das Kirchenjahr

Quinquagesimae

Estomihi

Der Weg zum Kreuz

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe I - Lk 10, 38-42

Zu Beginn des Gottesdienstes, in dem die folgende Predigt gehalten wurde, haben die Teilnehmenden einen Stein in die Hand bekommen, auf den auch in dieser Predigt Bezug genommen wird.
Liebe Gemeinde!
Maria und Marta. Diese beiden scheint es wohl immer zu geben. Da ist immer die eine, die sich abrackert von morgends bis abends und nicht nur das Gefühl hat, das Leben zu verpassen, sondern auch meint, von anderen, die nichts tun, ausgenutzt zu werden.
Und dann ist da immer die andere, die sich einfach hinsetzt und alles um sich herum vergisst. Kein Aufräumen, kein Putzen, kein Essen machen: nein, sie hört zu, sie liest, sie sitzt entspannt in einem Liegestuhl und genießt die Wärme der Sonnenstrahlen und das Gezwitscher der Vögel.
Es ist klar, dass das nicht ohne Spannungen geht.
Da ist diese einmalige Chance: Jesus ist in das Haus der beiden Schwestern Maria und Marta eingekehrt, nachdem Marta ihn eingeladen hatte. Und nun spricht er – nicht nur zu ihnen, sondern zu allen, die mit ihm gekommen sind.
Das Haus ist voll, und Marta macht sich als pflichtbewusste Gastgeberin daran, alles so angenehm wie möglich zu gestalten. Sie besorgt ein besonders weiches Sitzkissen für Jesus, und breitet geflochtene Strohmatten für die anderen Gäste aus. Dann macht sie sich daran, das Essen zuzubereiten.
Immer stärker spürt sie dabei ein Unbehagen. Wenn ihr doch ihre Schwester Maria helfen würde. Aber nein, die hat sich gleich hingesetzt und angefangen, Jesus zuzuhören. Das ist unfair.
Während sie in der Küche mit dem Kochgeschirr beschäftigt ist und kaum ein Wort aufschnappen kann, sitzt ihre Schwester zu Jesu Füßen und kann alles genau verstehen. Eifersucht macht sich in Martas Herzen breit.
Und dann kriecht auch ein Zorn gegen Jesus in ihr hoch: er hätte doch warten können, bis sie fertig ist mit der Arbeit. Und damit das dann schneller ginge, hätte er ihr Maria in die Küche schicken können.
Vielleicht hätten die anderen dann ja auch mitgeholfen, aber von Gästen konnte man das nicht erwarten. Nur ihre Schwester, die hätte jetzt bei ihr sein müssen.
Schließlich reicht es ihr, und sie geht zu Jesus. Natürlich wirft sie ihm, dem hohen Gast, nicht vor, dass er mit seiner Rede nicht auf sie gewartet hatte, sondern sie bittet ihn nur, ihre Schwester aufzufordern, ihr zu helfen. Vielleicht hoffte sie ja auch insgeheim, dass Jesus dann warten würde, bis sie beide fertig wären.
Aber Jesu Antwort stößt sie vor den Kopf. Das hatte sie nicht erwartet. »Eins ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.«
Was Marta sich daraufhin wohl gedacht hat?
Vielleicht war sie betroffen, vielleicht sogar erschrocken. Vielleicht fragte sie sich, ob das, was Jesus da zu ihr sagte, bedeutete, dass ihr Handeln, ihr Dienst am Herrn der falsche Weg gewesen ist?
Vielleicht glaubte sie sogar, dass sie verloren war, dass ihre Seele nun nicht mehr gerettet werden konnte? Denn immerhin wurde ihre Wahl als falsch hingestellt.
Vielleicht ärgerte sie sich auch nur, dass Maria nun besser dran war als sie, obwohl sie sich so viel Mühe gegeben hatte!
Bei all diesen Überlegungen stand sicher noch eine weitere Frage im Mittelpunkt:
Hatte sie, Marta, sich jetzt etwa festgelegt auf ein Leben in Mühe und Sorgen? Konnte sie keinen Teil mehr haben an dem guten Teil, von dem Jesus sprach?
Ich glaube, dass Marta sich diesen Schuh nicht anziehen wollte.
Es ist richtig: Sie hatte Prioritäten gesetzt, so wie es immer notwendig ist, wenn man sich zwischen mehreren Möglichkeiten entscheiden muss. Sie hatte abgewogen, was wichtiger ist.
Wenn Gäste im Haus sind, dann ist die oberste Priorität, diesen Gästen zu dienen, ihnen den Aufenthalt im Haus so angenehm wie möglich zu machen. Das sollte also das schlechtere Teil sein, wenn sie das tat, was der Anstand und die guten Sitten ihr geboten?
Nein, das konnte nicht sein. Die Sorge für den Nächsten gehört ja wohl zu den wichtigsten Dingen, es steht in den Geboten, und Jesus selbst hat dies zum höchsten Gebot ernannt, neben der Liebe zu Gott. Erst kurz zuvor hatte Jesus das bekräftigt.
Und nun scheint er diese Sorge um den Nächsten zu disqualifizieren, mit den wenigen Worten, die wir eben gehört haben: »Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.«
Wenn wir diese Worte etwas genauer anschauen, dann fällt uns doch eins auf: Jesus tadelt Marta nicht. Ich glaube sogar eher, dass in den Worten »Marta, Marta«, mit denen er sie anspricht, ein liebevoller, verständnisvoller Ton anklingt.
Jesus sagt zu ihr, dass sie viel Mühe und Sorge hat, nicht dass sie sich diese erst gemacht hat. Marta ist nicht arbeitsbesessen, sie vergräbt sich nicht in Arbeit, aber sie hat diese Sorgen und Mühen auf sich genommen, sie fühlt sich dazu verpflichtet.
Dem gegenüber steht nun Maria, die sich sonnt in den erquickenden Worten Jesu. Das soll nicht von ihr genommen werden.
So haben beide ihren Teil an Jesus: die eine im Dienst an ihm, die andere im Hören. Und ist es nicht so: die beiden Schwestern leben doch zusammen. Wird nicht Maria ihrer Schwester von all dem, was Jesus erzählt hat, berichten? Wird sie nicht ihre Schwester daran teilhaben lassen?
Vielleicht ist das dann die Zeit für Marta, sich hinzusetzen und auszuruhen, sich in den Worten Jesu zu baden, die ihr von ihrer Schwester nacherzählt werden. Aber davon wird uns nichts erzählt. Es bleibt diese Spannung zwischen den beiden, und es bleiben die Worte Jesu, die auf den ersten Blick den Eindruck vermitteln, dass Stillsitzen und Zuhören das einzig richtige ist.
Maria und Marta: Es gibt sie immer, diese beiden, aber nicht unbedingt als Schwestern. Es gibt sie deswegen, weil man in allem, was man tut, stets auch den anderen sieht und sich mit ihm vergleicht. Man sieht auf den anderen und fühlt sich selbst ungerecht behandelt, denn es hat immer den Anschein, als ob der andere nichts tun müsse, damit ihm alles gelingt, wärend ich mich derart abmühen muss.
Das gilt ja eigentlich für alle Lebensbereiche. Immer scheint es dem anderen leichter von der Hand zu gehen. Immer haben wir das Gefühl, dass es der andere besser hat als wir.
In der Erzählung von Maria und Marta geht es aber um etwas ganz Spezifisches. Es geht um die Nähe zu Jesus, und wie sich diese Nähe verwirklichen lässt.
Marta glaubt, sie darin zu verwirklichen, dass sie Jesus dient. Maria verwirklicht sie darin, dass sie Jesus zuhört.
Beides ist notwendig. Die Mönche wussten, als sie sich aufmachten, um ein Leben im Hören auf das Wort Gottes zu führen, von dieser Notwendigkeit.
»Ora et labora« hieß ihre Devise, bete und arbeite. Habe Zeit für das Gebet, für die Betrachtung des Wortes Gottes, für das Hören auf Gottes Wort, aber arbeite auch, damit du leben kannst, denn dein Körper braucht Nahrung und ein Dach, Kleidung und so manches andere Hilfsmittel, das einem das Leben erleichtert. Sei auch immer bereit, dem anderen zu dienen, denn das ist es, was Jesus uns aufgetragen hat.
Bete und arbeite. Suche dir einen Raum der Stille, nicht unbedingt physisch, aber eine Zeit, in der du Gott begegnen kannst, eine Zeit, ihm zu Füßen zu sitzen. Höre auf ihn, lass ihn zu dir sprechen, und dann geh wieder an deine Arbeit.
Für uns, die wir Jesus auf die Weise, wie es Maria und Marta taten, nicht mehr begegnen können, ist es sehr schwer, das Gute an solch einem Freiraum zu erkennen.
Sonst wären unsere Kirchen sicher voll, denn die Kirche ist solch ein Raum, in dem wir uns von Gott ansprechen lassen können. Aber es geht wohl vielen so, dass sie diese Zeit als vertane Zeit ansehen. Sie haben noch nicht erkannt, dass das das gute Teil des Lebens ist.
Doch wissen die es besser, die solche Räume der Stille und des Hörens auf Gottes Wort nutzen. Für sie bekommt der Alltag mit all seiner Mühe und all seinen Sorgen einen anderen Stellenwert.
Der Alltag ist dem Leben untergeordnet. Er dient dem Leben, aber er beherrscht es nicht. Wir lernen durch das Hören auf Gottes Wort, die Last der Mühen und Sorgen ab zu legen, sie auf Jesu Schultern zu legen. Er ist bereit, sie für uns zu tragen.
Sie haben am Eingang Steine bekommen. Diese Steine sind Symbole für die Lasten, die wir mit uns tragen, mit denen wir unsere Schultern belasten, unseren Körper, unsere Seele. Wenn wir gemeinsam Fürbitte halten, lade ich Sie an einer Stelle ein, diese Steine, die Symbole für die Mühen und Sorgen, die uns belasten, hier auf dem Altar nieder zu legen. Da gehören sie hin, denn Gott will uns das gute Teil schenken, er will nur unsere Lasten von uns nehmen.
So schenke er uns Freiräume, in denen wir auf ihn hören, in denen wir einander von seinen Wundern erzählen, die wir selbst erlebt haben – vielleicht schon vor vielen Jahren – und in denen wir uns von ihm anrühren lassen. Er schenke uns Freiräume, in denen wir frei sind von allen Sorgen und Mühen, damit wir erkennen, was Not tut.
Amen

