das Kirchenjahr

1. Sonntag im Advent

Der kommende Herr

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe I - Mt 21, 1-11

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt,
den Vers ein jedes Kind schon kennt,
und denkt bei sich, bald wird er kommen,
zu allen, die sich gut benommen.
So warten sie ganz aufgeregt,
und hoffen, dass er sich bewegt
von seinem Heim in weiter Ferne,
dort, wo am Horizont die Sterne.
Und wer noch rät, wer das wohl sei
dem helf' ich kurz und knapp dabei:
Knecht Ruprecht mit dem schweren Sack
ist's, der den Kindern Freude macht.
Sie nennen ihn auch Nikolaus,
der mit dem klitzekleinen Haus,
und andre sagen dann und wann,
es sei der liebe Weihnachtsmann.
Der Grund der Freude, ist doch klar,
das macht es ja so wunderbar,
das sind die Mengen von Geschenken,
an die sie immerzu nur denken.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt,
Den Vers ein jeder Mensch noch kennt,
erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier,
ohje, das Christfest vor der Tür!
Das heisst doch: auf! Geschenke kaufen,
zum xten Mal zum Laden laufen,
das Geld rinnt schneller durch die Finger,
der Kontostand wird nur geringer,
da soll man auch noch fröhlich sein,
wenn alle nach Geschenken schrein?
Was kauf ich nur für jene, diesen,
viel wird im Laden angepriesen,
doch wenn er das dann gar nicht mag,
ist auch dahin der schöne Tag,
und so erstreckt sich dann die Suche-
dass niemand mir den Tag verfluche...

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt,
Ein Lichtlein, das ein jeder kennt,
ein Licht, das funkelt und auch strahlt,
ein Licht, das manche Schatten malt,
ein Licht, das uns den Weg erhellt,
ein Licht, das uns den Gruß bestellt:
Advent, es ist die Zeit des Wartens,
und nicht des emsig, eifrig Startens
in einen Kauf- und Sinnesrausch
der endet im Geschenketausch.

Nein, Warten, das ist angesagt,
und wer so recht zu warten wagt,
der wird alsbald im Geist erfahren:
was einst geschah vor vielen Jahren,
dass Gottes Sohn ward dort gebor'n,
das ist auch heute nicht verlor'n,
es ist für die Glückseligkeit
und all der Kinder Fröhlichkeit
die Ursach und der einzig Grund,
das tut uns das Wort Gottes kund.
Der Herr, er kam, als kleines Kind,
das auf sich nahm all uns're Sünd,
er kam, weil es so dunkel war,
er kam, und bracht' das Licht uns dar,
das Licht, das alles helle macht,
sogar der Seele tiefste Nacht.
Er schenkt uns Hoffnung, Liebe, Mut,
er hilft, er richtet alles gut.

Advent, da soll'n wir uns besinnen
auf das, was Gott will wohl beginnen
mit uns und unserm ganzen Leben,
dass wir nicht nur nach Wohlstand streben.
Des andern Wohl soll uns allein,
und auch in Zukunft wichtig sein.
Gott schenkt uns dazu auch den Mut,
denn letztlich macht er alles gut.
Er ist mit seinem Geist dabei,
das macht uns alle richtig frei,
damit wir sehn, wie's andern geht
und wie's um unsern Nachbarn steht.

Wir sollen auch ja nicht vergessen,
wem wir verdanken unser Essen,
denn das sind Menschen, weit entfernt,
wie man schon in der Schule lernt,
die werkeln dort für wenig Lohn -
im Grunde ist es ja ein Hohn:
Damit wir hier schön billig leben,
kann niemand dort nach Wohlstand streben,
Sie leben dort in kleinen Hütten,
und wenn es mal beginnt zu schütten,
dann wird die Hütte fortgeschwemmt,
und mit ihr noch das letzte Hemd.
Mit wenig kann man vieles tun,
drum lasst uns heute auch nicht ruhn.

