das Kirchenjahr

Letzter Sonntag im Kirchenjahr

Die ewige Stadt

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe I - Mt 25, 1-13

Liebe Gemeinde,
die klugen und die törichten Jungfrauen – wenn man sich das Gleichnis , das Jesus uns da erzählt, genau betrachtet, dann erscheint es erst einmal zutiefst ungerecht.
Zunächst mal könnte man fragen, warum der Bräutigam so spät kommt. Es gehört doch zum guten Ton, es ist ein Zeichen von Respekt und Höflichkeit, pünktlich zu erscheinen. Und zu einer Hochzeit zu spät zu kommen, ist doch eigentlich völlig undenkbar.
Von daher also ist auch nicht zu verstehen, warum nun gerade die, die eigentlich doch ausreichend Öl mitgenommen hatten, als töricht gescholten und von der Hochzeitsfeier ausgeschlossen werden, obwohl es doch eigentlich der Bräutigam ist, den man verantwortlich machen müsste.
Aber ebenso wenig zu verstehen sind da auch die anderen, die sogenannten klugen Jungfrauen, die nun noch genug Öl hatten, um nochmal nachzufüllen. Hätten sie nicht doch teilen können? Dann wäre das Öl zwar schneller verbraucht, aber vermutlich hätten sie es noch geschafft, denn sie wussten ja zu dem Zeitpunkt schon, dass der Bräutigam nun endlich kommen würde. „Siehe, der Bräutigam kommt!“ wurde ihnen zugerufen. Für den kurzen Weg ihm entgegen hätte das Öl doch sicher für alle gereicht.
Dass die klugen Jungfrauen um Mitternacht die fünf sogenannten törichten Jungfrauen noch zum Kaufmann schicken, ist ja eigentlich auch ein starkes Stück. Man könnte hier durchaus auch Missgunst vermuten.
So ungerecht dies alles erscheint: wir können auf solche Fragen verzichten, denn Gleichnisse müssen nicht in allem und jedem schlüssig sein. Sie zielen vielmehr auf einen einzigen Punkt, sie wollen nur eine einzige Botschaft vermitteln – die Geschichte selbst ist nur ein Rahmen, der mehr oder weniger nachvollziehbar ist und vor allem dazu helfen soll, diese eine Botschaft zu verstehen.
Diese Botschaft herauszufinden, ist allerdings manchmal nicht so einfach – man verzettelt sich eben, da die Gleichnisse ja sehr anschaulich sind, doch gerne in den Einzelheiten, die nur der Verbildlichung dienen.
Unser Gleichnis macht es uns allerdings einfach, weil Jesus selbst in seinem abschließenden Satz die Botschaft vermittelt: „Wachet, denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.“ (Mt 25, 1-13)
Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen teilt uns zunächst mit, dass es darum geht, zu warten. Auf wen, lässt sich ziemlich leicht erkennen: es geht um Jesus, er ist der Bräutigam, auf den gewartet wird.
Dass er wiederkommen wird, hat er selbst angekündigt, und das bekennen wir auch im Glaubensbekenntnis: von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.
Im Grunde ist es ja so, dass wir uns alle nach der Erlösung sehnen – Erlösung von Krankheit, von Leid, von Trauer, von Elend, von Ungerechtigkeit. Nicht immer betrifft es uns selbst; nicht jeder ist krank, nicht jedem geht es schlecht, nicht jeden drückt die Trauer nieder, nicht jeder empfindet Ungerechtigkeit.
Aber das Gesicht unserer Welt ist davon gezeichnet, denn all das gibt es zur Genüge – unsere Welt ist eine Welt des Todes, sie ist vom Tod gezeichnet, sie ist, so kann man wohl sagen, in der Hand des Todes. Und so ist unsere größte Hoffnung wohl, dass wir vom Tod erlöst werden.
Selbst Wissenschaftler arbeiten übrigens daran – die Versuche, Mittel zu finden, um das Leben zu verlängern, sind ja nichts anderes als Versuche, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, ihm das Leben abzuringen.
