das Kirchenjahr

Okuli

Konsequenz der Nachfolge*

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe I - Jer 20, 7-11a (11b-13)

Liebe Gemeinde!
„Gut, du hast gewonnen, ich komme mit!” - so oder so ähnlich mag es klingen, wenn man sich zu etwas hat überreden lassen, das man eigentlich nicht wollte.
Es war kein richtiger Wettkampf, bei dem man von einem Gewinner und einem Verlierer reden kann. Es war höchstens ein Wechsel von Argumenten, und manchmal noch nicht einmal das.
Geschickte Überredungskünstler wissen, wie sie einen Menschen dazu bewegen, mitzumachen. Da wird das „Ego” des Menschen gekitzelt: „Du kannst das doch so toll!”.oder etwas schlichter: „Wir brauchen dich, ohne dich geht’s nicht.”
Und so lässt man sich überzeugen, nur um am Ende festzustellen, dass es doch besser gewesen wäre, wenn man nicht mitgekommen wäre: 'Hätte ich mal auf meine innere Stimme gehört', oder: 'Wäre ich doch nur meinen Prinzipien treu geblieben'.
Man war gefolgt, weil das Gefühl entstanden war, dass man gebraucht würde. Nur stellt man am Ende fest, dass das eigentlich gar nicht der Fall war.
Ob es sich bei der Berufung des Propheten Jeremia auch so zugetragen hat? Ich denke mal nicht, denn Jeremia wird sicher gewusst haben, dass Gott nicht auf uns Menschen angewiesen ist. Gott will uns gebrauchen, aber letztlich müssen wir schon auch dazu bereit sein. Wenn wir es nicht sind, wird Gott einen anderen Weg finden, um seinen Plan zu verwirklichen.
Aber wir haben die großartige Chance verpasst, Bote Gottes zu sein.
Ob dieses Argument Jeremia bewegt hat? Wenn wir die Schilderung von seiner Berufung lesen, könnte es durchaus so sein. Gott eröffnete ihm, welcher Art sein Auftrag sein würde:
„Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.” (Jer 1, 9b-10)
Das ist schon verlockend, so viel Macht. Und es ist ja nicht nur Zerstörung, sondern auch bauen und pflanzen. Neben dem Negativen ist auch das Positive vorhanden. Zwar gibt es keine Gewichtung der beiden Aspekte des Auftrags, aber das Gewissen wird auf diese Weise beruhigt, denn man soll nicht nur Bote des Unheils sein, sondern auch des Heils.
Wer solch einen Auftrag angekündigt bekommt, kann wohl kaum nein sagen, zumal wenn er weiß, dass der, der ihn damit beauftragen will, diese Gewalt in seiner Hand hat und das tun kann, wovon man als Prophet nur reden soll.
Jeremia wurde Prophet, aber nicht mit frohem Herzen. Er fühlte sich zu jung, und er wusste ja schon damals, dass die wahren Propheten des Herrn immer wieder angefeindet wurden. Denn das, was es da zu verkünden gab, war immer unbequem und lästig und manchmal auch schlicht zu ehrlich. Wer so redet, wird immer wieder angefeindet werden und das auch deutlich spüren.

Zur Zeit unseres Predigttextes hatte Jeremia schon einige Predigten hinter sich, vernichtende Predigten. Er hatte gesehen, dass es in dieser Welt alles andere als gerecht zugeht. Nirgends hörte man auf seine Worte. Er wurde als Feind angesehen, als Verräter.
Und dann gab es ja auch noch jene, die sich überhaupt nicht von den Androhungen des Gerichts beeindrucken ließen, weil sie meinten, dass ihr Reichtum sie vor allem schützen würde – auch vor der Strafe, die sie aufgrund ihres Handelns eigentlich verdient hätten.
Und so wird der Prophet verspottet und verachtet. „Große Worte, aber nichts dahinter!” „Lass sehen, was dein Gott kann! Wo ist er denn?”
„Dein” Gott – dabei ist es doch auch ihr Gott, der eine Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, der das Volk Israel aus Ägypten heraus geführt hatte, der das Wasser des Jordans still stehen ließ, der die Mauern von Jericho niederriss usw.
Hatten sie das alles schon vergessen?
Jeremia ist sauer. So hatte er sich das Prophetsein nicht vorgestellt, und vor allem: er hätte das alles nicht erleben müssen. Wenn Gott ihn nur nicht überredet hätte. Ja, und eigentlich steht da sogar: Gott hat ihn verführt. Er hat ihm etwas vorgespielt, was tatsächlich nicht da war.
Denn zwar hatte er das Gericht verkünden dürfen, die Zerstörung und das Niederreißen. Aber wo blieb nun das Pflanzen und Bauen?
Jeremia wollte schweigen, er wollte nicht mehr Prophet sein. Ja, das alleine reichte noch nicht, sondern: „Ich will nicht mehr an ihn denken” (Jer 20, 9a), so sagte er sich. Nicht mehr an Gott denken. Sein Leben führen wie jene, denen Gott egal ist, für die Gott nicht existiert. Wenn er das wirklich ernst meinte, dann muss seine Situation schon schlimm gewesen sein. Aber er konnte nicht aufhören, an Gott zu denken. Wie brennendes Feuer ist das Wort Gottes in seinem Herzen, in seinen Gebeinen, in seinem ganzen Körper. Es ist unerträglich: das Wort Gottes wütet in ihm, es fügt ihm Schmerzen zu, weil es nicht hinaus kann, es lässt ihn körperlich und seelisch leiden.
Aber war es nicht so: immer wenn er den Mund aufmachte, rief er „Frevel und Gewalt!”, weil kein Recht mehr geübt wurde, sondern jeder sich selbst der Nächste und bereit war, das Recht seiner Mitmenschen zu missachten! Wozu sollte es also gut sein? Und warum durfte er es nicht lassen? Die Antwort dürfte auch uns einleuchten: Gott will nicht, dass die Menschen so leben. Er will nicht, dass sich die Menschen nur auf sich selbst verlassen (Jer 17, 5), dass Geld zum Götzen wird, dem man alles andere zu opfern bereit ist.

Jeremia ist eine tragische Figur. Er verkündigt das Strafgericht, und dafür wird er bestraft. Gott hilft ihm nicht, er ist allein, von allen Seiten greifen sie nach ihm und wollen ihn in die Tiefe ziehen, in das Verderben.
Doch plötzlich wendet sich das Blatt. Trotz dieser abgrundtiefen Enttäuschungen kann Jeremia plötzlich sagen: „Der Herr ist bei mir wie ein starker Held.” (Jer 20, 11a)
Jeremia rappelt sich wieder auf, denn der, der ihn in das Prophetenamt berufen hat, steht ja hinter ihm. Er wird nicht dulden, was ihm widerfährt und schon widerfahren ist. Die Feinde Jeremias sind Gottes Feinde. Er, Gott, wird sie zu Fall bringen. Sie werden zuschanden werden, sie werden vor Scham vergehen, weil sie den Allmächtigen verspotteten.
Ja, so sollte es sein. Jeremia weiß um die Macht Gottes, denn er spürt sie in seinem Innern. Aber er sieht sie dennoch nicht. Er sieht nicht, wie Gott dreinschlägt und endlich wahr macht, was er als Prophet so oft schon angekündigt hat. Und das macht ihn mürbe, das lässt ihn verzweifeln.
Sollte Gott etwa gnädig sein?
Wir mögen da an die Erfahrung des Jona denken, der diese Lektion erst lernen musste. Aber da hatte das Volk ja auch Buße getan.
Hier aber ist nichts dergleichen zu erkennen. Frevel und Gewalt sind überall, und so scheint es ewig weiter zu gehen. Das kann keine Gnade sein, dass Gott nicht wahr macht, was er angekündigt hat. Und darum ruft der Prophet aus:
„Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen!” (Jer 20, 12b) Lass nicht zu, dass weiter Unrecht geschieht. Lass nicht zu, dass dein Wort weiter missachtet wird. Komm und zeige deine Macht! Und dann scheint es ganz unvermittelt aus ihm heraus zu brechen:
„Singet dem Herrn, rühmet den Herrn, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!” (Jer 20, 13).
Wirklich?
Wenn man noch etwas weiter liest, sieht es dann doch wieder ganz anders aus. Jeremia verflucht den Tag, an dem er geboren wurde – warum muss er Jammer und Herzeleid sehen und seine Tage in Schmach zubringen? (Jer 20, 18)
In der Tat: Jeremia ist eine tragische Gestalt. Immer wieder versinkt er in Resignation, das Gotteslob, mit dem unser Predigttext endet, ist eben doch nicht das Ende.