Advent - lasst uns doch in uns gehn
und sie dort nicht im Regen stehn.
Lasst uns mal jenen Freude machen,
die sonst nichts haben mehr zum Lachen.
Dann wird das Christfest dieses Jahr,
vielleicht mal anders - so wie's war
vor vielen hunderten von Jahren,
als wir noch nicht geboren waren.
Denn damals in der heil'gen Nacht
da haben Hirten wohl gewacht,
und ihnen ward zuerst gesagt
was heut' fast keiner glauben mag:
dass dieses Kind der Heiland ist,
der Herr, der Helfer Jesus Christ.
Das Kind in Armut war geborn,
Gott hatte es sich auserkorn.
Drum sollen wir daran nun denken,
wenn wir uns wieder mal beschenken.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt,
damit ein jeder Mensch erkennt,
dass Gott für uns den Frieden will,
dass es mal werde richtig still,
dass niemand mehr in Ängsten lebe,
dass jeder nur nach Frieden strebe,
dass wir vertrauend uns begegnen,
damit es Segen möge regnen
auf diese uns're arme Welt,
in der, wie's scheint, nur zählt das Geld.

Advent, Advent, lasst uns das Licht
das heut' erstrahlt, vergessen nicht.
Lasst es uns in die Welt reintragen,
heut' und an allen andern Tagen,
Damit es werde hell im Herzen
und niemand leide große Schmerzen,
damit sich freu'n kann alle Welt,
weil ihr das Heil ist schon bestellt.
Amen, das sagen wir zur Stund,
Amen, wir tun der Welt es kund.

Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Macht hoch die Tür (EG 1)
Nun komm der Heiden Heiland (EG 4)
O Heiland, reiß die Himmel auf (EG 7)
Nun jauchzet, all ihr Frommen (EG 9)
Wie soll ich dich empfangen (EG 11, 1-3)
Tochter Zion (EG 13)
Dein König kommt in niedern Hüllen (EG 14, 1-3.5)