Aber es gelingt letztlich ja doch nicht, denn die Ewigkeit haben wir nicht in unserer Hand, über sie können wir weder herrschen noch sie für uns nutzbar machen – nicht auf wissenschaftlichem Wege wenigstens. Die Ewigkeit - sie liegt in Gottes Hand. Und von dort kommt sie zu uns durch Jesus Christus, freilich unverfügbar.
In dem Gleichnis von den zehn Jungfrauen geht es um ein Hochzeitsfest – dieses Hochzeitsfest ist die Ewigkeit, die Freiheit vom Tod; es ist die Gemeinschaft mit Gott.
Es wird reine Freude sein – denn Gott wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen, da wird kein Leid mehr sein, keine Trauer, kein Schmerz, ja, der Tod wird nicht mehr sein. (Offb 21, 4)
Danach sehnen wir uns, heute vielleicht mehr als sonst, aber sicher auch, wenn wir an den Gräbern unserer Lieben stehen und sie zurück sehnen, oder auch uns zu ihnen hin.
Weg mit dem Tod! Jesus hat versprochen, dass es so sein wird, aber es bleibt die große Frage, wann es so sein wird. Unser Gleichnis widmet sich eben dieser Frage.
Manche meinen wohl, sie könnten die Zeit vorherbestimmen. Eigentlich müsste er ja bald kommen, schließlich geht es um eine Hochzeit – kann, ja, darf man die Braut denn lange warten lassen? Und so hat es die frühe Christengemeinde ja auch geglaubt; darum hat Paulus geraten, besser nicht zu heiraten, weil er ja kommen wird, und da sei es gut, sein ganzes Leben nur ihm gewidmet zu haben.
Aber Jesus kam nicht. Immer wieder gab es Menschen, die den Zeitpunkt seines Kommens voraussagten, und immer wieder wurde die Menschheit enttäuscht.
Man arrangierte sich, das Leben musste nun mal weitergehen, es normalisierte sich jedesmal neu. Und das bedeutete: es wurde ein Leben des Todes.
Denn bei allem, was wir tun, steht nicht die Frage: „Wann wird Jesus kommen?“ im Vordergrund, sondern: wie lange bleibt mir noch? Was will ich erreichen in meinem Leben, und wie kann ich Spuren hinterlassen, so dass ich nach meinem Tod nicht vergessen werde?
Ein Leben, das von solchen Fragen bestimmt ist, ist ein Leben des Todes. Denn letztlich werden alle vergessen, bis auf die wenigen, über die die Geschichtsbücher schreiben. Grabmäler bleiben 20, manchmal 30 Jahre erhalten, selten länger.
Viele verzichten heutzutage ja auch schon auf ihr eigenes Grabmal, weil sie niemandem zur Last fallen wollen. Dann bleibt zwar die Erinnerung, aber sie kann nur leben in denen, die die Verstorbenen gekannt haben. Mit ihnen stirbt dann auch der letzte Rest der Erinnerung. Nichts bleibt.
Es ist trostlos, dieses Leben des Todes.
Dem steht nun die Botschaft Jesu Christi entgegen: ich komme, sagt er, und: Seid bereit! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde. (Mt 25, 13)
Wer auf Jesus wartet und mit seinem Kommen rechnet, führt kein Leben des Todes, sondern ist vielmehr ein Kind des Lebens, bereit, teilzuhaben an der ewigen Freude, die den Kindern des Lebens verheißen ist.
Es mag zwar sein, dass der Tod noch Macht über uns hat, aber diese Macht ist gering, denn sie betrifft letztlich nur unseren Körper.
Wer darauf vertraut, dass Jesus kommen wird, weiß, dass wir mehr sind als das, was diese Welt zu bieten hat. Wir sind wert geachtet bei Gott. Seit unserer Taufe sind wir seine Kinder, Kinder des Lebens. Denn Menschen mögen uns vergessen, aber Gott wird uns niemals vergessen. Unsere Namen sind in das Buch des Lebens geschrieben durch die Taufe.