Ich empfinde durchaus Sympathie für den Propheten, ist unsere Lebenssituation doch ganz ähnlich wie die Seine.
Wer sucht denn heute noch die Nähe Gottes? Wer hört auf sein Wort? Wer fragt nach Gottes Willen, bevor er eine Entscheidung fällt, die vielleicht sein ganzes Leben beeinflussen könnte?
Es wird ganz rational entschieden, häufig ist der Geldbeutel der Ratgeber, und ansonsten sind es meist praktische Erwägungen.
Die meisten Menschen stellen ihr eigenes Wohlergehen in den Mittelpunkt. Die florierende Wellness-Branche ist dafür ein deutliches Zeichen.
Die Armut in dieser Welt stört uns nicht wirklich, solange es mir nur gut geht.
Über die Tatsache, dass es immer mehr Rentner gibt, die ohne Unterstützung ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können, obwohl sie ihr Leben lang gearbeitet haben, zucken die meisten nur die Schultern.
Flüchtlinge, die bei uns Heimat suchen, werden als Schmarotzer beschimpft.
Muslimische Mitbürger werden misstrauisch beobachtet, und der Argwohn, dass sich in jedem Muslim ein Terrorist verbirgt, macht sich unterschwellig breit.
Der Tod wird aus unserem Leben verbannt, die Beerdigung „unter dem grünen Rasen” stellt mittlerweile eine weit verbreitete und vielfach genutzte Möglichkeit dar, die Beschäftigung mit dem Tod auf ein Minimum zu reduzieren.
Viele Menschen handeln, als lebten sie ewig, und investieren in einen Wohlstand, den sie doch nur wenige Jahre genießen können.
Das politische Handeln wird überwiegend von wirtschaftlichen Faktoren bestimmt und darum auch von der Wirtschaft beeinflusst. Es scheint kein Ende zu geben auf der Wachstumsskala. Dass das Wachstum unserer Wirtschaft erst durch die Ausbeutung billiger Arbeitskräfte in den sogenannten Entwicklungsländern möglich ist, rückt kaum ins Bewusstsein.
Aber während ich das noch sage, merke ich schon, dass das nur eine Seite der Realität ist. Ich sehe da nämlich die Menschen, die in den Gottesdienst kommen und die Gemeinschaft im Gebet, im Gotteslob und im Hören auf das Wort Gottes suchen.
Ich sehe die vielen, die Tag für Tag in unsere Kirche kommen und Gott um Wegweisung bitten, um Kraft und seinen Segen. Sie sehnen sich nach der Nähe Gottes, sie wollen seine Liebe spüren.
Ich sehe die, die sich auf unterschiedliche und vielfältige Weise für eine gerechtere Welt einsetzen.
Ich sehe die, denen die Armut in der Welt überhaupt nicht gleichgültig ist, sondern die sich im Gegenteil für die Armen einsetzen und sie unterstützen und ihnen zu essen geben. Ich sehe die, die für ihre Angehörigen auch in schwerer Krankheit da sind und sie bis zum Tod begleiten. Ich sehe, wie bewusst der Tod als Teil des Lebens wahrgenommen wird und wie die Botschaft von der liebenden Fürsorge Gottes, die über den Tod hinaus reicht, in die Herzen solcher Menschen dringt.
Ich sehe die, die den Flüchtlingen ihre Türen öffnen und sie willkommen heißen.
Ich sehe die, die den Muslimen die Hand reichen und mit ihnen ins Gespräch kommen.

Es ist also nicht alles so düster, wie Jeremia es erlebt und es auch für uns manchmal den Anschein hat.
Und so hat die Aufforderung am Ende unseres Predigttextes eben doch auch ihre Berechtigung: „Singet dem Herrn, rühmet den Herrn, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!” (Jer 20, 13)

Gott ruft uns. Sein Ruf ist laut und klar, denn wir kennen seinen Willen: dass wir sein „Wort halten und Liebe üben und demütig sind vor unserem Gott.” (Micha 6, 8b)
Es muss nicht jeder gleich zu einem Propheten werden. Denn die Aufgaben sind vielfältig. Da ist die Sorge um die Menschen, die als Flüchtlinge in unser Land gekommen sind. Ihnen das Gefühl zu geben, hier willkommen zu sein, kann eine solche Aufgabe sein.
Oder die Sorge um die Menschen, die in Armut leben, z.B. im Diakonieausschuss.
Oder der Dienst an den Einsamen in unserer Gemeinde, z.B. im Besuchsdienst.
Oder der Einsatz für mehr Gerechtigkeit, z.B. durch das Eintreten für den Verkauf und Gebrauch von Waren aus dem Fairen Handel.
Oder die Aufgabe, für Frieden und Versöhnung einzutreten. Nicht die Menschen unterstützen, die ständig Angst schüren, sondern auf die Menschen zugehen, die immer deutlicher aufgrund solcher Angst an den Rand gedrängt werden.
Oder denen ein Begleiter sein, die auf den Tod zugehen, z.B. in der Hospizarbeit.
Gott ruft uns. Welche Aufgabe er für uns vorgesehen hat, werden wir erfahren, wenn wir uns in der Stille ihm zuwenden. Und vielleicht haben wir es ja schon längst gespürt und nur nicht den Mut gefasst, es auch anzupacken.
So wie Jeremia es formuliert hat, dürfen wir aber darauf vertrauen, dass Gott an unserer Seite ist, auch dann, wenn es nicht den Anschein hat. Gott steht zu seinem Wort. Darauf dürfen wir vertrauen.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Mein Kreuz und meine Plagen (EG 82, 6-7)
Ach Gott, vom Himmel sieh darein (EG 273)
Erhebet er sich, unser Gott (EG 281)
O gläubig Herz, gebenedei (EG 318)
Ich weiß, woran ich glaube (EG 357)
Nun aufwärts froh den Blick gewandt (EG 394)
Hilf, Herr meines Lebens (EG 419)

