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Die wartende Gemeinde - Predigtbeispiele

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Predigtvorschläge zu Röm 8, 26-30
Rev. 2014: Joh 7, 37-39 (s. Reihe III) (VI)

Liebe Gemeinde! Sie kann nicht mehr beten. Sie hatte in ihrem Leben zu viel Elend gesehen. Als junge Frau vom Krieg aus der Heimat vertrieben, war sie, getrennt von ihrer Familie, lange unterwegs, bis sie endlich ein zu Hause gefunden hatte. Mühsam baute sie sich mit ihrem Mann eine neue Existenz auf. Wenigstens ein kleines Häuschen nannten sie schließlich ihr eigen. Ein Kind war ihnen vergönnt gewesen, doch das starb schon früh durch einen Unfall.
Kaum hatte ihr Mann das Rentenalter erreicht - und sie hatten sich schon auf die gemeinsame Zeit des Ruhestandes gefreut - wurde festgestellt, dass er an Krebs erkrankt war. Sie pflegte ihn lange, bis er schließlich im Krankenhaus starb. Nun war sie alleine.
Auch ihr Körper machte nicht mehr so gut mit. Die Gelenke schmerzten bei jeder Bewegung, die Kraft fehlte, sie schaffte noch nicht einmal die kleinsten Arbeiten in einem Zug. Immer wieder musste sie Pausen machen, kleine zwar, aber sie spürte deutlich, dass sie in ihrem Kummer alt geworden war.
Sie blickte auf ihr Leben zurück. Es lag in Trümmern. Nichts war von der unbeschwerten, fröhlichen Jugend, die sie in ihrer Heimat in Schlesien genossen hatte, geblieben – alles war Mühsal und Last gewesen. Zwar hatte es hier und da auch mal Zeiten der Freude gegeben, aber die verblassten hinter den schweren Schicksalsschlägen, die sie erlitten hatte.
Eines hatte sie aus jener Zeit der Jugend, aus der ersten Heimat, behalten. Die Bibel, die ihr damals die Mutter in die Hand gedrückt hatte. Falls sie getrennt würden, hatte ihre Mutter gesagt, dann hätte sie etwas, was sie immer an sie erinnern würde.
Oft nahm sie diese Bibel in die Hand, aber selten schlug sie sie auf. Denn wenn sie es tat, dann verschmolzen die Buchstaben vor ihren Augen zu einem wirren Gebilde, das ihr nichts zu sagen vermochte.
Auf der Flucht hatte sie viel in dieser Bibel gelesen. Ein Stück Papier lag zwischen den Seiten an einer Stelle, die ihr damals sehr viel bedeutet hatte. Die Verse hatte sie dann später angestrichen, als sie wusste, dass ihre Mutter gestorben war - denn bis dahin hatte sie die Bibel für ihre Mutter aufgehoben und wollte sie ihr unversehrt zurückgeben. Nun aber war es ihre eigene, und sie strich sich diese Stelle an, damit sie sie immer wiederfinden würde.
Und manchmal, wenn sich ihr schwach gewordener Geist daran erinnerte, dann suchte sie nach dem Stückchen Papier zwischen den Seiten, und schlug diese Stelle im Römerbrief auf. Sie kannte die Verse längst auswendig, und so ergänzte sie, was ihre Augen nicht mehr erfassen konnten, weil die Schrift so klein war, aus dem Gedächtnis:

Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt. Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat die hat er auch verherrlicht. (Röm 8, 26-30)

Jedesmal, wenn sie diese Verse las, wurde sie etwas ruhiger. Die Verbitterung und Enttäuschung, die sie sonst empfand, wenn sie auf ihr Leben zurückschaute, wich von ihr. Sie konnte sich etwas entspannen, fühlte sich geborgen.
Der Geist hilft unserer Schwachheit auf - dieses Wort hat sie getröstet. Denn auch wenn sie selbst nicht mehr beten konnte, weil das Elend, das ihr widerfahren war, sie unbarmherzig packte, wann immer sie die Augen schloss, so wusste sie doch: der Geist vertritt sie mit unaussprechlichen Seufzern.
Es machte ihr keine Sorgen mehr, dass es ihr so schwer fiel, mit Gott zu reden, denn sie wusste durch diese Worte, dass Gott dennoch für sie da ist, trotz allem, was sie durchgemacht hatte.