oder
Liebe Gemeinde,
Sie kennen das wahrscheinlich:
„Mutter!“, ruft der Mann seiner in der Küche arbeitenden Frau zu, während er selbst am Fernseher sitzt, „ich kann einfach nicht zusehen, wie du dich da abschuftest. Mach doch bitte mal die Tür zu!“
Wir lachen darüber – aber es ist eigentlich bitterer Ernst.
Denn so etwas gibt es wohl in den meisten Familien: der größte Teil der Familie setzt sich an den gedeckten Tisch. Bis sie an den Tisch kommen, sind vermutlich die meisten ihren Vorlieben nachgegangen, haben gelesen, am Computer gespielt, ferngesehen oder einfach nur gefaulenzt.
In der Regel ist es nur eine Person, die alles für den Rest der Familie vorbereitet hat. Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Früher sah man das als gerechte Aufteilung der Arbeit an: Der Mann verdiente das Geld, die Frau sorgte für den Haushalt, die Kinder wurden versorgt. Irgendwann wurden die Kinder dann angehalten, auch mitzuhelfen, aber das gelingt heute wohl auch immer seltener.
Trotzdem sich das Bild der Frau in unserer Gesellschaft gewandelt hat und viele Frauen auch mit Geld vedienen für den Unterhalt der Familie, begegnen wir solch einem Szenario in unseren Haushalten noch recht häufig.
Aber ich glaube andererseits, dass die, die solchen Service genießen und nicht auf die Idee kommen, selbst mit anzupacken, mittlerweile wenigstens ein bisschen ein schlechtes Gewissen haben und nicht so selbstbewusst darum bitten, die Tür zu zu machen.
Sie wissen schon, dass sie auch etwas helfen könnten und das nur fair wäre. Ich hoffe jedenfalls, dass es so ist. Nur ist jedesmal das, was sie gerade tun, dann doch wichtiger, bedeutender oder einfach nur spannender, als da mal den Tisch zu decken oder sonstwie im Haushalt mit zu helfen.
Und wenn wir das Ganze mal nicht als Beteiligte, sondern von außen betrachten, als Beobachter, dann müssen wir wohl zustimmen: das ist nicht fair.
Und nun haben wir da gerade etwas gehört, das diese unfaire Situation auch noch von höchster Stelle her, durch Jesus selbst, festzuschreiben scheint.
Das gefällt mir eigentlich ganz und gar nicht. Wie kann man so unfaires Verhalten auch noch gut heißen?
Überhaupt kommen Fragen auf, wenn man sich die Geschichte genauer betrachtet. Was für einen Sinn hat sie überhaupt?
Es geschieht kein Wunder, es gibt keine Offenbarung, sie ist auch nicht wirklich zur Weiterentwicklung der übrigen Vorgänge nötig. Sie steht einfach nur im Raum da und ist allen ein Ärgernis, die auch nur ein ganz geringes Gespür für Fairness und Gerechtigkeit haben.
Natürlich können wir andererseits wohl zustimmen, dass Maria das bessere Teil gewählt hat. Jesus zuzuhören, das ist ja schon was. Da sollte man kein Wort verpassen, wenn er spricht.
Aber wir wissen doch alle: das ist nur möglich, weil Martha für das Drumherum gesorgt hat. Sie erfüllt die Aufgaben des Gastgebers und hat darum keine Zeit, sich selbst hinzusetzen und zuzuhören. Wenn Maria ihr geholfen hätte, dann wären sie wenigstens nach einer überschaubaren Zeit beide fertig geworden und hätten sich zu Jesu Füßen setzen können.
So blieb es nur der einen vorbehalten, die sich schlicht über die Pflichten, der ihr als Gastgeberin eigentlich genauso wie ihrer Schwester oblagen, hinwegsetzte.
Das ist nicht fair. Und schlimm ist, dass Jesus der Martha dann auch noch sagt: Martha, Martha, du hast viel Sorge und Mühe. 42 Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.
Also hat Martha das schlechte Teil erwählt und ist selbst schuld an ihrem Elend? Das kann doch nicht wahr sein! Was hat das mit Nächstenliebe zu tun?
Zugegeben: es gibt auch Menschen, die sich gerne in die Rolle der Martha einfügen. Und es gibt Menschen, die sich gerne in die Rolle der Maria einfügen. Beide fühlen sich darin wohl, und so kann man dann nicht immer von mangelnder Fairness sprechen. Unfair ist es ja erst, wenn der eine den anderen auszunutzen beginnt.
In unserer Erzählung scheint dies aber der Fall zu sein. Zumindest empfindet Martha es so, und Maria vernachlässigt ihre Pflichten ja in dem Bewusstsein, dass Martha sie für sie mit wahrnimmt.
Die feministische Theologie hat die Geschichte so gedeutet: Jesus holt die Frauen aus ihrer dienenden Rolle, die ihnen in einer patriarchalischen Gesellschaft üblicherweise zugewiesen wird, heraus, er fordert sie auf, zu lernen und steilzuhaben an den bedeutenden Ereignissen, anstatt den Lernenden zu dienen.
Aber kann Martha das verstehen? Ich glaube nicht. Sie hört Jesu Worte nur so: du bist selbst schuld. Geh und tu deine Pflicht, aber lass Maria in Ruhe.
Es würde mich nicht wundern, wenn Martha das Handtuch schmeißen und das Haus verlassen würde. Aber über das Ende schweigt sich der Evangelist dann doch aus.
Wenn ich die Geschichte so für sich lese, dann gilt meine Sympathie nicht der zuhörenden und ruhenden Maria, sondern der sich abrackernden Martha. Sie tut einen guten Dienst, der nicht missachtet werden darf. Und doch tut Jesus genau das. Er wertet den freundschaftlichen, den gastfreundlichen Dienst ab, indem er das Nutznießen, das bloße Hinhören als das gute Teil (von offensichtlich zwei Teilen) bezeichnet.
Mit dieser meiner Sympathie befinde ich mich also nach dem Urteil Jesu auf dem Holzweg.