Das gilt natürlich genauso für die Lieben, die von uns gegangen sind und an die wir heute erinnern: sie sind in Gottes Hand, keine Qual rührt sie an. (Weish 3, 1)
Sie sind geborgen und sicher in der Liebe Gottes, niemals vergessen, auch wenn ihre sterblichen Überreste unter dem „grünen Rasen“ liegen und niemand, der vorübergeht, weiß, wer wo liegt.
Jesus kommt, nur: wann? Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen will uns nicht darauf eine Antwort geben. Es sagt uns vielmehr schlicht: seid bereit. Rechnet damit. Hört nicht auf, darauf zu vertrauen, daran zu glauben, dass Jesus kommen wird.
Oft genug wird über sein Kommen in der Bibel gesagt, dass er kommen wird wie ein Dieb in der Nacht, zu einer Stunde, da wir gar nicht damit rechnen. Darum sollen wir wachsam sein, bereit, ihm entgegen zu treten, uns von ihm führen zu lassen in das himmlische Jerusalem, die neue Stadt, die Gott selbst für die Kinder des Lebens baut.
Manche Kritiker sehen in solchen Worten ein Vertrösten auf's Jenseits. Das sehe ich aber nicht so.
Denn diese neue Stadt, dieses himmlische Jerusalem – wie immer man es sich vorstellen mag – ist die Heimat, die uns jetzt schon bereitet ist, mit der wir auch in diesem Leben rechnen können.
Und wenn wir das tun, wenn wir darauf vertrauen, dass wir eine solche Heimat haben, dann werden wir auch jetzt schon erfahren, was dort vollendet wird: dass Gott alle Tränen von unseren Angesichtern abwischt, dass es keine Trauer und kein Leid mehr gibt, sondern Gott mitten unter uns. (Offb 21, 4)
Die Ewigkeit umschließt unsere Zeit – sie ist nicht irgendwo in weiter Ferne, weder zeitlich noch räumlich. Sie ist längst da und wird immer sein.
Und so umschließt natürlich Gott, der Ewige, unsere Zeit; er ist uns nahe, seine Liebe trägt und hält uns, selbst in der tiefsten Trauer, selbst in der Stunde des Todes und darüber hinaus.
Darum gibt es nun doch eine Antwort auf die Frage, wann Jesus kommen wird. Sie lautet: jetzt! Denn jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils. (2. Kor 6, 2b) Nicht irgendwann in weiter Ferne.
Dieses „Jetzt“ wird sichtbar in der Feier des Heiligen Abendmahls. Denn hier begegnen wir Gott leibhaftig und gegenwärtig im Brot und Wein.
Im Abendmahl haben wir Gemeinschaft mit allen, die vor uns entschlafen sind, und mit Gott. Darum schließen wir die Lichter, die wir im Gedenken an die Verstorbenen gleich anzünden, mit ein in unseren Abendmahlskreis.
Im Abendmahl erfahren wir die Gnade und Liebe Gottes in einer Weise, wie sie sonst kaum anders erfahrbar ist.
Durch das Abendmahl erfahren wir das Heil, die heilsame und heilende Kraft Gottes.
Dazu stärke uns Gott den Glauben und das Vertrauen in seine unverbrüchliche, ewige Liebe.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Ermuntert euch, ihr Frommen (EG 151)
Jerusalem, du hochgebaute Stadt (EG 150)
Herr, mach uns stark im Mut (EG 154)
Du wirst dein herrlich Werk vollenden (EG 241, 8)
Mache dich, mein Geist, bereit (EG 387)
Lass uns in deinem Namen, Herr (EG 614)

Predigtvorschläge zu Reihe II - Offb 21, 1-7

Liebe Gemeinde! Es gibt wohl kaum ein Buch, über das so kontrovers nachgedacht wurde, wie das Buch der Offenbarung des Johannes. Man hat in diesem Buch den Schlüssel zu finden geglaubt, mit dem man das Datum des Weltenendes errechnen kann. Meister in diesen Berechnungen sind die Zeugen Jehovas, aber nicht nur sie.
Die in dem Buch enthaltenen Visionen wurden auf vielfältige Weise interpretiert. Oft bezog man sie auf die Ereignisse in der näheren Umwelt: der Begriff des tausendjährigen Reiches zum Beispiel, der in diesem Buch geprägt wird, ist nicht nur einmal auf eine politische Regierung angewandt worden.
