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Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe I - Hebr 4, 14-16

Liebe Gemeinde!
wenn man an Gott denkt, dann denkt man an ein mächtiges Wesen, ja, ein allmächtiges Wesen. Sonst wäre es nicht Gott. Von Gott erwarten wir, dass er über den Dingen steht und unantastbar ist. Gott thront über den Dingen, nichts kann ihm etwas anhaben.
Denn wenn es nicht so wäre, wenn also Gott verwundbar wäre, dann wäre es doch nur eine Frage der Zeit, bis eine größere Macht sich über ihn erheben würde.
Bei Gott hört demnach alles auf. Nichts ist jenseits von ihm. Nur wenn es so ist, können wir ihm auch ganz vertrauen. Nur dann wissen wir, dass seine Zusagen definitiv eingehalten werden, weil nichts ihn daran hindern kann, sie umzusetzen.
Wenn hingegen Menschen etwas versprechen, kann es sein, dass sie es nicht einhalten – nicht zwangsläufig aus bösem Willen, sondern weil etwas Unvorhergesehenes sie daran hinderte. Das kann bei Gott aber nicht geschehen, denn es gibt für ihn nichts Unvorhergesehenes, und es gibt auch nichts sonst, was ihn daran hindern könnte, zu seinem Wort zu stehen. Keine Mächte noch Gewalten können Einfluss auf ihn ausüben.
So stellen wir uns Gott vor: heilig, unantastbar, unverwundbar, allmächtig, allwissend – um nur einige wenige Attribute zu nennen.
Ein Hohepriester ist nun eine Person, die gewissermaßen den direkten Draht zum Allmächtigen hat. Er vermittelt zwischen Mensch und Gott – diese Vorstellung durchzieht die Schriften des ersten Bundes, die wir das Alte Testament nennen. Niemand durfte sich Gott nahen, das Allerheiligste war dem Hohepriester vorbehalten. Auch er durfte nur einmal im Jahr dort hinein, am Jom Kippur, dem Tag der Versöhnung. Dann erwirkte er die Vergebung der Sünden für das ganze Volk Israel.
Der Hohepriester ist also eine Person, der man sich nicht ohne Weiteres näherte. Er konnte seinen direkten Draht zu Gott ja auch zum Nachteil eines Menschen nutzen.
Das war den Menschen damals durchaus bewusst. Wenn vom Hohepriester die Rede war, dann war Ehrfurcht und Respekt angesagt, selbst dann, wenn die Person, die das Amt innehatte, es für ihre eigenen Zwecke missbrauchte.
Denn man betrachtete das Amt losgelöst vom Menschen. Es wurde von Gott verliehen, und so handelte der Amtsträger immer im Namen Gottes, wenn er den ihm aufgetragenen Dienst versah.
Und nun benutzt der Verfasser des Hebräerbriefes ein solches Amt, um Jesu Wirken näher zu beschreiben.
Einerseits ist es verständlich, denn Jesus ist ja der Sohn Gottes – wem, wenn nicht ihm, gebührt die höchste Ehre. Und er ist es ja, der die direkte Verbindung zwischen Gott und Menschen hergestellt hat – so wie es der Hohepriester auch tut.
Aber andererseits ist Jesus der menschgewordene Gott. Und die Bedeutung seiner Menschwerdung kommt bei dem Bild vom Hohepriester nicht so deutlich zum Tragen, denn auch wenn der Hohepriester Mensch ist, so ist er doch gewissermaßen abgehoben von den Menschen durch seine Funktion im Tempeldienst.
Darum stellt uns der Verfasser des Hebräerbriefes einen Hohepriester vor, der anders ist. Er ist nicht Würdenträger, sondern er ist mit den Menschen in die tiefsten Abgründe eingetaucht. Er hat unsere Schwachheit, unseren Kleinmut und unsere Ängste hautnah miterlebt. Er wurde versucht vom Teufel, wie wir vorhin in der Evangeliumslesung gehört haben.
Nur in einem unterscheidet er sich von uns:
Er ist ohne Sünde. Er hat den Versuchungen nicht nachgegeben. Er hat nie aufgehört, auf die Güte Gottes zu vertrauen.
