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Pharisäer und Zöllner - Predigtbeispiele

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Predigtvorschläge zu Mt 21, 28-32
Rev. 2014: Hiob 23 (III)

"Nein, ich will nicht!" Wie oft hat man das wohl gehört von seinen Kindern. Eigentlich kann man froh sein: es ist eine ehrliche, aufrichtige Aussage, mit der man etwas anfangen kann. Aber mit der Zeit lernen die Kinder, dass eine solche ehrliche Aussage auch Widerspruch provoziert, und versuchen, diesem Widerspruch zu entgehen.
Und so sagen sie zum Beispiel: "Ja, gleich!" Gemeint ist natürlich "nein", aber auf diese Weise wird der Druck etwas abgebaut. Vater oder Mutter lassen einen für eine Zeit in Ruhe, sie warten, bis das "gleich" gekommen ist, und vielleicht erledigt sich das Problem dann sowieso.
Häufig ist es dann ja auch so. Wenn der Tisch gedeckt werden sollte: er ist schon gedeckt, wenn das Kind kommt. Wenn der Müll rausgebracht werden sollte: er ist schon in der Tonne, wenn das Kind sich an seine Aufgabe erinnert.
Aber dieses Verhaltensmuster gibt es nicht nur bei Kindern. Es ist ja eine Errungenschaft, das Ergebnis eines Lernprozesses. Und diese Errungenschaft wendet man dann gerne auch mal als Erwachsener an.
Wie oft wird das Versprechen, sich um etwas zu kümmern, am Ende doch nicht eingehalten - egal, wie gut die Gründe dafür auch sein mögen, es ist genau das gleiche Verhaltensmuster.
Es geht um das Versprechen, das man vielleicht tatsächlich in der Hoffnung gegeben hat, dass sich die Sache von selbst oder durch andere erledigt, und darum dann am Ende nicht einhält.
Wir müssen dabei nicht erst auf manche unserer Politiker schauen; auch uns selbst geht es hin und wieder so. Ich selbst erlebe es jedenfalls auch an mir.
Jesus erzählt von zwei Brüdern, und die Angesprochenen, die Hohepriester und Ältesten, entschieden sich ohne zu zögern: der, der "Nein" gesagt hatte, dann aber doch hinging und den Auftrag ausführte, ist der, der den Willen des Vaters getan hat.
Bei solch einer Situation fällt es nicht schwer, sich für eine Seite zu entscheiden.
Aber Jesus bleibt dabei nicht stehen. Die richtige Antwort ist zwar gegeben, aber es geht ja um mehr. Es handelt sich um ein Gleichnis, das auf einen größeren Zusammenhang hinweist, und der kommt mit großer Gewalt:
"Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr."
Das ist heftig und möchte sich eigentlich niemand so direkt sagen lassen. Zöllner und Huren - das war nicht die Liga derer, die damals von Jesus angesprochen wurden. Die Zöllner und Huren waren weit unter ihnen, Abschaum, Sünder par excellence, das Beispiel des Ungehorsams gegenüber Gott schlechthin.
Mit solchen Menschen verkehrte man nicht, wenn man ein gottesfürchtiger und frommer Mensch war. Man verunreinigte sich nicht durch den Kontakt mit ihnen.
Man kam zwar am Zöllner nicht unbedingt vorbei, ohne ihm Geld zahlen zu müssen. Aber dafür, dass er mit den Besatzern kollaborierte, spuckte man voller Abscheu vor ihm aus und wandte sich von ihm ab. Gemeinschaft hatte man mit ihm auf keinen Fall. Und die Huren - um sie machte man einen großen Bogen, zumindest, solange man ihnen in der Öffentlichkeit begegnete. Ehebrecherinnen sind sie, nichts anderes!