Die Offenbarung wurde benutzt, um die römisch-katholische Kirche zu verteufeln, aber auch um politische Gegner als Feinde Gottes abzustempeln. Das geschieht auch heute noch.
Aber diese Art der Auslegung nahm auch kuriose Formen an: Auch die Eisenbahn galt als Werkzeug des Teufels, das in der Offenbarung angekündigt worden war.
Später kam man dahin, zu sagen, die Offenbarung sei ein Kind ihrer Zeit und beziehe sich auf ganz spezifische Ereignisse aus den ersten Jahren der jungen christlichen Gemeinden, habe also für uns überhaupt keine Bedeutung.
Aber weder das eine noch das andere ist richtig. Weder darf man dieses Buch zu einem Orakelbuch machen, dem man Weissagungen passend zu den politischen Ereignissen entnimmt, noch darf es abgewertet werden als zeitgeschichtliches Dokument, das für uns heute in der modernen Zeit keine Bedeutung mehr hat.
Die Offenbarung des Johannes ist nicht umsonst Teil des christlichen Kanons, sie ist nicht umsonst Teil unserer Bibel. Denn in ihr finden wir Worte des Lebens, die aufbauen, ermutigen, Hoffnung und Trost schenken.
Der Predigttext dieses letzten Sonntages im Kirchenjahr, des Ewigkeitssonntages, steht fast am Ende der Bibel, nämlich in diesem besagten Buch der Offenbarung, im 21. Kapitel. Der Seher Johannes schreibt:
Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.
(Offb 21, 1-7)
Das himmlische Jerusalem – wir werden gleich auch von dieser Stadt singen, und haben es auch schon in dem Lied "Wachet auf, ruft uns die Stimme" getan, wo es heißt:
"Von zwölf Perlen sind die Tore an deiner Stadt, wir stehn im Chore der Engel hoch um deinen Thron!" (EG 147, 3)
Es ist eine wundersame Stadt, die zeichenhaft auch im Gewölbe des Chorraumes abgebildet ist. Denn in diesem himmlischen Jerusalem wohnt Gott, ganz nah bei den Menschen. Merkwürdig klingt es, wenn es heißt: „siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!”
Wie kann Gott in einer Hütte wohnen? Nein, sondern alles, was je gebaut werden kann, ist für Gott nicht mehr als eine Hütte. Auch diese herrlich anzusehende Stadt. Aber, und das ist das Wesentlich: dort wohnt Gott, da ist er sichtbar und spürbar nahe. Er ist Nachbar, Mitbewohner dieser Stadt.
Nun mag man sich fragen, wieso das so etwas Besonderes ist. Denn wir reden doch oft davon, dass Gott mitten unter uns ist. Jesus hat uns das immer wieder deutlich gemacht, und er hat es von sich selbst gesagt: siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Er ist zwar körperlich nicht mehr unter uns, aber wohl im Geiste. Die körperliche Erfahrung seiner Nähe können wir dazu immer in der Feier des Heiligen Abendmahls machen.
Und doch ist es so, dass wir Gottes Nähe nicht immer spüren, ja, eigentlich müsste ich wohl sagen: meistens nicht spüren. Denn auch wenn wir seine Nähe erfahren wollen, ist die geistliche Erfahrung etwas anderes als die physische. Was wir sehen oder anfassen können ist natürlich etwas anderes als all das, was wir weder sehen noch anfassen können.
So wie die Luft uns umgibt, von der wir zwar wissen, dass sie da ist, die wir aber weder anfassen noch sehen können, so ist Gott um uns. Aber wie erfahre ich das?
In dieser wunderbaren Stadt, von der der Seher Johannes spricht, ist Gott immer und spürbar da. Er ist immer auch körperlich erfahrbar. Er ist sichtbar. Er tut, wonach wir uns hier immer wieder sehnen, das uns aber verwehrt bleibt, weil wir ihn nicht mit unseren Sinnen wahrnehmen können und darum auch oft verzagen: er wischt unsere Tränen ab von unseren Angesichtern. Es gibt kein Leid, keine Klage mehr, keine Krankheit, ja, keinen Tod mehr, weil Gott da ist und uns vor all diesen Dingen schützt. Das himmlische Jerusalem, es ist die ewige Stadt, es ist die Ewigkeit.