Ein bedrückendes Schicksal, das manche von Ihnen wohl auch aufgrund eigener Erfahrung nachempfinden können. In jedem Leben gibt es Rückschläge, Enttäuschungen, Verbitterungen, bis zu dem Punkt, wo wir das Gefühl haben, selbst vor Gott sprachlos geworden zu sein.
Wie gut, dass uns der Geist Gottes dann hilft.
Aber in solchen Situationen haben wir oft mit Fragen zu tun, die uns in die Gottverlassenheit führen können: Wie kommt es, dass Gott mir dies alles zumutet? Warum nicht diesem oder jener, die doch eigentlich viel schlechtere Menschen sind?
Und ich bin sicher, dass diese Beobachtung oft der Wahrheit entspricht. Warum lässt Gott seine Kinder, seine Auserwählten, seine Heiligen leiden, während es den Abtrünnigen, denen, die sich einen Dreck um ihn scheren, besser geht?
Wenn wir diese Fragen stellen, dann fällt es uns natürlich auch zunehmend schwerer, Gott zu bitten, weil wir es ja selbst erleben, wie wenig unser Gebet ausrichtet. Es wendet unsere eigene Not nicht.
Solche Fragen lähmen uns, sie entfernen uns Stück für Stück weiter von Gott. Denn das einzige, worauf wir noch schauen können, sind die Menschen um uns herum. Wir vergleichen unser Leben mit dem ihren, und enden in einem Sumpf, der uns weiter und weiter nach unten zieht, fort von Gott. Es ist klar, dass wir wir dann nicht mehr beten können.
Der Geist hilft unserer Schwachheit auf - er vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen - weil wir selbst es nicht können.
Dieses unaussprechliche Seufzen – es ist eben nicht nur ein Seufzen. In ihm liegt vielmehr alles, was uns bewegt und bedrückt, und es wird auf diese Weise durch den Geist vor Gott gebracht, der sich unser annimmt.
Es tut gut zu wissen, dass das Gebet nicht aufhört. Und das trifft auf beides zu: Das Gebet für uns selbst und das Gebet für die anderen, die uns nahe sind oder ferne, die uns Freund oder Feind sind. Wenn wir verstummen, weil wir nicht mehr können, weil wir verzagen: Gottes Geist verstummt nicht.
Wenn wir schweigen, weil wir nicht wissen, was wir beten können: Der Geist weiß es, und er bittet an unserer Stelle.
Nun könnte man meinen, dass man also nicht mehr beten braucht, weil der Geist es ja viel besser kann. Das ist aber natürlich nicht gemeint. Wenn uns nicht die Worte fehlen, dann sollen wir auch beten.
Nur wird es wohl nicht sehr sinnvoll sein, darum zu bitten, den Jackpot im Lotto zu gewinnen, oder, wie es einmal an der Gebetswand in der Trinitatiskirche aufgeschrieben war: „Herr Christ, schenke mir Geldzuwachs.”
Aber wer weiß, wie es dem Menschen ergangen war, als er diese Worte aufschrieb? Gott weiß es, und der Geist Gottes wird dieses Gebet so „in Form” gebracht haben, dass etwas Gutes daraus werden konnte.
Es ist nicht nur Trost, den ich in den Versen aus dem Römerbrief höre, sondern auch Ermutigung: Beten ist zu etwas nütze. Es ist nicht vergeblich. Es ist nicht nur ein Selbstgespräch. Denn wozu sonst wäre es nütze, dass der Geist uns vertritt, dass er an unserer Stelle zu Gott betet, wenn das Gebet selbst nutzlos wäre?
Wenn wir diese Worte so verstehen, fällt es auch leichter, die Ungerechtigkeit dieser Welt zu ertragen - nicht hinzunehmen - und dann doch für mehr Gerechtigkeit zu bitten: für Gottes Gerechtigkeit, dass sie endlich Wirklichkeit werde in dieser Welt.

Jene Frau, von der ich am Anfang erzählt hatte, war immer über diesen Vers gestolpert: Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.
Sie sah in diesem Vers die Aufforderung, sich selbst zurückzunehmen, keine Ansprüche zu stellen, alles, was ihr widerfahren war, als gottgegeben hinzunehmen. Was konnte sie also machen? Gott hatte ihr dieses Schicksal zugedacht, und darum ertrug sie es - und verlor ihre Hoffnung. Sie hatte ja alles verloren, es gab nichts mehr, worauf sie sich freuen könnte. Auch darum hatte sie aufgehört, zu beten. Sie sah keinen Sinn mehr darin, denn das Gebet konnte nicht die Menschen, die in ihrem Leben für sie die einzigen wirklich wichtigen Menschen waren, zurückbringen. Das Gebet konnte sie nicht wieder zu einem Kind machen. Es konnte den Krieg nicht ungeschehen machen.
Aber dieser Vers will uns nicht dazu auffordern, alles Schlechte, das uns widerfährt, als gottgegeben hinzunehmen. Das Leid, das wir erfahren, befähigt uns vielmehr, mit anderen Menschen mitzufühlen. Wenn wir unser Vertrauen in die Liebe und Fürsorge Gottes nicht aufgeben, dann werden wir auch nicht aufhören, mit seinem Wirken in dieser Welt zu rechnen und damit, dass er sein Reich weiter baut, in dem es keine Trauer, kein Leid, kein Geschrei und keinen Schmerz mehr gibt. Und das ist es, worum wir beten können und auch sollen, Tag für Tag.
Denn wir wissen: Gott hat das letzte Wort. Das ist es, worauf es ankommt. Das ist es, woran wir festhalten können und warum wir auch beten können, damit dieses letzte Wort sichtbar wird in unserer Welt.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:

*O Heilger Geist, kehr bei uns ein (EG 130)
Geist des Glaubens, Geist der Stärke (EG 137)
Dir, dir, o Höchster, will ich singen (EG 328)
Ist Gott für mich, so trete (EG 351)
Jesu, hilf siegen, du Fürste des Lebens (EG 373, 1.4-5)

Zuletzt überarbeitet: 15 Mai 2015
© Copyright 1998-2015 by Martin Senftleben

Bibeltexte: © 1985 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten.
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