Predigtvorschläge zu Reihe II - Lk 9, 57-62

Liebe Gemeinde!
Augen. So heißt dieser Sonntag. Wir sehen mit unseren Augen. Aber was sehen wir? Es gibt unzählige Dinge, die es sich anzuschauen lohnt. Die ersten Schneeglöckchen, die uns sagen, dass bald Frühling sein wird. Oder die Ameisen, die emsig ihre Arbeit verrichten. Oder ein schöner Sonnenuntergang. Oder die Vögel, die langsam wieder Leben in den Garten bringen.
Stundenlang könnte ich am Wasser sitzen, ob am Meer oder an einem Bach, und zusehen, wie sich immer wieder neue Wellen formen, wie es mit großer Kraft oder leichtem Plätschern sich überall hin seinen Weg bahnt und durch nichts aufgehalten werden kann.
Augen sind wichtig. Durch sie sehen wir unsere Welt. Wir beobachten, wir erkennen, ja, wir verstehen mit unseren Augen. Denn nicht immer gelingt es, allein anhand einer Beschreibung das passende Bild vor Augen zu malen.
Viele von Ihnen werden das kennen: man hat ein Buch gelesen, und in der Phantasie hat man sich all das darin Beschriebene vorgestellt. Man meint, wirklich da zu sein, so real kann mitunter die Vorstellung werden.
Dann wird das Buch verfilmt, und man lässt es sich nicht nehmen, diesen Film anzuschauen. Enttäuschung macht sich breit. Nichts ist so, wie man es sich vorgestellt hat. Nahezu immer lautet das Urteil über eine Buchverfilmung: das Buch ist besser.
Dabei liegen wahrscheinlich beide falsch. Denn so wie unsere Vorstellungen nur unserer Phantasie entspringen und nichts mit dem zu tun haben, was sich der Autor eigentlich vorstellte, so entspringt auch die Darstellung im Film der Phantasie derer, die den Film gemacht haben.
Eins wird hier deutlich: Sehen ist nicht gleich Sehen. Wir können auch ohne unsere Augen sehen. Unsere Phantasie etwa malt uns gewissermaßen Bilder, die wir anschauen, ohne dass sie tatsächlich da sind. Aber hier geht es noch um Bilder. Es kann mit dem Sehen noch etwas anderes gemeint sein.
Der Künstler HAP Grieshaber erstellte 1937 Holzschnitte für ein Kinderbuch, das aber erst nach der Nazizeit gedruckt werden konnte. Der Titel des Buches ist „Herzauge“. Das Titelbild halten Sie hoffentlich alle in Ihren Händen.
Zunächst erscheint das Bild sehr merkwürdig. Außer dem Wort Herzauge und einem Herzen kann man nicht gleich erkennen, was darauf dargestellt werden soll.
Bei genauerem Hinsehen erkennen wir links aber einen Menschen, der gewissermaßen über das Bild schreitet. Auf seinem Kopf, fast wie ein Geweih, sitzt eine Baumkrone. Mitten im Körper hat er ein großes Auge. Das Herzauge.
Dieser Mensch sieht also mit dem Herzen. Es sollte damals in der Nazizeit ein Appell sein an die Menschen: seht doch hin, schaut nicht weg. Warum verschließt ihr das Auge eures Herzens? Warum wollt ihr die Ungerechtigkeit nicht sehen?
Mit dem Herzen sehen, das bedeutet mitzufühlen, mit zu leiden. Es kann schon schwer sein, solches Sehen, und darum verschließen wohl viele gerne dieses Herzauge. Aber wir brauchen es, wenn wir dem Willen Gottes gemäß leben wollen.
Und dazu könnte vielleicht der Baum, der aus dem Kopf des Menschen zu entstehen scheint, eine Metapher sein: wer den Willen Gottes tut, „der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.“ (Ps 1, 3)
Unser heutiger Predigttext schließt mit den Worten des Wochenspruchs: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.
Zurückschauen: Auch hier ist natürlich das Herzauge gemeint, wenngleich dieses Bild sehr wohl auch in der Realität seinen Ursprung hat. Denn wer einen Acker pflügt und schaut nicht nach vorne, der wird natürlich auch keine geraden Furchen zustande bringen. Der kann also das Pflügen gleich sein lassen, denn das Feld wird keinen vernünftigen Ertrag erbringen. Es ist vergebliche Liebesmüh.
Aber es geht ja nicht um's Pflügen, sondern um die Nachfolge. Und da ist das Herzauge gemeint, das zurücksieht, das Ausschau hält nach der Sicherheit und Geborgenheit, die es ja schon gesehen hat.
Zweimal wird Jesus angesprochen: ich will dir nachfolgen. Einmal ruft er einen Menschen in die Nachfolge.
Der erste tut nur seinen Willen kund: ich will dir folgen, wohin du gehst. Ein bedingungsloses Anliegen, das er da äußert. Wie kommt Jesus darauf, zu vermuten, dass dieser Mensch Luxus und Sicherheit erwartet? Jedenfalls antwortet Jesus ihm, indem er darauf hinweist, dass das nicht sein wird. Kein bisschen Luxus. Sogar den Füchsen und den Vögeln wird es besser gehen als dir, denn sie haben ihre Gruben und Nester. Der Menschensohn aber hat nichts dergleichen.
Es macht stutzig, dass Jesus plötzlich vom Menschensohn redet. Die Antwort wäre doch anders viel einleuchtender gewesen: du wirst kein Bett haben und kein Kopfkissen. Warum sagt er: der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege?
Es geht um Nachfolge, nicht im physischen Sinn, sondern im geistlichen Sinn. Nicht nur mit Jesus gehen, sondern vielmehr seinen Weg gehen. Das ist das Anliegen jener Person. Ob er weiß, wie schwer dieser Weg ist?Das Fehlen eines Nestes, eines Nachtlagers, auf das Jesus hinweist, ist dabei wohl auch nur eine Metapher für die Einsamkeit, die Jesus am Ende wird durchmachen müssen, aber auch jetzt schon erlebt. Da ist keine Heimat mehr, keine Sicherheit, keine Vergewisserung; da ist nur noch er selbst, der sogar ausrufen muss: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Kann jener diesen Weg wirklich gehen?
Ob er mitgeht – wir wissen es nicht. Es bleibt offen.
Jesus ruft einem anderen zu: Folge mir nach. Ob es Frustration darüber ist, dass der erste sich enttäuscht abgewendet hat und fortgegangen ist, dass Jesus sich nun einem zuwendet und ihn in die Nachfolge ruft? Oder ist es einfach an der Zeit? Oder will der Verfasser uns hier verschiedene Aspekte des Beginns der Nachfolge aufzeigen? Wir bleiben darüber noch im Ungewissen.