Ja, wollte Gott, ich wäre in dir, an diesem wunderbaren Ort, der dem Paradies so ähnlich ist.
Das Lied, das wir gleich singen werden, gibt diese Sehnsucht in eindrucksvoller Weise wieder, eine Sehnsucht nach dem Tod, aber eigentlich doch nicht. Denn es ist eine Sehnsucht nach der Überwindung des Todes, danach, endlich die Seele frei zu geben von den Fesseln des Todes, damit sie in dieses himmlische Jerusalem aufsteigen kann.
Aber man mag sich fragen, ob das alles erst nach dem Tod erfahrbar ist. Und ob es in dieser, unserer Welt wirklich keine Möglichkeit gibt, gleiche oder wenigstens ähnliche Erfahrungen auch hier zu machen.
Wenn man sich dieses himmlische Jerusalem anschaut, kann man schon das Gefühl gewinnen. Denn diese unsere Welt zeigt sich uns immer wieder von der grausamsten Seite.
Viele unter uns haben einen lieben Angehörigen verloren, der Schmerz ist vielleicht noch gar nicht verklungen, es ist längst spürbar geworden, wie viel dieser Mensch bedeutet hat, und wie viel mit ihm fortgegangen ist.
Aber auch nicht so persönliche Ereignisse lassen einen an dieser vom Tod gezeichneten Welt verzweifeln. Die sinnlosen Kriege, die Hungersnöte, die Naturkatastrophen, der unsinnige Hass, der sich im Terrorismus Bahn bricht, aber auch die drohende Verarmung vieler Menschen auch in unserem Land, all das veranlasst einen, mit einzustimmen in diesen Ruf: „Jerusalem, du hoch gebaute Stadt, wollt Gott ich wär' in dir!” Wenn es nur endlich so weit wäre, denn was soll ich noch hier. Diese Welt hat mir nichts zu bieten, für das es sich zu leben lohnt.
Wenn ich nur in Gottes Nähe sein könnte, wenn er mir Trost spendete, wenn er dem Elend und der Not ein Ende machte, dann wäre alles gut.
Und so gibt es wohl auch Menschen, die sich zurück ziehen wollen, die im Grunde schon gar nicht mehr in dieser Welt sind, weil sie doch wissen, dass etwas Besseres auf sie wartet. Aber so ist das, was uns der Seher Johannes aufgeschrieben hat, wohl kaum gemeint. Dieses himmlische Jerusalem, das Johannes da beschreibt, ist nämlich gar nicht so himmlisch, wie es den Anschein hat. Diese heilige Stadt kommt vielmehr zu den Menschen. Es ist nicht so, dass sich der Mensch von dieser Welt verabschiedet, um in die entfernte, himmlische Stadt zu gehen und dort die Nähe Gottes zu erfahren.
Nein, sondern: Gott sucht uns Menschen auf. Er kommt uns entgegen.
Er tat es in seinem Sohn Jesus Christus. Durch ihn ist er uns so unvorstellbar nah gekommen, wie es hier beschrieben wird. Ja, durch ihn hat diese neue Erde und dieser neue Himmel bereits begonnen. Gott ist nicht fort von uns, nur weil Jesus von den Toten auferweckt und in die Gegenwart Gottes erhoben wurde. Im Gegenteil, und wie er selbst uns gesagt hat: er ist bei uns alle Tage.
Das ist Jesu zentrale Botschaft: das Reich Gottes ist mitten unter euch. Dieses himmlische Jerusalem: es ist hier. Nicht irgendwo in weiter Ferne, weder zeitlich noch räumlich, so dass wir immer nur uns vor Sehnsucht danach verzehren, sondern im Gegenteil: es ist spürbar da. Gott wischt unsere Tränen ab, er nimmt alles Leid von uns, er gibt uns Hoffnung und Zuversicht.