Wie kann Jesus solche Menschen höher stellen als die Pharisäer und Ältesten, die Bewahrer des Glaubens, die Hüter des Gesetzes Gottes? Und was hat diese plötzliche Konfrontation mit dem Gleichnis zu tun?
Die Huren und Zöllner sind ehrlich gewesen, wenn auch im negativen Sinn: sie hatten einmal "Nein" gesagt, sich abgewendet von Gott und in der Sünde gewälzt. Aber nun sind sie es, die ihre Sünde erkennen und die Gnade Gottes annehmen. Die Predigt Johannes des Täufers hatte sie angerührt und zur Umkehr bewegt. Sicher betraf das nicht alle, aber doch einen Teil von ihnen. Und es schien, als ob diese Pharisäer und Ältesten sich nichts aus der Predigt des Johannes machten.
Sie blieben bei dem "Ja, natürlich!", ohne zu tun, was Gott von ihnen erwartet. Sie waren erstarrt in ihrer Gesetzestreue, sicher auch mit gutem Willen, aber eben doch weit entfernt von der Gnade Gottes, denn sie hörten nicht auf seinen Ruf, der durch Johannes und Jesus erscholl.
Vielmehr suchten und versuchten sie, sich selbst zu begnadigen.
Jesus geht es darum, was wir tun. "Wer von den beiden hat den Willen des Vaters getan?", fragt Jesus, und nicht: wer hat richtig auf die Bitte des Vaters geantwortet?
Das schmeckt unserem protestantischen Gaumen nicht so recht, denn wir leben doch allein aus Gnade, sola gratia, ganz ohne Werke vor Gott gerecht.
Aber dieses "sola gratia", dieses "allein aus Gnade" der Reformation stand damals im Gegensatz zur Werkfrömmigkeit, die zur Zeit Martin Luthers die ganze Gesellschaft durchdrungen hatte. Wenn man nur genug Gebete sprach, wenn man nur genug Geld in den Kasten warf, würde man auch gerettet werden. Die Kirche legte fest, durch welche Werke oder auch durch welche Summen man vor Gott gerecht werden könne.
Luther erkannte, dass wir nicht durch Werke vor Gott gerecht werden können, sondern allein durch den Glauben, aufgrund dessen sich Gott uns gnädig zuwendet.
Und er hat damit vollkommen Recht. Aber ein Dieb, der von sich sagt, er glaube, und dennoch weiter andere Menschen beraubt, ist vor Gott noch lange nicht gerecht.
Ein Zöllner, der Gott um seine Gnade bittet, ist vor Gott noch lange nicht gerecht, solange er seinem Beruf weiter nachgeht.
Ein Sünder wird die Gnade Gottes nicht erfahren, wenn er nicht auch aufhört, gegen den Willen Gottes zu handeln.
Es geht um Buße, um die Umkehr, die unbedingt mit dem Handeln verknüpft ist. Für den Zöllner oder für die Hure bedeutete dies, ihre derzeitige Verdienstmöglichkeit aufzugeben; sie mussten sich einen anderen Beruf suchen. Das bedeutet eine existenzielle Kehrtwende, die sich da vollzieht, von der allerdings direkt an keiner Stelle gesprochen wird. Es geht um die Veränderung der ganzen eigenen Existenz.
Die Gleichnisse Jesu erzählen ja nie, wie es weiter geht, was danach passiert. Man muss sich oft seinen Teil dazu denken. Aber hier haben wir einmal eine Deutung, die ganz klar zum Ausdruck bringt: es geht um Buße, um Umkehr, um den Neuanfang.
Eine kurze Anekdote soll das Ganze noch etwas verdeutlichen:

Ein Mann saß im Zug. An jedem Bahnhof jammerte er vor sich hin: "Ohje, ohje, was mache ich nur!" Schließlich wird es einem Mitreisenden zu bunt. "Warum jammern Sie denn so?", fragt er. Der Mann antwortete: "Ich sitze im falschen Zug. Mit jedem Bahnhof entferne ich mich weiter von meinem eigentlichen Ziel." Der Mitreisende ist verwundert. "Warum steigen Sie dann nicht aus?" Der Mann erwiderte: "Ich kann nicht. Ich müsste eine neue Fahrkarte kaufen, und die ist inzwischen viel zu teuer."

Aber natürlich könnte er aussteigen. Dass der Preis für die neue Fahrkarte immer höher wird, liegt nur daran, dass er es nicht tut.
In dieser Anekdote klingt etwas von der durch Martin Luther abgewehrten Frömmigkeit an: es geht um Geld, das für die Umkehr bezahlt werden muss. Aber so ist es nicht gemeint. Die Anekdote macht uns nur deutlich: wir müssen einen Preis für die Umkehr bezahlen. Es bedeutet die Aufgabe dessen, was wir jetzt haben, und das kann natürlich schon teuer sein, sowohl bildlich als auch materiell. Aber wir bezahlen nicht für die Gnade Gottes.
Schließlich sei die Frage erlaubt, ob wir uns überhaupt den Schuh anziehen müssen, der damals für die Pharisäer und Ältesten im Volk gedacht gewesen ist. Können wir uns mit ihnen vergleichen, oder dürfen wir uns doch lieber mit den Zöllnern und Huren vergleichen?
Es ist das gleiche Dilemma wie das, das uns im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner begegnet. Es sind die schlechten Menschen, die die Gnade Gottes erfahren, und nicht diejenigen, die meinen, alles richtig und gut zu machen. Nico ter Linden hat es so formuliert:
Es macht hier "eine Welt von sich reden, für die der Bravste nicht brav genug und der Schlechteste nicht zu schlecht ist. Ein Welt, die sich mit Tugend nicht eröffnet und durch Untugend nicht verschließt. Es ist die Welt der Gnade." ("Es wird erzählt", Band 6, S. 71f)
Wir werden unseren Platz finden müssen in diesem Bild, das uns Jesus da zeichnet. Sehen wir uns nicht eher als die "Braven", die wenigstens versuchen, alles richtig zu machen? Sind wir es, die umkehren müssen?
Eines ist sicher: Es gibt keinen Mittelweg, keinen Kompromiss, kein "ein bisschen" von dem und "ein bisschen" von dem anderen. Und darum ist es so schwer, einfach auszusteigen und umzukehren. Denn es ist eine existenzielle Entscheidung. Dabei ist es eigentlich klar: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.", hat Jesus gesagt.
Gott ermutigt uns dazu, umzukehren, indem er uns seiner Nähe vergewissert. Er geht den Weg mit uns, und das Ziel - es ist allemal lohnenswert. Es ist der himmlische Vater, der uns zur Umkehr ruft - der Vater, der den verlorenen Sohn mit offenen Armen empfängt.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:

"So wahr ich lebe", spricht dein Gott (EG 234)
Such, wer da will, ein ander Ziel (EG 346)
Jesus nimmt die Sünder an (EG 353)
Ein reines Herz, Herr, schaff in mir (EG 389)
Gott rufet noch (EG 392)
Herr Jesu, Gnadensonne (EG 404)
Gott liebt diese Welt (EG 409)
So jemand spricht: "Ich liebe Gott" (EG 412)
Wo ein Mensch Vertrauen gibt (NB-EG 604; W-EG 638; KHW/HN-EG 630)
Lass uns in deinem Namen (KHW/HN-EG 614)
zu Hiob 23:
Ich weiß, woran ich glaube (EG 357)
Wenn wir in höchsten Nöten sein (EG 366)
Wer nur den lieben Gott lässt walten (EG 369)
Gott wohnt in einem Lichte (EG 379)
Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr (EG 382)

Predigtvorschläge zu Gal 2, 16-21
Rev. 2014: Lk 18, 9-14 (Evangeliumslesung - s. Reihe I) (IV)

