das Kirchenjahr

Invokavit

Versuchung

Predigtanregung

Der Name des Sonntags Invokavit leitet sich vom Beginn der lateinischen Antiphon ab: "Invocavit me, et ergo exaudiam eum" (Ps 91, 15; deutsch s. unten, wörtliche Übersetzung von "Invokavit" hervorgehoben).
Der Sonntag Invokavit hat die Geschichte der Versuchung Jesu zum Thema. Versuchung ist inzwischen zu einem altertümlichen Begriff geworden, vor allem deshalb, weil die Frage nach dem Versuchenden immer deutlicher gestellt wurde und wird. Gibt es ihn überhaupt? Entspringt die Versuchung nicht ausschließlich in einem selbst? Diese Entwicklung muss auf jeden Fall berücksichtigt werden, wenn wir von Versuchung sprechen. Die Vorstellung eines leibhaftigen Versuchers als des Teufels ruft höchstens noch ein müdes Lächeln hervor; das Arbeiten mit solchen Bildern in der Predigt ist heutzutage ausgesprochen schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Die Frage nach dem Versuchenden bleibt, sei es nun die Person selbst oder eine von außen wirkende Kraft. Und immerhin finden wir den Begriff noch in der deutschen Sprache, wenn z.B. gesagt wird: "Ich bin versucht, das und das zu kaufen." Aber hier hat es gewiss nicht mehr den Sinn, den es in der Bibel hat.

Klicken Sie hier für die Anregungen für alle Predigtreihen (soweit vorhanden)

III - Joh 13, 21-30

Als Jesus das gesagt hatte, wurde er betrübt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. 22 Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. 23 Es war aber einer unter seinen Jüngern, den Jesus lieb hatte, der lag bei Tisch an der Brust Jesu. 24 Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. 25 Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist's? 26 Jesus antwortete: Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 27 Und als der den Bissen nahm, fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald!
28 Aber niemand am Tisch wusste, wozu er ihm das sagte. 29 Einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. 30 Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.

Wenn es um Judas geht, dann sind wir - auch dank der Bibelübersetzungen - schnell dabei, vom „Verräter” zu sprechen. Wir sehen in ihm nur noch das Negative, ja, verabscheuungswürdige, und merken gar nicht, dass wir den Balken in unserem eigenen Auge nicht wahrnehmen. Dabei müssen wir die Vielschichtigkeit des ursprünglichen Wortes mit bedenken, das anders als das stark negativ belastete Wort „Verräter” auch mit „Auslieferer” übersetzt werden kann. Allein wenn wir dies bedenken, wird uns vielleicht auch deutlich, dass es mit dem „Verdammen” gar nicht so einfach ist. Ja, wir werden vielleicht sogar auf den Weg geführt, der uns zeigt, dass in Gottes Plan auch dies inbegriffen war und darum Judas gar nicht anders handeln konnte. Im letzten Schluss könnte man dann sogar dahin gelangen, dass ohne Judas Jesu Tod am Kreuz nicht hätte geschehen können, und damit wir immer noch die Verdammten wären.
Es ist an der Perikope besonders interessant, dass sich alle Jünger irgendwie angesprochen fühlen. Sie sind freilich entsetzt und „ihnen wurde bange”, weil sie sich selbst nicht auszuschließen vermochten. In diesem Verhalten können uns die Jünger noch zu Vorbildern werden, denn wir sollten uns immer neu die Frage stellen, ob wir nicht drauf und dran sind, unseren Herrn Jesus Christus zu verraten nzw. auszuliefern.
Es lohnt sich, in der Predigt diesem Gedanken nachzugehen. Jedes Gefühl der Selbstsicherheit mag zwar persönlichkeitsbildend sein, es führt uns aber von Gott weg, weil wir seine Gnade dann nicht mehr (zu) brauchen (meinen). Die Predigt kann versuchen, die Gemeinde mit hineinzunehmen in diesen Kreis der 12, und dabei nicht so sehr auf Judas schielen, sondern auf das „Bin ich's?”, das allerdings in unserem Predigttext nicht ausdrücklich anklingt.
Wir dürfen davon ausgehen, dass sich zwischen der Ankündigung Jesu und dem „Was du tust, das tue bald!” etwas ereignet hat, was die Aufmerksamkeit der Jünger so stark ablenkte, dass sie nicht mehr an die Frage dachten, wer Jesus nun ausliefern würde. Nur so erklärt sich jedenfalls die anschließende Ausführung, dass sich die übrigen Jünger fragten, was Jesus wohl mit diesen Worten gemeint hat. Diese erneute Ahnungslosigkeit lässt uns auf unsere eigenen Gedächtnislücken einen Blick werfen. Gerne vergessen wir, wo wir an anderen schuldig wurden, während es uns sehr schwer fällt, die Schuld anderer an uns zu vergessen.
So bietet die Perikope einigen „Stoff”, an dem man sich in der Predigt abarbeiten kann. Zu beachten bleibt der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang, der sich nicht so leicht ergibt. Denn was hat diese Erzählung mit der Versuchung Christi zu tun? Man könnte aufgrund der obigen Ausführungen natürlich ableiten, dass wir selbst auch immer neu der Versuchung ausgesetzt sind. Vielleicht haben die Ersteller der neuen Perikopenreihe auch gedacht, dass Judas selbst versucht wurde und dieser Versuchung nachgegeben hat. Ich würde es anders angehen und auf die übrigen Jünger schauen, die sicher versucht waren, die Schuld der bevorstehenden Auslieferung einem anderen anzuhängen als sich selbst. Dabei haben sie ja alle Jesus verlassen, als es drauf ankam, und Petrus konnte sein Versprechen nicht einhalten, Jesus niemals zu verleugnen. Wir reihen uns demütig ein in diese Gruppe von Versagern, die der Gnade Gottes bedürfen und sie auch dankbar annehmen.