Das Problem besteht einzig und alleine darin, dass wir keine Augen dafür haben. Darum gibt es Dinge, die uns helfen, unsere Augen zu öffnen. Angefangen bei der Taufe, über die gemeinsamen Gottesdienste, bis hin zur Feier des Heiligen Abendmahls: es gibt viele Möglichkeiten, sich das immer wieder bewusst zu machen: Gott ist da, seine Hütte bei den Menschen ist längst gebaut, er wohnt mitten unter uns.
Sicher, es gibt den Tod, das Leid, das Elend und die Not dieser Welt. Aber es hilft nichts, sich davor zu verkriechen. Denn dann können wir es nicht erfahren, dass Gott alles neu macht, dass er uns Kraft schenkt, dass er den Tod schon besiegt hat.
„Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.” Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Jesus ist kommen (EG 66)
Jerusalem, du hochgebaute Stadt (EG 150)
Die ihr Geduld getragen (EG 151, 6-8)
Der Himmel, der ist (EG 153)
Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen (EG 518)
Die Herrlichkeit der Erden (EG 527)
Es kommt die Zeit (KHW-EG 560)

Predigtvorschläge zu Reihe V - 2. Petr 3, (3-7)8-13

Liebe Gemeinde, Für viele von Ihnen ist heute ein schwerer Tag. Sie sind gekommen, um sich zu erinnern an einen lieben Menschen, der in diesem Kirchenjahr verstorben ist. Sie wollen ihn mit uns in der Fürbitte Gott anbefehlen.
In der Feier des Gottesdienstes werden vielleicht bisher schon Erinnerungen aufgestiegen sein. Manche davon sind schmerzhaft, andere sind schön. Alle wecken sie aber die Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit den Verstorbenen.
'Wärst du doch noch da' – diese Worte mögen das Gefühl, das sich da im Innern breit macht, widerspiegeln.
Für andere mag es eher so sein, dass sie dankbar sind – nach langem Leiden etwa. Das Leiden hat endlich ein Ende, der Tod ist Erlösung von diesem Leiden. Da kann man natürlich dankbar sein.
Aber dennoch ist auch in solch einer Situation die Sehnsucht noch spürbar nach der Gemeinschaft, die der Tod so unbarmherzig beendet hat. Nur denkt man dann meist an die Zeit, bevor das Leiden begonnen hat, möchte gerne noch einmal dahin zurück.
Wir fragen uns: Wie lange wird es dauern, bis wir uns wiedersehen? Wird es überhaupt ein Wiedersehen geben?
Wenn wir heute an die Verstorbenen erinnern, dann tun wir das vor allem in dem Bewusstsein dessen, was uns Petrus in unserem Predigttext heute zuruft. Er steht in seinem 2. Brief im 3. Kapitel:

Eins sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag. Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde. Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden.
Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen, die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden.
Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.
(2. Petr 3, 8-13)

Die Frage nach dem „Wie lange noch?” haben sich die Christen gestellt, seit das erste Gemeindeglied gestorben war. Sie alle hatten erwartet, dass Jesus Christus noch zu ihren Lebzeiten wiederkommen und sie alle zu sich nehmen würde. Sie erwarteten das Kommen des Gottesreiches innerhalb weniger Jahre.
Doch als die ersten Glieder der Gemeinde starben, kamen Zweifel auf. Muss man nicht leben, um dem Herrn begegnen zu können? Welche Rolle spielt der Tod in dem, was uns von Jesus erzählt wurde? Hat er nicht gesagt:
Ich will euch wiedersehen? Hat er da nicht von einer kleinen Weile gesprochen? Wie lang soll das denn noch dauern? Und wie können die Toten ihn wiedersehen?
Diese Fragen bewegen uns auch. Denn wir wissen ja, dass der menschliche Körper vergeht. Da bleibt nichts. wie ist es da mit dem Wiedersehen? Wie können die Toten Gott schauen? und wie können wir uns die Zukunft vorstellen – die Zeit nach dem Tod?
Petrus erinnert uns zunächst daran, dass Gott in anderen Dimensionen handelt, als wir es tun. Zeit ist für ihn unbedeutend, denn er ist der Ewige. Ein Tag ist vor ihm wie tausend Jahre, und tausend Jahre sind vor ihm wie ein Tag.