Predigtvorschläge zu Reihe II - Röm 13, 8-12

Liebe Gemeinde!
Es gibt Kirchen (so wie diese), in denen die Zahl der Touristen, die sie aufsuchen, höher ist als die Zahl der Gottesdienstbesucher. Das ist auch nicht verwunderlich. Kirchengebäude haben etwas Anziehendes.
Manche faszinieren durch ihre Architektur, viele durch ihre Größe, viele durch besondere Kunstwerke, die sie beherbergen, viele durch Schmuck und Zierrat, mit dem sie verschönert wurden.
Auch Menschen, die sich schon vor langer Zeit von der Kirche abgewandt haben, finden den Weg dorthin. Vielleicht ist es nur rein fachliches Interesse an den Kunstwerken oder der Architektur, die sie treibt; vielleicht ist es aber auch die Suche nach einem tieferen Sinn, die Suche nach einer Antwort auf die große Frage des Lebens. Kirchengebäude scheinen noch am ehesten geeignet, darauf eine Antwort zu geben.
Aber warum ist das so?
Die Architektur zum Beispiel führt oft den Blick nach oben, zu Gott hin – so meinte man, als solche Kirchen gebaut wurden. Man meinte, Gott sei irgendwo oben im Himmel zu finden – schließlich wird das Wort „Himmel“ in der Bibel ja auch oft als Wohnsitz Gottes genannt. Dass es sich dabei nicht um den Himmel, der sich über uns wölbt, handelt, sondern um eine Metapher für das Reich Gottes, wissen wir eigentlich erst, seitdem wir unsere Erde als einen relativ kleinen Planeten in einem riesigen Universum realisiert haben.
In ihrer majestätischen Größe lassen die Kirchen den Menschen klein erscheinen und dadurch staunend erkennen, dass es noch etwas Größeres geben muss, das unser Leben bestimmt.
Manche Kunstwerke vermitteln etwas von der Kraft des Glaubens, der Menschen zu aufopferungsvollen Taten bewegte – z.B. zum Bau einer solchen Kirche.
Winkel und Ecken geben den Kirchengebäuden etwas Geheimnisvolles; sie erinnern an die Suche nach dem, was das Leben ganz, ja, heil werden lässt. Das Alter mancher Gegenstände führt die Gedanken zurück in eine längst vergangene Zeit, manche Symbole weisen andererseits in die Zukunft.
Auch in unserer Kirche finden wir viele Symbole und Zeichen. Das beginnt mit der Form des Grundrisses, der wie ein Kreuz gestaltet ist.
In der Apsis im hohen Chor sehen wir z.B. die Symbole der vier Evangelisten.
Die Kapitelle mancher Säulen veranlassen die Menschen zu verschiedenen Deutungen.
Auch die bewusst in die Kirche eingebaute scheinbare Ungenauigkeit der Architektur, die wir an der Südwestecke des Gebäudes sehen können, ist Symbol und soll uns hinweisen auf die Vollkommenheit Gottes im Gegensatz zur Unvollkommenheit des Menschen.
Das himmlische Jerusalem im Gewölbe des hohen Chors, die Engel mit den Räuchergefäßen und vieles mehr machen unsere Kirche zu einem Ort, dem etwas Rätselhaftes und Geheimnisvolles innewohnt, so wie Gott uns oft rätselhaft und geheimnisvoll erscheint.
Und da erkennen wir wieder: Die Kirchen sind besonders dazu geeignet, uns Gott nahe zu bringen, selbst wenn dies nur dadurch geschieht, dass sie uns die Rätselhaftigkeit Gottes bewusst machen.
Ein weiteres Symbol, das wir nur zu einer bestimmten Zeit in den Kirchen finden, ist der Adventskranz, der uns heute mit seinem ersten Licht zur Vorbereitung auf das bevorstehende Christfest auffordert.
Kirchen sind Gebäude, die Gottesnähe vermitteln wollen. Sie helfen uns, Antworten auf die Fragen des Lebens zu finden, indem sie auf den Allmächtigen Gott, unseren himmlischen Vater, verweisen, der unser Leben in seiner Hand hält, der uns in der Taufe als seine Kinder angenommen hat und letztlich unser Leben vollendet.
Aber vor allem und in erster Linie sind Kirchen Gottesdiensträume, Orte, an denen sich die Gemeinde versammelt, um gemeinsam Gott zu loben, zu ihm zu beten, auf sein Wort zu hören und die Sakramente zu empfangen.
Denn erst durch den Gottesdienst wird der Raum wirklich lebendig; durch den Gottesdienst erhalten die Symbole und Bilder, die den Raum gestalten, ihre Bedeutung und Ausstrahlungskraft. Eine Kirche, die keine Gottesdienstgemeinde hat, ist keine Kirche mehr, sondern nur noch Kulturraum.
Wir brauchen solche Räume, denn als christliche Gemeinde ist uns ein Auftrag gegeben, der ohne die Möglichkeit der Vergewisserung, ohne den Zugang zu der Quelle, die uns Kraft und Ausdauer verleiht, nicht umzusetzen ist.
Der Auftrag wurde uns in der Epistel durch die Worte des Paulus vermittelt. Er lässt die 10 Gebote gipfeln im Gebot der Nächstenliebe, so wie Jesus es getan hat, als er nach dem wichtigsten Gebot gefragt wurde:
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Eine Konfirmandin fragte mal: „Was, wenn man sich selbst hasst?“
Nun, es gibt Menschen, die meinen, sich selbst um des Nächsten willen verachten zu müssen. Aber sie tun sich und ihren Nächsten damit keinen Gefallen, und früher oder später werden sie das auch selbst feststellen müssen.
Indem sie sich selbst verachten, um dem Nächsten besser dienen zu können, werden sie schwach und verlieren letztlich die Kraft, die sie brauchen, um den Dienst an ihren Mitmenschen tun zu können. Man muss schon auf sich selbst achten, auch und gerade, wenn das Leben eigentlich nur aus der Hinwendung zu den Mitmenschen besteht. Und da kann der Gottesdienst zu einer großen Hilfe werden.
Aber das ist doch noch etwas anderes, als wenn ein Mensch sich selbst hasst. Ein solcher Mensch kann seinen Nächsten nicht lieben. Er ist zu sehr auf sich selbst konzentriert. Sein Selbsthass ist im Grunde ein Ruf nach Hilfe, aber das nimmt man kaum wahr. Wer sich selbst hasst, dem fehlt die Erfahrung der Liebe Gottes.
Als christliche Gemeinde sind wir aufgefordert, unsere Augen und Ohren aufzusperren – nicht, um Gerüchte aufzunehmen oder weiterzugeben, sondern um zu erfahren, wo Menschen in Not sind und Hilfe brauchen – auch solche Menschen, die sich selbst hassen. Ihnen die Liebe Gottes zu vermitteln, ist vielleicht das Schwerste, was uns zu tun aufgetragen ist. Aber es ist nicht unmöglich. Und manchmal bedarf es nur des ersten Schrittes, alles Weitere ergibt sich dann von selbst, denn der Geist hilft unserer Schwachheit auf, wie es Paulus so schön im Brief an die Römer formulierte (Röm 8, 26). Und Gott hilft uns, wenn wir uns ihm zuwenden im Gebet.
Liebe deinen Nächsten – eine Gemeinde, die nach diesem Gebot lebt, hat im Grunde schon alle Gebote erfüllt. Sie kann, vielleicht sogar, ohne es zu bemerken, diese Welt, die so sehr von Not und Elend gekennzeichnet ist, verändern. Sie greift ein in das Weltgefüge, weil sie sich selbst von der Liebe Gottes getragen weiß. Sie kann Großes vollbringen, indem sie im Kleinen tätig wird.
Die Nacht ist vorgerückt“, mahnt uns Paulus und erinnert uns an das Kommen des Herrn, mit dem wir zu jeder Stunde rechnen sollen.
„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer“, ruft uns der Prophet Sacharja zu. Während wir unseren Weg gehen, während wir Nächstenliebe üben, kommt uns der Tag entgegen, von dem wir auch in dem Lied Jochen Kleppers singen:
1. Die Nacht ist vorgedrunden, der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

3. Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.

5. Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.

Darauf kommt es an: dass wir gewiss sind und damit rechnen, dass unser König kommt, der Gerechte und Helfer, dass er schon auf dem Weg ist. Lasst uns darauf vertrauen, denn aus dieser Zusage schöpfen wir Kraft für unseren Alltag.
Lasst uns die Waffen des Lichts anlegen, fordert Paulus uns auf – die Waffen des Tages, Waffen, die nicht verletzen, sondern heilen. Zu den Waffen des Lichts zählt die Liebe.
So ungerne wir von Waffen reden: gerade wenn es um die Liebe geht, kann manchmal die Vorstellung, mit der Liebe eine Waffe in der Hand zu halten, ganz hilfreich sein.
Denn viele Menschen denken ja, dass Liebe etwas für Weichlinge sei, für Menschen, die sich nicht durchsetzen können. Sie verstecken sich nur hinter dem Wörtchen Liebe, meint man, um sich keine Blöße geben zu müssen.
Aber Liebe ist stark, und sie macht stark. Liebe kann die Welt verändern – das hat Jesus Christus selbst bewiesen. Liebe ist die Waffe, die das Böse dieser Welt zerschlagen kann. Liebe braucht Mut, denn sie passt nicht in eine Welt, die dem Mammon dient, die sich einzig und allein dadurch definiert, dass unterm Strich keine roten, sondern schwarze Zahlen stehen. Es erfordert Mut, sich dieser Welt, die die Liebe nicht kennt, allein mit Liebe entgegen zu stellen.
Aber wir dürfen gewiss sein: Wenn wir das tun, wird Gott uns zur Seite stehen. Denn die Liebe, das ist seine Waffe. Liebe, die den Menschen sucht, ohne ihn zu erdrücken. Liebe, die befreit von den Fesseln des Todes. Liebe, die lebendig macht.
Dass wir dies erfahren, dass wir dies auch weitergeben, dazu helfe uns Gott.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Nun komm, der Heiden Heiland (EG 4)
Gottes Sohn ist kommen (EG 5, 1-3)
O Heiland reiß die Himmel auf, (EG 7)
MIt Ernst, o Menschenkinder (EG 10)
Tröstet, tröstet, spricht der Herr (EG 15, 1.4.6)
Die Nacht ist vorgedrungen (EG 16, 1-4)
Wach auf, wach auf, du deutsches Land (EG 145)
Herz und Herz vereint zusammen (EG 251)
Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt (EG 413)

Predigtvorschläge zu Reihe III - Sach 9, 9-10

Die nachfolgende Predigt wurde für den Abschnitt Sach 9, 8-12 gehalten.

