das Kirchenjahr

Judika

Bereit zum Dienst*

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe II - Hebr 13, 12-14

Liebe Gemeinde!
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, pflegt man zu sagen. Das wird schon am regelmäßig wiederkehrenden Tagesablauf deutlich:
Morgens aufstehen, dann frühstücken, wobei auch das meist einem bestimmten Muster folgt. Jeden Tag etwa ein Ei, weich oder hart gekocht, vielleicht aber auch nur an ein oder zwei Tagen in der Woche, die allerdings auch festgelegt sind; oder eine Schale Müsli, oder ein Brötchen mit Marmelade, dazu die für viele obligatorische Tasse Kaffee, vielleicht kommt der ja sogar aus dem fairen Handel: so ist es ein guter Start in den Tag.
Und dann geht’s, frisch gestärkt, zur Arbeit oder an das Tagewerk. Die Aufgaben für den Tag sind meist schon klar. je nachdem, wo man arbeitet, ergeben sie sich. Ob zu Hause oder bei einer Firma oder auch selbständig: es gibt auch hier eine gewisse Routine, an die man sich gewöhnt hat, die hilft, alles richtig zu machen und nichts zu vergessen. So vergeht der Tag in gewohnter Umgebung.
Am Abend kann man dann gemütlich entspannen, und auch dieser Abschnitt des Tages hat seine Routine. Man sitzt am Fernseher, oder spielt ein Spiel. Manche lesen ein Buch oder hören Musik. Vielleicht steht auch ein Besuch im Kino an – manche haben sogar das als regelmäßiges Ereignis in den Wochenablauf eingeplant.
So gibt die Routine des Tagesablaufs einen gewissen Grad an Verlässlichkeit, man braucht sich nicht wegen unerwarteter Dinge beunruhigen, weil man das meiste ja schon mit eingeplant hat.
Nur wenn dann mal was dazwischen kommt, kann es sein, dass der Tag dann anstrengender wirkt, weil man sich erst darauf einstellen und die Routine durchbrechen musste.

Am Wochenende sieht der Tagesablauf dann etwas anders aus, und man freut sich in der Regel schon darauf: Länger schlafen, gemütlich im Garten sitzen oder auch etwas im Garten arbeiten, oder jemanden besuchen. Vielleicht macht man einen Spaziergang.
Am Sonntag geht es dann morgens erstmal in die Kirche. Vielleicht fängt ja ein Gottesdienst etwas später an, damit man nicht so früh aufstehen muss.
Und der Nachmittag kann dann mit Kaffeetrinken, gemütlichem Beisammensein, Lektüre, Fernsehen oder Spazierengehen gestaltet werden.
Meist haben auch die Wochenenden ihren mehr oder weniger festen Rahmen, der sich Woche für Woche wiederholt. Selbst wenn man sich jede Woche erst überlegt, was man am Wochenende tun will: es gibt Dinge, die tut man am Wochenende einfach nicht, und andere, die man in die Planung einbeziehen kann.
Routine eben. Dinge, die einem vertraut sind, die man kennt, die dort ihren Platz haben und nirgendwo anders und so einem das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit geben.
Um solche Routine geht es in unserem Predigttext aus dem 13. Kapitel des Hebräerbriefes:

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. (13) So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. (14) Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.” (Hebr 13, 12-14)

Nun gut, ganz offensichtlich ist der Zusammenhang nicht. Von Tagesablauf ist da nicht die Rede, und auch nicht von entspannten Wochenenden.
Aber ich bleibe dabei: es geht um Routine. Um das deutlicher zu machen, lassen Sie mich die zwei vorausgehenden Verse mit einbeziehen. Diese Verse machen aufmerksam darauf, dass im ersten Bund das Blut der Tiere, die zum jährlichen Sündopfer geschlachtet wurden, im Tempel geopfert wurde, während ihre Körper aus dem Lager herausgebracht und dort dann verbrannt wurden. Sie waren Abfall.
Das ist die Routine, um die es in unserem Predigttext geht. Das regelmäßige gottesdienstliche Handeln, das den Vorschriften des ersten Bundes folgt und darum ja auch richtig ist, aber dadurch, dass es zur Gewohnheit und vielleicht sogar lästigen Pflicht wurde, seine Aufgabe nicht mehr erfüllt.
Da ist nun etwas Neues, vor dem Tor außerhalb des Lagers, aber es ist nicht deswegen neu, weil es schön ist und glänzt, im Gegenteil. Es ist deswegen neu, weil es nicht hineinpasst in die Tradition, ja, weil es alles umkehrt und quer steht. Plötzlich wird das Sühneopfer da, wo der Abfall hin kommt, also auf der Müllhalde, vollzogen.
Diese Umkehrung ist nötig, um deutlich zu machen: dieses Sühneopfer ist ein anderes als das, das wir Menschen darbringen können. Dieses Opfer ist einzigartig. Durch dieses Opfer wird Sühne ein für allemal bewirkt. Gott selbst bringt dieses Opfer dar auf einem Altar, den er selbst ausgewählt hat. Wer dieses Opfer für sich in Anspruch nimmt, der muss sich nicht mehr von seiner Schuld erdrücken lassen, denn alle Schuld ist von ihm genommen.
Aber durch die Tatsache, dass dieses Opfer draußen vor der Stadt, auf der Müllhalde, vollzogen wird, ist es natürlich auch zum Anstoß geworden, nicht nur für die, die sich ihr gottesdienstliches Handeln nur im Zentrum der Stadt, im Tempel, vorstellen konnten.
Das, was viele Menschen ablehnen, soll nun also der Ort sein, zu dem wir uns aufmachen sollen. Wer das Kreuz vor dem Tor zum Zentrum seines Glaubens macht, wird fast automatisch zum Außenseiter.
Es geht um etwas völlig Neues, das war den Menschen, die damals den Brief an die Hebräer gelesen hatten, sofort klar. Denn sie wussten längst, was es bedeutet, Außenseiter zu sein.
Für Sie war das Leben als Christen absolut nicht einfach. Sie waren eine verschwindend kleine Minderheit, die auf verschiedenste Weise angefeindet wurde. Sie litten unter Verfolgung, wurden ausgelacht, oder schlicht nicht beachtet. Man nahm ihnen ihre Rechte, verbreitete verleumderische Gerüchte über sie. Das hatte die Gemeinschaft stark gemacht. Sie waren sich bewusst, Teil des einzigartigen zweiten Bundes Gottes zu sein. Mit diesem Bewusstsein ließ es sich auch dann leben, wenn man um sein Leben fürchten musste.
Über die Jahrhunderte ist aber das Neue zum Alten geworden. Die Menschen gehen nicht mehr hinaus vor die Stadt, sie haben es sich bequem gemacht. Es sind Traditionen entstanden, die gut und wichtig sind, solange sie mit Leben gefüllt werden können, denn sie vermitteln Vertrautheit und Sicherheit. Die Grenzen des Lagers haben sich verschoben, und das, was damals außerhalb der Tore geschah, findet sich nun inmitten der Tore wieder.
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir dieser Beobachtung wohl zustimmen. Wir fühlen uns in unserer Umgebung sehr sicher.
Nun ist aber der Predigttext noch nicht ganz erschöpft. Der Schreiber des Hebräerbriefes schließt unseren Abschnitt mit dem Satz: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.”
Das gilt auch heute. Es ist dabei ganz wichtig, dass wir den Satz genau lesen. Wir haben hier keine bleibende Stadt, da denkt man ja zunächst an einen Ort, zu dem man sich begeben, in dem man wohnen kann. Es könnte also sein, dass es woanders diese bleibende Stadt gibt, folglich wohl draußen vor dem Tor, da, wo das Sühneopfer vollzogen wurde.
Aber der zweite Teil des Satzes belehrt uns eines anderen: die zukünftige suchen wir, nicht die andere irgendwo anders, sondern die, die sein wird, also in der Zukunft liegt.
Noch ist sie nicht. Und das heißt für uns: es ist immer noch nötig, den Weg nach draußen vor die Tore der Stadt zu gehen, um teilzuhaben an diesem Geschenk Gottes, dem Opfer Christi, das uns ein für allemal mit ihm versöhnt.
Damit ist natürlich nicht gemeint, dass wir uns aufmachen sollen in den Park hinter dem ehemaligen Kaisertor, oder nach außerhalb der Grenzen der Stadt Wolfenbüttel. Es geht vielmehr um die Stadt, die wir uns in unserem Herzen gebaut haben. Denn da kann man es sich schon ganz gemütlich machen. Da ist der geregelte Tageslauf, der Wochenrhythmus, der den Gottesdienstbesuch mit einschließt, und wenn das alles so schön zusammenpasst und hilft, unser Gewissen zu beruhigen, fühlen wir uns sicher und geborgen.
Aber christlicher Glaube erfordert eben, dass wir uns hinaus begeben in die Unsicherheit, in das Ungewohnte, in das, was allgemein nicht akzeptiert wird. Hier gibt es keine Stadt, die uns schützen kann, weder vor Gott noch vor Menschen. Das einzige, was uns schützt, ist das Kreuz, das so wenig Schutz zu bieten scheint. Es schützt uns vor dem Zorn Gottes. Vor den Menschen kann es uns nicht schützen.
In diesem Zusammenhang wird auch dieses Wort Jesu lebendig: „Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.”
Leben ist nicht gleich Leben. Das Leben, zu dem das Opfer Jesus Christus uns befreit, führt uns letztlich zu der zukünftigen Stadt, von der der Hebräerbrief redet. So sind wir nicht etwa solche, die wie Vagabunden umher ziehen; wir sind Menschen, die bereit sind, Risiken einzugehen. Wir sicherun uns nicht ab, wenn wir hinausgehen und unseren gewohnten Alltagstrott verlassen, weil wir wissen, dass wir auf diesem Weg unser Leben finden werden. Wir ziehen hinaus, um in dieser Welt zu verkündigen, welches Wunder unser Gott durch Jesus Christus vollbracht hat: dass er uns frei macht von aller Schuld durch sein Kreuz.
Dass wir dieses Wunder selbst erfahren, und dass wir den Mut finden, hinaus zu gehen und es weiter zu sagen, dazu gebe uns Gott Mut und Kraft.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Also liebt Gott die arge Welt (EG 51)
O Mensch, bewein dein Sünde groß (EG 76)
O hilf, Christe, Gottes Sohn (EG 77, 8)
Du großer Schmerzensmann (EG 87)
Jerusalem, du hochgebaute Stadt (EG 150)
Lasset uns mit Jesus ziehen (EG 384)