Aber worauf will das Ganze denn dann hinaus?
Wenn man sich den Zusammenhang dieser Geschichte anschaut, finden wir davor das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Dieses Gleichnis ist die Antwort auf die Frage eines Schriftgelehrten, der wissen will, was er tun muss, um das ewige Leben zu ererben. Jesus antwortet zunächst mit einer Gegenfrage: was steht im Gesetz?
Und der Schriftgelehrte antwortet:
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.
Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter ist dann die Antwort auf die nächste Frage des Schriftgelehrten: Wer ist mein Nächster?
Wir kennen das Gleichnis. Es macht uns deutlich, dass wir nicht zurückschrecken sollen, wenn Menschen unsere Hilfe brauchen, auch dann nicht, wenn irgend welche gesellschaftlichen oder anderen Konventionen uns eigentlich davon abhalten sollten. Der Nächste ist der, der uns braucht.
Und dann wird von dieser Begegnung zwischen Maria, Martha und Jesus erzählt. Und hier wird plötzlich die andere Seite so wichtig: Jesus zuzuhören.
Wenn wir das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter und die Erzählung von den beiden Schwestern so zusammen sehen, könnten wir sie so verstehen, dass beide die zwei Elemente des höchsten Gebotes veranschaulichen: die Liebe zum Nächsten und die Liebe zu Gott.
Beides hat seine Zeit. Wenn Jesus in ein Haus einkehrt, dann ist sicher nicht Aktionismus angesagt, sondern still werden und zuhören. Sich Gott zuwenden. Aber wenn der Nächste da ist und Dich braucht, dann ist das Handeln an der Reihe.
Man kann nun natürlich auch noch einwenden, dass auch im Handeln die Liebe zu Gott sichtbar wird. Schließlich erkennt Martha ja auch die Hoheit Jesu, das Besondere an ihm. Sie ruft ihn mit „Herr“ an, was im Griechischen „kyrie“ heißt, ein Wort, das uns von unserer Gotttesdienstliturgie her sehr vertraut ist. So wurde der König angerufen, dieses Wort galt dem Messias, dem Erlöser, und ist es bis heute geblieben.
Martha redet von ihrem Dienst an ihm, der im Griechischen Urtext mit dem uns bekannten Wort „Diakonie“ beschrieben wird. Auch das ist ein wichtiger Dienst der christlichen Gemeinde, der nicht einfach wegfallen kann. Kann man also das Hören wirklich gegen das Tun ausspielen, wie es in der Erzählung geschieht?
Was, wenn es sich bei den beiden Schwestern nicht um wirkliche Personen, sondern um Symbole handelt? Wenn sie beide Symbol dafür sind, wie sich Menschen zu Gott stellen können?
Dann kann man jedenfalls etwas gelassener an Maria herangehen, die in ihrer Begeisterung völlig vergisst, dass es auch noch etwas zu tun gibt in dem Haushalt, den sie normalerweise gemeinsam mit ihrer Schwester bewohnt und bewirtschaftet.
Und es könnte die Sympathie für Martha schmälern, denn auch wenn sie das Bedeutende an Jesus erkennt, ist sie doch nicht geneigt, die Chance zu ergreifen, sich hin zu setzen und auf ihn zu hören, vielleicht weil es ihr Angst macht, oder weil sie fürchtet, durchschaut zu werden. Anstelle dessen sucht sie sich alle möglichen Dinge, die ihr helfen, diese Begegnung mit Gott nicht zu erleben.
Aber dann tut sich wieder die Frage auf: warum fordert sie Jesus auf, Maria zu ihr zu schicken, damit sie ihr hilft? Denn sie könnte ja völlig mit dem, was sie tut, zufrieden sein, da es ihr ja hilft, ihr eigentliches Anliegen umzusetzen.
Dieser Ansatz scheint mir dann doch verfehlt, denn er wirft noch mehr Fragen auf, als wenn wir die Erzählung im Zusammenhang mit dem höchsten Gebot zu verstehen versuchen.
Es ist also so: Hören hat seine Zeit, und Handeln hat seine Zeit. Wir begegnen Gott in Beidem, aber auf ganz unterschiedliche Weise. Und wenn wir vor der Wahl stehen, weil beides gerade gefragt ist, dann heißt es, eine Entscheidung zu treffen. Was ist jetzt wichtiger? Und die Antwort finden wir wohl, wenn wir uns fragen, was von beidem aufgeschoben werden kann.
Es gibt in unserer Gemeinde beides, das Tun und das Hören.
Zum Tun gehören zum Beispiel der Besuchsdienst, die Kirchenaufsicht, das Austragen des Gemeindebriefs, der Kirchenvorstand, und dann immer wieder das Mit-Anpacken, wenn mal Hilfe gebraucht wird, z.B. beim Gemeindefest.
Zum Hören gehört zum Beispiel der Bibelkreis, aber auch all die anderen Kreise, in denen immer wieder Gelegenheit ist, auf Gottes Wort zu hören. Allem voran aber der Gottesdienst, in dem sich die Gemeinde um das Wort Gottes versammelt.
Beides, Hören und Handeln, gehört zum Leben eines Christenmenschen dazu.
Wenn ich mir nun vorstelle, wie die Geschichte vielleicht zu Ende gehen könnte, ohne dass sie ein Ärgernis bleibt, dann denke ich mir, dass Jesus zu seinen Worten noch mit einem ermutigenden Lächeln seine Hand nach Martha ausstreckt und sie dann zu sich herunter zieht, damit sie neben ihm Platz nimmt und die Arbeit Arbeit sein lässt.
Denn jetzt ist die Stunde des Zuhörens.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Lass mich dein sein und bleiben (EG 157)
Mache mich zum guten Lande (EG 166, 4-6)
Herr, dein Wort, die edle Gabe (EG 198)
Ich glaube, dass die Heiligen (EG 253)
Von Gott will ich nicht lassen (EG 365)
Eins ist not! Ach Herr, dies Eine (EG 386)