Liebe Gemeinde!
Es ist nicht so einfach mit den Propheten. Das fängt schon an mit der Aussprache dieses Namens: Sacharja. Es ist ungewohnt, es klingt merkwürdig. Aber nur für uns. Es war ein häufiger Name in Israel, Sacharja, der eine so schöne Bedeutung hat: „Gott gedenkt“. Alles weitere kann man selbst hinzudenken: Gott gedenkt an mich – er gedenkt an sein Volk – er gedenkt des Elends, das Manchen widerfahren ist; Gott gedenkt.
Wir kennen den Namen vielleicht in der griechischen Lesform, die uns dann auch leichter über die Lippen geht: Zacharias. Ein schöner Name, so fremd er heute auch in unseren Ohren klingen mag.
Doch dieser Name, der Klang, ist nur ein äußerliches Problem. Man hat herausgefunden, dass das Buch Sacharja eigentlich nur bis zum Ende des 8. Kapitels wirklich ein und demselben Menschen, Sacharja, zuzuschreiben ist. Die folgenden Kapitel sind Worte anderer Propheten, deren Namen wir nicht kennen. Vielleicht aber hießen auch sie Sacharja, und darum bleiben wir dabei: diese Worte stehen im Buch des Propheten Sacharja. Es ist leichter, als zu sagen: im Buch des unbekannten Propheten.
Eines zeichnet den zweiten Sacharja, wie er auch genannt wird, aus: Er beginnt seine Aufzeichnungen mit den Worten: Wort des Herrn.
Und es sind gute Worte, tröstende, beruhigende Worte.
Gott spricht:
Ich will mich selbst um mein Haus lagern.
Ein merkwürdiges, zugleich aber schönes Bild. Man möchte es sich vor Augen malen, ja, vielleicht sogar auf Leinwand, aber wie kann man das? Denn es ist doch schier unmöglich, dass sich einer um ein ganzes Haus herum lagert. Er kann bestenfalls 3 Seiten bewachen, die vierte Seite bleibt unbewacht.
Aber das sind Menschen, die so eingeschränkt sind. Gott ist da anders. Und das wird in diesem Bild deutlich: er lagert sich um sein Haus herum.
Sein Haus: das ist nicht etwa ein Gebäude, wie wir es kennen. Gemeint ist vielmehr das Haus Israel, das Volk Gottes. Das ist sein Haus.
Wenn man bedenkt, dass sich das Volk Gottes inzwischen in der ganzen Welt niedergelassen hat, dann bekommt auch dieses Wort noch einmal einen besonderen Sinn: Gott umlagert die ganze Welt, er wacht über die, die darin wohnen und ihm vertrauen. Wie gut, dass wir uns unter seinem Schirmen geborgen wissen dürfen.
Und dann folgt das Wort, aus dem auch der Wochenspruch des 1. Sonntags im Advent entnommen ist:
9 Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.
Recht wunderlich mutet das an, ein König auf einem Esel. Das passt nicht. Vielmehr reiten Könige auf starken Rossen; auch der große Prophet Elia wurde in einem feurigen Wagen mit feurigen Rossen in den Himmel gehoben, und nur mit starken Rossen zog der König in den Krieg.
Esel hingegen waren Lasttiere, die zwar, so lange sie lebten, hoch geachtet wurden, weil man ihnen viel zu verdanken hatte. Starben sie aber, wurden sie verscharrt und nicht mehr beachtet, denn es waren unreine Tiere.
Dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm -
dieser König ist anders als andere Könige. Er ist kein Herrscher, er ist kein Krieger, sondern ein Helfer. Das ist eine Eigenschaft, die den Herrschenden meist abgeht, weil sie stets glauben, das Große und Ganze sehen zu müssen, und das dann auf den Schultern des Volkes austragen.
Herrscher legen dem Volk Lasten auf, sie beladen es schwer. Doch nicht dieser König, von dem Sacharja redet. Der ist ein Gerechter und ein Helfer, der nicht mit Gold und Silber prahlt, nicht mit schönem Schmuck oder mit prächtigen Rossen. Sein Schmuck ist Gerechtigkeit. Er ist der Helfer, auf den alle warten. Der, der sich zum Gebeugten niederbückt und ihm wieder aufhilft.
Er ist ein König des Friedens, der keine Rosse und Wagen braucht. Er ist der Friedensbringer.
Aber wie kann es sein, dass ein solcher König, der nichts hat, um seine Macht durchzusetzen, überall Frieden herrschen kann, in der ganzen Welt, von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde? Wie soll das angehen?
Das Unmögliche, von dem die Propheten reden, ist eine Tat Gottes. Sie entzieht sich unserer Vorstellungskraft, sobald wir diesen Friedensbringer, den Messias, als Menschen vorzustellen versuchen. Er ist mehr als das. Er ist der Gesalbte Gottes, ja, er ist der Sohn Gottes. Und ihm ist nichts unmöglich, auch das Unmögliche nicht.
Propheten reden von Gott – sie beginnen damit bereits, wenn man ihre Namen hört: Sacharja: Gott gedenkt. Er gedenkt an uns, er lässt uns nicht allein. Gott kommt.
Advent – Ankunft. Der König kommt. Der, der auf einem Esel reitet und nicht auf einem prächtigen Ross. Ein König, der Leben schafft, anstatt es zu nehmen. Ein König, für den es sich zu leben lohnt. Lasst uns feste Tritte tun auf dem Weg ihm entgegen.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Macht hoch die Tür, die Tor macht weit (EG 1)
Es kommt ein Schiff geladen (EG 8)
Nun jauchzet, all ihr Frommen (EG 9)
Tochter Zion, freue dich (EG 13)
Dein König kommt in niedern Hüllen (EG 14)
Gloria sei dir gesungen (EG 535)