Liedvorschläge zur Predigt:

"So wahr ich lebe", spricht dein Gott (EG 234)
Jesus nimmt die Sünder an (EG 353)
Herr, wie du willst, so schick's mit mir (EG 367)
Jesu, hilf siegen (EG 373)



Buchempfehlungen:
  • Neu! Kann jetzt vorbestellt werden
    Predigtstudien IV/1 für das Kirchenjahr 2021/2022Wenn sie auf diesen Link klicken, verlassen Sie diese Webseite und werden zu Amazon weitergeleitet! Durch den Kauf bei Amazon unterstützen Sie die Weiterentwicklung dieser Webseite!
    . Perikopenreihe IV, 1. Halbband v. Johann Hinrich Claussen, Wilfried Engemann, Wilhelm Gräb (Hg.) u.a.. Kreuz-Verlag 2021, 304 S. - 1. Auflage.
    Eine gute Predigt lebt davon, den vorgegebenen Bibeltext in die Sprache der Menschen heute zu übersetzen. Seit mehr als 50 Jahren sind die Predigtstudien bei dieser Herausforderung ein unverzichtbares Hilfsmittel. Jeder Predigttext wird jeweils von zwei Autoren im Dialog bearbeitet.
  • Gottesdienstpraxis Serie B - PassionWenn sie auf diesen Link klicken, verlassen Sie diese Webseite und werden zu Amazon weitergeleitet! Durch den Kauf bei Amazon unterstützen Sie die Weiterentwicklung dieser Webseite!
    . Mit CD-ROM v. Christian Schwarz (Hg.). Gütersloher Verlagshaus 2017, 168 S. - 3. Auflage.
    In den Wochen zwischen Aschermittwoch und Karsamstag wird der Passion, der Leidensgeschichte Jesu bis hin zu seinem Tod, gedacht. Trauer und Leiden, das eigene, aber auch das anderer, stehen dabei im Mittelpunkt der kirchlichen Verkündigung. Zugleich strahlt in diese Zeit aber auch schon Hoffnung hinein, die Ahnung und das Wissen, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist, sondern dass daraus Neues entstehen kann. Der vorliegende Band bietet in bewährter Weise klassische und kreative Andachts- und Gottesdienstentwürfe für die Passionszeit.
  • Zwischen Abschied und AnfangWenn sie auf diesen Link klicken, verlassen Sie diese Webseite und werden zu Amazon weitergeleitet! Durch den Kauf bei Amazon unterstützen Sie die Weiterentwicklung dieser Webseite!
    . Andachten, Gebete, Gedichte und Segenswünsche zur Passionszeit und Ostern v. Tina Willms. Neukirchener Verlag 2020, 151 S. - 1. Auflage.
    Mit inspirierenden Andachten, Gebeten, Gedichten und Segenswünschen begleitet Tina Willms ihre Leserinnen und Leser durch diese besonderen Wochen des Kirchenjahres. Dabei zeigt sie auf, dass sich in dieser Zeit die ganze Bandbreite des Lebens entdecken lässt: Finsternis und Licht, Leid und Trost, Schrecken und Schönheit.
  • Aus Trauer wird FreudeWenn sie auf diesen Link klicken, verlassen Sie diese Webseite und werden zu Amazon weitergeleitet! Durch den Kauf bei Amazon unterstützen Sie die Weiterentwicklung dieser Webseite!
    . Andachten und Gottesdienstentwürfe für die Passions- und Osterzeit v. Stefan Vogt. Neukirchener Aussaat Verlag 2017, 144 S. - 1. Auflage.
    Das Buch bietet hochaktuelle Gottesdienste und Andachten für eine traumatisierte Welt und macht in ihnen die Liebe Gottesdienst für seine Geschöpfe zum Mittelpunkt. Eine Fundgrube für Gottesdienste in der Fasten- und Osterzeit.
Weitere Buchvorschläge rund um den Gottesdienst...