das Kirchenjahr

Pfingstmontag

Ausgießung des Heiligen Geistes

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe IV - 4. Mose 11, 11-12.14-17.24-25(26-30) (Num 11, 11-12.14-17.24-25(26-30))

Liebe Gemeinde!
Pfingsten – das ist ein schönes Fest. Die Gärten stehen in voller Blüte, und wenn die Sonne scheint, kann es eigentlich keinen mehr in der Stube halten. Man muss ins Grüne, das frische Grün der erwachenden Natur ist anregend, der Beginn neuen Lebens, den man überall wahrnimmt, ist überwältigend.
Dabei ist die Natur ja eigentlich schon weit fortgeschritten. Die Obstbäume sind verblüht und bilden nun ihre Früchte aus, viele Vogelkinder sind schon ausgeflogen, die ersten Erdbeeren werden bald reif sein, Pfingstrosen blühen, endlich mal am Tag, der ihnen den Namen gab, und die bunte Vielfalt der Insekten kann auch uns erfreuen.
Das überwältigende Erwachen der Natur, das wir in diesem Jahr etwas früher erlebt haben als meist, das aber noch längst nicht zu Ende ist, ist zugleich ein Symbol für das, woran wir an Pfingsten besonders denken: die Ausgießung des Heiligen Geistes.
Wir haben gestern in der Epistellesung gehört, wie es da zu sich ging, wie sich neue Wege eröffneten, wie Menschen angerührt wurden – mehrere Tausend – und sich taufen ließen, weil sie erkannten: da ist etwas Neues, etwas Großartiges, da ist Gott am Werk und bewegt die Menschen, und nicht nur das: es war deutlich erfahrbar, dass der lebendige Gott durch seinen Geist mitten unter ihnen war.
Pfingsten – das Pfingstfest der Christenheit geht zurück auf ein jüdisches Fest (Lev 23), das aber nichts mit der Ausgießung des Heiligen Geistes zu tun hat. Am Pfingsttag feierte und feiert auch heute das Volk Israel sein Erntedankfest. Darum waren damals so viele aus verschiedenen Ländern in der Stadt Jerusalem, um gemeinsam zu feiern und Gott für eine gute Ernte zu danken.
An diesem einen Pfingstfest nun machte sich der Geist Gottes bemerkbar, indem er die verzagten Herzen der Jünger verwandelte, indem er ihnen das Leben einhauchte, sie teilhaben ließ an der Herrlichkeit Gottes auf einzigartige Weise. Sie redeten in verschiedenen Sprachen, fanden den Mut, von all dem zu erzählen, was sie mit Jesus Christus erlebt hatten, und fühlten sich getragen von der Kraft Gottes.
Dieser Geist blieb bei ihnen, war die tragende Kraft der jungen, wachsenden Kirche, gab ihr immer neue Impulse und Wegweisungen.
Heute feiern wir dieses Fest, nach rund 2000 Jahren, etwas gelassener als damals. Nicht nur das: rund drei Viertel der deutschen Bevölkerung wissen laut einer aktuellen Umfrage gar nicht, warum wir Pfingsten feiern. Für sie ist es nur ein willkommenes verlängertes Wochenende, mehr nicht. Und Konfirmanden können mit dem Begriff „Heiliger Geist“ zunächst auch gar nichts anfangen. Wenn sie ihn malen wollen, erscheint auf dem Papier oft ein Gespenst.
Haben Sie schon mal mit Ihren Nachbarn darüber gesprochen, warum Pfingsten gefeiert wird? Tun Sie es.
Heute ist uns ein Predigttext vorgegeben, der mit Pfingsten nichts zu tun hat – zumindest nicht direkt. Es ist kein Pfingstfest, von dem die Rede ist, wohl aber vom Geist Gottes. Aber auch dies erscheint zumindest merkwürdig, ganz anders, als wir uns den Geist Gottes eigentlich vorstellen. Hört aus dem 4. Buch Mose, dem Buch Numeri, im 11. Kapitel:

„Mose sprach zu dem HERRN: Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst? 12 Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zugeschworen hast? 14 Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer. 15 Willst du aber doch so mit mir tun, so töte mich lieber, wenn anders ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, damit ich nicht mein Unglück sehen muss.
16 Und der HERR sprach zu Mose: Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste im Volk und seine Amtleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich, 17 so will ich herniederkommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen musst.
24 Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des HERRN und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte. 25 Da kam der HERR hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.“


Mose klagt darüber, dass ihm die Aufgabe, das Volk Israel zu führen und die Verantwortung für sie zu tragen, zu schwer geworden ist, und möchte lieber sterben als es weiterhin alleine tun zu müssen. Er hat Angst, zu versagen.
Gut, dass er sich mit diesem Anliegen an Gott wendet, denn der weiß, was zu tun ist. Er nimmt von dem Geist, der auf Mose ruht, und verteilt ihn auf 70 von Mose auserwählte Älteste.
Das Merkwürdige dabei ist die Art und Weise, wie der Geist Gottes hier dargestellt wird. Es scheint, als könne man ihn quantitativ bewerten.
Gott nimmt von dem Geist – das bedeutet ja, dass er einen Teil wegnimmt – und diesen Teil verteilt er dann auf die 70 Personen. Jeder der 70 Ältesten bekommt also ein Siebzigstel von dem Teil, wobei nicht ganz klar ist, wieviel am Ende für Mose übrig bleibt. Ziemlich sicher mehr als ein Einundsiebzigstel.
Was ändert sich dadurch? Wenn man es genau nimmt, doch eigentlich gar nichts. Es sind siebzig Menschen mehr, die an der Führung des Volkes beteiligt sind, aber der Geist, der dazu befähigt, ist nicht mehr geworden. Jeder hat nur noch ein bisschen davon, und wer weiß, was das für Auswirkungen haben kann.
Immerhin wird es eine Entlastung für Mose sein. Nicht jeder wird mehr mit seinem Anliegen zu Mose kommen. Aber zugleich mag man sich fragen, ob nicht Mose es mit der Menge Geist, die ihm vorher zur Verfügung stand, nicht auch alleine hätte schaffen können? Schlie├člich ist der Geist, der auf ihm ruht, jetzt ja weniger geworden, und wer weiß, ob nicht die verbliebene Menge so wenig ist, dass er am Ende wieder darüber klagt, es sei ihm alles zu viel...
Ich möchte das Ganze durch ein Experiment verdeutlichen, das wir uns allerdings in der Durchführung nur vorstellen können, weil zu einer Vorführung die Mittel fehlen.
Nehmen wir 1 kg Salz. Das tun wir in ein Gefäß mit einem Liter Wasser. Das Ergebnis wird ganz schön salzig sein, wohl kaum trinkbar. Jetzt stellen wir 71 Gefäße mit je einem Liter Wasser auf – eins für Mose und die übrigen 70 für die Ältesten. Da wir das Salz aus dem Wasser im ersten Behälter nicht mehr rausbekommen (Gott würde das schon hinkriegen), müssen wir nun mit einem kg Salz von vorne anfangen. Nehmen wir 500 gr für Mose, und auf die übrigen 70 Gefäße verteilen wir den Rest: das macht etwa 7 Gramm pro Liter. Da kann man das Wasser sogar noch trinken. Es ist kaum etwas zu spüren von dem Salz.
Und doch merkt man, dass es da ist, vielleicht nur dadurch, dass das Wasser plötzlich einen Geschmack entwickelt, woher, weiß man gar nicht so genau.
So ähnlich verhält es sich mit dem Geist Gottes. Es ist egal, ob man viel oder wenig davon hat: man spürt seine Existenz.