Predigtvorschläge zu Reihe IV - Jer 23, 5-8

Liebe Gemeinde!
„Früher war alles besser”. Diese Worte haben mich, als ich noch jünger war, manchmal ganz schön aufgeregt. Was sollte denn an „früher" besser gewesen sein? Der Krieg? Der Idealismus? Der enorme wirtschaftliche Aufschwung? Die Zucht und Ordnung? Gehorsame Kinder, die auch in der Schule stets aufpassen und nur gute Zensuren nach Hause bringen?
Ich konnte dem „Früher”, das da angesprochen wurde, nichts abgewinnen. Als ich älter wurde und unsere Kinder heranwuchsen, wurde mir bewusst, dass sie in einer anderen Welt aufwachsen als in der ich aufgewachsen war. In meiner Jugend war ich enorm stolz auf eine Schreibmaschine, die ich zu meinem 10. Geburtstag bekommen hatte. Nichts tat ich lieber als Geschichten auf der Schreibmaschine schreiben, wobei ich natürlich schon sehr darauf achten musste, möglichst wenige Tippfehler zu machen.
Heute geht das mit dem Computer, und dazu noch deutlich einfacher als damals. Wenn man ein bisschen aufpasst und die Rechtschreibprüfung richtig zu nutzen weiß, kann man auch dann noch passable Texte verfassen, wenn man mit der Rechtschreibung nicht so gut zurecht kommt. Tippfehler werden einem manchmal sogar automatisch korrigiert.
Für unsere Kinder war das natürlich eine große Hilfe. Und auch ich ging mit der Zeit, lernte nicht nur den PC zu benutzen, sondern auch zu programmieren.
Aber mir wurde auch bewusst, dass es in meinem „Früher” anders war als es heute ist, und ich empfand die damalige Zeit als angenehmer, interessanter, vielleicht auch aufregender. Während unsere Kinder nicht wenig Zeit mit Computerspielen und GameBoy usw. totschlugen, spielte ich noch mit Freunden, bastelte mir aus einem Trix-Metallbaukasten einen Kran oder andere Dinge, half dem Hausmeister bei der Gartenarbeit und überlegte mir so manchen Streich, den ich den Erwachsenen spielen konnte und manchmal dann auch aufrichtig bereute.
Und so sagte ich dann lieber: „Früher war alles anders” als „Früher war alles besser”. Denn manches ist heute tatsächlich besser als vor 50 Jahren.
Aber dass heute alles anders ist, stimmt ja auch nur bedingt, denn es kann gar nicht alles anders gewesen sein. Es gibt Dinge, die verändern sich nicht, wie z.B. das Geborenwerden und das Altwerden und Sterben. Die Umstände, die Hilfsmittel usw. ändern sich, aber der Vorgang selbst bleibt derselbe.
Wenn man auf diese und andere Dinge schaut, die zum Menschsein gehören, dann merkt man, dass das Wesentliche, das, was uns ausmacht, konstant bleibt und über Jahrhunderte konstant geblieben ist. Jeder Mensch erlebt diese ganz fundamentalen Vorgänge des Lebens auf ganz eigene Weise, und so ist es wenig sinnvoll, darüber ein qualitatives Urteil zu fällen.
Dabei fällt auf: je älter man wird, desto deutlicher und wichtiger wird das Vergangene. Wir neigen dazu, unser Leben von der Vergangenheit, d.h. von unseren Erfahrungen her zu definieren und zu beurteilen. Was haben wir geleistet? Wie weit sind wir im Leben gekommen? Geht es uns besser als damals unseren Eltern (was sich ja auch unsere Eltern für uns wünschten)? Was können wir vorzeigen als Errungenschaft unseres Lebens?
Gleichzeitig fällt es immer schwerer, sich mit dem Hier und Jetzt abzufinden, und es wird noch schwerer, die Zukunft in den Blick zu nehmen. Dabei ist unsere eigene, persönliche Zukunft vielleicht gar nicht mal mehr so relevant. Wir denken aber durchaus auch an unsere Nachfahren, an die Jüngeren, da wir mittlerweile doch einen recht geschulten Blick für die globale Entwicklung haben, während man sich früher wohl im wesentlichen mit seinen Gedanken und Erfahrungen nur innerhalb der heimischen Grenzen bewegte.