Predigtvorschläge zu Reihe IV - Mk 10, 35-45

Die nachfolgende Predigt wurde im Jahr 2009 gehalten.
Liebe Gemeinde!
Schon immer hat es Menschen gegeben, die von sich eingenommen waren. Menschen, die sich hinstellen und, ohne lange zu überlegen, sagen: ich kann das.
Wenn sie dann später merken, dass sie es doch nicht so gut können, sind sie meist geschickt genug, das nicht offenbar werden zu lassen. Sie lassen andere die gestellte Aufgabe ausführen, setzen dann aber wieder sich selbst ins Rampenlicht und tun so, als wäre alles ihr Werk.
Selbstbewusste Menschen, die manchmal solch starkes Selbstbewusstsein eigentlich nicht verdient haben.
Neben ihnen hat es auch immer die anderen gegeben, die sie beobachten und sich selbst dabei sehr klein vorkommen. So fragen sie sich selbst: Warum kann ich nicht so selbstbewusst auftreten? Und weil sie keine rechte Antwort auf diese Frage finden, fangen sie an, über die anderen, die sich so hervorragend in Szene setzen können, her zu ziehen und sie schlecht zu machen.
Nicht immer zu Unrecht, muss man sagen. Aber ist das der richtige Weg?
In unserem Predigttext, den wir vorhin als Evangelium gehört haben, geht es um beide: die Selbstbewussten und die anderen, die sie schlecht machen.
Da sind auf der einen Seite die beiden Söhne des Zebedäus, die Zebedaiden genannt werden, Jakobus und Johannes. Selbstbewusst treten sie auf: Lass uns in deiner Herrlichkeit an deiner Seite sein. Diese Ehre steht uns zu.
Jesus fragt zurück, ob sie den Kelch trinken können, den er trinken wird, und sich mit der Taufe taufen lassen, mit der er getauft wird, und noch einmal sagen sie mit tiefster Überzeugung: ja, das können wir.
Sie können aber gar nicht wirklich wissen, wovon Jesus da redet. Es ist ja noch nichts davon geschehen. Nur das, was Jesus gerade zuvor davon gesagt hatte, wussten sie: dass er zum Tode verurteilt und den Heiden überantwortet werden würde, und dass er schließlich am dritten Tage auferstehen würde. Ob sie die ganze Bedeutung dieser Worte erfassen konnten?
Denn als es darauf ankommt, sind sie ja doch alle überrascht und machen sich aus dem Staub, als Jesus gefangen genommen wird, auch Jakobus und Johannes. Die Jünger wagen nicht, sich nicht unter das Kreuz zu stellen und ihre Zugehörigkeit zu Jesus öffentlich sichtbar zu machen, aus Angst, sie könnten genauso getötet werden wie ihr Herr und Meister.
Doch hier, in diesem Gespräch, scheint Jesus diese Aussage der beiden Zebedaiden, dieses Selbstbewusstsein, das schon anmaßend kllingt, nicht anzuzweifeln.
„Es wird geschehen“, sagt er. „Ihr werdet den Kelch trinken, und auch getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde.“, sagt er. Woher weiß er das plötzlich? Und hat er damit Recht?
In der Apostelgeschichte wird nur berichtet, dass Jakobus durch Herodes mit dem Schwert getötet wurde, also einen Märtyrertod fand. Von Johannes aber ist kein Märtyrertod überliefert – auch die Legende weiß davon nichts. Vielmehr soll er demnach in hohem Alter gestorben sein.
Es bleibt ein Rätsel, das wir wohl nicht vollständig lösen können. Es ist aber gut denkbar, dass Jesus damit deutlich machen will, dass selbst eine solche Auszeichnung, wie sie der Märtyrertod bedeutet, noch lange nicht das Recht nach sich zieht, zur Rechten oder zur Linken Gottes zu sitzen.
Und so macht Jesus den beiden auch keine Zusage. Trotz ihres Selbstbewusstseins bleibt es offen, ob sie zur Rechten und zur Linken Jesu werden sitzen dürfen. Es steht Jesus nicht zu, diese Plätze zu vergeben.
Und dann sind da schließlich die anderen Jünger, die dieses Selbstbewusstsein nicht haben. Demut hatten sie alle geübt, aber natürlich auch insgeheim gehofft, Jesus würde eines Tages zu ihnen sagen: Komm, du sollst zu meiner Rechten sitzen, oder: Komm, du sollst zu meiner Linken sitzen in meiner Herrlichkeit.
Doch dieses Verlangen auszusprechen hatten sie nicht gewagt. So dreist wollten sie nicht sein. Und das war gut so, denn jetzt konnten sie über Jakobus und Johannes herziehen, diese vorlauten, selbstbewussten Jünger, die sich da so einfach vorgedrängelt hatten.
Rangstreitigkeiten gab es schon immer, und wird es immer geben. Wie oft spielen Vorgesetzte ihre Macht aus, und wie oft neiden Gleichgestellte den anderen das Selbstbewusstsein, mit dem sie sich die Karriereleiter emporarbeiten – manchmal nicht, ohne den anderen dabei zu schaden.
Wer gehört an die Spitze? Eine Untersuchung ergab kürzlich, dass es nicht die Fähigsten sind, die Führungspositionen einnehmen, sondern die, die mit großem Selbstbewusstsein auftreten. Und das führt dann manches Mal auch zu solchen Katastrophen, wie wir sie gerade erleben. Eine Wirtschaftskrise, die in ihrem Ausmaß noch gar nicht vollständig erfasst werden kann, und die die Steuerzahler auszubaden haben.
Jesus schlägt nun ein neues Kapitel auf. Unter euch, sagt er, soll es keine Rangstreitigkeiten geben, ja, es soll keine Ränge geben. Wer groß sein will, der soll euer Diener sein. Und wer der Erste sein will, soll aller Knecht sein.
Es ist schon beeindruckend, was für Früchte diese Worte getrieben haben. Da gab es Mönchsorden, die sich anfangs den Dienst am Nächsten auf die Fahnen schrieben, aber später dann die Elite in der Gesellschaft bildeten und überall das Sagen hatten.
Da gibt es Riten, in denen sich Kirchenobere symbolisch erniedrigen, um so den Anschein zu erwecken, sie würden diese Worte Jesu in ihrem Leben und in ihrer Funktion umsetzen.
Aber diese Worte Jesu sind nicht symbolisch gemeint, sondern ganz real umzusetzen. In der christlichen Gemeinde soll es keine Führung geben. Es soll nicht so sein, dass da Menschen sind, die über andere bestimmen, und darunter dann all die anderen, die diese Führung, sei sie nun gut oder schlecht, hinnehmen.
Die Gemeinde Jesu Christi ist vielmehr eine Dienstgemeinschaft. Alle dienen einander. Sie stellen ihre Gaben und Begabungen zur Verfügung. Niemand übervorteilt den anderen. Niemand nutzt einen anderen aus, um sich selbst gut aussehen zu lassen, und niemand gebraucht die Macht, die ihm anvertraut ist, dazu, die Gemeinde so zu gestalten, wie er es für richtig hält.
Im Gegenteil: immer sind alle daran beteiligt. Alle haben eine Aufgabe in der Gemeinde, und keine dieser Aufgaben soll höher geachtet sein als jede andere, aber auch nicht niedriger.
Es ist schon bemerkenswert, dass Jesus den Dienst am anderen so hoch achtet. Er nimmt zuletzt sich selbst als Vorbild: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.
Diesem Vorbild sollen wir zumindest insofern nachfolgen, dass wir dienen und nicht herrschen. Denn unser Leben als Lösegeld für andere geben, das können wir nicht. Wir haben unseren Tod immer verdient, ob wir nun alles richtig machen oder nicht. Da muss schon der Sohn Gottes sein Leben geben, damit es ein Lösegeld sein kann, das uns freikauft von der Macht des Todes. Aber da er es getan hat, sind wir nun Teilhaber am Tod Jesu Christi, durch den er uns freikauft, wenn wir nur seinem Vorbild nachfolgen und einander dienen.
Wer hingegen nach Macht strebt, der verliert alles, was christliche Gemeinde bedeutet, und der löst sich damit auch selbst von dem, was Gott uns durch seinen Sohn schenkt. Solche Menschen werden nicht leben, sondern sterben. Sie können keinen Teil haben an dem Tod Jesu. Das Lösegeld wird für sie nicht eingesetzt.
Andererseits bedeuten diese Worte Jesu nicht, dass man sich immer hinten anstellen soll und sich ducken muss. Das wäre falsche Demut. Die Worte Jesu bedeuten vielmehr, dass alle Menschen, die sich als Christen verstehen, eine Aufgabe haben an der Gemeinde Jesu Christi. Jeder einzelne, wir alle hier und die vielen tausend, die heute nicht zum Gottesdienst gekommen sind, sind aufgerufen, einander zu dienen, mitzubauen an der Gemeinde, und zwar nicht, indem wir uns von oben sagen lassen, wie das geschehen soll, sondern indem wir selbst als Gemeinde unseren Weg gehen.
Gemeinde Jesu Christi ist immer Gemeinschaft der Heiligen. Da ist niemand mehr oder weniger heilig: alle sind wir Heilige durch die Liebe Gottes, an der wir durch die Taufe Teil haben. So gehört zum Christsein zwar die Bereitschaft und der Wille zum Dienst am Nächsten, aber zugleich auch ein gesundes Selbstbewusstsein, das nun nicht nach Wegen sucht, irgendwie an die Spitze zu kommen, sondern das der Gemeinschaft und dem Wohl aller dient.
Möge Gott uns dieses Selbstbewusstsein erhalten.
Amen
oder
Liebe Gemeinde,
Sie wollen es unbedingt, die beiden Jünger, und darum versuchen sie es erst ganz geschickt, aber doch durchschaubar, indem sie ihre Bitte gar nicht nennen. Anstelle dessen bitten sie Jesus, dass er ihren Wunsch erfüllt, ohne dass er weiß, was dieser Wunsch eigentlich ist. Jesus fällt darauf natürlich nicht herein, sondern fragt erst nach ihrem Wunsch. Das hat also nicht geklappt.
Und so sagen sie es, denn nun können sie keine Tricks mehr anwenden:
»Wir wollen links und rechts neben dir sitzen in deiner Herrlichkeit.«