Alles andere aber hat er auch erfahren oder wenigstens mit erlitten, bis hin zum Tod. Er hat den Hass der Menschen erfahren, die Hoffnungslosigkeit, aber auch die Hoffnung, die Machtgier, die Mutlosigkeit, Den Neid, das Leiden – Jesus war mittendrin, er hat das Elend der Menschheit nicht nur wahrgenommen, er hat es mit der Menschheit erlitten.
Der Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu aus Südafrika hat Jesus als einen „der mitfühlendsten Menschen ..., den die Welt je kannte”, beschrieben. Ich würde noch weiter gehen und sagen: Jesus war der mitfühlendste Mensch, den die Welt je kannte.
Denken wir zum Beispiel an die Ehebrecherin, die Jesus mit den Worten „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein” (Joh 8, 7b) vor dem Tod bewahrt. Er selbst hätte das Urteil vollstrecken können – anstelle dessen vergibt er ihr.
Oder denken wir an die Segnung der Kinder. Sie waren ihm wichtiger als die Erwachsenen, die sich von ihnen gestört fühlten.
Oder an die Seligpreisungen, in denen er uns gewissermaßen einen Fahrplan für unser Leben gibt – einen, der zwar utopisch erscheint, aber der nur das Wohl der Mitmenschen im Blick hat.
Er hat für die um Vergebung gebeten, die es wahrlich nicht verdient hätten. Und er hat denen vergeben, die an ihm schuldig wurden, ohne Vorbehalte.
Nun sind wir eingeladen, uns Gott zu nahen. Diese Einladung haben wir Jesus zu verdanken. Wir sind eingeladen, weil es der Thron der Gnade ist – durch Christi Blut zum Thron der Gnade geworden. Jedes noch so schwere Verbrechen kann durch diese Gnade gesühnt werden.
Der Weg dahin mag nicht so leicht sein. Denn unsere eigene Schuld, unser Versagen, unser Kleinglaube stehen uns im Weg. Ist es wirklich so einfach? Können wir die Gnade Gottes wirklich so ohne Weiteres, ohne jede Vorleistung in Anspruch nehmen?
Ja, wir können es, wir dürfen es. Darum starb Jesus am Kreuz, damit wir diesen freien Zugang haben. Der Vorhang im Tempel zerriss – der Vorhang, der den Blick auf das Allerheiligste und damit den Zugang zu Gott unmöglich machte. Wir dürfen nun vor Gott treten und von ihm persönlich die Vergebung unserer Sünden empfangen.
Es mag andererseits Menschen geben, die es sich zu leicht machen: sie meinen, dass Gottes Gnade frei verfügbar sei, und lassen darum die Zeit verstreichen. Sie behalten ihren Lebenswandel bei und meinen, irgendwann einmal die Gnade Gottes in Anspruch nehmen zu können. Aber so einfach ist es nicht.
Wenn uns der Verfasser des Hebräerbriefes einlädt, vor den Thron der Gnade zu treten, dann ruft er uns auf einen Weg. Wir stehen ja nicht so ohne weiteres vor dem Thron der Gnade, wir müssen erst hinzutreten.
Das kann mit einem Schritt geschehen, es kann aber auch ein langer Weg sein.
Ich würde in diesem „hinzutreten” unseren Lebensweg sehen wollen. Und nun kommt es darauf an, wie wir diesen Weg gehen.
Haben wir Scheuklappen vor den Augen, die uns hindern, die Menschen, die links und rechts von uns am Wegrand sind, wahrzunehmen? Eilen wir an denen vorbei, die unsere Hilfe brauchen, so wie es der Levit und der Priester taten, als sie den halb tot Geschlagenen am Wegrand liegen sahen? (Lk 10, 25-37)
Oder schauen wir doch nach links und rechts? Sehen wir die Menschen, die da unseren Weg säumen?