Da ist z.B. die globale Erwärmung ein zentrales Thema geworden, das die Gemüter bewegt. Wie werden die klimatischen Bedingungen in 50 Jahren sein?
Der sorglose Umgang mit der Atomenergie und deren scheinbar leichte Verfügbarkeit hat uns anfangs völlig das Problems des nuklearen Mülls vergessen lassen. Heute bedrängt uns die Frage, wohin wir mit den strahlenden Resten sollen und vor allem, wer dafür aufkommen soll? Können wir Material, das noch jahrhundertelang radioaktiv ist, wirklich so sicher deponieren, dass niemand dadurch zu Schaden kommt?
Oder wir denken an den Raubbau der Natur, durch den die natürlichen Rohstoffe, die für die technische Entwicklung notwendig sind, verbraucht werden. Wobei das nicht das einzige Problem ist, sondern vielmehr die politischen Auswirkungen dieses Raubbaus, die in manchen Ländern zum Bürgerkrieg führten und damit viele Menschen in großes Elend stürzten.
Die meisten politischen Konflikte, womit Kriege gemeint sind, sind in unserer Zeit direkt oder indirekt durch das Verlangen motiviert, die Nutzung der natürlichen Rohstoffe besser kontrollieren zu können. Was, wenn diese Rohstoffe verbraucht sind? Wie wird es dann weiter gehen?
Weiter bedrängt uns die Frage, wie es wohl mit der Rente weitergehen wird. Es kann doch nicht sein, dass Menschen, die über 40 Jahre lang gearbeitet haben, kaum mehr als das Nötigste zum Leben haben, wenn sie endlich in den Ruhestand gehen können?
Wir feiern heute den Beginn eines neuen Kirchenjahres. Es ist der erste Adventssonntag. „Advent” heißt „Ankunft”.
Diese Zeit lenkt unseren Blick von der vielleicht schon verklärten Vergangenheit hin auf die Zukunft. Sie ist von der Erwartung einer Zukunft geprägt, von der uns andere erzählt haben. Wir erwarten das Kommen des Herrn.
Im Evangelium wurde uns vom längst vergangenen Einzug Jesu in Jerusalem erzählt. Wir wissen, wie kurzlebig die Begeisterung der Menschen für den Messias Jesus war, für den, der von den Propheten, auch von Jeremia in unserem Predigttext, angekündigt worden war.
Paulus hat uns in seinem Brief an die Römer dazu ermahnt, aufzustehen vom Schlaf, weil unser Heil näher ist als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Denn jeder Tag bringt uns diesem Heil näher, jeden Tag kommt das Heil näher.
Zukunft. Manche möchten gar nicht darüber nachdenken, für sie genügt das Hier und Jetzt. Aber es ist wichtig, dass wir auch an die Zukunft denken, schon um unserer Kinder willen. Aber da ist noch etwas Anderes: denn es wird eine Zeit kommen, in der Gott von uns Rechenschaft fordern wird für das, was wir getan haben. Sein Urteil über uns wird gerecht sein, so wie Jeremia es formuliert - nicht in dem Sinne, dass genau aufgerechnet wird. Vielmehr wird Gott sein eigenes Handeln in Jesus Christus mit in den Blick nehmen. Er wird seine Gerechtigkeit zum Maßstab machen, und diese Gerechtigkeit basiert auf liebevoller Gnade. Diese wird aber nur von denen in Anspruch genommen werden, die sich auch auf die Liebe Gottes in Jesus Christus berufen und ihr Leben im Vertrauen auf diese Gnade geführt haben.
Wenn wir die Zukunft von Gott her sehen, dann können wir ganz getrost sein. Wir machen uns bewusst, dass alles, was uns anvertraut ist, nicht uns gehört, sondern eine Gabe Gottes ist, mit der wir verantwortungsvoll und mit Rücksicht auf unsere Mitmenschen umgehen müssen. Und das kann durchaus auch bedeuten, den Fortschritt nicht mit allen Mitteln vorantreiben zu wollen.
Denn etwas anderes ist wichtiger: Dass wir nicht aufhören, mit dem Kommen unseres Herrn zu rechnen.