Da frage ich mich doch: wo haben die beiden das eigentlich her? Gab es irgendwelche Anzeichen, dass Jesus irgendwann einmal in Herrlichkeit leben würde? Gerade zuvor erst hatte Jesus gesagt, dass er gegeißelt, verspottet und getötet werden würde. Allerdings hatte er auch gesagt, dass er nach drei Tagen auferstehen würde.
Aber wie sollte das dann aussehen? Es gab eigentlich keine Hinweise, dass es dann herrlich sein würde.
Bis jetzt war Jesus nicht mehr und nicht weniger als ein Wanderprediger, der hier und da Wunder vollbracht hatte, der mit Vollmacht predigte - aber von Herrlichkeit war da herzlich wenig zu sehen.
Sein Leben war eher dürftig gewesen, ein Leben in Armut, ohne jegliche Sicherheit, ohne jeden Comfort. Anders als die Tiere unter dem Himmel hatte Jesus noch nicht einmal einen Platz zum Schlafen. Es gab für ihn kein Zuhause, und folglich auch keine Herrlichkeit.
Das war die Realität, mit der die Jünger damals konfrontiert waren. Sie wussten, dass das Leben trostlos aussieht, dass es mühsam, ja, leidvoll ist.
Vielleicht war es der Hinweis auf die Auferstehung, der sie diesen Wunsch äußern ließ; aber dieser Hinweis hätte doch nur wenig Hoffnung gemacht. Vielleicht aber war es auch der unverbrüchliche Glaube, dass Gott einem Menschen, der solches Leid auf sich nimmt, nicht die Herrlichkeit verweigern kann, die die Nähe Gottes vermittelt.
Vielleicht meinten sie, dass Gott Jesus belohnen würde, nachdem er gestorben war, indem er ihn zu sich holte.
So äußerten sie ihren Wunsch, ganz selbstsicher, denn schließlich erleiden sie das gleiche Schicksal wie Jesus. Wie er ziehen sie durch die Lande und wissen nicht, wo sie nachts schlafen oder was sie essen werden. Sie teilen die Unsicherheit, in der Jesus lebt, und glauben darum: wenn er seinen Lohn kriegt, dann wir auch.
Und nun merken wir schon: sie haben es im Grunde noch gar nicht begriffen. Sie wollen belohnt werden für das, was sie tun, weil sie glauben, dass auch Jesus belohnt wird.
Doch Jesus wird nicht belohnt. Er kehrt nur dahin zurück, wo er her gekommen ist. Denn er ist zwar Mensch, aber doch auch der Sohn Gottes, der selbst Herr über alle Mächte und Gewalten ist. Er braucht keinen Lohn, denn er würde sich ja nur selbst belohnen.
Der Weg, den Jesus geht, ist ein ganz anderer. Der Weg führt nicht zu einer dicken Belohnung. Solch eine Art von Motivation, wie wir sie gerne bei Kindern anwenden, braucht Jesus nicht. Seine Motivation ist eine ganz andere.
Jesus unterwirft sich dem Tod, obwohl er es gar nicht müsste. Denn er ist der Ewige, Gott selbst. Er tut es aus freien Stücken, weil er uns von dieser Macht, die unser Leben bestimmt, befreien will. Er gibt seine eigene Herrlichkeit und Macht auf, weil er die Menschen so sehr liebt, dass er nicht zusehen kann, wie sie sich selbst zugrunde richten.
Darum geht er den Weg, den jeder Mensch zu gehen bereit sein müsste, aber doch nicht gehen kann. Und wenn doch: der Weg eines Menschen hätte nicht die gleiche Qualität. Denn wir täten es, weil wir uns etwas davon erwarten. Und wir täten es, weil es unsere Pflicht ist. Jesus aber tut es freiwillig.
Das ist der Unterschied zwischen dem Weg, den Jesus geht, und dem, den wir gehen.
Ich bin sicher, dass es viele Menschen gegeben hat, die mehr gelitten haben als Jesus, die massiver gequält wurden. Der Tod auf dem Scheiterhaufen, nach tagelanger Folterung, bei der systematisch ein Knochen nach dem anderen gebrochen wird - der Tod durch Häutung bei lebendigem Leib - der langsame Tod durch radioaktive Verstrahlung... das und viele andere Qualen haben Menschen ertragen und hingenommen. Aber es ist dennoch nicht derselbe Weg, den Jesus gegangen ist. Äußerlich wohl, aber eben: wir erleiden nur das, was wir schuldig sind.
Darum kann Jesus natürlich nichts versprechen. Denn es mag andere mit ebensolch oder gar größerem, selbstaufopferndem Einsatz geben, die es vielleicht eher verdient hätten, neben ihm zu sitzen.
So lange wir aber in diesen Bahnen denken, haben wir es selbst auch noch nicht verstanden. Denn hier geht es nicht um Verdienst, sondern um Liebe. Hier geht es nicht darum, sich einen Namen zu machen, ganz oben zu stehen, etwas Besonderes zu leisten - es geht schlicht und einfach darum, zu lieben. Und Liebe ist für den anderen da.
Darum ist Liebe nicht passiv. Wer sich zurückzieht und seine Liebe nur in sich selbst bewahrt, liebt nicht wirklich, denn er liebt nur sich selbst. Liebe ist aktiv, sie handelt, sie bewegt etwas, sie bleibt nicht verborgen. Wohl kann man seine Liebestaten durchaus im Verborgenen ausführen, aber sie werden für den anderen erfahrbar. Sonst sind es keine Liebestaten.
Genau das macht Liebe aus: sie hat ein Ziel, das außerhalb von einem selbst ist. Sie sucht nach dem, was der andere braucht, und tut es.
Jesus ist den Weg der Liebe gegangen, weil wir Sünder sind. Aus Liebe ist er Mensch geworden, hat sich dem Tod unterworfen, um den Tod zu überwinden. Davon können wir profitieren, aber wir könnten es niemals mit eigener Kraft schaffen. Der Tod ist die unüberwindbare Grenze schlechthin.
Der Tod ist das Ergebnis der Sünde, die wir auf uns laden und schon auf uns geladen haben. Das Verlangen, wie Gott zu sein, ist sicherlich die größte Sünde. Sie hat sich schon bei den ersten Menschen bei Adam und Eva, ausgewirkt. Sie wirkt sich bis heute aus. Wir maßen uns an, über das Leben anderer zu bestimmen, wir schreiben ihnen vor, wie sie zu leben haben. Wir nehmen anderen Menschen das Leben - ein Recht, das Gott vorbehalten bleiben müsste, und dennoch tun wir es. Manche Länder erlauben es sogar nach dem Gesetz, und auch in diesem Land gibt es die Forderung, wenigstens den sogenannten »finalen Rettungsschuss« zu erlauben, der einen Verbrecher tötet. Und natürlich ist jede Kriegsmaschinerie eine Anmaßung. Waffen werden hergestellt, um Menschen zu töten. Sie sind keine Zierobjekte. Auch wenn sie nur zur Abschreckung dienen sollen, stellen sie doch eine Gefahr dar, und sie machen Angst. Soldaten werden ausgebildet, um zu töten. Man nennt das heute Verteidigung. Aber es ist und bleibt die Anmaßung, über das Leben anderer Menschen bestimmen zu können.
Und dazu haben wir kein Recht. Darum ist alles, was das Leben anderer Menschen in irgendeiner Weise einschränkt, Sünde. Wir laden darum auf vielfältige Weise Schuld auf uns, nicht nur dadurch, dass wir Waffen herstellen. Die sogenannte Globalisierung versklavt immer mehr Menschen, ja, ganze Länder in den Entwicklungsländern, während wir hier die Früchte dieses Prozesses ernten. Es gibt nur wenige Länder, in denen es den Menschen besser geht als bei uns.
Wir laden immer mehr Schuld auf uns. Jeder Mensch, der verhungert, vergrößert unsere Schuld.
Es ist schwer, damit umzugehen. Eigentlich müsste uns diese Schuld derart niederdrücken, dass wir unser Brot nicht mehr essen können. Die Fastenzeit hat auch darin ihren Sinn, dass wir uns dessen bewusst werden. Letztlich können wir nur darum getrost leben, weil wir wissen, dass Gott uns vergibt. Es ist das Geschenk der Liebe Gottes, das uns erlaubt, aufrecht und erhobenen Hauptes durch die Welt zu gehen, aber nicht arrogant und hochmütig.
Nein, sondern weil Gott uns vergibt, haben wir das Recht und die Pflicht, die Missstände in unserer Welt anzuprangern und alles, was in unserer Macht steht, dagegen zu tun.
Wenn wir heute am Friedensmarsch teilnehmen, dann tun wir das auch als Schuldige - Wir bekennen, dass wir mit schuldig sind an den Kriegen in der Welt, denn die Waffen und Waffensysteme, die dort benutzt werden, wurden zu einem guten Teil in unserem Land entwickelt und hergestellt. Wir bekennen unsere Schuld und begeben uns auf den Weg des Friedens.
Natürlich kann es bei diesem öffentlichen Bekenntnis nicht bleiben. Es gibt zu viel Unrecht in dieser Welt, und wir werden es nie ganz überwinden können, denn das Verlangen, Gottes Stelle einzunehmen, ist nun mal da, wir werden damit geboren. Aber wir können es zügeln, und wir können dies auch von anderen verlangen: dazu ist der Friedensmarsch ein Beitrag.
Gleichzeitig bemühen wir uns selbst, Frieden zu machen mit unseren Mitmenschen, vor allem mit denen, die aus einem anderen Land kommen. Das ist nicht immer einfach, aber es ist immer möglich.
Wir können versuchen, deutlich zu machen, dass niemand das Recht hat, das Leben anderer so zu bestimmen, wie es derzeit durch die US-Regierung oder die multinationalen Konzerne geschieht. Und zumindest was die multinationalen Konzerne angeht, können wir durch den Kauf der Güter mit dem Transfair-Siegel auch schon etwas erreichen.
Dazu gebe uns Gott Kraft und Mut. Er schenke uns das nötige Vertrauen in uns selbst und in unsere Mitmenschen, so fremd und eigenartig sie uns auch erscheinen mögen.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
O Mensch, bewein dein Sünde groß (EG 76)
Dein Kampf ist unser Sieg (EG 87, 3-4)
Gelobet seist du, Jesu Christ (EG 350, 4-5)
Mir nach, spricht Christus, unser Held (EG 385, 1.5-6)
Wir gehn hinauf nach Jerusalem (KHW-EG 545)
Wer leben will wie Gott (KHW-EG 546)
Herr, der du einst gekommen bist (KHW-EG 586)
Herr, wir stehen Hand in Hand (NB-EG 602)

