das Kirchenjahr

Okuli

Konsequenz der Nachfolge*

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe I - Jer 20, 7-11a (11b-13)

Liebe Gemeinde!
„Gut, du hast gewonnen, ich komme mit!” - so oder so ähnlich mag es klingen, wenn man sich zu etwas hat überreden lassen, das man eigentlich nicht wollte.
Es war kein richtiger Wettkampf, bei dem man von einem Gewinner und einem Verlierer reden kann. Es war höchstens ein Wechsel von Argumenten, und manchmal noch nicht einmal das.
Geschickte Überredungskünstler wissen, wie sie einen Menschen dazu bewegen, mitzumachen. Da wird das „Ego” des Menschen gekitzelt: „Du kannst das doch so toll!”.oder etwas schlichter: „Wir brauchen dich, ohne dich geht’s nicht.”
Und so lässt man sich überzeugen, nur um am Ende festzustellen, dass es doch besser gewesen wäre, wenn man nicht mitgekommen wäre: 'Hätte ich mal auf meine innere Stimme gehört', oder: 'Wäre ich doch nur meinen Prinzipien treu geblieben'.
Man war gefolgt, weil das Gefühl entstanden war, dass man gebraucht würde. Nur stellt man am Ende fest, dass das eigentlich gar nicht der Fall war.
Ob es sich bei der Berufung des Propheten Jeremia auch so zugetragen hat? Ich denke mal nicht, denn Jeremia wird sicher gewusst haben, dass Gott nicht auf uns Menschen angewiesen ist. Gott will uns gebrauchen, aber letztlich müssen wir schon auch dazu bereit sein. Wenn wir es nicht sind, wird Gott einen anderen Weg finden, um seinen Plan zu verwirklichen.
Aber wir haben die großartige Chance verpasst, Bote Gottes zu sein.
Ob dieses Argument Jeremia bewegt hat? Wenn wir die Schilderung von seiner Berufung lesen, könnte es durchaus so sein. Gott eröffnete ihm, welcher Art sein Auftrag sein würde:
„Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.” (Jer 1, 9b-10)
Das ist schon verlockend, so viel Macht. Und es ist ja nicht nur Zerstörung, sondern auch bauen und pflanzen. Neben dem Negativen ist auch das Positive vorhanden. Zwar gibt es keine Gewichtung der beiden Aspekte des Auftrags, aber das Gewissen wird auf diese Weise beruhigt, denn man soll nicht nur Bote des Unheils sein, sondern auch des Heils.
Wer solch einen Auftrag angekündigt bekommt, kann wohl kaum nein sagen, zumal wenn er weiß, dass der, der ihn damit beauftragen will, diese Gewalt in seiner Hand hat und das tun kann, wovon man als Prophet nur reden soll.
Jeremia wurde Prophet, aber nicht mit frohem Herzen. Er fühlte sich zu jung, und er wusste ja schon damals, dass die wahren Propheten des Herrn immer wieder angefeindet wurden. Denn das, was es da zu verkünden gab, war immer unbequem und lästig und manchmal auch schlicht zu ehrlich. Wer so redet, wird immer wieder angefeindet werden und das auch deutlich spüren.