Die Ewigkeit kennt keine Zeitzählung. Wer ewig ist, ist immer und zu allen Zeiten. Er ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem.
Auch der Tod ist für Gott unbedeutend, denn er ist der Allmächtige, der den Tod überwunden hat.
Dass wir warten müssen, bis Gott sich auf's Neue offenbart, liegt daran, dass er geduldig darauf wartet, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Dabei sind nur wir es, die Geduld haben müssen, denn für Gott gibt es ja keine Zeit.
Wann es für uns so weit ist, liegt allein in Gottes Hand – Er bestimmt Tag und Stunde, und nicht wir.
Darum werden wir auch ermahnt, wachsam zu sein, denn der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb, d.h. man bemerkt ihn erst, wenn es eigentlich schon zu spät ist.
Der Dieb sucht sich ja immer die Zeit aus, wo er möglichst sicher ist, nicht erwischt zu werden. Nachts, oder noch besser, wenn niemand zu Hause ist. Das, was Petrus in diesem Zusammenhang beschreibt, ist zwar verhehrend, denn es ist ein Tag des Gerichts, an dem diese Welt zerstört werden wird. Aber für uns, die wir auf die Güte Gottes vertrauen, sieht das anders aus. Wir werden nicht vergehen, sondern im Gegenteil, wir werden aus diesem Gericht unbeschadet hervorgehen.
Wenn der Tag des Herrn wie ein Dieb kommt – wie können wir dann mitbekommen, wenn es geschieht? Unser Glaube leitet uns zur Wachsamkeit an. Wir erkennen die Signale, die darauf hinweisen. Wir entwickeln gewissermaßen ein Gespür dafür – allerdings nicht wie so manche Möchtegern- Propheten, die meinen, den Tag auf's Genaueste vorherbestimmen zu können und dann doch darin versagen. Gott wird sich uns offenbaren, so dass wir ihn gar nicht verpassen können. Wenn er kommt, dann wissen wir es.
Denn wir werden gewissermaßen herausgerufen, wir werden erkannt als diejenigen, die auf das Kommen des Herrn gewartet haben ihr Leben lang. Und das ist auch schon die einzige Bedingung, die daran geknüpft ist: dass wir ernsthaft das Kommen des Herrn erwarten, was wir ja auch im Glaubensbekenntnis Sonntag für Sonntag zum Ausdruck bringen.
Es ist ein Warten, da werden wir nicht herauskommen. Wenn wir den Tag der Wiederkunft unseres Herrn wüssten, was würden wir dann wohl alles machen, um sein Kommen angemessen vorzubereiten? Gott will das aber nicht. Er will nur, dass wir stets mit seinem Kommen rechnen. Denn es kann heute geschehen oder morgen, oder in tausend Jahren – Gott allein weiß die Zeit, wann er der Zeit ein Ende machen wird.
Aber nun bleibt doch noch die Frage: was ist mit den Verstorbenen? Nun, durch die Taufe sind sie Kinder Gottes geworden – das kann ihnen niemand nehmen. Sie gehören zu denen, von denen Petrus schreibt: „Wie werdet ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen”. Denn auch sie haben ja auf das Kommen des Herrn gewartet, ihr Leben lang. Und so werden auch sie dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen.
Wie das genau aussieht, können wir nur erahnen. Aber da bei Gott nichts unmöglich ist, dürfen wir es uns wohl vorstellen, wie wir wollen – nur dass es am Ende dann doch viel größer, schöner und herrlicher sein wird, als wir es uns je hätten vorstellen können.
Nun kann ich mir denken, dass der eine oder andere doch Zweifel bekommt. Soo heilig war sie ja nun auch wieder nicht. Er ist ja nur selten in die Kirche gegangen. In der Bibel gelesen hat er auch nicht, usw.
Ja, was verbinden wir alles mit dem Wort „fromm” und „heilig”. Niemand möchte jedenfalls heutzutage gerne als „fromm” bezeichnet werden. Was früher noch einen Menschen geehrt hat, wird heute mehr oder weniger als Beleidigung empfunden. Dabei hat Frömmigkeit mit dem Herzen eines Menschen zu tun.