Predigtvorschläge zu Reihe V - Hebr 5, (1-6)7-9(10)

Liebe Gemeinde!
Der Hebräerbrief wurde schon kurz nach seiner Entstehung als Brief an die Hebräer bezeichnet, weil man meinte, dass die vielen Anspielungen auf den jüdischen Kult, vor allem die Äußerungen über das Hohepriestertum, eigentlich nur Hebräer verstehen könnten.
Inzwischen weiß man, dass der Brief an Christen gerichtet war, die keinen jüdischen Hintergrund hatten, sondern vielmehr aus dem hellenistischen Raum stammten. Wer damals Christ wurde, begab sich in die Tradition jüdischen Glaubens hinein und musste sich so zwangsläufig auch mit den Riten und Gebräuchen jüdischen Lebens auseinander setzen.
Heute fällt es schwerer, sich diesem Brief an die Hebräer zu nähern, auch wenn die drei Verse, die uns heute als Predigttext vorgegeben sind, eigentlich noch recht leicht nachvollziehbar sind.
Aber ihnen gehen die für den Hebräerbrief typischen Gedanken voraus: Christus wurde zum Hohepriester eingesetzt, heißt es da, und zwar von Gott selbst. Kein Mensch hatte seine Hand im Spiel. Dabei wird auch darauf hingewiesen, dass ein Hohepriester als Mensch mit den Menschen mitfühlen kann, "die unwissend sind und irren, weil er auch selber Schwachheit an sich trägt" (Hebr 5, 2).
Da wird das Amt, das dazu eingesetzt ist, die Gottesferne der Menschen zu überbrücken, auf Jesus übertragen, den Gottessohn. Aber dies geschieht eben nicht in seiner Funktion als Gottessohn, sondern als Mensch. Denn nur so kann er, wie jeder andere Hohepriester vor ihm, mit den Menschen mitfühlen und ihre Not mitleiden.
So erklärt sich dann auch die Aussage, dass Jesus mit lautem Schreien und mit Tränen bittet und fleht. Denn eines Gottessohnes wäre solches Bitten und Flehen wohl kaum würdig.
Darum schränkt der Schreiber des Hebräerbriefes dieses Bitten und Flehen auch auf die Tage seines irdischen Lebens ein.
Wenn wir von Jesus hören, wenn wir von ihm erzählen, geraten wir immer wieder an unsere Grenzen. Wir sprechen von ihm als dem Sohn Gottes, der zur Rechten des Vaters sitzt, der kommen wird, um zu richten die Lebenden und die Toten. Zugleich aber erzählen wir von ihm als von einem Menschen, der all das, was einen Menschen ausmacht, an sich selbst erfuhr. Wir beschreiben ihn als den, der die Begrenztheit menschlicher Erfahrung und die Schwäche selbst erlebt hat.
Wie das zusammenpasst, dieses Gottes-Sohn-Sein und das Menschsein, das hat die Christen der ersten Jahrzehnte genauso beschäftigt wie uns heute, nur mit dem Unterschied, dass wir auf teilweise Jahrhunderte alte Denkmodelle zurückgreifen können. Eines davon wird hier, in diesem Text, erkennbar:
Jesus ist ganz Mensch, obwohl er Gottes Sohn ist. Er muss ganz Mensch sein, damit er das Opfer vollenden kann, das ihm zu vollbringen aufgetragen ist.
In diesem Menschsein und im Bewusstsein der Aufgabe, die vor ihm lag, nämlich, dass er den Menschen ausgeliefert und von ihnen getötet werden würde, hat er natürlich auch tiefe Angst und sogar Zweifel erfahren, die ihn in das Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen hinein führten.
Als Mensch war in ihm immer auch Zweifel, ob das, was er tat, tatsächlich das Richtige sein würde. Den direkten Draht zu Gott, der diesen Zweifel vielleicht hätte ausräumen können, gab es für ihn genauso wenig wie für uns. In diesem Zweifel hat er sich aber nie von Gott abgewandt, sondern immer zu ihm hin. Von ihm erwartete er Führung, Halt, ja sogar Rettung.
Er flehte darum, weil er als Mensch im Tod gefangen war und die Grenze des Todes für sich selbst als unüberwindbar wahrnahm. Dennoch wusste er, oder besser: dennoch glaubte er, dass Gott diese Grenze überwinden kann, und wandte sich darum in seiner Todesnot ihm zu.
Im Hintergrund hören wir dabei die Worte des 22. Psalms, die uns alle von der Kreuzigungsgeschichte her vertraut sind:
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Aber bei dieser Bitte bleibt es nicht. Der Psalm lobt in seinem zweiten Teil Gott für seine Treue: "Gott hat nicht verachtet noch verschmäht das Flehen des Flehenden, und da ich zu ihm schrie, erhörte er mich." (nach der LXX)
Der Gottessohn muss die Gottesferne selbst durchleiden, um sie zu überwinden. Dies kann nur gelingen, wenn er ganz Mensch ist, so wie es der Christushymnus im Philipperbrief beschreibt:
"Er entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward gleich wie ein Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz." (Phil 2, 12)
Jesus taucht also hinab in die Tiefen des Menschseins, gibt seine Gottessohnschaft auf, erfährt an sich selbst die Gottverlassenheit, obwohl er Gottes Sohn ist, durchmacht die Versuchungen, die auch wir immer wieder erleben, und bringt auf diese Weise Gott den Menschen nahe, nachdem er den Tod durchlitt und von den Toten auferweckt wurde.
Das "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen", das Jesus am Kreuz spricht, ist keine Feststellung der Gottverlassenheit, sondern die Hinwendung zu Gott, Ausdruck der Sehnsucht nach ihm.
In dieser Sehnsucht offenbart sich Jesu Gehorsam, der bereit ist, all das zu erleiden, was ihm von Gott auferlegt wurde.
Vereint mit Gott, ein Mensch gleich uns auf Erden
und bis zum Tod am Kreuz gehorsam werden,
an unsrer Statt gemartert und zerschlagen, die Sünde tragen:
welch wundervoll hochheiliges Geschäfte!
Sinn ich ihm nach, so zagen meine Kräfte,
mein Herz erbebt; ich seh und ich empfinde den Fluch der Sünde.
Gott ist gerecht, ein Rächer alles Bösen;
Gott ist die Lieb und lässt die Welt erlösen.
Dies kann mein Geist mit Schrecken und Entzücken
am Kreuz erblicken. (EG 91, 2-4)