Predigtvorschläge zu Reihe II - Lk 18, 31-43

Liebe Gemeinde!
Die Auswahl der Predigttexte steht den Predigern nicht zu, es gibt dafür Komissionen. Diese legen fest, worüber gepredigt werden soll, und bemühen sich, die Predigttexte für einen Sonntag möglichst so auszuwählen, dass sie die Thematik des Sonntags unterstützen. Jede Woche stehen 6 solcher Predigttexte zur Verfügung, jeder gehört zu einer Reihe, über die in einem Kirchenjahr gepredigt wird. In 6 Jahren wird dieser Predigttext also wieder dran sein, es sei denn, zwischenzeitlich wird diese Ordnung überarbeitet.
Warum erzähle ich Ihnen das, werden Sie sich vielleicht fragen. Nun, wenn Sie sich an das Thema dieses Sonntags erinnern, dann werden Sie vielleicht schon gemerkt haben, dass dieser Predigttext nur zum kleineren Teil zum Thema zu passen scheint. Das Thema lautet ja: »Der Weg zum Kreuz«. Der Anfang unseres Predigttextes passt da noch ganz gut rein, es ist die Leidensankündigung Jesu, er redet davon, dass er gekreuzigt werden muss und auferstehen. Da zeichnet er selbst den Weg zum Kreuz vor. Aber dann folgt die Heilung des Blinden, und plötzlich passt es nicht mehr zusammen. Das hat nichts mehr mit dem Weg zum Kreuz zu tun, hier geschieht ein Wunder, ein Blinder wird geheilt. Gut, es geschieht auf dem Weg zum Kreuz, aber wo ist da das Kreuz zu sehen?
Manchmal werden Abschnitte des Predigttextes in Klammern gesetzt, d.h. man darf sie bei der Predigt weglassen bzw. ausklammern, und ich muss gestehen, ich habe nach solchen Klammern gesucht, aber nicht gefunden. Also muss ich mich mit diesen beiden, voneinander scheinbar völlig unabhängigen Texten abgeben, und ich tue es gerne, denn bei genauerem Hinschauen kann man doch erkennen, dass in beiden Teilen der Weg zum Kreuz sichtbar wird.
Der Weg zum Kreuz: Jesus kündigt ihn an. Es ist das dritte Mal, dass er zu seinen Jüngern davon spricht - nun wird es ernst. Er befindet sich bereits auf dem Weg nach Jerusalem, es wird vielleicht noch zwei Tage dauern, bis sie die Stadt erreichen. Auf dem Weg liegt Jericho, die Stadt, die das Volk Israel vor über 1000 Jahren mit dem Schall der Posaunen und durch die Kraft Gottes erobert hatte. Hier ereignet sich noch einmal ein Wunder, bevor Jesus in Jerusalem einzieht.
Ein Blinder sitzt am Wegesrand. Blinde haben geschulte Ohren, sie erkennen schnell, wenn sich etwas verändert, mit Hilfe ihres Gehörs. So hört der Blinde die Menge kommen, die sich um Jesus geschart hat, er hört ihr Gerede, und vielleicht vernimmt er auch die Stimme Jesu. Aber noch weiß er nichts damit anzufangen. Erst als er jemanden fragt, erfährt er, dass es Jesus von Nazareth ist, der da vorübergeht. Jesus von Nazareth – nicht der Messias, nein, nur 'Jesus, der Mann aus Nazareth'. Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen? Der Blinde weiß es längst, denn alle haben ja schon von ihm erzählt, dem Mann, der Lahme gehen, Taube hören, Stumme reden und Blinde sehen macht. Wer kann er denn sein, wenn nicht der Messias, von dem die Propheten geweissagt hatte?
Und darum ruft der Blinde ganz selbstverständlich: 'Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!' Er ruft nicht: 'Jesus aus Nazareth, erbarme dich meiner!' sondern 'Jesus, du Sohn Davids': damit brachte er zum Ausdruck, dass er in Jesus den Messias erkannte. Denn der Messias musste ein Sohn Davids sein. Er warf alles, was er hatte, in diese paar Worte: 'Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner.' er offenbarte damit, dass er an Jesus glaubte. Und er gab damit zu, dass er Jesus brauchte, um sein Leben zu verändern, ja, um sein Leben zu retten. Erbarme dich meiner!
Aber die Menschen, die sich um Jesus geschart hatten, hingen an Jesu Lippen und hofften, von ihm ein weiteres Wort zu hören, nachdem Jesus schon viel in Gleichnissen erzählt hatte. Als sie dagegen den Blinden hörten, wurden sie ärgerlich und gingen zu ihm und riefen: 'Halt gefälligst deinen Mund!' Denn sie wollten eine große Rede hören, nichts weiter, sie wollten noch ein Gleichnis wie die vielen anderen, die Jesus zuvor schon auf seinem Wege erzählt hatte. Da störte so ein Blinder, er war im Wege, sein Rufen machte es unmöglich, die Worte Jesu zu hören. Und warum sollte sich Jesus überhaupt mit so einem Krüppel abgeben? Hier geht es doch um das Reich Gottes, da haben Krüppel sowieso nichts zu suchen, sondern nur Menschen, die vollkommen sind in ihrer Gesinnung und in ihrer körperlichen Verfassung.
Der Blinde aber ließ sich nicht einschüchtern. Er rief um so lauter, je mehr man ihn bedrängte, er solle schweigen. 'Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!' Und sein Rufen wurde erhört. Jesus spürt, wenn er wirklich gebraucht wird, wenn der Glaubende nach ihm ruft. Und er ließ den Blinden zu sich führen. 'Was soll ich für dich tun?' fragt er ihn. Und der Blinde bittet, was er sich am meisten wünscht: 'dass ich wieder sehen kann.' 'Sei sehend,' ist die Antwort Jesu, 'dein Glaube hat dir geholfen.' Nur ein paar Worte, und doch geschieht ein überwältigendes Wunder. Jesus wendet sich dem Blinden zu, dessen Mangel an Vollkommenheit doch das Wunderbare, Herrliche, die Heiligkeit seiner Gegenwart kaputt macht.