Gesetze sind wichtig, keine Frage. Das sehen selbst die meisten der Konfirmandinnen und Konfirmanden ein. Der Straßenverkehr ohne Verkehrsregeln ist kaum vorstellbar – ja, eigentlich gar nicht möglich. Und wenn man genau hinschaut: selbst da, wo die Verkehrsregeln nicht so ernst genommen werden, wie z.B. in Indien, gibt es Regeln, sogenannte ungeschriebene Gesetze, an die sich alle Verkehrsteilnehmer halten.
Die 10 Gebote hätten eigentlich genügt, um gemeinschaftliches Leben zu ermöglichen, aber schon in frühen Zeiten hat man gemerkt, dass es Situationen gibt, in denen man zusätzlich Regelungen braucht. Die Bücher Exodus und Levitikus, das 2. und 3. Buch Mose, enthalten zahlreiche detaillierte Regelungen, z.B. über das Verhalten des Priesters bei bestimmten Opfern, oder die Kleidung der Priester, den Umgang mit Vergehen gegen Leib und Leben, das Sabbatjahr und das Erlassjahr, die Unterscheidung von reinen und unreinen Tieren, die Bestimmungen für Wöchnerinnen, den Umgang mit Aussatz usw. Dazu finden wir auch Anordnungen zur Ausführung für die verschiedenen jüdischen Feste.
All diese Gesetze und Ordnungen entstanden natürlich lange nach den zehn Geboten. Ihre Ursache lag darin, dass man nicht wusste, wie man mit bestimmten Situationen umzugehen hatte, da sie in den zehn Geboten nicht erfasst waren. Und nach einem Ereignis, das nach Meinung der Menschen eine Regelung erforderte, da es wieder geschehen könnte, entstand dann also ein entsprechendes Gesetz.
In der Bibel sind es rund 100 Seiten, auf denen Gesetze geschrieben sind, wobei eine ganze Menge dieser Seiten auch noch Erzählungen über andere Dinge enthalten. Das Bürgerliche Gesetzbuch umfasst mehrere hundert Seiten und ist nur ein kleiner Teil unseres Rechtswerkes. Allein das Gesetzeswerk unserer Landeskirche ist deutlich dicker als die Bibel, aber auf ebenso dünnem Papier und mit ebenso kleinen Buchstaben gedruckt.
Gesetze sind nötig – aber vielleicht ist es dann doch irgendwann des Guten zu viel. Müsste man nicht doch einfach mal Mut zur Lücke haben und darauf vertrauten, dass man in bestimmten Situationen dann auch ohne gesetzliche Regelung zu einer Lösung kommt?

Was bewirken diese Gesetze? Abgesehen davon, dass wohl niemand alle Gesetze kennt – wussten Sie, dass es z.B. ein Gesetz gibt, das unnützes Fahren mit dem Auto verbietet? – und darum Gesetzesübertretungen unwissentlich regelmäßig stattfinden, gibt es auch eine Reihe von Gesetzen, die wohl niemand beachtet, selbst wenn sie bekannt sind. Entweder sieht man deren Sinn nicht ein, oder man nimmt bewusst das Risiko auf sich, erwischt zu werden, was meist nicht passiert.
Denn die Übertretung der Gesetze wird in der Regel nicht bemerkt oder nicht geahndet. Viele Menschen verzichten darauf, Gesetzesübertretungen anzuzeigen, die sie beobachtet haben, weil sie glauben, dass ihre Aussage gegen die Aussage des anderen kaum eine Chance haben wird.
Viele Gesetzesübertreter gehen also straffrei aus, wobei man sagen muss, dass es sich oft wohl nur um Kleinigkeiten handelt. Und weil man das weiß, werden natürlich Gesetze, deren Sinn man ohnehin nicht ganz nachvollziehen kann, schnell mal missachtet.

Gesetze sollen für Ordnung und Sicherheit sorgen. Wer sie nicht einhält, muss damit rechnen, bestraft zu werden. Bei einem großen Teil der Gesetze und Verordnungen besteht die Strafe in einer Geldforderung, bei den übrigen gibt es auch Freiheitsstrafen.
Ob dies wirklich dazu hilft, dass die betreffenden Personen in Zukunft die Gesetze einhalten, sei dahingestellt. Z.B. bei sogenannten Triebtätern ist der Sinn solcher Strafen schon oft hinterfragt worden.
Aber die Notwendigkeit von Gesetzen, sagen wir mal wenigstens der Grundgesetze, wird wohl niemand bestreiten.

Paulus sagt nun: durch Werke des Gesetzes – und damit meint er: durch die Einhaltung der Gesetze – wird niemand gerecht.
Dürfen wir als Christen darum jetzt fröhlich alle Gesetze ignorieren und tun, was wir wollen? Jesus ist da anderer Ansicht. Er sagt (Matthäus 5, 17 – 20):