Vielleicht kommen wir ja nicht so schnell zum Ziel, wenn wir uns um die Menschen kümmern, die wir da erblicken. Aber in Wahrheit sind wir dann so nah an Christus, wie wir es anders kaum sein könnten. Denn als Jesus das Weltgericht beschrieb, da sagte er: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Mt 25, 40b)
Und Jesus hat da keine Einschränkungen gemacht, wer nun seine geringsten Brüder wären. Er sprach von Hungernden, von Durstenden, von Nackten, von Kranken, von Gefangenen und von Fremden. Sie alle sind seine geringsten Brüder. In ihnen allen begegnet uns Christus.
(Dass da von Brüdern die Rede ist, mag manchen vielleicht etwas stören – natürlich sind aber auch die Schwestern gemeint, oder, um es mit einem Wort zu sagen: es geht um die Geschwister. Nur war es damals so, dass man von Brüdern sprach und damit die Schwestern genauso meinte.)
Jesus führt uns die vor Augen, die eine gesellschaftliche Randgruppe darstellen oder die eigentlich gar nicht in unserem Blickfeld sind.
Denn Hungernde und Durstende werden uns wohl kaum begegnen. Es gibt sie aber. Noch immer leiden über 800 Millionen Menschen, also fast zehn mal so viel Menschen wie in der Bundesrepublik, Hunger. Anders gesagt: Jeder 9. Mensch in der Welt hat nicht genug zu essen.
Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFD) sagt dazu: „Hunger ist das größte lösbare Problem weltweit”. Wenn jeder Mensch in Deutschland monatlich 60 Euro für die Bekämpfung des Hungers spenden würde, wäre der Hunger bereits besiegt. So wenig reicht schon aus.
Wer Hunger leidet, braucht auch Kleidung, denn bevor er sich Kleidung besorgt, wird er immer Essen beschaffen. Aber das ist, wie gesagt, doch recht weit weg.
Näher als die Hungernden sind uns wohl die Fremdlinge, obwohl wir sie gar nicht so deutlich wahrnehmen. Menschen, die als Flüchtlinge hierher kommen, aber auch solche, die schon seit Jahren unter uns leben.
Haben wir sie besucht? Haben wir ihnen das Gefühl gegeben, dass sie hier willkommen sind? Haben wir sie uns zu Freunden gemacht?
Eine Menge Vorurteile und Halbwahrheiten oder Gerüchte, deren Wahrheitsgehalt nicht festgestellt werden kann, schwirren in den Köpfen herum, beißen sich dort fest und hindern uns, auf die Menschen zuzugehen, die uns fremd sind. Terroristen, die sich auf den Islam berufen, tun ihr Übriges, um die Angst vor muslimischen Mitbürgern zu schüren.
Dabei sehnen sich die meisten der „Fremden” nach einem freundlichen Wort, nach einem Zeichen, dass sie willkommen sind, dass sie hier nicht auf sich alleine gestellt oder gar nicht willkommen sind, sondern damit rechnen können, dass sie Hilfe empfangen, wenn sie sie brauchen.
Jesus war der mitfühlendste Mensch, den die Welt je kannte. Er ist der Hohepriester, der mit uns leidet – oder vielleicht nicht mit uns, weil es uns ja doch recht gut geht, sondern mit unseren Mitmenschen.
Wenn wir ihm nachfolgen wollen, dann heißt das, ebenso mitfühlend zu sein, die Not der anderen Menschen zu erkennen und für sie da zu sein. Es heißt, unsere Ängste abzulegen, Vorurteilen keinen Raum zu geben und offen und ohne Vorbehalte auf unsere Mitmenschen zu zu gehen.
Denn in der Tat brauchen wir keine Angst zu haben. Wir wissen ja, dass wir in Gott geborgen sind.
So gehen wir unseren Weg zum Thron der Gnade, indem wir auch unseren Mitmenschen gegenüber die Gnade Gottes spürbar machen.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
O König aller Ehren (EG 71, 1.3-5)
Singen wir heut mit einem Mund (EG 104)
Gott ist gegenwärtig (EG 165)
Lobt Gott den Herrn, ihr Heiden all (EG 293)
Ach bleib mit deiner Gnade (EG 347)
Es kennt der Herr die Seinen (EG 358, 1-4.6)
Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr (EG 382)
Gott ruft dich, priesterliche Schar (KHW-EG 587)

Predigtvorschläge zu Reihe II - 1. Mose 3, 1-19(20-24) (= Gen 3, 1-19(20-24))

Liebe Gemeinde!