Man hat darüber nachgedacht, was dieser Wunsch des Blinden bedeutet. Es war damals so, dass ein solches Gebrechen einen Menschen dazu legitimierte, Almosen zu erbitten - es bedeutete also, dass er sein Auskommen hatte und sich nicht anstrengen musste, um den Lebensunterhalt zu verdienen, denn durch die Fürsorge seiner Mitmenschen, die durch die Gebote Gottes verlangt wurde, war er finanziell abgesichert. Wenn es so war, dann war der Wunsch, wieder sehen zu können, eigentlich absurd, denn er gab damit ja seine sichere Einnahmequelle auf. Er würde nun einen Beruf erlernen müssen oder, was wahrscheinlicher war, sich Tag für Tag am Markt aufstellen und hoffen, dass er eine Arbeit als Tagelöhner bekommen würde. Seine Zukunft sah, nachdem er wieder sehen würde, nicht gerade rosig aus. Betteln konnte er dann jedenfalls nicht mehr.
Aber das war es diesem Mann wert. Er wusste, dass dieses Gebrechen, das ihn sein Leben lang geplagt hatte, ihn zu einem minderwertigen Menschen machte. Er war nicht vollkommen. Zwar genossen Blinde den Schutz Gottes, aber sie galten als unrein, und seine Unvollkommenheit war ohnehin offensichtlich. Er hatte darunter gelitten, sein ganzes Leben lang, dass er nicht sehen konnte. Er sehnte sich danach, wieder ein vollkommenes Geschöpf Gottes zu sein, und nun kam die Chance, diesem Zustand ein Ende zu machen. Er ergriff sie sofort, ohne lange zu zögern. Denn er hatte die Nähe Gottes schon gespürt, er wusste, dass durch Jesus die heilsame Kraft Gottes kam, die ihn zu einem vollwertigen Menschen machen konnte. Und sogleich wurde er sehend, denn sein Glaube hatte ihm geholfen, und er folgte Jesus nach und pries Gott.
Wie gehören nun diese beiden Dinge zusammen: der Weg zum Kreuz und die Blindenheilung? Ich möchte dazu etwas die anderen in den Vordergrund rücken, die sich da um Jesus geschart hatten und an seinen Lippen hingen. Denn sie spielen in der ganzen Geschichte eine wichtige Rolle: sie stellen sich dem Blinden in den Weg. Sie wollen ihn am liebsten mundtot machen. Denn er stört sie mit seiner Unvollkommenheit, mit seinem Makel. Das Leid, das in seinem flehenden Rufen mitschwingt, ist ihnen unangenehm, sie wollen es nicht in ihr Leben hineinlassen.
Aber was ist das für ein Leben? Gewiss, Jesus ist ganz nah bei ihnen, sie hören ihn und können ihn auch berühren. Das ist schon etwas Bemerkenswertes. Und doch haben sie es noch nicht begriffen, was er für sie bedeutet, denn ihnen fehlt eine ganz wichtige Erfahrung: die des Leides, das Kreuz. Sie haben keinen Makel, sie sind in dem Sinne vollkommene Geschöpfe Gottes, denn sie haben kein Kreuz zu tragen. So sehen sie jedenfalls sich selbst. Und so sind sie bei Jesus, und doch weit von ihm entfernt, denn sie verstehen nicht, dass nur der Jesu wahre Gestalt erkennen kann, der sich seiner eigenen Unvollkommenheit bewusst wird und so selbst den Weg zum Kreuz mit ihm geht, um dann die lebenspendende Kraft Gottes, die Tote zum Leben erweckt, zu erfahren. Alle diese Menschen, die sich jetzt noch um Jesus scharen, werden sich nicht viel später von ihm abwenden, denn sie werden in dem Gekreuzigten nicht den Sohn Gottes erkennen können, sondern nur einen Versager. Sie werden nie in der Lage sein, zu rufen: 'Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!' Im Grunde sind sie diejenigen, die blind sind.
Der Blinde hingegen erkennt in dem, der sich auf den Weg zum Kreuz macht, um dort zu sterben, den, der im Begriff ist, den Tod zu überwinden und neues Leben zu schaffen. Darum ruft er ihn um Hilfe an. Der Blinde sieht die Wahrheit Gottes, bevor er von seiner Blindheit geheilt ist. –
Wer von sich glaubt, er sei vollkommen, befindet sich auf dem Holzweg. Für diesen Menschen wird der Tod das letzte Wort haben. Dann spätestens ist es mit der Vollkommenheit zu Ende. Wer erkennt, dass er nicht vollkommen ist, aber glaubt, er könne seine Unvollkommenheit aus eigener Kraft überwinden, überschätzt seine eigenen Fähigkeiten maßlos. Wer glaubt, er brauche nur die Hilfe anderer Menschen, um vollkommen zu werden, ist bedauernswert. Denn es wäre so, als ob Blinde Blinde führen sollten.
Letztlich gibt es nur einen Weg, unsere Unvollkommenheit zu überwinden: Wir müssen sie annehmen als etwas, das wir aus eigener Kraft nicht überwinden können. Es gibt zwar Wege, sie zu kompensieren, so wie ein Blinder seine Blindheit kompensiert, indem er andere Fähigkeiten stärker entwickelt. Aber letztlich ist der Makel da, wir können ihn nicht wegleugnen.
Wenn wir soweit sind, wenn wir unsere Menschlichkeit und damit unseren Mangel erkennen, werden wir in der Lage sein, in Jesus, der den Weg zum Kreuz gegangen ist, um uns von unserer Unvollkommnheit zu befreien, unseren Retter zu sehen. Dann erst können auch wir mit dem Blinden rufen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und dann erst wird sich Jesus unser erbarmen und uns die Vollkommenheit schenken, zu der wir berufen sind.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld (EG 83)
Du meine Seele, singe (EG 302, 1.5-8)
Öffne meine Augen (EG 176 - Kanon)
Lasset uns mit Jesus ziehen (EG 384 - Wochenlied!)
Jesu, geh voran (EG 391)
Jesu, meine Freude (EG 396)
Ich lief verirrt und war verblendet (EG 400, 4-6)
Du höchstes Licht, du ewger Schein (EG 441, 1-5)
Gottes Liebe ist wie die Sonne (KHW/HN-EG 620; NB-EG 611)
Alle Knospen springen auf (KHW/HN-EG 637)