Folge mir nach, ruft Jesus. Ja, wenn das so einfach wäre. Der Angesprochene will ja auch Jesus folgen, aber er will das, was ihm am Herzen liegt und was ihm geboten ist, zu tun, noch zu Ende bringen. „Lass mich zuvor meinen Vater begraben“. Warte noch die kurze Zeit, dann bin ich bei dir, dann folge ich dir, bedingungslos. Es ist ja meine heilige Pflicht, meinen Vater zu Grabe zu tragen und ihm die letzte Ehre zu erweisen.
Sicher würde es uns auch so gehen. Niemand würde dem Ruf zur Nachfolge gehorchen, wenn gerade ein Familienangehöriger gestorben ist. Denn man kann ja auch danach noch dazu stoßen. Auf die paar Tage kommt es nicht an. Man könnte sich sagen lassen, wo sie dann sein werden, oder einfach den Spuren folgen, indem man die Menschen befragt, denen Jesus mit seinen Jüngerinnen und Jüngern begegnet ist.
Aber Jesus ist ganz unbarmherzig. Lass die Toten ihre Toten begraben.
Wie soll das geschehen? Wir wissen ja, dass die Toten ohne unsere Hilfe nicht begraben werden. Würde diese Aussage Jesu konsequent umgesetzt: es würde zum Himmel stinken.
Doch fällt auch hier ein Detail auf, das unseren Blick auf etwas anderes lenkt. Jesus sagt: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber gehe hin und verkündige das Reich Gottes.
Er sagt nicht: du aber folge mir nach. Jesus erteilt sogleich einen Auftrag: verkündige das Reich Gottes. Das, so meint er, duldet keinen Aufschub.
Zur Nachfolge gehört die Sendung. Nachfolge ist nicht nur ein hinter Jesus her ziehen – Nachfolge ist immer auch aktives Handeln. Es ist Nachahmung dessen, was Jesus getan hat.
Verkündige das Reich Gottes. Das ist der Auftrag, der an alle ergeht. Und die Erfüllung dieses Auftrages duldet keinen Aufschub. Es ist nicht möglich und nicht richtig, es auf morgen zu verschieben. Wer weiß, ob die Gelegenheit, die jetzt ist, morgen wiederkommen wird? Nein, sie wird morgen nicht wiederkommen. Die Gelegenheit ist jetzt, nur jetzt allein.
Darum ist Jesus unbarmherzig und sagt: Lass die Toten ihre Toten begraben. Denn der, den er heute noch antrifft und dem er heute das Reich Gottes verkündigen kann, wird morgen nicht mehr da sein? Heute! Jetzt verkündige das Reich Gottes. So lautet der Auftrag.
Und dann kommt der dritte, der Jesus von sich aus nachfolgen will, der aber daran eine Bedingung knüpft: lass mich nur noch Abschied nehmen von meinen Verwandten. Damit sie sich keine Sorgen machen, und damit ich selbst beruhigt bin. Aber auch das duldet Jesus nicht. Entweder ganz oder gar nicht. Die Verkündigung des Reiches Gottes duldet keinen Aufschub.
Das muss unbarmherzig wirken, denn es führt uns weg von dem, das doch auch im Evangelium so wichtig ist: der Dienst am Nächsten.
Aber tut es das wirklich? Wenn der eine seinen Vater beerdigen will, dann ist dieser Dienst tatsächlich vergeblich. Der Vater hat nichts mehr davon. Wir erkennen vielleicht, dass auch dies nur eine Metapher ist für etwas anderes: wende dich nicht denen zu, die die Botschaft vom Reich Gottes nicht mehr hören können. Das ist nutzlos und vergebliche Liebesmüh.
Das Gleiche gilt auch für den, der sich von seinen Lieben verabschieden will. Sie wollen Jesus nicht nachfolgen, sie wollen vom Reich Gottes nichts wissen. Sie wollen allenfalls beobachten und vielleicht durch das Band der Verwandtschaft dann doch an dem Segen teilhaben. Aber sie bleiben zurück, sie folgen Jesus nicht nach. Auch hier hat es keinen Sinn mehr, hinzugehen, auch hier ist es vergebliche Liebesmüh, verlorene Zeit, in der wir andererseits den Samen ausstreuen könnten.
Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass nichts unseren Lebenslauf durchbricht; wir rechnen nicht damit, dass wir herausgerufen werden, und auch nicht damit, dass uns etwas derart anspricht, dass wir uns ihm ganz und gar widmen wollen. Darum können wir solche Situationen, wie sie im Evangelium dieses Sonntags dargestellt werden, gar nicht wirklich nachempfinden.
Sind wir geschickt für das Reich Gottes?
Wir haben vorhin vom Herzauge gehört. Jesus hat dieses Herzauge. Es sieht das, was nötig ist, was getan werden muss. Es macht aufmerksam auf das Wesentliche, das Wichtige im Leben. Es sieht anders als die Augen, mit denen wir normalerweise unsere Umwelt wahrnehmen.
Jesus will, dass wir dieses Herzauge öffnen und genau hinschauen. Was ist wirklich wichtig? Können wir tatenlos zusehen – oder vielleicht sogar dabei mitmachen – wenn Menschen ahnungslos ihr Leben aufgeben, das ihnen von Gott zugesagt ist, weil sie von der Liebe Gottes nichts wissen wollen, weil sie sich von ihr abwenden?
Vielleicht geht es nur darum, festzustellen, dass Nachfolge Jesu zu schwer ist. Für uns nicht machbar. Es liegt zuviel im Weg. So muss es den Dreien in dem Predigttext jedenfalls ergangen sein. Ob sie deswegen schlechte Nachfolger geworden sind – oder sich gar vollständig von Jesus abgewandt haben, bleibt offen. Das hilft uns, uns selbst an ihrer Stelle zu sehen.
In allen dreien wird deutlich: Jesus lebt uns das, was er fordert, vor. Er geht ganz konsequent diesen Weg, der so unbarmherzig sein kann. Er tut das aus Liebe zu uns.
Wir mögen in unserem Auftrag versagen: er tut es nicht. Er geht den Weg bis zum Ende. Wenn wir zu Jesus sagen: ich will dir nachfolgen, dann mag seine Antwort genauso ausfallen wie in unserem Predigttext. Unsere Einwände wird er nicht gelten lassen. Aber müssen wir uns deswegen von ihm abwenden?
Wir könnten auf seine Worte reagieren und vielleicht so antworten:
Ja, Herr, ich weiß, dass es ein schwerer Weg ist und dass ich dafür alles aufgeben muss. Aber lass es mich versuchen. Denn ich vertraue darauf, dass du alles zur Vollendung bringst, auch das, worin ich gefehlt habe. Hilf mir, mit dem Herzauge zu sehen.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Preis, Lob und Dank sei Gott dem Herren (EG 245)
Jesus, der zu den Fischern lief (EG 313)
Such, wer da will, ein ander Ziel (EG 346)
Mir nach, spricht Christus, unser Held (EG 385)
Eins ist Not! Ach Herr, dies Eine (EG 386, 1-2.4.6.10)
Jesu, geh voran (EG 391)
Nun aufwärts froh den Blick gewandt (EG 394)
Lass uns in deinem Namen (KHW-EG 614)