Was wäre das wohl für ein Leben, wenn Eva damals nicht von der Frucht des Baumes der Erkenntnis gegessen hätte?
Was, wenn sie Adam nicht ebenfalls dazu ermutigt hätte, davon zu essen?
Was, wenn Adam ihr widerstanden hätte?
Was, wenn er Eva daran gehindert hätte, hinein zu beißen?
Ach, warum frage ich: es war ja die Schlange, das listigste aller Tiere auf dem Feld, die uns die Möglichkeit geraubt hat, die Antwort auf diese Fragen zu finden.
Ohne die Schlange wären wir wohl noch im Paradies, würden die Fürsorge und Nähe Gottes genießen, müssten keine Hungersnot oder Naturkatastrophe fürchten, ja selbst der Tod wäre uns unbekannt.
Oder etwa nicht? Hat die Schlange wirklich etwas ganz Neues hervorgebracht? Oder hat sie nur etwas ausgelöst, was schon immer Bestandteil unserer menschlichen Natur gewesen ist und bis heute bleibt und darum früher oder später auch ohne sie zum Vorschein gekommen wäre:
das Verlangen nach Mehr, die stete Unzufriedenheit mit dem, das uns gegeben ist, die Sehnsucht, das Wirklichkeit werden zu lassen, wovon wir träumen, was aber nicht Wirklichkeit ist.
Vermutlich wären wir auch ohne Schlange heute nicht mehr im Paradies. Irgendwann hätten Adam und Eva doch nach der Frucht gegriffen.
Das Verbotene hat ja doch schon immer einen besonderen Reiz gehabt. Wer wird nicht neugierig, wenn gesagt wird: es ist verboten, in die Dose hinein zu schauen? Wen reizt es nicht, wenn da steht „Betreten verboten”?
Es braucht keine Schlange, um das Verlangen nach dem Verbotenen zu wecken.
Also lassen wir die Schlange Schlange sein und wenden uns dem zu, der uns das Paradies ein für alle mal versperrt hat: Gott.
Denn, ist es nicht so: er hätte uns doch ein bisschen gefügiger erschaffen können, ein bisschen gehorsamer.
Warum konnte er es denn nicht so einrichten, dass uns jeglicher eigener Wille fehlte, dass wir niemals seinen Willen hinterfragten und so auch nie das Paradies auf's Spiel setzen würden?
Ich will diesen Gedanken etwas weiterspinnen, vielleicht hilft es uns, eine Antwort zu finden.
Stellen wir es uns nur einmal für einen Moment vor, wie es wäre, wenn uns dieses Verlangen, mehr zu wissen, mehr zu können, mehr zu lernen, alles besser zu machen, fehlte.
Was für eine Welt wäre das? Paradies? Wohl kaum. Wir wären zwar wunschlos, aber keineswegs glücklich.
Denn wenn es nichts gibt, nach dem es sich zu streben lohnt, dann kann es auch keine Freude darüber geben, es erreicht zu haben.
Auf der anderen Seite gäbe es allerdings auch keinen Grund, sich vor irgendetwas zu fürchten.
Es gäbe keine Verbrecher, keine Kriege, keine Hungersnot, denn es gäbe niemanden, der den anderen beneidete.
Es gäbe niemanden, der versuchte, reicher und reicher zu werden ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen, obwohl er längst viel mehr zusammengetragen hat, als er jemals in seinem Leben wieder sinnvoll ausgeben könnte.
Es gäbe niemanden, der achtlos an seinem Nachbarn vorüberginge, obwohl dieser gerade jetzt die Nähe eines verständigen Menschen bräuchte.
So schön es ist, stellt sich doch die Frage: Ist das Paradies, so gesehen, nicht langweilig?
Gott wusste schon, warum er uns so geschaffen hat und nicht anders, warum er uns dieses Verlangen mit in die Wiege legte und auch die Freiheit gab, selbst eine Entscheidung zu fällen.