Indem Christus im Gehorsam gegen Gott den Tod am Kreuz durchlitt, so wie wir es auch im Christus-Hymnus des Philipperbriefes gehört haben, ist er der Urheber unseres Heils geworden. Er hat seine Funktion als Hohepriester, von der der Hebräerbrief immer wieder redet, dadurch wahrgenommen, dass er sein Leben für uns hingab.
Sein Tod aber konnte erst dadurch das Heil erwirken, dass Jesus auch von den Toten auferweckt wurde und als Sohn Gottes seinen Platz zur Rechten des Allmächtigen Vaters einnahm. Nun kann sein Blut uns vor Gott gerecht machen in Ewigkeit.
Der Verfasser des Hebräerbriefes knüpft unsere Teilhabe am Heil allerdings an eine Bedingung. Ganz so, wie Christus selbst Gehorsam erlernte in der tiefsten Gottverlassenheit, so sollen auch wir gehorsam sein ihm gegenüber.
Dieser Gehorsam aber erweist sich nicht darin, dass wir eine Liste von Aufgaben erledigen, die uns ausgehändigt wurde, wiewohl natürlich das Doppelgebot der Liebe: "du sollst Gott, deinen Herrn, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst", unsere verbindliche Lebensgrundlage ist.
Es geht vielmehr um den Gehorsam im Blick auf das, was Christus für uns getan hat. So wie Jesus auf die Kraft Gottes vertraute, so sollen auch wir im Glauben dieses Werk annehmen, das Jesus am Kreuz für uns vollbracht hat.
Das ist Gehorsam, so wie der Verfasser des Hebräerbriefes es meint: In der Gottesferne, in der Gottverlassenheit sich nicht von Gott abwenden, sondern auf das Kreuz blicken und im Vertrauen auf die dort offenbarte Liebe durch das finstere Tal hindurch gehen.
Dieser Gehorsam, dieser Glaube, dieses Vertrauen in die Liebe Gottes führt uns zur Vollendung, so wie Christus selbst vollendet wurde. Denn unsere Bestimmung ist es nicht, zu sterben und begraben zu werden, sondern mit ihm aufzuerstehen und an der Herrlichkeit Gottes teilzuhaben.
Wenn wir das Abendmahl feiern, dann werden wir an all das erinnert, ja, mehr noch: wir erleben es. Wir haben Teil an der Herrlichkeit Gottes, indem wir teilhaben am Leib und Blut Christi, indem wir die Barmherzigkeit und Liebe Gottes durch Jesus Christus leibhaftig erfahren, schmecken und sehen.
Wir stimmen mit unserem "Heilig, heilig, heilig" ein in den Lobgesang der Engel und aller Heiligen, die sich um Gottes Thron scharen, auch wenn sie vermutlich nicht die gleiche Melodie singen.
Und wir erhalten Wegzehrung, die uns Kraft gibt, auch die dunklen Täler zu durchschreiten, die sich auf unserem Weg befinden.

Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld (EG 83)
Dein Kampf ist unser Sieg (EG 87, 3.5-6)
Christe, du Schöpfer aller Welt (EG 92)
*In dir ist Freude in allem Leide (EG 398)
Herr, der du einst gekommen bist (KHW-EG 586)
*Vertrauen wagen dürfen wir getrost (NB-EG 607)

Predigtvorschläge zu Reihe VI - 1. Mose 22, 1-14(15-19)

Die nachfolgende Predigt wurde mit Unterstützung eines Chores gehalten. Die eingeflochtenen Liedstrophen können auch von der Gemeinde gesungen werden.
Liebe Gemeinde!
Es ist eine grausige Geschichte, die Angst machen kann.
Wie kann Gott nur von einem Menschen verlangen, seinen einzigen Sohn zu opfern? Noch viel schlimmer finde ich aber dies: wie kann Abraham sich so völlig widerspruchslos dem Willen Gottes unterordnen? Wie kann er ohne jeden Widerspruch zulassen, dass Gott ein solches Opfer von ihm fordert, wo doch auf diesem Sohn alle Verheißungen liegen?
Für uns, die wir den Ausgang der Erzählung kennen, ist es nicht ganz so schwierig – Gott will das Opfer ja nicht wirklich. Er prüft ja nur den Glauben dessen, den er sich als Stammvater seines Volkes auserwählt hatte.
Bloß gut, kann man da nur sagen, dass es nicht noch mehr solcher Berichte in der Bibel gibt. Bloß gut, dass unser Glaube nicht auf einem Kult basiert, in dem Menschenopfer die Regel waren, sondern im Gegenteil abgelehnt wurden.
Andererseits werde ich an den Propheten Elia erinnert, der nach dem Gottesurteil auf dem Karmel die Baalspriester am Bach Kischon tötete.
Ist das wirklich so anders? Ist das nicht auch eine Art Menschenopfer?
Und dann denke ich daran, dass es auch heute so etwas gibt: Kinder werden ihren Eltern genommen, durch eine schwere Krankheit, durch einen Unfall. Wir reden ja merkwürdigerweise vom Verkehrsopfer, als sei der Verkehr ein Gott, dem man gelegentlich einen Menschen opfern muss. Im Grunde ist es aber Gott, der dieses Opfer von uns fordert. Denn wir versuchen ja, jedes Geschehen als einen Teil des großen Planes zu verstehen, den Gott uns nur langsam offenbart. Und da kann der Tod eines Kindes nur ein Opfer sein, das er von uns fordert. Wie schwer aber fällt es uns, das anzunehmen, und wie oft versuchen wir, es schön zu reden.
Da scheint die Erzählung von Abraham noch recht moderat. Der alte Vater muss zwar seinen einzigen Sohn zur Opferstätte führen, aber wir wissen, dass es nicht zu diesem Opfer kommt. Isaak bleibt am Leben.
Worauf es dem Erzähler der Geschichte ankommt, ist nur dies: Abraham ist erfüllt von einem tiefen Vertrauen in den Ratschluss Gottes. Er fügt sich seinem Willen unter, denn er weiß: Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Opfer. Und in diesen Worten klingt ja auch die Hoffnung an, dass es noch eine Wendung geben wird.
Chor:
Dein Will gescheh, Herr Gott, zugleich,
auf Erden wie im Himmelreich,
gib uns Geduld in Leidenszeit,
Gehorsamkeit in Lieb und Leid,
wehr' und steur' allem Fleisch und Blut,
das wider deinen Willen tut.