Predigtvorschläge zu Reihe III - Eph 5, 1-2(3-7)8-9

Liebe Gemeinde!
Wir befinden uns in der sogenannten Fastenzeit.
Weil es Martin Luther und den anderen Reformatoren wichtig war, den Schwerpunkt im Leben der Christen von den Werken abzulenken und den Glauben in den Vordergrund zu stellen, hat man allerdings diesen Begriff nicht lange ausgehalten. Fasten wurde damals als ein Mittel angesehen, sich vor Gott gewissermaßen wieder ins rechte Licht zu rücken, und das konnte es ja eigentlich nicht sein.
Denn nur einer kann uns ins rechte Licht rücken, und das ist Gott selbst.
Darum gab man der Zeit vor Ostern einen anderen Namen und nannte sie seither „Passionszeit“, zu Deutsch „Leidenszeit“, wobei man natürlich an das Leiden Jesu dachte. Der einzige Haken dabei war, dass es eigentlich nur in der Karwoche um das Leiden Jesu geht, und die Wochen davor mit ihren Lesungstexten so wie heute eher unser Verhältnis zu Gott beleuchten.
Aber darüber sah man hinweg, und wer mochte, konnte bei dem Wort Passion auch an sein eigenes Leiden denken, wenn er die alte Praxis des Fastens fortführte.
Heute hat das Fasten wieder Konjunktur. Es werden für diese Zeit alle möglichen Varianten des Fastens vorgeschlagen, vom konkreten Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel bis hin zum Versuch, gewisse Gewohnheiten wenigstens vorübergehend zu unterlassen.
Unser Predigttext, den wir gerade als Epistellesung gehört haben, geht zwar auf die Praxis des Fastens nicht direkt ein, es steckt aber schon etwas davon drin – genauso wie im Evangelium, wo Jesus dazu auffordert, dass der, der seine Hand an den Pflug legt, nicht zurück sehen soll.
Mit anderen Worten: wer A sagt, muss auch B sagen.
Aber diese Redewendung verwenden wir vorwiegend dazu, auf die zwingenden Konsequenzen eines Fehlers, den man begangen hat, hinzuweisen.
Bei der Aufforderung Jesu aber geht es um etwas anderes. Denn der erste Schritt, das „A“, ist kein Fehler, sondern eine bewusste, gewollte Entscheidung. Ich will den Weg Jesu mitgehen.
Diese Entscheidung ist unsere eigene, sie wurde uns nicht von anderen auferlegt oder aufgezwungen. Man darf sie auch nicht verwechseln mit dem gewissen Zwang zum Gottesdienstbesuch, den man etwa als Kind und als Konfirmand empfand oder empfindet.
Es geht einzig um die freiwillige Entscheidung, dass ich Jesus nachfolgen will.
Und diese Entscheidung hat Konsequenzen, die sich teilweise von selbst ergeben, teilweise aber auch erst erlernt werden müssen. Paulus formuliert das im Epheser-Brief folgendermaßen:
So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder“ (Eph 5, 1). Ist das nicht schön, dass wir uns als Kinder Gottes verstehen dürfen? Dass Gott uns zu seinen Kindern macht?
Mir kommt dabei auch die Jahreslosung in den Sinn, die das Verhältnis von Mutter und Kind zum Beispiel nimmt: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jes 66, 13)
Gott will für uns Vater und Mutter sein. Er will für uns sorgen und uns in schweren Zeiten beistehen.
Wir sind geliebte Kinder und dürfen uns darum auch selbst so verstehen. Nur wenn wir so werden wie die Kinder, kann das Reich Gottes für uns wahr werden (Mt 18, 3), hat Jesus gesagt. Nur wenn wir aufhören, um alles in der Welt erwachsen wirken und alles verstehen und kontrollieren zu wollen, können wir begreifen, wie grenzenlos die Liebe Gottes zu uns ist.
Allerdings gebe ich zu, dass es mir schwer fällt, die Aufforderung, Gottes Beispiel zu folgen, so einfach anzunehmen. Denn wie könnte ich das?
Es ist und bleibt für uns Menschen doch unmöglich, Gott ähnlich zu werden. Wir können seinem Beispiel nicht folgen, auch wenn wir es gerne möchten. Denn was immer er tut, ist ohne Tadel, während wir doch immer wieder Fehler machen und nie die Vollkommenheit Gottes erreichen können.
Aber da ist nun diese Aufforderung, und sie wird auch erklärt, denn es geht um die Liebe, mit der Gott uns liebt. Diese Liebe geht wieder weit über das menschliche Vermögen hinaus, aber hier kommt wieder ins Spiel, was ich gerade schon sagte: Werdet wie die Kinder. Legt alle Sorgen und Fragen ab und vertraut Euch der Liebe Gottes an, so wie ein Kind grenzenloses Vertrauen in die Liebe seiner Eltern hat, selbst dann, wenn es von ihnen einmal bestraft wurde.
Wenn wir die Liebe Gottes so begreifen, dann wird sie auch uns erfüllen können.
Die Liebe Gottes wird nun, so schreibt Paulus, offenbar darin, dass sich Jesus Christus für uns gegeben hat als Gabe und Opfer (Eph 5, 2).
Wenn man das so hört, mag allerdings etwas von der Leichtigkeit und Naivität des Kindseins wieder von uns abfallen, denn es ist ja doch eine schwerwiegende Sache: Christus hat sich als Opfer hingegeben, d.h. er hat sein Leben geopfert, Gott zu einem lieblichen Geruch, wie es dann weiter heißt.
Wir erinnern uns an alttestamentliche Redewendungen, wo im Zusammenhang mit Brandopfern vom „lieblichen Geruch“ die Rede ist.
Ich habe das zwar nie verstanden, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass da irgend etwas angenehm riecht, aber nun kann ich mich auch in dieser Beziehung wie in allen anderen Dingen nicht in Gott hinein versetzen.
Aber Opfer sind ja ohnehin Geschichte. Seit der Tempel in Jerusalem zerstört wurde, d.h. seit dem Jahr 70 nach Christus, ist für das Volk Israel die Zeit des Opfers vorbei.
Die Zeit der Christen beginnt mit einem Opfer, das das einzige Opfer in ihrer Geschichte bleibt und das auch nicht von ihnen dargebracht wurde. Jesus hat sich selbst hingegeben und auf diese Weise die Versöhnung Gottes mit uns Menschen herbeigeführt. Nun sind wir wahrhaftig geliebte Kinder Gottes, weil nichts mehr zwischen uns und Gott stehen kann. Dieses Opfer Jesu hat alles Trennende weggenommen.
Nun führt Paulus eine ganze Reihe von Dingen an, die wir als geliebte Kinder meiden sollen.
Wer darin nur eine Moralpredigt sieht, hat das Anliegen dieses Textes allerdings nicht verstanden. Denn zunächst einmal ist die Verhaltensweise, die hier erwartet wird, die logische Konsequenz aus der Liebe, mit der Gott sich uns zuwendet.
Wichtiger aber ist: wer sich der Unzucht, der Unreinheit und Habsucht hingibt, der verliert sich selbst und Gott. Nicht nur das: er führt auch andere in diesen Sumpf, aus dem es nur schwer ist, wieder zu entrinnen.
Wer sich der Unzucht, der Unreinheit und der Habsucht hingibt, missachtet die Würde seiner Mitmenschen und seiner selbst. Er hat vergessen, dass Gott ihn zu seinem Ebenbild schuf. Er zerstört, wozu Gott uns bestimmt hat.
Darum warnt Paulus davor, weil es wohl doch immer wieder eine Gefahr war, vor allem in Ephesus, einer Hafenstadt, wo wie in vielen Hafenstädten so ziemlich alles möglich ist. Aber es gilt ja auch für uns heute, wobei man natürlich fragen kann, ob das überhaupt ein Problem für uns, die wir heute hier versammelt sind, darstellt.
Unzucht hat Jesus im Zusammenhang mit der Ehe so beschrieben: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen (Mt 5, 28) – d.h. mit anderen Worten: er hat Unzucht getrieben. Es genügen also schon Gedanken bzw. das Begehren, um in diese Kategorie hinein zu rutschen.
Es heißt zwar in einem bekannten und gern gesungenen Lied „Die Gedanken sind frei“, aber da Gott in unser Herz sieht, gibt es da eben doch Grenzen. Und diese Grenzen hat Jesus sehr eng gefasst.
Unreinheit hat nichts mit Händewaschen zu tun, sondern mit der Art und Weise, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Hier kommt erneut die Würde des Menschen ins Spiel. Sie alle sind geliebte Kinder Gottes, nur dass manche von ihnen dies nicht wahrhaben wollen und sich darum von Gott trennen.
Aber darüber zu urteilen, steht uns nicht zu. Und darum sollen wir uns davor hüten, schlecht über andere Menschen zu reden, nur weil es hier und da vielleicht den Anschein gibt, dass sie es nicht anders verdient hätten.
Wenn man etwas gegen einen Mitmenschen hat, dann soll man nicht über ihn reden, sondern mit ihm. Nur so bleiben wir im Herzen rein.
Habsucht ist wohl das größte Übel unserer Zeit. Es ist nichts Neues, dass sich der Reichtum dieser Welt auf einen kleinen Teil der Weltbevölkerung beschränkt. Aber das alleine ist damit nicht gemeint. Unsere Wirtschaft funktioniert nur deswegen, weil es ihr immer wieder gelingt, ein Bedürfnis nach etwas zu wecken, das wir eigentlich gar nicht brauchen.
Da wird ein durchaus normaler Zustand zunächst einmal schlecht geredet und dann die entsprechende Lösung für das Problem, das eigentlich gar kein Problem ist, präsentiert. Und schon will man diese Lösung haben, weil man das vermeintliche Problem beseitigen möchte. Das fängt an bei Hautfalten und geht über den völlig veralteten Fernseher mit viel zu niedriger Auflösung hin zum Auto, das mit der Technik von vorgestern ein extremes Sicherheitsrisiko darstellt.
Manchmal mag eine Neuanschaffung durchaus sinnvoll sein, aber die Tatsache, dass bei vielen Gegenständen die Reparatur teurer ist als eine Neuanschaffung, ist Symptom für eine von Habsucht regierte Gesellschaft. Denn ein Händler macht nun mal den größten Profit, wenn er ein neues Gerät verkauft, und nicht, wenn er ein altes Gerät repariert.
Nun ist Paulus schon recht rigoros, wenn er sagt, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger … ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. (Eph 5, 5)
Aber es ist auch etwas Wahres dran, wenn er solche Menschen als Götzendiener bezeichnet, denn wer sich diesen Eigenschaften hingibt, macht die Befriedigung seiner Lust oder die Sensationsgier oder die materiellen Güter zum Wichtigsten in seinem Leben. Wer sich darin verliert, der findet schlicht den Weg nicht mehr zur Barmherzigkeit und Güte Gottes.
Das Gegenmittel, wenn man so will, finden wir in der Mitte unseres Predigttextes, denn da werden wir zur Danksagung aufgefordert.
Wer dankbar ist, weiß, dass er beschenkt wurde. Und wer das weiß, der sieht sich auch als Kind Gottes, als geliebtes Kind. Er hat die Barmherzigkeit Gottes erfahren, die vergibt, wo wir es nicht geschafft haben, unsere Gedanken im Zaum zu halten.
So lasst uns dankbar sein für das Opfer Christi, durch das wir zu Gottes geliebten Kindern wurden und ewiges Leben geschenkt bekommen haben.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
O Mensch, bewein dein Sünde groß (EG 76)
*Wohl denen, die da wandeln (EG 295)
Ein reines Herz, Herr, schaff in mir (EG 389)
Erneure mich, o ewigs Licht (EG 390)
*So jemand spricht: "Ich liebe Gott" (EG 412)
O Herr, mach mich zu einem Werkzeug (EG 416)
Tragt in die Welt nun ein Licht (KHW-EG 588, NB-EG 571)
Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn (KHW-EG 640)