Predigtvorschläge zu Reihe IV - Mk 8, 31-38

Liebe Gemeinde,
Er hat eine Ausstrahlung, er hat Führungsqualitäten, er hat etwas zu sagen! Er ist beeindruckend in seiner Fähigkeit, ein Problem auf den Punkt zu bringen und dann auch gleich eine verblüffende Lösung vorzuschlagen, die man gerne annimmt und dann auch in die Tat umsetzt.
Er kann die Menschen mitreißen, sie hängen an seinen Lippen, wenn er spricht. Jeden Konflikt löst er auf eine Art und Weise, die beiden Seiten gerecht wird. Autorität hinterfragt er, ohne sie zu untergraben. Ein Mensch, der weltweite Beachtung verdient hat.
Nur schade, dass dieser Mensch nicht der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist, oder vielleicht auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen - in diesen Positionen könnte er ganz gewiss die Welt verändern, endlich Frieden schaffen unter den Völkern, denn durch ihn würde jeder Konflikt plötzlich bedeutungslos, er könnte in kurzer Zeit gelöst werden.
Aber so ist es nicht. Er hat nur eine kleine Schar von Menschen um sich. Er bucht keine riesigen Hallen, um vor tausenden zu reden, sondern er geht durch die Straßen und redet zu den Menschen, wo sie ihm begegnen. Viele diskutieren mit ihm, aber meist hören sie ihm einfach zu. Viele sind einfach gerne bei ihm, denn das, was er sagt, tut gut und ist manchmal auch eine gesunde Herausforderung. Seine Nähe wollen sie nicht missen.
Aber auch diese Menschen träumen davon, dass er eines Tages groß rauskommen wird. Sicher hat er schon einen Plan, wie er vorgehen wird. Er redet ja auch immer wieder von einem bevorstehenden neuen Reich, in dem alle Menschen in Frieden miteinander leben. Das Paradies auf Erden. Er wird es bringen!
Und er sammelt sich ja auch jetzt schon seine Anhänger. Eine kleine Schar begleitet ihn überall hin. Sie haben alles zurückgelassen, ihren Beruf, ihre Familien, ihren Besitz. Diese Schar wächst, aber nur langsam.
Die anderen, die ihn gehört haben, kehren in ihre Häuser, zu ihren Familien und zu ihrer Arbeit zurück, aber die Begegnung mit ihm hat sie doch verändert. In ihnen keimt eine Hoffnung. In ihnen ist das Gefühl geweckt worden, dass ihr Leben nicht sinn- und nutzlos ist. Und darum gehen sie wieder gerne an ihre Arbeit, in der Hoffnung, dass er eines Tages ganz oben, an der Spitze, sein wird. Sie hoffen auf dieses neue Reich, das die Welt in ein Paradies verwandeln wird, und sie wissen, dass sie dazugehören werden. Denn er hat sie eingeladen, dabei zu sein. Darum achten sie darauf, so zu leben, wie er es ihnen gesagt hat.
Alle erwarten Großes von ihm, denn Großes hat er angekündigt. Das Entsetzen derer, die stets bei ihm sind, ist dementsprechend groß, als er ihnen plötzlich und unvermittelt offenbart: 'Ich werde gefangen genommen werden, ich werde gefoltert werden und sterben. Aber nach drei Tagen werde ich auferstehen.'
Einer von ihnen, der ihm besonders nahe stand und stolz darauf war, alles gleich in die Tat um zu setzen, was jener Mann sagte, nahm ihn beiseite. Das konnte doch nicht sein. Wir müssen uns davor schützen. Den Komplott gegen dich werden wir an die Öffentlichkeit bringen! Niemand soll es wagen, dich anzurühren!
Es war die vernünftigste, logischste Reaktion, die man sich denken kann. Offenbar hatte der Mann ja davon erfahren, dass man sich gegen ihn verschworen hatte, was ja ganz natürlich ist, wenn jemand beliebter ist als die Führer des Volkes. Aber das muss man ja nicht einfach so hinnehmen. Man kann sich mit einer groß angelegten Kampagne, die die Verschwörung gegen ihn an die Öffentlichkeit bringt, dagegen wehren.
Doch der Mann lehnt schroff ab. Du hast ja keine Ahnung, worum es hier geht! Gerade noch hast Du gesagt, ich sei dein Erlöser, und schon willst du, dass ich dich nicht erlöse. Ich habe doch gesagt, dass es so sein muss. Es führt kein Weg daran vorbei. Die Erlösung, Deine Erlösung kommt erst dadurch, dass ich sterbe und wieder auferstehe. Denn es gibt nur eins, was dir deine Freiheit nimmt, wovon du erlöst werden musst, und das ist der Tod. Den Tod kann ich aber nur überwinden, wenn ich ihn selbst erleide.
Da bricht das Kartenhaus zusammen. Als Petrus ihn den Erlöser genannt hatte, da hatte er doch daran gedacht, dass er die Welt so verwandeln würde, wie er es bereits angesagt hatte. Dieses neue Reich, nach dem er sich so sehnte, das Reich des Friedens - das sollte er doch auch aufrichten. Wie sollte es denn nun geschehen, wenn er sterben würde? Es würde doch ganz schnell wieder alles beim Alten sein.
Aber der Mann wendet sich wieder denen zu, die ihn begleiteten. Ihr habt es gehört: mein Weg führt in den Tod. Wer diesen Weg mitgehen will, der sei darauf gefasst. Der Weg führt durch den Tod hindurch. Er vernichtet den Tod nicht, sondern er überwindet ihn. Und indem ihr diesen Weg geht, werdet auch ihr leiden müssen - aber ihr werdet dabei erfahren, dass sich dieser Weg lohnt.
Stellen wir es uns nur einmal vor: Jesus an der Spitze der Vereinten Nationen. Wie würde es wohl sein - alle Länder würden abrüsten, Grenzen würden fallen, verfeindete Länder würden Frieden schließen, die USA würden keinen Einfluss mehr haben ...
oder: bei der ersten Sitzung gäbe es einen Tumult, denn die Forderungen Jesu wären eine solche Herausforderung, dass die meisten sagen würden: ohne mich, ohne unser Land. Denn dieser Mann beraubt uns unserer Daseinsberechtigung, er macht die Regierenden arbeitslos, wenn er noch lange frei herumläuft. Er muss beseitigt werden, schnell, möglichst lautlos.
Ich fürchte, dass das zweite Szenario realistischer ist als das erste. Denn das ist der Weg. Das Verlangen nach Macht bleibt. Es lässt sich nicht so einfach beseitigen, es ist in unseren Herzen drin, wir wollen unser eigener Herr sein und uns nicht von anderen bestimmen lassen. Das ist kein Kreuz, sondern die Krone. Aber das Kreuz ist es, das unsere Seele am Leben erhält.
Dieses Kreuz, das bedeutet nun aber nicht, sich zu ducken und die Schläge einzustecken. Das hat Jesus auch nicht gemacht. Er hat sein Kreuz auf sich genommen, aber nicht das Kreuz, das andere ihm auflegen wollten.
Er hat klar gesagt, was Sache ist, und genau das ist es, was ihm die Qual des Kreuzes ja erst eingebracht hat. Er hat die Anmaßung der Oberen angeprangert, und er würde dies auch heute tun. Er würde es nicht zulassen, wenn eine Regierung mit weit überlegener Macht ein anderes Land zerstören will. Er würde alle anklagen, die es zulassen, dass tagtäglich tausende von Kindern verhungern. Er würde die Ungerechtigkeit, die die sogenannte freie Marktwirtschaft mit sich bringt, anprangern. Vielleicht würde er in die Börsen gehen und dort reinen Tisch machen. Bei all dem würden sicher auch wir nicht ohne Schelte davonkommen.
Nun kann man fast sagen: Gott sei Dank ist er nicht mehr unter uns, sondern in sicherer Entfernung. Ob er das wirklich ist? Nein, er ist mitten unter uns.
Hüten wir uns vor falscher Selbstsicherheit. Hüten wir uns davor, das Schicksal anderer Menschen gleichgültig hinzunehmen, oder unser eigenes Schicksal als Entschuldigung vorzuschieben. Das kann angesichts der Not in dieser Welt einfach nicht mehr gelten.
Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach. Duck dich nicht, denn dein Kreuz ist nicht das, das andere dir auferlegen, sondern das, das Gott dir auferlegt. Das Kreuz aber sollst du tragen, denn dieses Kreuz wird dich zum Leben führen.
Sicher tut es weh, aber nur so können wir teilhaben an der Liebe Gottes, die uns durch Jesus Christus offenbart worden ist.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Wenn meine Sünd mich kränken (EG 82)
Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld (EG 83)
Jesu, deine Passion (EG 88)
Es mag sein, dass alles fällt (EG 378)
Lasset uns mit Jesus ziehen (EG 384)
Mir nach, spricht Christus, unser Held (EG 385)
Jesu, geh voran (EG 391)
Kommt, Kinder, lasst uns gehen (EG 393)
Halt im Gedächtnis Jesus Christ (EG 405)
O Gott, du frommer Gott (EG 495)
Kreuz, auf das ich schaue (NB-EG 598)