Und gingen die beiden miteinander. (EG 344, 4)

Diese wenigen Worte sprechen Bände. Was nur in den beiden vorgegangen sein mag auf dem Weg, den sie schweigsam miteinander gingen?
Der alte Abraham hatte seinen Sohn nicht angelogen. Oder doch? Gott wird sich ein Schaf zum Opfer ersehen. Ein Schaf? Ja, wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird, so führte er seinen Sohn zum Opferaltar.
Woher sollte denn jetzt ein Schaf kommen? Es konnte ja nur sein Sohn sein, wie Gott es gefordert hatte.
Abraham wollte das Vertrauen in die Liebe und Fürsorge Gottes nicht aufgeben. Gott wusste einen Weg – das war sicher. Und wenn es bedeutete, dass er seinen Sohn verlieren würde, dann sollte es so sein. Die Verheißung stand doch: deine Nachkommen werden so zahlreich sein wie die Sterne am Himmel.
Jetzt noch – im hohen Alter? Würde er je noch einmal ein Kind haben wollen, nachdem dieses von ihm gefordert wurde? Könnte er solchen Schmerz noch einmal ertragen?
Dein Wille geschehe...
Ob der junge Isaak schon etwas ahnte? Ob er das erste Mal in seinem Leben Misstrauen gegen seinen Vater spürte? Oder ob das Vertrauen des Vaters in die Fürsorge Gottes bereits abgefärbt hatte und auch den Jungen vor jedem Argwohn schützte?
Der Weg führt sie auf den Berg, an die Opferstätte. Der Vater bindet seinem Sohn Hände und Füße zusammen. Der Sohn fragt nichts. Schweigend lässt er es über sich ergehen.
Dein Wille geschehe...
Der Vater sammelt das Holz zum Brandopfer. Vielleicht betet er im Stillen, immerfort: lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Lass nicht zu, dass ich meinen einzigen, geliebten Sohn töten muss.
Aber nichts rührt sich. Der Wille Gottes bleibt, starr und unverrückbar: opfere deinen Sohn zum Brandopfer.
Er legt den Sohn auf den Scheiterhaufen, reckt den Arm mit dem Messer in die Höhe – was ist das für ein Vater, der seinen Sohn zu töten bereit ist?
Chor:
Was Gott tut, das ist wohlgetan, dabei will ich verbleiben.
Es mag mich auf die rauhe Bahn Not, Tod und Elend treiben,
so wird Gott mich ganz väterlich in seinen Armen halten;
drum lass ich ihn nur walten.
(EG 372, 6)

Abraham! Abraham!“ ruft ihn der Engel, in letzter Sekunde.
Was, wenn Abraham den Ruf nicht gehört hätte? In der tiefen Verzweiflung über die bevorstehende Tat hätte es doch gut sein können, dass nichts und niemand mehr zu ihm durchdrang.
Aber Abraham wartete ja auf dieses Zeichen. Er rechnete mit Gott. „Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.
Es sollte nicht sein Sohn sein, es durfte nicht sein Sohn sein.
Abraham! Abraham!
Alles wird gut. Wir müssen nicht mit allen Mitteln versuchen, zu erklären, wieso es Menschenopfer gab – denn es gab sie nicht.
Aber die Forderung nach dem Menschenopfer ist da. Und das gehorsame, willenlose Befolgen dieser Forderung ebenfalls.
Warum?
In der damaligen Zeit war es üblich, Gott mit einem Opfer zu versöhnen. Immer wieder wird davon erzählt, wie ein Tier geschlachtet wird – um einen Bund zu bekräftigen oder um Sühne zu schaffen.
Das erste Opfer, von dem die Bibel berichtet, ist jedoch ein Dankopfer. Durch das Dankopfer erkennt der Mensch an, dass es Gottes Gabe ist, die er empfängt, und gibt etwas davon ab. Kain und Abel brachten solch ein Opfer dar.
Das Sühneopfer taucht wenig später auf. Noah opfert von allem reinen Getier ein Brandopfer, um Gottes Zorn zu besänftigen, aber auch hier, um Gott für die Bewahrung in der Sintflut zu danken.
Opfer waren nötig, um das Verhältnis des Menschen zu Gott ins rechte Lot zu rücken. Man gibt etwas von sich auf, damit das geschehen kann.
Dass Abraham der Aufforderung Gottes folgen wollte, kann nur daran gelegen haben, dass er sich der Notwendigkeit dieses Opfers bewusst war. Vielleicht dachte er aber auch, das Opfer seines Sohnes sei nötig, um die Sünden anderer zu sühnen?
Wie auch immer: er war bereit, denn der Mensch kann nicht aus eigener Kraft mit Gott ins Reine kommen.
Chor:
Wer hat dich so geschlagen, mein Heil, und dich mit Plagen
so übel zugericht't? Du bist ja nicht der Sünder,
wir wir und unsre Kinder, von Missetaten weißt du nicht.
Ich, ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden
des Sandes an dem Meer, die haben dir erreget das Elend
das dich schläget, und das betrübte Marterheer.
(EG 84, 2-3)
(noch einmal lesen)

Diese Geschichte von Abrahm und Isaak ist für die ersten Christen zum Sinnbild geworden für das Geschehen am Karfreitag. Der Unterschied ist allerdings sehr deutlich: das Opfer des Isaak musste nicht vollzogen werden. Es ging nur um eine Glaubensprüfung.
Aber: es geht um den Sohn. Und wer die Erzählung von Abraham und Isaak liest, empfindet, was es bedeutet, seinen Sohn hingeben zu müssen. Auch heute erfahren Menschen den tiefen Schmerz, wenn ein Kind zu Grabe getragen werden muss.
Und nun stehen wir vor dem Kreuz und fragen uns: war das nötig? Musste Jesus wirklich am Kreuz sterben, damit wir mit Gott versöhnt werden? Hätte Gott nicht auch ohne dieses Opfer Frieden machen können?
Aber was wäre dann? Hätten wir überhaupt etwas von der Liebe Gottes erfahren? Die ganze Menschheit hätte sich opfern können, es hätte nicht genügt, um das Verhältnis zwischen Gott und Mensch wieder ins rechte Lot zu rücken. Und Gott wollte das auch nicht. Er wollte aber, dass wir erfahren, wie unermesslich groß seine Liebe für uns ist. Er wollte die Versöhnung, und er wollte, dass sie für alle sichtbar wird.
Und darum das Kreuz, unausweichlich, das Opfer eines Menschen, das Opfer des Sohnes Gottes.
Chor:
O große Lieb', o Lieb' ohn' alle Maße,
die dich gebracht auf diese Marterstraße,
ich lebte mit der Welt in Lust und Freuden,
und du musst leiden.
(EG 81, 6)
(noch einmal lesen)

Sprachlos stehen wir unter dem Kreuz. Kein Mensch würde sein Kind opfern.
Mit Entsetzen und Unverständnis, vielleicht auch mit tiefer Trauer haben wir die Erzählung von Abraham und Isaak gehört.
Was damals nicht zur Vollendung kam, hier am Kreuz wurde es vollendet. Doch kein Mensch tat es, sondern Gott selbst. Und kein Mensch war das Opfer, sondern Gott selbst. Er opferte sich für uns.
Die Liebe zu seinen Geschöpfen, die Liebe zu uns Menschen ist größer als die Liebe zu sich selbst. Er gibt sich hin, unterwirft sich seiner Schöpfung, lässt sich martern und töten. Das letzte Opfer, das nötig war zur Versöhnung, wird zu einem Beweis der unermesslichen Liebe Gottes, auf die wir keine Antwort wissen.
Chor:
Ach, großer König, groß zu allen Zeiten,
wie kann ich g'nugsam diese Treu' ausbreiten?
Kein's Menschen Herze mag indes ausdenken,
was dir zu schenken.
Ich kann's mit meinen Sinnen nicht erreichen,
womit doch dein Erbarmen zu vergleichen.
Wie kann ich dir denn deine Liebestaten
im Werk erstatten?
(EG 81, 7-8)
(noch einmal lesen)