Predigtvorschläge zu Reihe IV - 1. Kön 19, 1-8 (9-13a)

Die nachfolgende Predigt wurde in einer Seniorenresidenz gehalten.
Liebe Gemeinde,
Sie erinnern sich vielleicht: im Gottesdienst vor zwei Wochen hatten wir es schon einmal mit der Zahl 40 zu tun. Es ging darum, dass Jesus 40 Tage und Nächte in der Wüste gefastet hatte.
Heute begegnet uns wieder die 40, und wieder sind es 40 Tage und Nächte.
Das ist nicht nur eine lange Zeit. Die Zahl vierzig hat in der Bibel eine besondere Bedeutung.
Die Vierzig kommt recht häufig vor, und zwar vor allem in Verbindung mit Prüfungen und Strafen:
Vierzig Tage dauerte der Regen der Sintflut.
Die Israeliten wanderten 40 Jahre durch die Wüste, bevor sie das gelobte Land betreten konnten
Vierzig Tage war Mose auf dem Berg Sinai, um die Gebote Gottes zu empfangen
Dann wandert Elia, wie wir eben gehört haben, vierzig Tage lang durch die Wüste
Auch die Bußzeit der Stadt Ninive, von der wir aus der Geschichte des Propheten Jona erfahren, dauert 40 Tage.
Jesus fastete 40 Tage lang nach seiner Taufe.
Vierzig Tage dauerte die Zeitspanne, in der Christus den Jüngerinnen und Jüngern nach seiner Auferstehung erschien.

Die Vierzig ist eine Zahl des diesseitigen Lebens, sie weist hin auf die Tatsache, dass wir uns auf dem Weg befinden, dass wir noch nicht zum Ziel gekommen sind. Dieser Weg ist oft nicht einfach zu gehen, und manchmal finden ist er dazu auch noch schwer zu erkennen.
Die Zahl vier, von der vierzig ja das zehnfache ist, weist hin auf die Vollkommenheit der Schöpfung, sie umfasst also alles Geschaffene, alles Irdische, Nicht-Göttliche. Doch ist das nicht nur negativ zu sehen, sondern auch positiv: die Zahl vier symbolisiert die Vollkommenheit der Schöpfung Gottes. Das wird durch den Multiplikator zehn noch einmal unterstrichen, denn diese Zahl steht für die Vollkommenheit schlechthin.