Predigtvorschläge zu Reihe VI - Am 5, 21-24

Liebe Gemeinde!
Amos ist der erste Prophet, dessen Worte in einem eigenen Buch niedergeschrieben wurden. Er lebte im Süden Israels, in Tekoa, um genauer zu sein, einem Landstrich südöstlich von Bethlehem. Er war Landwirt und hatte Schafe, Ziegen und Rinder.
Israel war längst in zwei Teile geteilt, es gab den Norden, der allgemein als Israel bezeichnet wurde, und den Süden, der Juda genannt wurde, weil er das Gebiet des Stammes Juda mit dem Gebiet des Stammes Benjamin umfasste. Die Könige Judas waren Nachkommen des großen Königs David, während die Könige Israels in der Regel nicht miteinander verwandt waren.
Amos lebte also in Juda, war ein Untertan des Königs in Juda und fühlte sich dort wohl auch ganz wohl. Doch dann ruft Gott ihn von den Schafen weg, so wird es beschrieben, und erteilt ihm den Auftrag, gegen den König Israels – also den König des Nordreiches – zu predigen.
Das ist natürlich eine heikle Sache, denn Nord- und Südreich waren nicht gerade die besten Freunde und konnten sich gerade in religiösen Dingen nicht gut einander nähern. Und nun soll Amos, ein Südreichler, ihnen davon sagen, was Gott von den Nordreichlern erwartet.
Kein Wunder, dass er dann auch aufgefordert wird, wieder dahin zu gehen, wo er hergekommen ist. Der König dort in Juda würde die Botschaft sicher mindestens genauso nötig haben wie der König in Israel, wenn nicht mehr, so wird ihm gesagt.
Doch zuvor konnte Amos seine Botschaft loswerden, und diese Botschaft hat es in sich. Amos' Worte sind vollmächtig, sie gehen unter die Haut, sie lassen einen nicht in Ruhe.
Einige dieser Worte sollen heute uns gelten, sie sind Predigttext dieses Tages:
So schreibt der Prophet Amos im 5. Kapitel seines Buches:
So spricht der Herr: Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! 24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
(Amos 5, 21-24)
Das sind Worte des Herrn.
Ich gestehe, dass ich damit Probleme habe, große Probleme.
Gut, wegen Brand- und Speisopfern brauchen wir uns keine Gedanken machen, so etwas geschieht ja schon sehr lange nicht mehr, und hat es unter Christen nie gegeben, hoffe ich.
Aber Feiertage: ich feiere gerne Heiligabend und das Christfest, und noch lieber Ostern. An diesen Feiertagen fühle ich mich Gott etwas näher, ich empfinde die Freude über die großen Taten Gottes, und will ihm doch auch dafür danken!
Was hat er nun dagegen? Warum ist Gott den Feiertagen gram?
Und was hat er gegen den Gesang und die Musik – unseren Gesang kann man doch nun wirklich nicht als „Geplärr“ bezeichnen. Und wozu gab uns Gott Stimmen, mit denen wir singen können, wenn er es nicht hören will?
Ich könnte es mir einfach machen und sagen: Amos meint die Israeliten, das Nordreich, das ja nun schon lange zerstört ist. Ich habe also damit nichts zu tun. Dazu kommt: Ich bin nicht nur räumlich und zeitlich weit von diesem Nordreich Israel entfernt, ich bin auch Christ, und das, was im Alten Testament steht, hat für mich keine Bedeutung.
Doch Vorsicht! Es ist nicht ohne Grund, dass die Worte der Propheten niedergeschrieben wurden, denn Geschichte wiederholt sich, Menschen haben die dumme Angewohnheit, nicht aus ihren Fehlern oder den Fehlern ihrer Vorfahren zu lernen.
Und da ist es gut, diese Worte nicht nur zu bewahren, sondern sie auch aufzunehmen und anzunehmen.
Und für die frühe Christenheit waren diese Schriften Gottes Wort. Das, was wir das „Neue Testament“ nennen, gab es damals noch gar nicht, und es ist ein folgenschwerer Fehler, heute so zu tun, als hätte das sogenannte Alte Testament weniger Bedeutung für uns als damals für die ersten Christen und auch für Jesus selbst.
Sind wir nicht auch Teil dieses Volkes Gottes geworden durch Jesus Christus? Diese Worte gelten uns, weil wir das Erbe antreten wollen, das Gott uns zugedacht hat.
Und darum erlebe ich es mit großem Bedauern, dass in immer mehr Kirchen auf die Lesung des alttestamentlichen Textes verzichtet wird. So sollte es nicht sein.
Hören wir also auf die Worte des Propheten, streuen wir uns Asche auf das Haupt, passend zum kommenden Aschermittwoch, als Zeichen unserer Buße...
Aber warum denn? Es scheint mir, als ob der Schuh nicht passen will; Wer bringt denn heute noch Tieropfer dar? Und die paar Feiertage, die wir haben, werden ohnehin von den wenigsten zur Selbstrechtfertigung genutzt. Denn darum geht es ja wohl.
Beim Geplärr der Lieder und dem Harfenspiel werde ich dann aber doch stutzig. Man möchte gerne diesen Text anderen in die Schuhe schieben und muss doch spätestens hier erkennen, dass es eben doch nicht geht. Die Worte bleiben einem in den Ohren, sie gelten uns.
Mit allem, was der Prophet in diesen wenigen Worten sagt, wird allerdings nichts über die wahre Qualität von Musik, Gottesdienst (ich denke, es ist legitim, die erwähnten Opfer als Bild für unsere Gottesdienste zu nehmen) oder Feiertage, sondern über die Motivation, mit der diese geübt werden, gesagt.
Wenn Gott sagt, dass er das Geplärr nicht hören will, dann meint er damit vielleicht gerade das kunstvolle Singen, von dem man erwartet, es müsse ein Genuss in seinen Ohren sein und darum alles gut werden lassen, weil es so wunderschön klingt. Aber sobald dieser Gesagt zur Selbstrechtfertigung dient, wird er zum Geplärr, er wird nichtig und unwert.
Worum geht es uns, wenn wir singen und beten, wenn wir Gottesdienst feiern?
Geht es darum, dass wir uns das Gefühl vermitteln wollen, nichts mehr schuldig zu sein, indem wir die Feiertage beachten, die Gottesdienste besuchen und die Lieder singen? Soll es so sein, dass, wenn wir hinaus gehen, wir das Gefühl haben, jetzt so wie bisher weiter machen zu können?
Oder geht es uns darum, das Ziel und den Sinn unseres Lebens immer neu wahr zu nehmen? Geht es uns darum, zu erfahren, was wichtig ist, was Bedeutung hat für unser Leben, und was unser Gott von uns erwartet?
Wenn das zweite zutrifft, dann dürfen wir, so glaube ich, weiterhin unsere Gottesdienste mit gutem Gewissen feiern. Denn dann werden wir nicht hinaus gehen aus dieser schönen Kirche, ohne das Gefühl zu haben, dass Gott selbst uns dort hinaus geschickt hat, um seinen Willen zu erfüllen:
um Recht zu tun und Gerechtigkeit walten zu lassen.
Also nicht weg zu schauen, wenn anderen Unrecht geschieht, sondern sich schützend vor die zu stellen, die Unrecht leiden.
Nicht für uns selbst das Beste zu suchen, sondern für unseren Nächsten.
Nicht diese Welt sehen, sondern das Reich Gottes, das bereits begonnen hat, das mitten unter uns ist, und es anderen Menschen zeigen.
Wenn dies unsere Motivation ist, mit dem Segen Gottes neu gestärkt in die Welt hinaus zu gehen und in ihr die Botschaft von seiner Liebe in Wort und Tat auszubreiten – und das Tun wird durch Amos nun ganz besonders in den Mittelpunkt gestellt -, dann haben auch unsere Gottesdienste ihren Sinn und ihren Platz in unserem Leben.
Dann dürfen wir uns auch weiterhin am Gesang erfreuen und unsere Feiertage feiern, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Komm, heiliger Geist (EG 156)
Dies sind die heilgen zehn Gebot (EG 231)
Sonne der Gerechtigkeit (EG 262/263)
Wohl denen, die da wandeln (EG 295)
Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt (EG 413)

Predigtvorschläge zu Reihe M - Spr 1, 20-28
Lk 8, 16-18
Lk 23, 26-31

Zu Sprüche 1, 20-28:

Die Weisheit ruft laut auf der Straße und lässt ihre Stimme hören auf den Plätzen. 21 Sie ruft im lautesten Getümmel, am Eingang der Tore, sie redet ihre Worte in der Stadt: 22 Wie lange wollt ihr Unverständigen unverständig sein und ihr Spötter Lust zu Spötterei haben und ihr Toren die Erkenntnis hassen? 23 Kehrt euch zu meiner Zurechtweisung! Siehe, ich will über euch strömen lassen meinen Geist und euch meine Worte kundtun.
24 Wenn ich aber rufe und ihr euch weigert, wenn ich meine Hand ausstrecke und niemand darauf achtet, 25 wenn ihr fahren lasst all meinen Rat und meine Zurechtweisung nicht wollt: 26 dann will ich auch lachen bei eurem Unglück und euer spotten, wenn da kommt, was ihr fürchtet; 27 wenn über euch kommt wie ein Sturm, was ihr fürchtet, und euer Unglück wie ein Wetter; wenn über euch Angst und Not kommt. 28 Dann werden sie nach mir rufen, aber ich werde nicht antworten; sie werden mich suchen und nicht finden.
(Spr 1, 20-28)