Der Liebesbeweis ist unglaublich. Am liebsten würden wir wohl darauf verzichten, aber was dann? Die Menschheit wollte es ja nicht wahrhaben – und will es auch heute nicht wahrhaben, dass Gottes Liebe zu uns Menschen so unermesslich groß ist.
Und wer es dann doch annimmt, wer sich doch auf diese Weise lieben lässt, steht fassungslos da und weiß nicht, wie ihm geschieht. Auf einen solchen Liebesbeweis muss man doch in irgendeiner Weise antworten. Aber nichts wäre dem angemessen.
So bleibt uns nur die Dankbarkeit. Dankbarkeit aus tiefstem Herzen. Solche Dankbarkeit kann nicht für sich bleiben – sie muss ein Gegenüber haben.
Und so findet sie Ausdruck in unserer Lebensweise, in unserem Umgang miteinander, im Einander-Helfen, im Aufeinander-Achten, im Füreinander-Beten.
So wird christliche Gemeinde erkennbar – eine Gemeinde, die aus der Liebe Gottes heraus lebt. Dass wir darin zunehmen, dazu gebe uns Gott Kraft und Mut.
Amen
oder
Die nachfolgende Predigt wurde gehalten am 9.4.2000
Liebe Gemeinde!
Was für ein Vater. Eines ist sicher: Ich könnte so etwas nicht tun. Ich könnte nicht losziehen, um meinen Sohn zu opfern, selbst wenn Gott mir leibhaftig erschienen wäre. Es ist so unvorstellbar grausam, so brutal und herzlos, was uns hier geschildert wird. Ein Vater nimmt seinen einzigen Sohn, um ihn als Opfer für Gott zu schlachten. Er ist bereit, dieses Opfer sogar selbst darzubringen, selbst Hand anzulegen an seinen Sohn, ihn zu schlachten wie ein Stück Vieh.
Der Gedanke alleine läßt mich vor diesem Mann Abscheu empfinden. Warum hat er nicht mit Gott gekämpft, so wie er es kurz zuvor für Sodom getan hatte, als er mit Gott regelrecht feilschte? Ist es vorstellbar, dass ein Vater seinen einzigen Sohn so leicht dahingibt, ohne jeden Widerspruch? Warum hat er sich so blindlings auf diese Forderung eingelassen? Ist es einfach nur, weil er in einer primitiveren Epoche lebte? War damals Gott noch so grausam? - Ist es wirklich blinder Gehorsam, in dem Abraham handelt, ein Gehorsam, der nicht hinterfragt, so wie in Kriegen der Soldat blind seinem Vorgesetzten folgt? Oder steckt doch mehr dahinter?
Ja, es fällt schon auf, dass er diesmal nicht feilscht, so wie kurz zuvor um Sodom. Er muss dafür einen sehr guten Grund gehabt haben. Ich bin sicher, er hat etwas gewusst, was wir in diesen Worten nicht so ohne weiteres, ja eigentlich gar nicht, erkennen können.
Nein, ich meine nicht, dass er vorausgesehen hat, dass Gott seinen Sohn verschonen würde. Das wäre dann doch zu einfach. Er muss etwas anderes begriffen haben. Er muss etwas von der Größe Gottes geahnt haben. Er muss gewusst haben, dass Gottes Plan weit größer ist, als sein eigener Verstand sich jemals vorstellen kann. Deshalb geht er mit seinem Sohn zur Opferstätte. Er, Abraham, weiß nicht, wie es weitergehen könnte, wenn Isaak, der einzige Erbe, der Nachkomme, den Gott ihm ja schon so lange versprochen hatte, tot ist. Isaak ist es, dessen Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel werden sollten - so hatte es Gott versprochen. Nun sollte diese Verheißung zunichte gemacht werden - aber auf die Anweisung Gottes hin.
Abraham vertraut darauf, dass Gott weiß, was er tut. Abraham hat gelernt. Als es um Sodom ging, war er eingetreten für andere Menschen, auch für die vielen Sünder, die dort lebten. Gott war bereit, Sodom zu verschonen um 10 gerechter Menschen willen, weil Abraham ihn darum bat. Aber Gottes Urteilsspruch war ja richtig gewesen. Denn es gab noch nicht einmal diese 10.
Abraham musste erst lernen, dass Gottes Wege oft anders sind als unsere Wege. Und als Sodom zerstört wurde, wusste Abraham, dass, was Gott beschlossen hat, nicht widerrufen werden kann. Vielleicht fügt er sich jetzt darum in Gottes Willen, als dieser ihm aufträgt, seinen Sohn zu opfern. Feilschen, das wusste er, hätte nichts genutzt. Oder vielleicht versuchte er nicht, seinen Sohn zu retten, weil es diesmal um ihn selbst ging: er war direkt gefordert. Bei Sodom ging es um andere Menschen; jetzt geht es um ihn, Abraham, um sein Vertrauen zu Gott, um seine Gerechtigkeit vor Gott.
Er fügt sich - ich kann mir gut vorstellen, dass er innerlich grollte, dass er am liebsten losgeschrien und Gott angeklagt hätte angesichts dieser Grausamkeit - er tat es nicht. Er schluckte allen Zorn hinunter, um seines Sohnes willen, der mit ihm ging.
... und gingen die beiden miteinander, heißt es zweimal in der Erzählung. Ein langer Weg, den sie für die meiste Zeit schweigend beschritten. Als Isaak seinen Vater fragt, wo das Schaf zum Brandopfer sei, antwortet der Vater knapp und etwas vage, indem er auf Gott verweist. In dem Schweigen, das dann wieder folgte, wird Abraham sich immer wieder Vorwürfe gemacht haben.
Ob Isaak etwas ahnte? Wohl kaum. Aber als Abraham seinen Sohn fesselte, da muss sein ganzes Vertrauen in seinen Vater mit einem Schlag zerbrochen sein. Zumindest können wir das annehmen. Der Erzähler aber schweigt sich darüber aus. Hat Gott hier nicht das Verhältnis zwischen Vater und Sohn nachhaltig zerstört?
Grausamkeit, Brutalität, Herzlosigkeit - von all dem schreibt der Erzähler gar nichts. Er berichtet ganz nüchtern. Für ihn ist es einfach nur eine Prüfung für Abraham. Eine Prüfung, die Abraham besteht.