Nun ist da also der große Prophet Elia. Er ist vor allem deswegen ein herausragender Prophet, weil er zu Lebzeiten von Gott aufgehoben wurde in einem feurigen Wagen mit feurigen Rossen, wie es uns in der Bibel erzählt wird. Er ist nicht gestorben – zumindest berichtet die Bibel nicht von seinem Tod. Er wurde vielmehr direkt in den Himmel, in das Reich Gottes aufgenommen.
Elia hatte viel Mühe mit seinem König Ahab, dessen Frau ihn immer wieder zum Abfall bewegte und veranlasste, falschen Göttern, allen voran dem Baal, zu opfern und ihn anzubeten.
Elia war der einzige, der es wagte, dem König die Stirn zu bieten. Mit der Vollmacht Gottes vollbrachte er Wunder, die das Volk immer wieder überzeugte, aber doch schien es für die Königin eher eine Frage der Macht zu sein als eine Frage des Glaubens, um die es hier ging.
Und so kümmerten sie die Beweise der Existenz Gottes wie zum Beispiel das Gottesurteil am Karmel, so einleuchtend und überwältigend sie auch waren, gar nicht. Sie wollte Elia endgültig aus dem Weg schaffen.
Und so musste Elia fliehen, obwohl er Gott auf seiner Seite hatte. Er war müde geworden, und nun bat er darum, dass Gott ihn sterben ließe. Zu oft hatte er es versucht, zu oft Rückschläge erlitten. Seine Predigt und sein Handeln waren vergeblich geblieben.
Er schläft ein, in der Wüste unter einem Wacholderbusch. Das bisschen Schatten, das er dort fand, genügte.
Doch ließ Gott ihn nicht in Ruhe. In der Verzweiflung, die Elia überfallen hatte, in seiner Depression kommt Gott zu ihm durch seinen Engel und lässt ihn Nahrung zu sich nehmen. Es eine sachte Berührung. Auf diese Weise wendet sich Gott dem Menschen zu, um ihn zu stärken, um ihn aus der tiefen Verzweiflung heraus zu holen. Eine sachte Berührung und die Worte: „Steh auf und iss!“
„Steh auf!“ Erhebe dich aus deiner Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Fasse neuen Mut! All das klingt in dieser kurzen Schilderung an.
Elia ist noch nicht überzeugt, aber er spürt schon, dass da etwas Besonderes auf ihn zukommt. Dennoch legt er sich wieder schlafen. Und erneut kommt ein Engel.
Vermutlich war es bei ihren Kindern so wie bei unseren, dass es mit einem einzigen Weckversuch nicht genug war. Man richtete sich darum schon darauf ein, ein zweites Mal zu kommen. Das erste Mal war dann noch recht sanft, und das zweite Mal wurde energischer, und wenn es dann noch nicht geklappt hatte, konnte es beim dritten Mal schon ungemütlich werden.
Aber hier ist es wieder nur die sanfte Berührung des Engels, und dann die gleichen Worte: „Steh auf und iss!“
Aber nun kommt noch ein Hinweis hinzu, der die Ahnung, die in Elia bereits dämmerte, bestätigte: „Du hast einen weiten Weg vor dir!“
Wäre ich an Elias Stelle gewesen, hätte ich wahrscheinlich gesagt: ach nein, das muss jetzt nicht auch noch sein. Lass mich in Ruhe.
Aber Elia tut, wie ihm befohlen, und macht sich auf den Weg, gestärkt mit einer Nahrung, die für die 40-tägige Wanderung durch die Wüste bis zum Berg Horeb ausreicht.
Gott hatte ihm neue Hoffnung gegeben. Die Wegzehrung ist im Grunde nur ein Symbol der Hoffnung, die ihn stark macht, sich auf den langen, beschwerlichen Weg durch die Wüste zu machen.
Auf Gott ist Verlass.
Doch damit ist es noch nicht genug. Denn Gott gibt dem Propheten Wegzehrung in zweifacher Hinsicht. Da ist zunächst die körperliche Nahrung, die ihm zuteil wird – die ihn so stark macht, dass er die 40 Tage lange Wanderung durch die Wüste bewältigen kann. Und dann ist da die geistliche Nahrung. Denn was ihn am Berg Horeb erwartet, hatte Elia nicht zu hoffen gewagt: er darf Gott selbst gegenübertreten.
Diese Gottesbegegnung ist einzigartig. Nirgends sonst in der Bibel wird so etwas beschrieben, selbst nicht, als Mose auf dem Sinai die zehn Gebote empfängt.
Sturm, Erdbeben und Feuer, die drei gewaltigen Kräfte, die der Mensch nicht in der Lage ist, im Zaum zu halten, ziehen vorbei, ohne dass Gott darin gewesen wäre. Dabei hätte man ihn doch unbedingt dort erwartet, wo die Unberechenbarkeit der Macht Gottes deutlich wird.
Aber dann kommt das sanfte Säuseln – auch das ist übrigens der Kontrolle des Menschen entzogen – und jetzt weiß Elia: der Herr kommt.
Er verhüllt sein Angesicht, denn er weiß, dass er die Herrlichkeit Gottes nicht mit seinen menschlichen Augen schauen kann. Allein ihn zu hören, genügt dem Propheten.
Es ist eine überwältigende, beeindruckende Erzählung, die auch für uns Wegweisung und Hilfe bietet.
Oft geht es uns ja so, dass wir keine Kraft mehr haben, dass wir verzagen wollen, so wie Elia. Dann bitten wir Gott, dass er unsere Seele zu sich nehme. Das Leben erscheint uns wertlos geworden zu sein, es scheint keine Hoffnung mehr zu geben. In diese Hoffnungslosigkeit spricht der Engel Gottes hinein. Er rührt uns an und ruft uns zu: „Steh auf und iss!“ Lass dich von der Nahrung stärken, die ich dir gebe.

Engel, das bedeutet schlicht und ergreifend: Bote. Jeder Mensch kann ein Engel sein, wenn Gott ihn zu seinem Boten macht. Und solche Menschen können es sein, die uns anrühren in unserer Verzweiflung und uns erneut Kraft geben und Mut machen.
Ich kann mir vorstellen, dass dies manches Mal in diesem Haus geschieht. Dafür können wir dankbar sein.
Gott kommt zu uns durch seine Engel, um sich dann letztlich auch uns zu offenbaren. Das geschieht nun aber ganz anders, als wir es uns gerne vorstellen. Gott ist mächtig – allmächtig. So beten wir ihn an, so gebührt es ihm auch. Aber seine Allmacht trägt er nicht zur Schau. Gott kommt im sanften Säuseln, das so leicht überhört wird.
Gott liebt die Stille.
Darum ist es gut, wenn wir auch ab und zu die Stille suchen, denn dort begegnet uns Gott.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Bewahre uns, Gott (EG 171)
In dich hab ich gehoffet, Herr (EG 275)
Mir ist Erbarmung widerfahren (EG 355)
Befiehl du deine Wege (EG 361)
Von Gott will ich nicht lassen (EG 365)
Wenn wir in höchsten Nöten sein (EG 366)
Warum sollt ich mich denn grämen (EG 370)
Es mag sein, dass alles fällt (EG 378)
Herr, du hast mich angerührt (EG 383)
Lasset uns mit Jesus ziehen (EG 384)
Du kannst nicht tiefer fallen (EG 533)

Predigtvorschläge zu Reihe VI - 1. Petr 1, (13-17) 18-21

Liebe Gemeinde!
Petrus, der Apostel, schreibt einen Brief. Ob es wirklich Petrus ist, wissen wir allerdings nicht. Zumindest bezeichnet sich der Verfasser selbst als der Apostel Petrus.
Wissenschaftler bezweifeln, dass es sich um jenen Fischer handelt, Simon, den Jesus damals von seiner Arbeit weggerufen hatte, damit er fortan Menschen fischen sollte.
Aber diese Zweifel sollen uns heute nicht belasten, denn dass sich eine relativ unbekannte Gestalt, die aber durchaus etwas zu sagen hatte, die Autorität einer bekannten Person zu Eigen machte, ist durchaus üblich gewesen in der damaligen Zeit und war nichts Verwerfliches.
Ohnehin haben die drei Briefe des Petrus ja Eingang gefunden in den Kanon unserer Bibel und gehören seit den ersten Jahrhunderten der Christenheit auch zur Lektüre der christlichen Gemeinde.
So nenne ich den Verfasser weiterhin Petrus.
Der schreibt also einen Brief. Nicht an eine spezifische Gemeinde, so wie es Paulus des öfteren tat, sondern an die Christen, die verstreut lebten in Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asien und Bithynien. Das ist schon ein etwas größerer Bereich, schwer zu überschauen und ebenso schwer zu bereisen. In etwa ist es die westliche Hälfte des Landes, das wir heute als Türkei kennen.
Also kann man die Situation der damals Angeredeten wohl nur schwer mit der unsrigen heute vergleichen. Und doch: die gewisse Unbestimmtheit, die darin liegt, dass dieser Brief eben an viele verschiedene Christen in verschiedenen Lebenssituationen und mit einer je eigenen Geschichte gerichtet ist, lässt es sicher zu, dass wir uns genauso diese Worte zu Herzen nehmen, wie es damals die Christen taten. Nun schreibt Petrus – an uns, im 1. Kapitel seines erstenBriefes:
Umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi. Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet; sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. Denn es steht geschrieben (3. Mose 19,2): «Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.» Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht; denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.