Liebe Gemeinde,

das Buch der Sprüche steht selten auf dem Predigtplan. Um genau zu sein, nur ein einziges Mal im Lauf des Kirchenjahres, nämlich am Neujahrstag in der 5. Reihe. Auch zur Konfirmation findet sich ein Ausschnitt aus diesem Buch in der Predigtreihe, aber ansonsten tauchen Ausschnitte daraus nur als sogenannte Marginaltexte auf. Das sind Texte, die auch zur Thematik des Sonntags passen, aber eben nicht mehr ihren Eingang in die 6 Predigtreihen gefunden haben.
Ich habe mich heute für diesen Text, der für den Sonntag Estomihi als Marginaltext vorgeschlagen wird, entschieden, weil schon um 10 Uhr über den Predigttext gepredigt wurde, aber auch, weil ich es gut finde, wenn wir uns einmal einem Text zuwenden, der üblicherweise nicht in unseren Gottesdiensten vorkommt.
Das Buch der Sprüche Salomos erscheint einem manchmal wie eine Aneinanderkettung wahllos hingeworfener Sprichwörter, von denen viele auch ihren Eingang in den Volksmund gefunden haben. Aber wenn man genauer hinsieht, erkennt man durchaus eine Ordnung, die ihren Sinn hat.
Unser Predigttext gehört zum ersten Teil des Buches, der sich dem Lob der Weisheit widmet.
Die Weisheit ruft - wie mag man sich das vorstellen? Die Kirchenväter haben, wenn im Buch des ersten Bundes von der Weisheit gesprochen wurde, an Jesus Christus selbst gedacht. Sie sahen in dem Begriff Weisheit ein Synonym für Christus.
Dabei verschwimmt der Zeitbegriff völlig. Es spielt keine Rolle, dass Jesus erst viel später geboren wurde. Er war schon vorher präsent, eben in der Form der Weisheit. Er ist ewig, auch wenn er eine Zeitspanne als Mensch unter uns Menschen verbrachte.
Wenn man es sich so vorstellt, dann kann man es schon nachvollziehen und sich vielleicht sogar vorstellen, wie die Weisheit rufend durch die Straßen zieht und ihre Stimme auf den Plätzen hören lässt.
Aber ganz unproblematisch ist diese Vorstellung doch nicht, weswegen ich lieber die Weisheit mit Gottes Wort gleichsetzen möchte.
Nun zieht Gottes Wort zwar auch nicht laut rufend durch die Straßen, aber es ist präsent - und das nicht nur in den Gottesdiensten. Wir finden da zum Beispiel die wöchentlichen Andachten in der Zeitung, oder die täglichen Radioandachten. Wir lesen an vielen Häusern Inschriften, die uns daran erinnern, dass ohne Vertrauen auf Gott nichts wirklich gelingen kann.
Die Kirchtürme rufen allein schon dadurch, dass sie über die Dächer hinausragen, aber auch mit ihren Glocken den Menschen zu, sich darauf zu besinnen, wer ihr Leben in der Hand hält.
Das Wort Gottes, die Weisheit, zieht also doch durch die Straßen und ruft den Menschen zu. Sie ruft im lautesten Getümmel, sie kann nicht eigentlich nicht überhört werden, und dennoch: niemand beachtet sie.
"Wie lange wollt ihr Unverständigen unverständig bleiben?" fragt sie.
Es geht nicht um das, was man lernen kann. Es geht nicht um die Inhalte von Lehrbüchern oder Lexika. Ein alter Mann kann einen Mathematikprofessor mit seiner Weisheit beschämen, ohne jemals selbst studiert zu haben. Denn Weisheit ergibt sich nicht aus der Menge an Wissen, über die man verfügt. Weisheit entsteht vielmehr aus Lebenserfahrung.
Und um diese Weisheit geht es auch hier. Es geht um Gotteserkenntnis - etwas, das sich dem Intellekt nur schwer oder gar nicht erschließt. Da kann man noch so viel Verstand haben - man bleibt unverständig, wenn es darum geht, Weisheit zu erlangen.
Vielleicht wird uns das angesichts der Meldungen, die uns über das Atommülllager Asse II erreichen, auch wieder bewusst. Was wird, wenn all das, wovon man vor Jahren noch sagte, es sei völlig ungefährlich, nun über uns kommt und womöglich ganze Landstriche unbewohnbar macht?
Die Weisheit zeigt uns einen Weg. Es ist keine Lösung für das Problem, das wir uns in der Vergangenheit eingebrockt haben. Aber es ist eine Lösung für die Zukunft:
Die Weisheit lehrt uns Genügsamkeit, Umsicht, Verantwortlichkeit. Eigenschaften, die heute mehr denn je zu fehlen scheinen, angesichts der Finanzkrise etwa. Manager erhalten Zahlungen in Millionenhöhe selbst dann, wenn sie ihr Unternehmen nahezu in die Insolvenz gesteuert haben. Das Geld dafür kommt dann vom Fiskus, also letztlich vom Steuerzahler.
Da mag man sogar mit einstimmen in die Worte der Weisheit:
Wenn ich aber rufe und ihr euch weigert, wenn ich meine Hand ausstrecke und niemand darauf achtet, wenn ihr fahren lasst all meinen Rat und meine Zurechtweisung nicht wollt: dann will ich auch lachen bei eurem Unglück und euer spotten, wenn da kommt, was ihr fürchtet; wenn über euch kommt wie ein Sturm, was ihr fürchtet, und euer Unglück wie ein Wetter; wenn über euch Angst und Not kommt. Dann werden sie nach mir rufen, aber ich werde nicht antworten; sie werden mich suchen und nicht finden.
Ja, manchmal wünsche ich, dass dieses Unglück doch endlich kommen möge, dass unsere Wirtschaft tatsächlich zusammenbricht, dass nichts bleibt von dem zerbrechlichen Gebilde, das allein auf dem Verlangen nach Wohlstand und Reichtum erbaut ist. Denn sonst, so fürchte ich, wird man wohl kaum lernen, was die Weisheit uns zu sagen hat.
Aber das liegt nun nicht in unserer Hand. Die Geschichte lehrt uns vielmehr, dass die Menschheit nicht weiser wird, wenn das Unglück über uns kommt. Geschichte wiederholt sich, heißt es nicht zu Unrecht.
Zur Zeit ist zwar so etwas wie das 1000jährige Reich, das 13 Jahre Bestand hatte, kaum mehr denkbar, aber wer weiß, was in hundert Jahren sein wird? Wer weiß, was den Menschen dann wichtig ist, und wozu sie dann bereit sind? Zumindest sind wir ja auf dem besten Weg, ein Überwachungsstaat zu werden, weil Angst uns treibt.

Die Weisheit ruft in den Straßen und auf den Plätzen, sie lässt ihre Stimme an allen Orten hören. Und doch hört sie niemand. Oder nur wenige.
Hören wir sie?
Ich möchte noch einmal den Text aus dem Buch der Sprüche aufnehmen und dabei meine eigenen Worte verwenden:

Die Weisheit ruft und lädt uns ein
Sie wirbt um uns, um groß und klein,
Sie sucht nach denen, die sie hören,
die sich von ihr noch lassen stören,
sie mahnt die Menschen, die sich regen
und nur noch ihren Wohlstand pflegen,
die Sorgfalt üben und bedenken
wie sie sich selbst noch mehr beschenken
und Geld auf ihre Konten häufen;
die denken: Gott lässt Regen träufen
auf ihre weiten, weiten Felder
wenn immer fließen neue Gelder
auf ihre Konten hier und dorten.
Die Weisheit wirbt mit weisen Worten.
Sie will uns lehren: hört doch auf!
Das Leben ist kein Schlussverkauf!
Das Leben ist viel mehr als dies,
es endet nicht in dem Verließ
des Grabes, so wie viele denken
und sich darum so arg verrenken
um möglichst viel Geld draus zu machen.
Da wird die Weisheit drüber lachen.
Das Leben wurde uns geschenkt
von Gott, der alle Dinge lenkt.
Wie wäre es, wenn wir beginnen
uns auf die Liebe zu besinnen.
Wenn wir nicht teilen unser Brot
mit Aktionären und dem Tod.
Wenn wir vielmehr dorthin uns wenden,
Wo uns die Weisheit will hin senden:
zu denen, die nach Liebe suchen
die nicht gleich den Gewinn verbuchen,
zu denen, die nur einfach leben
und nicht dem Mammon sich hingeben.
So will die Weisheit uns belehren,
dass wir uns zu dem Herrn hin kehren,
damit wir leben und nicht sterben,
am Ende auch sein Reich ererben.

Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Zu Sprüche 1, 20-28:
Gott rufet noch (EG 392)
Komm in unsre stolze Welt (EG 428)