Auch wir werden geprüft, immer wieder, aber längst nicht so wie Abraham. Gott fordert uns nicht auf, dass wir ihm unsere Kinder opfern. Ich will nicht sagen, dass diese Zeit vorbei ist, denn auch damals, zur Zeit Abrahams, hätte Gott normalerweise so etwas nicht verlangt. Er hatte sich schon damals gegen die Menschenopfer der umgebenden Kulturen gewandt, sie waren ihm ein Greuel.
Gott legt einem Lasten auf, so viel, wie man tragen kann, aber nicht mehr. Manches Mal erleben wir unsägliches Leid; Kinder sterben durch Unfall oder Krankheit, und wir fragen uns, warum Gott so etwas zulässt. Wir leiden an Krankheiten, die uns das Leben schwer machen, und fragen Gott, warum. Wir werden mit Umweltgiften belastet, und verstehen nicht, warum Gott zulässt, dass der Mensch seine eigene Umwelt nach und nach zerstört. Wir sehen Bilder von unglaublichen Naturkatastrophen in anderen Ländern dieser Welt - Überschwemmungen auf der einen Seite, Hitze und jahrelange Dürre auf der anderen - und verstehen nicht, wie Gott tatenlos zusehen kann, wenn tausende Menschen sterben.
Können wir als Antwort sagen: Gott prüft uns? Ich glaube ja. Gott prüft uns. Er prüft nicht nur unsere Belastbarkeit. Er prüft, ob wir bereit sind, zu handeln. So wie Abraham, dem sein Sohn ja nicht einfach weggenommen wurde, sondern der aufgefordert wurde, seinen Sohn zu töten, so sind auch wir aufgefordert, zu handeln. Natürlich nicht, um zu töten. Aber wir sind aufgefordert, unseren Platz einzunehmen in dem großen Plan, den Gott schon lange gemacht hat und den er Schritt für Schritt umsetzt. So wie Mosaiksteinchen nur zusammengesetzt ein Bild ergeben, so können wir nur dann an Gottes Plan teilhaben und ihn verwirklichen, wenn wir uns darin einsetzen lassen. Je nachdem, wo wir eingefügt werden, kann es bedeuten, dass wir schweres Leid auf uns nehmen müssen. Es kann auch Freude bedeuten. Wir können es nicht vorweg nehmen, wir kennen nicht den großen Zusammenhang. Den können wir erst erkennen, wenn wir, vereint mit allen Heiligen, Gott schauen.
Dietrich Bonhoeffer, ein Mann, der so wie Abraham Gott gehorsam war und darum Widerstand geleistet hat gegen die Nazi-Herrschaft, ist heute vor 55 Jahren im Lager Flossenbürg in Süddeutschland von den Nazis umgebracht worden. Ich möchte heute anlässlich seines Todestages noch einen kurzen Text von ihm lesen, der sich, so meine ich, gut an diese Predigt anfügt. Er redet darin vom Gerechten. Der Gerechte: das sind Sie und ich, das sind wir, die wir hier versammelt sind, denn wir sind gerecht gemacht durch das Blut Jesu Christi.
(Der hier vorgelesene Text unter der Überschrift "Das Leiden des Gerechten" findet sich in "Bonhoeffer-Auswahl" Band 4, S. 174f, Siebenstern Taschenbuch-Verlag, und ist entnommen aus "Gesammelte Schriften IV", S. 595-596)
Tun wir das Unmögliche. Segnen wir, damit diese unsere Welt ihre Erlösung erfährt.
Amen
oder
Liebe Gemeinde,
»Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.«
Mit diesen Worten macht sich Abrahm auf den langen Weg, gemeinsam mit seinem Sohn. Er lügt. Er weiß es. Er tut es um Isaaks willen, denn er möchte dem Jungen keine Angst machen. Er stellt die Rückkehr beider in Aussicht, tut so, als sei dies ein ganz normaler Gang zum Opferplatz.
Merkwürdig ist es natürlich, dass sie zum Opfer eine so lange Strecke zurücklegen müssen, aber das war damals wohl nicht so ungewöhnlich. Es gab heilige Berge, denn je höher sie waren, desto näher, so glaubte man, waren sie an Gott. Dass das Opfer angesehen und auch angenommen würde, wurde im Grunde schon dadurch garantiert. So schöpften die Knechte keinen Verdacht.
Abraham ist bedrückt. Er will nicht sprechen, denn er will diese letzten gemeinsamen Stunden mit seinem Sohn, dem einzigen, nicht mit dem Wissen um das bevorstehende Opfer, den bevorstehenden Tod belasten.
Was in seinem Kopf vorgegangen sein mag? Wir wissen es nicht. Ein kurzer Satz beschreibt die Leere: »Und gingen die beiden miteinander«. Schweigend. Stundenlang. Sicher hätten sie sich etwas zu sagen gehabt. Aber Abraham konnte nicht.
»Warum, warum nur verlangt Gott dieses Opfer von mir? Ich will es nicht tun. Wie kann ich es tun – meinen eigenen, meinen einzigen Sohn opfern? Was habe ich getan, dass solch ein Opfer nötig wäre?
Und was soll ich mit Isaak tun? Wie kann ich ihm in die Augen sehen, wenn ich ihn binde und auf den Altar lege? Ich fürchte seinen Blick, denn ich habe ihn betrogen. Ist es das wert?
Ich spreche mit ihm. Ich sage ihm, was auf ihn zukommt. Wenn, dann soll er selbst entscheiden, ob er geopfert werden will oder nicht.
Ach nein, das geht ja nicht. Gott hat mich aufgefordert, nicht ihn. Er wurde mir geschenkt, und nun fordert Gott das Geschenk wieder von mir. Es ist schon richtig: ich habe keinen Anspruch auf ihn, und ich kann ihn auch nicht selbst entscheiden lassen. Denn sein Leben liegt allein in der Hand Gottes. Er will es nun zurück fordern, und ich muss diesem Willen entsprechen.
Aber muss ich wirklich Gott gehorchen? Sollte ich mich nicht von ihm abwenden? Aber wenn ich das tue: wohin dann? Wer wird mich beschützen? Die anderen Götter fordern auch Menschenopfer. Ich würde nichts gewinnen. Und ich weiß, dass dieser Gott wahrhaftig ist. Er hat mir Nachkommen versprochen, und nun habe ich einen Sohn. Gott wird wissen, warum. Ich will es tun – Gott helfe mir.«
Und gingen die beiden miteinander.
Wie alt ist Isaak eigentlich? Wir wissen es nicht. Irgendwo zwischen Entwöhnung und heiratsfähigem Alter, stark genug, ein Holzbündel zu tragen, das für ein Brandopfer ausreicht. Also wohl eher ein Teenager.
Isaak hatte sich gewundert, dass sie kein Opfertier mitgenommen hatten. Das war sonst üblich und natürlich sinnvoll, wenn man ein Opfer plante. Die Antwort, die er erhielt, war merkwürdig: Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Woher sollte sich Gott denn ein Schaf zum Brandopfer ersehen? Weit und breit waren keine Herden.
Ein verirrtes Schaf vielleicht? Doch das hier waren keine Weiden, keine Herde würde überhaupt je in diese Gegend kommen. Und wollte sein Vater wirklich das Risiko eingehen, kein Opfertier zu haben? Was würde er tun, wenn er keins fände?
Nein, Isaak kommt nicht auf den Gedanken, dass er als Opfer ersehen war. Es wäre zu abwegig, liebte ihn sein Vater doch so sehr, dass er unmöglich dazu in der Lage sein konnte, seinen eigenen, einzigen, geliebten Sohn zu töten.
Und doch: Abraham hatte ihm oft von diesem Gott erzählt, den man sich nur im Geist vorstellen durfte, und selbst das eigentlich nicht. Dieser Gott war kein Götterbild, wie es viele der Menschen, denen sie begegnet waren, anbeteten und dem sie Opfer darbrachten – ja, auch Menschenopfer.
Dieser Gott, von dem ihm sein Vater erzählt hatte, ist lebendig, er redet mit den Menschen, er führt sie und leitet sie mit seinem Rat.
Abraham hatte seinem Sohn immer und immer wieder erzählt, wie dieser lebendige Gott ihn aus seinem früheren Leben herausgerufen hatte. Er hatte ihm erzählt von den Verheißungen, und auch von der Hoffnungslosigkeit, als er noch im hohen Alter kein Kind hatte. Schließlich erzählte er ihm auch von dem Wunder seiner Geburt, dass Sarah im hohen Alter schwanger wurde.
Und gingen die beiden miteinander.
Schließlich erreichen sie das Ziel. Immer sieht Isaak zu. Zuerst, wie Abraham den Altar baut, indem er Steine aufeinander schichtet und dabei wohl auch die Himmelsrichtung, in die der Altar ausgerichtet ist, beachtet, dann, wie er das Holz darauf aufschichtet, so dass das Opfertier gut brennt. Isaak sieht weit und breit kein Tier, das als Opfer in Frage käme, er hört auch nichts. Und doch macht er sich keine Sorgen. Er vertraut seinem Vater – und dem Gott, dem sein Vater vertraut.
Erst als Abraham mit dem Seil auf ihn zukommt, um ihn zu fesseln, sieht Isaak das große Leid in den Augen seines Vaters und versteht. Gott hat sich ein Opfer ersehen.
Der Junge wehrt sich nicht. Er versteht, dass es geschehen muss. Er fühlt sich nicht betrogen, aber ist doch traurig, dass ihm sein Vater nicht vertraut hat.
Er schließt die Augen, als er auf dem Scheiterhaufen liegt, und erwartet das Messer, das ihn töten wird.
Doch er hört die Stimme Gottes: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.
Was für eine Situation. Unvorstellbar. Und doch gibt es Menschen, die ihre Kinder sterben lassen – gerade jetzt ist es wieder durch die Medien gegangen. Das, was für uns unvorstellbar scheint, ist noch lange nicht unmöglich: dass Eltern das Leben ihrer Kinder gering achten.
Aber so ist es bei Abraham nicht gewesen. Er hat gelitten. Er hatte seinen Sohn über alles geliebt, hatte sich über jeden Fortschritt in der Entwicklung gefreut und dankte Gott jeden Tag für dieses Geschenk.
Gott forderte von ihm etwas, was jeder liebende Vater hätte verweigern müssen. Aber Abraham glaubt. Er vertraut darauf, dass alle Dinge in Gottes Hand liegen. Er hofft nicht darauf, dass Gott seinen Sohn am Ende verschonen würde, wie es dann tatsächlich geschieht. Aber er weiß, dass Gottes Wille mehr wiegt als alle Vorbehalte, die er als Vater hat. Er weiß, dass das Leben seines eigenen Kindes nicht verloren ist, sondern von Gott getragen und bewahrt wird.
Abraham zeigt ein unglaublich großes Vertrauen in die Realität Gottes. Alles, was geschieht, ist der Teil eines Planes, den Gott bereitet hat. Abraham ist darin nur Ausführender, er bestimmt nicht, wie dieser Plan umgesetzt wird.
So liefert er sich ganz Gott aus. Nicht der kleinste Zweifel regt sich in ihm.
Gott ist. Mit diesen zwei Worten manifestiert sich die Wahrnehmung Abrahams an diesem Tag. Gott ist.
Alles andere ist Geschöpf, ist Objekt des Willens Gottes. Aber nicht willenlos. Abraham hätte sich weigern können, und Gott hätte ihn nicht gezwungen, seinen Sohn zu opfern.
Abraham stellt seinen Glauben nicht dadurch unter Beweis, dass er blind gehorcht, weil er Untergebener ist. Wenn es so wäre, dann bräuchte er nicht glauben. Er beweist seinen Glauben darin, dass er mit Gott rechnet, selbst in dieser verzweifelten Situation – und darum auch den Willen Gottes auszuführen bereit ist.
Ob wir zu solchem Glauben fähig sind?
Wie oft frage ich denn nach dem Willen Gottes? Wie oft versuche ich, seine Stimme zu hören? Und wenn ich meine, dass da etwas war – ein Ruf, der an mich erging, eine Aufforderung, etwas zu tun, wozu ich beim besten Willen nicht bereit bin – wie oft habe ich dann schon gekniffen und bei mir gedacht: das kann nicht sein, so etwas kann Gott nicht von mir fordern?
Im Grunde denken wir doch alle in erster Linie an uns selbst. Wir schaffen es nicht, solchen Glauben aufzubringen, der Gott an die erste Stelle setzt. Viel eher zweifeln wir aus Leibeskräften, solange es nur zu unseren Gunsten ist.
Aber was soll das dann? Glaube nährt sich nicht aus Zweifeln. Er nährt sich aus Vertrauen. Vertrauen darauf, dass Gott uns in seiner Hand hält, dass er alle Dinge uns zum Besten dienen lassen will, auch die, durch die etwas substanzielles von uns gefordert wird.
Gott hat unsere Unfähigkeit zu glauben, unseren fortwährenden Zweifel und unsere Selbstsucht schon vor langer Zeit erkannt. Darum ist er uns in Jesus Christus ganz nahe gekommen. Damit wir ihn wieder spüren, damit wir seine Liebe wahrnehmen können, damit wir wissen: Gott ist.
Gott will kein Opfer von uns. Das einzige, was wir ihm opfern können und was er uns gerne abnimmt, sind unsere Zweifel.
Denn das letzte Opfer hat ja Gott selbst gebracht. Indem er Jesus Christus in die Hände der Menschen auslieferte, offenbarte er uns seine Liebe. Er erachtete die Versöhnung mit uns wichtiger als das Leben seines Sohnes.
Damit wir uns nicht wieder von ihm abwenden.
Können wir auf solches Handeln wirklich nur mit Mißtrauen und Zweifel reagieren?
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
*Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld (EG 83)
*Jesu, meines Lebens Leben (EG 86)
Das Kreuz ist aufgerichtet (EG 94)
O Lamm Gottes, unschuldig (EG 190.1)
Treuer Wächter Israel' (EG 248, 1.3-6)
Auf ihn will ich vertrauen (EG 365, 3-5)