkeit Gottes ist da, sie wird sichtbar dem glaubenden Auge und erfüllt unser Leben mit einem hellen Licht, das niemals verlöscht, weil es eben das Licht der Welt und damit das Licht des Lebens, unseres Lebens, ist (Joh 8, 12).
Aber es bleibt, zugegeben, alles etwas vage, unbestimmt. Das hat mit der Unverfügbarkeit zu tun. Gerne würde ich Ihnen die Herrlichkeit Gottes vorführen, aber das kann ich nicht, denn ich verfüge nicht über sie. Wir müssen schon selbst den Weg dorthin suchen. Wir haben nur die Verheißung, dass wir ihn auch finden werden.
Und dennoch gibt es wenigstens ein paar Situationen, die ich benennen kann und in denen es uns vielleicht leichter fällt, die Herrlichkeit Gottes zu sehen.
Da ist zum Beispiel die Musik, die wir heute in diesem Gottesdienst hören – sie kann unsere Seele zu Gott hin erheben, sie kann die Tür öffnen und einen Blick in das Himmelreich erlauben. Oder die Herrlichkeit wird sichtbar, wenn uns einer ein tröstendes Wort zuspricht. Oder wenn wir in der Bibel lesen. Oder wenn wir gemeinsam das Abendmahl halten. Oder wenn ein Kranker gesund wird. Oder wenn wir eine Kirche betreten.
Es gibt schon viele Möglichkeiten, nur dass wir es eben nicht mit den Augen sehen oder mit den Händen greifen können, sondern allein dann, wenn wir uns im Glauben für die Gegenwart Gottes öffnen.
Dann spüren wir es aber auch, dann erfahren wir es: Gott ist da, seine Herrlichkeit umgibt uns, sie strahlt über uns auf, um uns und in uns.
Petrus will aber eigentlich auf etwas anderes hinaus. Der ja doch recht kurze Verweis auf die Verklärung Jesu dient ihm letztlich nur als Legitimation für das Wort, das er selbst verkündigt. Es ist ein prophetisches Wort, und da werden wir sicher schon etwas vorsichtig, wenn wir so etwas hören. Denn wie viele falsche Propheten hat es gegeben und gibt es auch heute, die einem das Blaue vom Himmel versprechen und dann doch nichts anderes als Scharlatane und Betrüger sind.
Können wir uns überhaupt auf prophetische Worte einlassen? Dürfen wir es? Müssten wir nicht bei allem, was uns gesagt oder versprochen wird, abwarten, bis es wirklich so eintrifft?
Nun, wenn wir immer nur warten würden, dann würden wir auch nicht vorwärts kommen. Also müssen wir schon hören und dann auch darauf reagieren.
Es gibt ja schließlich das prophetische Wort, das wird uns in der Bibel oft genug gezeigt. Es ist auch nicht ausgestorben, eher im Gegenteil: Gott lässt sein Wort ausgehen in alle Lande durch den Heiligen Geist, auch und vielleicht gerade heute. Das ist immer prophetisches Wort, auch wenn es mitunter zurückweist auf den Gekreuzigten und Auferstandenen. Das muss es ja auch, denn von dort kommt das Leben, das den Tod nicht kennt, von nirgendwo sonst.
Petrus bleibt ganz selbstbewusst, so wie er es schon in den ersten Versen unseres Predigttextes gezeigt hat: „Um so fester haben wir das prophetische Wort, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.(2. Petr 1, 19)
Woran erkennt man nun, dass das Wort, das ein Mensch sagt, von Gott ist und nicht vom Menschen? Eigentlich ist es ganz einfach: denn der Heilige Geist selbst bezeugt, dass das, was gesprochen wurde, wahr ist.
Das ist der Geist, der von unserem himmlischen Vater ausgeht und der uns den Glauben und das Verstehen schenkt. Wenn wir nicht dieses Zeugnis des Heiligen Geistes haben, dann ist es auch kein prophetisches Wort, und wir können uns getrost abwenden.
Damit das funktionieren kann, müssen wir uns aber auch dem Wirken des Geistes öffnen. Und das tun wir z.B., wenn wir uns im Gottesdienst versammeln, gemeinsam Singen und Beten. Wir kommen ja hierher, um uns ansprechen zu lassen von dem prophetischen Wort.
Aber so wie wir bereit sind, uns ansprechen zu lassen, so haben wir auch die Möglichkeit, zu sagen: das war es nicht. Das kann mal passieren, dass wir uns gar nicht angesprochen fühlen, oder dass wir mit dem, was gesagt wird, gar nicht einverstanden sein können.
Wichtig ist, dass wir nicht aufhören, das prophetische Wort zu suchen und zu hören, so wie wir nicht aufhören sollen, die Herrlichkeit Gottes zu suchen und zu finden.
Denn durch beides wird das Dunkel unseres Lebens erhellt, bis wir selbst dorthin kommen und Gottes Herrlichkeit schauen.

Nun fände ich es schade, wenn wir nicht auch wenigstens einen kurzen Blick auf das werfen würden, was uns dieser Petrus eigentlich zu sagen hat.
Er ermutigt uns, nicht aufzuhören, das Kommen Christi zu erwarten. Denn der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb (2. Petr 3, 10), so sagt er. Darum stellt er fest: „Wir warten aber eines neuen Himmels und einer neuen Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.(2. Petr 3, 13)
Davon leben wir, von diesem prophetischen Wort. Er wird kommen – darauf dürfen wir vertrauen, denn Gott steht zu seinen Verheißungen.
Wenn uns das gesagt wird, dann dürfen wir wohl auch davon ausgehen, dass es prophetisches Wort ist, denn das ist es ja, was uns Jesus selbst versprochen hat: „Ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und niemand soll eure Freude von euch nehmen.(Joh 16, 22)
So freut euch in dem Herrn, seid dankbar und fröhlich, denn er kommt!
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Herr Christ, der einig Gotts Sohn (EG 67)
O Jesu Christe, wahres Licht (EG 72)
Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort (EG 193)
Herr, für dein Wort sei hochgepreist (EG 196)
Kommt her, des Königs Aufgebot (EG 259)
Such, wer da will, ein ander Ziel (EG 346)
Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht (EG 572)
Nun geh uns auf, du Morgenstern (EG 571)