Wenn sich ein Mensch zu Gott hält, ganz gleich auf welche Weise, dann ist das ein frommer Mensch. Da genügt es, nach ihm zu suchen und zu fragen, ja, auch ein zweifelnder Mensch ist ein frommer Mensch, denn er will ja im Grunde nichts lieber als ein klares Zeichen von Gott. Er wartet auf Gottes Kommen.
Und heilig – ja, das sind wir alle durch die Taufe. Wir werden durch die Taufe zu Heiligen. Denn Gott sagt uns in der Taufe schon die Vergebung der Sünden zu – natürlich nicht so, dass wir machen können was wir wollen (es wird ja sowieso vergeben), sondern so, dass wir das Falsche, was wir getan haben, erkennen und um Vergebung bitten. Dann wird uns auch vergeben, weil wir getauft sind und dadurch Kinder Gottes.
So sind wir also Heilige, denn Gott heiligt uns.
Und so trifft das schon zu: fromm und heilig, auch wenn es nach unseren Maßstäben nicht wirklich so aussieht. Es genügt nur ein Funke Glaube, denn der wird uns im Gericht gewiss direkt zu Jesus hinführen, der dann ja offenbar wird.
Wir und alle, die uns im Glauben vorausgegangen sind, werden dastehen in heiligem Wandel und frommen Wesen, so wie Petrus es beschreibt. Und es ist ein schöner Anblick, der sich aber erst offenbart und offenbaren kann, wenn diese Welt mit großem Krachen zergeht.
Es ist zwar bitter, sich vorzustellen, dass so etwas passiert, und eigentlich wollen wir es uns auch gar nicht vorstellen. Aber nur wenn diese Erde vergeht, kann geschehen, was Petrus dann sagt: „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.” (2. Petr. 3, 13)
Der neue Himmel und die neue Erde – das ist unser Ziel, darauf hoffen wir und dahin wollen wir. Denn es ist der Ort der Gerechtigkeit, wo niemand mehr übervorteilt wird, niemand mehr Not leiden muss, sondern vollkommener Friede herrscht und alle von allem, was sie brauchen, genug haben. Dann wird offenbar, was schon jetzt gilt, aber von uns Menschen offenbar unmöglich umzusetzen ist: vor Gott sind alle gleich.
Zwar muss sich jeder einzelne auch für seine Taten verantworten, aber das ist nur ein kleines Problem, wenn man bedenkt, was für einen Anwalt wir haben, der dann für Gerechtigkeit sorgt: Es ist Jesus Christus!
Dieser Anwalt kann unseren Freispruch bewirken, ohne dass wir eine Strafe erdulden müssten.
Heute blicken wir ein kleines Stück in den Himmel hinein, denn wir erinnern uns an verstorbene Gemeindeglieder, jene, die bereits dort sind. Wir dürfen sie uns vorstellen inmitten der Engel, versammelt um Gottes Thron, fröhlich und dankbar mit einstimmend in das Gotteslob.
Und wenn wir nachher gemeinsam Abendmahl feiern, dann tun wir das nicht nur in Gemeinschaft untereinander, sondern auch in Gemeinschaft mit unserem Herrn Jesus Christus und mit denen, die uns im Glauben vorausgegangen sind und bereits seine Herrlichkeit schauen dürfen.
So stärke uns Gott unseren Glauben und unsere Hoffnung, dass wir feststehen in der Erwartung seines Kommens.
Amen.


Liedvorschläge zur Predigt:
Wach auf, wach auf, du deutsches Land (EG 145)
Wachet auf, ruft uns die Stimme (EG 147)
Herzlich tut mich erfreuen (EG 148)
Es ist gewisslich an der Zeit (EG 149)
Jerusalem, du hochgebaute Stadt (EG 150)
Wir warten dein, o Gottes Sohn (EG 152)
Ist Gott für mich, so trete (EG 351, 1.9-13)
Menschliches Wesen (EG 449, 7-12)
Valet will ich dir geben (EG 523)
Die Herrlichkeit der Erden (EG 527)