Unser Predigttext verkündet ein Wort des Herrn, das eine Zukunft verheißt, die hoffnungsvoll ist. Nicht, weil der Mensch alles in den Griff bekommt, sondern weil Gott für sein Volk sorgt, weil er es wieder aus dem Exil zurück bringt in das Land, das er einst Abraham versprochen hat.
Das ist eine ganz konkrete Ansage für das Volk Israel, mit der wir zunächst nicht viel anfangen können. Aber sie vermittelt uns doch eine wichtige Botschaft, die auch für uns gilt: dass wir nämlich mit Gott rechnen können und dürfen, ja eigentlich, dass wir es müssen.
Denn wenn wir es nicht täten, dann müssten wir für die Zukunft doch das Schlimmste erwarten. Es wird Verteilungskriege geben, die irgendwann auch vor unserer Haustür nicht mehr Halt machen. Das Wetter wird sich derart verändern, dass riesige Flächen nicht mehr bewohn- und nutzbar sein werden. Nahrungsmittel werden knapp, der radioaktive Müll verseucht Grundwasser und Nahrungsmittel, Erbschäden sind die Folge. Und so weiter...
Jeremia lässt uns wissen: Gott kann das Blatt wenden. Indem wir auf ihn vertrauen und uns als Kinder Gottes erleben, werden wir auch das, was um uns herum und mit uns geschieht, ganz anders bewerten können, als es meist getan wird. Und wir können zu Werkzeugen in der Hand Gottes werden, wenn wir erkennen, wenn nicht wichtig ist, was ich vor den Menschen gelte, sondern was ich vor Gott gelte.
Ich möchte das anhand einer kurzen Geschichte verdeutlichen:
Da sitzen zwei ältere Menschen auf einer Parkbank. Nachdenklich beobachten sie spielende Kinder. Sie sehen, wie eines der Kinder hinfällt. Sie merken auch, von der Weisheit des Lebens erfüllt, dass das Kind erst zu schreien anfängt, als die Mutter erschrocken den Namen des Kindes ruft und fragt, ob es sich wehgetan habe.
Sie sehen, wie das Kind nur wenige Sekunden später schon wieder fröhlich und offenbar ohne Schmerzen am Spiel der anderen Kinder teilnimmt und fröhlich über den Rasen rennt.
Und dann sagt, während er seine Hände auf seinen Stock stützt, der eine zum anderen: „Ja, so waren wir früher auch einmal: voller Lebensfreude und ohne jede Angst. Es wäre doch schön, wenn man die Zeit noch einmal zurück drehen könnte.”
Beide schweigen eine Weile. Dann sagt der andere: „Das, was du da siehst, ist nicht unsere Vergangenheit, sondern unsere Zukunft.”
Verwundert fragt der erste: „Wie kommst Du denn darauf?”
Und der andere erwidert: „Weißt du nicht, dass wir unser Leben noch vor uns haben? Dass wir sein werden wie die Träumenden? (Ps 126, 1b) Dass Gott alles Neu machen wird - also auch uns? Dass wir wieder wie Kinder sein werden?”
Beide schweigen. Und dann fangen sie beide an, aus vollem Hals zu lachen.
Eine Passantin, die zufällig vorbeikommt, bleibt stehen und schaut die beiden alten Herren verwundert an. „Warum lachen Sie denn so?”, fragt sie schließlich.
Da antwortet der erste: „Weil wir Kinder Gottes sind!”
Kopfschüttelnd geht die Dame weiter, und langsam hören die beiden wieder auf zu lachen. Mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht sagt der andere:
„Ich habe gehört, dass sie noch Hilfe brauchen beim Deutschunterricht für die Flüchtlinge. Morgen gehe ich hin und biete meine Hilfe an.”
„Gute Idee”, sagte der erste. „Ich werde meinen Sohn besuchen und versuchen, mich mit ihm zu versöhnen. Ich verstehe gar nicht mehr, warum ich damals nicht bereit war, nachzugeben.”

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Sproß erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.” (Jer 23, 5)
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Er ist die rechte Freudensonn (EG 2)
Ihr lieben Christen, freut euch nun (EG 6)
O Heiland, reiß die Himmel auf (EG 7)
Mit ernst, o Menschenkinder (EG 10)
Die Nacht ist vorgedrungen (EG 16)