Denn erst so wird unser Leben interessant, gibt es Überraschungen und Entdeckungen, gibt es Erfolgserlebnisse und natürlich auch die Niederlagen.
Erst so können wir überhaupt begreifen, was es bedeutet, Ebenbild Gottes zu sein.
Erst so werden wir in die Lage versetzt, Verantwortung zu übernehmen.
Es mag eine Zeit gegeben haben, so wie es uns diese Geschichte erzählt, in der die Menschen das Paradies bevölkerten.
Aber der ihnen eigene Drang nach mehr musste eines Tages dazu führen, dass diese Zeit ein Ende hat.
So oder so: Gottes Gebot würde von den Menschen gebrochen werden, das Paradies würde für uns verschlossen werden. Und es geschah so.

Ich möchte den Ausschluss aus dem Paradies nicht als Strafe ansehen. Es ist vielmehr der Anfang der Verwirklichung dessen, wozu Gott uns im wahrsten Sinn geschaffen hat.
Solange der Mensch im Paradies war, trug er keine Verantwortung, denn die lag allein in den Händen Gottes. Doch jetzt ist sie uns übergeben.
Gott schenkte uns von Anfang an die Freiheit zur Entscheidung, das Richtige zu tun – oder das Falsche.
Die Schwierigkeit ist, zu erkennen, was richtig oder falsch ist.
Gott hat uns dazu Richtlinien an die Hand gegeben. Sein Gesetz ist der Rahmen, in dem wir uns bewegen können und der eigentlich schon deutlich genug sagt, was geht und was nicht.
Aber wenn man frei ist, dann hört man nur ungerne das Wort »Gesetz«, man hört nur ungerne „Du sollst” oder „Du sollst nicht”..
Jedes Gesetz wird vielmehr hinterfragt, vieles wird in seinen historischen Kontext eingeordnet und damit für unsere Zeit als ungültig oder zumindest unbedeutend erklärt.
Zum Beispiel die Aufforderung im 1. Brief des Paulus an die Korinther, dass die Frau ihr Haupt beim Gebet bedecke.
Jesus leistet uns dabei Schützenhilfe, indem er die Gesetzlichkeit seiner Zeitgenossen anprangert und verkündet, dass Gesetze um der Menschen willen gemacht sind und nicht die Menschen um der Gesetze willen.
Der Mensch braucht Freiheit, um sich weiter entwickeln zu können, und keine Schranken, die ihn daran hindern.
So richtig das ist, so sehr frage ich mich allerdings, ob wir dabei nicht manches Mal über das Ziel hinaus schießen und den zweiten Schritt vor dem ersten machen:
Sollen wir wirklich weiter Atomkraftwerke betreiben, wo wir doch bis heute nicht wissen, wie wir die radioaktive Strahlung in den Griff bekommen und was mit dem nuklearen, radioaktiven Müll geschehen kann?
Sollen wir wirklich soviel Kraft in die Erforschung der Gene investieren, um am Ende womöglich in der Lage zu sein, Clone zu erschaffen – womöglich nur als Ersatzteillager – obwohl wir es bis heute nicht geschafft haben, Krankheiten wie AIDS oder Krebs auszurotten?
Sollen wir wirklich Waffen erfinden, herstellen und dann womöglich auch einsetzen, die in der Lage sind, mit einem Schlag riesige Flächen zu zerstören und damit natürlich auch tausende von Menschen zu töten?

Ich gebe zu: es ist aufregend, immer Neues zu entdecken.
Die Erfindungsgabe des Menschen scheint keine Grenzen zu kennen.
Was vor dreißig Jahren noch unmöglich erschien, ist heute schon selbstverständlich geworden.
Im 19. Jahrhundert hat man oft noch die Eisenbahn als Werk des Teufels angesehen. Heute schmunzeln wir über solch eine Einstellung, weil wir längst erfahren haben, wie sinnvoll, sicher und gut dieses Verkehrsmittel ist.
Der Mensch ist zum Fortschritt geboren, und es scheint da auch wirklich keine Grenzen zu geben.
Nur den Tod haben wir nicht im Griff und werden wir auch in Zukunft icht in den Griff bekommen.