Petrus stellt einen enorm hohen Anspruch. Heilig sollen wir sein, heilig wie Gott. Wie könnten wir es jemals so weit bringen? Selbst Nonnen und Mönche schaffen das nicht, die ihr Leben Tag für Tag in Gebet und Arbeit diesem einen Ziel widmen. Wie sollten wir es dann schaffen?
Es ist unmöglich.
Hat Petrus das nicht gewusst? Es scheint, dass die, die diesen Predigttext auswählten, das schon wussten, denn sie setzten die ersten Verse, die von diesem hohen Anspruch reden, in Klammern, d.h. also, sie müssen nicht mit einbezogen werden in Lesung und Predigt, obwohl diese Verse die Vorbereitung für den folgenden Text sind. Ich lese den ersten Teil, diesen eingeklammerten Teil, noch einmal vor:
Umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi. Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet; sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. Denn es steht geschrieben (3. Mose 19,2): «Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.» Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht;
Umgürtet die Lenden eures Gemüts, das heißt ja nichts anderes als: seid bereit, und in welcher Form man sich bereitet, erklärt Petrus dann ja gleich: seid nüchtern, setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.
Die Aufforderung „Seid nüchtern“ spielt nicht unbedingt auf den Alkoholkonsum an, obwohl es sicher sinnvoll ist, sich dessen zu enthalten, gerade und besonders in dieser, der Fastenzeit, aber hier ist wohl eher gemeint, ganz allgemein unsere Begierden, unser Verlangen zu zügeln, sie im Zaum zu halten.
Denn es geht ja doch in allem, was wir tun, um das Ziel unseres Lebens.
Wo wollen wir hin? Ist uns alles gleichgültig? Und nicht nur uns, sondern: ist alles egal? Hat das, was geschieht, irgendwelche Konsequenzen, oder ist alles Zufall, ohne Ursache und ohne Ziel?
Oder erkennen wir, dass unser Leben ein Ziel hat? Dass unser Dasein tatsächlich mit einer Aufgabe verbunden ist? Dass wir Teil eines Ganzen sind, dessen Fehlen bemerkt wird, dessen Existenz wichtig ist, damit das Ganze funktionieren kann? Sind wir ein Leib?
Petrus jedenfalls sieht es so. Unsere Hoffnung soll nicht auf irgendwelche Dinge gerichtet sein, die unser Leben vielleicht für den Moment schöner machen, aber auf Dauer dann doch langweilig und bedeutungslos werden, sondern einzig auf die Gnade, die uns angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.
Die Offenbarung Jesu Christi – das scheint allerdings etwas exklusiv, denn wer will und kann schon behaupten, dass Jesus Christus sich ihm offenbart hat?
Was ist Offenbarung denn überhaupt? Manche sehen darin ein herausragendes Ereignis – eine Erscheinung, oder gar eine Entrückung etwa.
Es gibt eine Redewendung, die das Wesen einer Offenbarung eigentlich ganz gut beschreibt: „mir gehen die Augen auf.“
So als ob ich aufwache, erkenne ich plötzlich etwas, was ich vorher nicht gesehen habe. Dabei hat sich äußerlich gar nichts geändert. Andere Menschen nehmen nicht das wahr, was ich wahr nehme, obwohl sie das Gleiche sehen. Das ist Offenbarung.
Offenbarung kann aber auch das andere sein, nämlich dass sich jemand offenbart, d.h., es gibt sich jemand zu erkennen. Ich denke, dass in unserem Predigttext von beidem die Rede ist. Denn auf der einen Seite gibt sich Jesus uns zu erkennen, und auf der anderen Seite müssen unsere Augen aufgehen, damit wir es wirklich wahrnehmen.
Ich denke da an das Abendmahl. „Das ist mein Leib“, hat Jesus zu dem Brot gesagt. Er offenbart sich uns im Brot. „Das ist mein Blut“, hat er zu dem Wein gesagt. Er offenbart sich uns im Blut. Wir müssen nur unsere Augen, die Augen der Seele, öffnen, um das zu sehen und dann auch die Gnade Gottes zu erkennen, die darin sichtbar und erfahrbar wird.
Heilig zu sein, so wie Gott selbst heilig ist: das kann nur dann gelingen, wenn wir unsere Hoffnung tatsächlich auf diese Gnade setzen. Denn aus eigener Kraft heilig werden, das geht nicht. Da muss die Gnade Gottes her, sie muss uns heiligen.
Wenn das geschieht, dann wird der Anspruch zur Konsequenz. Es geht nicht mehr um eine Leistung, die wir erbringen müssen, sondern darum, dass wir das leben, was uns offenbart wurde, was wir erfahren haben.
Wir haben also eine Lebensordnung erhalten, eine Ordnung, die wir nicht einhalten müssen, um selig zu werden, sondern deren Einhaltung die Konsequenz ist aus dem Handeln Gottes, der uns selig gemacht hat.
Diese Lebensordnung heißt mit zwei Worten: „Seid heilig!“ Und wie das genau aussieht, das erfahren wir durch das, was uns von Jesus übermittelt wurde, aber auch durch das, was wir in Gebet und Meditation der biblischen Botschaft erfahren.
Es ist doch eigentlich klar: wenn man eine Lebensordnung erfahren hat und sich entscheidet, diese Ordnung für sein eigenes Leben anzunehmen, dann tut man das ganz und gar. Wenn man nur einen Teil einer solchen Ordnung umsetzt, kann man es gleich ganz sein lassen.
Es nützt nichts, wenn man sich nur die Rosinen herauspickt, so schön es wäre. Es gehört alles dazu. Eine Lebensordnung kann nur dann zum Ziel führen, wenn sie konsequent eingehalten wird.
Es verwundert mich nicht, dass es den Menschen heute sehr schwer fällt, eine solche Lebensordnung der Heiligung aus der Gnade heraus anzunehmen und auf das eigene Leben anzuwenden. In unserer Gesellschaft ist es ja möglich, sich aus einem vielfältigen Angebot zu bedienen und das jeweils passende heraus zu suchen. Wir haben noch nicht gelernt, mit einer solchen Angebotsfülle umzugehen. Wir haben noch nicht gelernt, nein zu sagen, weil die Zeit, dass wir diese Vielfalt entbehren mussten, noch gar nicht so lange her ist.
In dem zweiten Teil unseres Predigttextes weist uns Petrus ganz besonders auf die Art und Weise hin, wie Gottes Gnade uns zuteil wurde. „Nicht durch Gold und Silber“, sondern „mit dem teuren Blut Christi“ sind wir erlöst „von unserem nichtigen Wandel“, so heißt es.
Was ist von Bedeutung? Die Erhöhung des Stammkapitals? Die Gewinnmaximierung? Die Erhöhung der Produktion bei gleichzeitiger Reduzierung der Personalkosten? Eine großzügige Dividende? Die Stabilität der Währung? Die Sicherung der Ölreserven? Das Wirtschaftswachstum? Eine leistungsfähige Armee?
Nicht mit Gold oder Silber! Sondern mit dem teuren Blut Christi! Das ist von Bedeutung: Dass wir unseren Nächsten wahrnehmen, ernstnehmen, seine Not erkennen und lindern. Dass wir Randgruppen nicht weiter an den Rand drängen, sondern in unsere Mitte holen. Dass wir für Gerechtigkeit einstehen. Dass wir heilig sind in dem, was wir tun.
Dazu helfe uns Gott.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Wir danken dir, Herr Jesu Christ (EG 79)
Ich grüße dich am Kreuzesstamm (EG 90)
Nun gehören unsre Herzen (EG 93)
Sollt ich meinem Gott nicht singen (EG 325)
Lasset uns mit Jesus ziehen (EG 384)
Herzlich lieb hab ich dich, o Herr (EG 397)