In dem Experiment ist von einem Kilo Salz die Rede – ich vermute mal, dass der Geist Gottes in größeren Mengen vorhanden ist und nicht so schnell erschöpft werden kann. Aber auch dann, wenn in jeden Liter Wasser weit weniger als ein Gramm käme: das Salz würde dieses Wasser durchdringen, so wie der Geist Gottes die Menschen durchdringt.
In der Erzählung unseres Predigttextes wird es ganz deutlich erkennbar durch die Art und Weise, wie sich die Ältesten plötzlich verhalten: wie die Propheten geraten sie in Verzückung und hören damit nicht auf. Es ist ein Zustand der Ekstase, sie sind außer sich, vielleicht tanzen sie wild herum oder beginnen zu singen.
Der Geist Gottes ist zwar unsichtbar, aber er macht sich bemerkbar, er ist spürbar. Das muss nun nicht unbedingt dadurch erkennbar werden, dass man wie ein Derwisch umhertanzt. Der Geist wird auf vielfache Weise erfahrbar.
Paulus nannte das Geistesgaben. Und er konnte eine Menge davon aufzählen: Prophetie, Heilung, Weisheit, Glaube, Geister unterscheiden, Erkenntnis, Zungenrede – die Liste ist damit längst nicht erschöpft. Gott schenkt diese Gaben durch seinen Geist.
Vielen mag es so scheinen, als habe der Geist ihnen nichts zugeteilt, als seien sie leer ausgegangen. Immerhin scheint das zu Moses Zeiten ebenso gewesen zu sein. Insgesamt 71 Personen hatten den Geist, die übrigen, viele tausend, nicht.
Ist es so? Sollen wir uns damit zufrieden geben?
Wenn ja, müssten wir uns wohl auf die Suche begeben nach denen, die den Geist haben bzw. in denen der Geist Gottes wirkt. Denn was wäre die Kirche ohne ihn?
Aber es ist ja nicht so. Vielmehr wird Gottes Geist einem jedem zuteil durch die Taufe. Das ist Gottes Geschenk an uns.
Wie gehen wir mit diesem Geschenk um? Damals, zur Zeit des Mose und beim ersten Pfingstfest, schien es so, als ob man sich gar nicht gegen die Auswirkungen des Geistes wehren könne. Er überwältigte einen, drängte die Menschen nach draußen, ließ sie auffallen. Der Geist predigte durch sie.
Heute hat man das Gefühl, dass der Geist wegrationalisiert wurde. Wenn man eine Regung in sich spürt, unterdrückt man sie lieber, um ja nicht aufzufallen. Aber was für eine Kirche ist das, wenn sie nicht dem Geist Gottes Raum gibt? Wenn sie ihm nicht erlaubt, die Kontrolle zu übernehmen?
Fragen wir anders herum: was für eine Kirche ist es, die dem Geist Gottes Raum gibt? Nun, ich glaube, dass das eine lebendige, bewegte Kirche ist. Eine Kirche, in der sich Menschen gegenseitig spontan und ohne Aufforderung helfen. Eine Kirche, in der man anderen mit Rat und Tat zur Seite steht. Eine Kirche, in der man füreinander betet, auch in der Öffentlichkeit, wenn es nötig ist. Eine Kirche, in der man sich nicht auf Geld, sondern auf den Geist Gottes verlässt. Eine Kirche, die nicht dreißig Jahre oder mehr in die Zukunft plant, sondern die darauf vertraut, dass der Herr der Kirche für das Morgen sorgt.
Es ist Pfingsten, das Geburtsfest der Kirche, das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes. Finden wir den Mut, uns auf diesen Geist einzulassen, der auch heute derselbe ist, wie er damals war.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Nun bitten wir den Heiligen Geist (EG 124)
Komm, Heiliger Geist, Herre Gott (EG 125)
Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist (EG 126)
Heilger Geist, du Tröster mein (EG 128)
Komm, o komm, du Geist des Lebens (EG 134)
O komm, du Geist der Wahrheit (EG 136)