Es ist vielleicht die einzige Grenze, aber sie hat auch so etwas wie eine Signalfunktion. Denn sie erinnert uns daran, dass nicht jede Entwicklung, nicht jeder Fortschritt gut ist.
Doch lassen wir uns nicht gerne bevormunden. Das ist uns schon in die Wiege gelegt. Wir möchten uns in unserer Freiheit, in unserem Entdeckerdrang nicht einschränken lassen.
Wir wollen Freiheit und vergessen dabei, dass wir nie, keinen Moment unseres Lebens, wirklich unabhängig sind. Im Gegenteil.
Unsere Freiheit ist nicht grenzenlos, sie ist eingebunden in die Verantwortung, die Gott uns übertragen hat, schon vom ersten Tage der Schöpfung an.
Gott hat uns verantwortlich gemacht für das Leben in dieser Welt.
Das ist eine enorme Aufgabe. Aber auch eine lohnenswerte Aufgabe:
Wäre es nicht lohnenswert, wenn man als Unternehmer seine Gewinne nicht mit Aktionären, sondern mit den Mitarbeitern teilte, die maßgeblich an diesem Gewinn mitgewirkt haben?
Wäre es nicht lohnenswert, wenn man als Politiker Friedensverträge aushandelte, ohne einen einzigen Tropfen Blut zu vergießen und ohne mit einem überwältigenden Waffenarsenal zu drohen?
Wäre es nicht lohnenswert, wenn man als Ehepartner alles daran setzte, die Ehe zu erhalten, indem man das Vertrauen des Partners oder der Partnerin nicht missbraucht, sondern sich Zeit nimmt für einander und seine Wertschätzung füreinander zum Ausdruck bringt?
Wäre es nicht lohnenswert, wenn man als wohlhabender Mensch einen Teil seines Wohlstandes abgibt, damit Menschen, die Hunger leiden, geholfen werden kann?
Wäre es nicht lohnenswert, wenn man als Nächster seinen Nächsten aufsucht und ihm zur Seite steht, wenn dieser Hilfe braucht?

Gott hat uns eine Verantwortung übertragen. Sie besteht nicht darin, unsere Freiheit bis zum Letzten auszunutzen, sondern darin, sie zum Wohle der ganzen Schöpfung einzusetzen.
Ich gebe zu, dass ich darin oft versage.
Und ich hätte sicherlich schon längst mit meinen Bemühungen aufgehört, wenn ich nicht wüsste, dass Gott auch aus meinem Versagen noch Gutes entstehen lassen kann.

Das Paradies – vielleicht besteht es ja darin, dass ich mir die Freiheit nehme, die Verantwortung, die Gott mir übertragen hat, wahrzunehmen.
Das Paradies – vielleicht besteht es ja darin, dass wir versuchen, anderen Menschen eine Paradieserfahrung zu ermöglichen.
Das Paradies – es besteht sicher darin, dass wir im Glauben die Vergebung Gottes durch Jesus Christus annehmen können, wenn wir versagen.
Eins ist gewiss: wir entfernen uns immer mehr vom Paradies, je weniger Zeit wir uns nehmen, inne zu halten.
Zeit, um darüber nachzudenken, was wichtig ist, für mein Leben und das meiner Mitmenschen.
Und Zeit, um still zu werden vor Gott, der uns trotz aller Ferne, die wir seit Adam und Eva erleben, doch in Jesus Christus ganz nah gekommen ist.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Christe, du Schöpfer aller Welt (EG 92)
O Tod, wo ist dein Stachel nun (EG 113, 1-2.6.8)
Gott, der Vater steh uns bei (EG 138) - enthält aber "Halleluja", das in der Fastenzeit nicht gesungen werden soll
O Herr, nimm unsre Schuld (EG 235)
Und suchst du meine Sünde (EG 237)
*Erhebet er sich, unser Gott (EG 281)
Aus tiefer Not schrei ich zu dir (EG 299)
Nun freut euch, lieben Christen gmein (EG 341)
All unsre Schuld vergib uns, Herr (EG 344, 6-9)
Die ganze Welt hast du uns überlassen (EG 360)
Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer (KHW-EG 610)