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.
18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.
19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.
20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Und etwas später sagt er z.B. zum 5. Gebot, „Du sollst nicht töten”:
Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.
Und zum 6. Gebot, „du sollst nicht ehebrechen”, klingt es ganz ähnlich:
Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.
Um der Fairness willen sollte ich hier wohl sagen, dass dies natürlich auch für Frauen entsprechend gilt, und nicht nur für Männer.
Wenn das wirklich so ist, dann Gnade uns Gott! Könnten wir jemals auch nur diese zwei Gebote in solcher Konsequenz einhalten? Und was ist mit den anderen Geboten? „Du sollst den Feiertag heiligen” zum Beispiel?
Worin besteht denn die Heiligung des Feiertages, wenn nicht darin, in den Gottesdienst zu gehen und Gott zu loben und zu danken? Und wer nicht in den Gottesdienst geht, sollte doch wenigstens zu Hause nicht auf den Dank und das Lob Gottes verzichten.
Aber geschieht das wirklich bei den rund 6000 Menschen, die zum Quartier gehören? Diese Kirche müsste 6 mal größer sein, um sie alle fassen zu können. Aber wir brauchen uns wohl kaum Sorgen zu machen, dass dies jemals gebraucht würde.
Ja, Gnade uns Gott!

Paulus hat diese Gnade dann ja auch bereit. Nicht durch Werke des Gesetzes, sagt er, sondern durch den Glauben an Jesus Christus werden wir gerecht.
Gott sei Dank! Dann ist ja alles wieder in Ordnung!
Oder etwa nicht? Ich bin da etwas skeptisch, erstens, weil Jesu Stellung zu den Gesetzen ganz anders zu sein scheint, wie wir eben gesehen haben, und zweitens, weil Paulus dann doch noch etwas mehr schreibt als nur dieses „allein durch den Glauben”.
„Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.”, sind seine Worte.
Der christliche Glaube gründet in dieser Erfahrung.
Nicht ich, sondern Christus.
Nicht „ich habe keine Lust auf Kirche”, sondern Christus.
Nicht „was geht mich mein Nachbar an”, sondern Christus.
Nicht „was kümmern mich die Hungernden in der Welt”, sondern Christus.
Nicht „hoffentlich mache ich ordentlich Gewinn”, sondern Christus.
Nicht „Hauptsache gesund”, sondern Christus.
Nicht „ich mache, was ich will”, sondern Christus.
Es steckt sehr viel in diesem einen, kleinen Satz: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.”
Paulus war Missionar, er verkündigte das Evangelium, er gründete Gemeinden, und er war bereit, für seinen Glauben zu sterben.
Das alles aus einem einzigen Grund: er hatte die Gnade Gottes erfahren. Die blöden Gesetze hatten ihn lange genug gequält. Er hatte sich ja immer bemüht, sie einzuhalten, und war auch gut darin gewesen, aber doch nicht gut genug. Trotz allem Bemühen blieb er ein Sünder. Das spürte er, das wusste er.
Erst durch die Gnade Gottes, die ihm in Jesus Christus offenbart wurde, ist er frei geworden – nicht frei, um zu tun und zu lassen, was er wollte, sondern frei, um zu tun und zu lassen, was Christus wollte. Und dazu gehört auch die Einhaltung der Gesetze – allerdings nicht, um dadurch gerecht zu werden, sondern weil es der Wille Gottes ist.
Dabei sollte uns eines klar sein: alle Gesetze müssen sich an dem einen, dem höchsten Gebot, messen lassen:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.”
Das ist der Maßstab aller Gesetze für einen Christenmenschen.
Vom Erdenbürger ist Paulus zum Himmelsbürger geworden, und das nicht erst nach seinem Tod – er war es schon in seinem irdischen Leben, denn Christus lebte in ihm.
Genau das ist auch unsere Bestimmung, dass wir Himmelsbürger werden, wie Paulus im Brief an die Epheser sagt: So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist. (Eph 2, 19f)
Nicht ich, sondern Christus. Damit Christus nicht vergeblich gestorben ist.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:


Wir wolln uns nicht auf Werke gründen (EG 250, 4-5)
Nun freut euch, lieben Christen g'mein (EG 341)
Es ist das Heil uns kommen her (EG 342)
Auf meinen lieben Gott (EG 345)
Such, wer da will, ein ander Ziel (EG 346)
Bei dir, Jesu, will ich bleiben (EG 406)
Dass du mich einstimmen lässt (KHW/HN-EG 580)

Zuletzt überarbeitet: 18 August 2015
© Copyright 1998-2015 by Martin Senftleben

Bibeltexte: © 1985 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten.
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