Zur Zeit unseres Predigttextes hatte Jeremia schon einige Predigten hinter sich, vernichtende Predigten. Er hatte gesehen, dass es in dieser Welt alles andere als gerecht zugeht. Nirgends hörte man auf seine Worte. Er wurde als Feind angesehen, als Verräter.
Und dann gab es ja auch noch jene, die sich überhaupt nicht von den Androhungen des Gerichts beeindrucken ließen, weil sie meinten, dass ihr Reichtum sie vor allem schützen würde – auch vor der Strafe, die sie aufgrund ihres Handelns eigentlich verdient hätten.
Und so wird der Prophet verspottet und verachtet. „Große Worte, aber nichts dahinter!” „Lass sehen, was dein Gott kann! Wo ist er denn?”
„Dein” Gott – dabei ist es doch auch ihr Gott, der eine Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, der das Volk Israel aus Ägypten heraus geführt hatte, der das Wasser des Jordans still stehen ließ, der die Mauern von Jericho niederriss usw.
Hatten sie das alles schon vergessen?
Jeremia ist sauer. So hatte er sich das Prophetsein nicht vorgestellt, und vor allem: er hätte das alles nicht erleben müssen. Wenn Gott ihn nur nicht überredet hätte. Ja, und eigentlich steht da sogar: Gott hat ihn verführt. Er hat ihm etwas vorgespielt, was tatsächlich nicht da war.
Denn zwar hatte er das Gericht verkünden dürfen, die Zerstörung und das Niederreißen. Aber wo blieb nun das Pflanzen und Bauen?
Jeremia wollte schweigen, er wollte nicht mehr Prophet sein. Ja, das alleine reichte noch nicht, sondern: „Ich will nicht mehr an ihn denken” (Jer 20, 9a), so sagte er sich. Nicht mehr an Gott denken. Sein Leben führen wie jene, denen Gott egal ist, für die Gott nicht existiert. Wenn er das wirklich ernst meinte, dann muss seine Situation schon schlimm gewesen sein. Aber er konnte nicht aufhören, an Gott zu denken. Wie brennendes Feuer ist das Wort Gottes in seinem Herzen, in seinen Gebeinen, in seinem ganzen Körper. Es ist unerträglich: das Wort Gottes wütet in ihm, es fügt ihm Schmerzen zu, weil es nicht hinaus kann, es lässt ihn körperlich und seelisch leiden.
Aber war es nicht so: immer wenn er den Mund aufmachte, rief er „Frevel und Gewalt!”, weil kein Recht mehr geübt wurde, sondern jeder sich selbst der Nächste und bereit war, das Recht seiner Mitmenschen zu missachten! Wozu sollte es also gut sein? Und warum durfte er es nicht lassen? Die Antwort dürfte auch uns einleuchten: Gott will nicht, dass die Menschen so leben. Er will nicht, dass sich die Menschen nur auf sich selbst verlassen (Jer 17, 5), dass Geld zum Götzen wird, dem man alles andere zu opfern bereit ist.

Jeremia ist eine tragische Figur. Er verkündigt das Strafgericht, und dafür wird er bestraft. Gott hilft ihm nicht, er ist allein, von allen Seiten greifen sie nach ihm und wollen ihn in die Tiefe ziehen, in das Verderben.
Doch plötzlich wendet sich das Blatt. Trotz dieser abgrundtiefen Enttäuschungen kann Jeremia plötzlich sagen: „Der Herr ist bei mir wie ein starker Held.” (Jer 20, 11a)
Jeremia rappelt sich wieder auf, denn der, der ihn in das Prophetenamt berufen hat, steht ja hinter ihm. Er wird nicht dulden, was ihm widerfährt und schon widerfahren ist. Die Feinde Jeremias sind Gottes Feinde. Er, Gott, wird sie zu Fall bringen. Sie werden zuschanden werden, sie werden vor Scham vergehen, weil sie den Allmächtigen verspotteten.
Ja, so sollte es sein. Jeremia weiß um die Macht Gottes, denn er spürt sie in seinem Innern. Aber er sieht sie dennoch nicht. Er sieht nicht, wie Gott dreinschlägt und endlich wahr macht, was er als Prophet so oft schon angekündigt hat. Und das macht ihn mürbe, das lässt ihn verzweifeln.
Sollte Gott etwa gnädig sein?
Wir mögen da an die Erfahrung des Jona denken, der diese Lektion erst lernen musste. Aber da hatte das Volk ja auch Buße getan.
Hier aber ist nichts dergleichen zu erkennen. Frevel und Gewalt sind überall, und so scheint es ewig weiter zu gehen. Das kann keine Gnade sein, dass Gott nicht wahr macht, was er angekündigt hat. Und darum ruft der Prophet aus:
„Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen!” (Jer 20, 12b) Lass nicht zu, dass weiter Unrecht geschieht. Lass nicht zu, dass dein Wort weiter missachtet wird. Komm und zeige deine Macht! Und dann scheint es ganz unvermittelt aus ihm heraus zu brechen:
„Singet dem Herrn, rühmet den Herrn, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!” (Jer 20, 13).
Wirklich?
Wenn man noch etwas weiter liest, sieht es dann doch wieder ganz anders aus. Jeremia verflucht den Tag, an dem er geboren wurde – warum muss er Jammer und Herzeleid sehen und seine Tage in Schmach zubringen? (Jer 20, 18)
In der Tat: Jeremia ist eine tragische Gestalt. Immer wieder versinkt er in Resignation, das Gotteslob, mit dem unser Predigttext endet, ist eben doch nicht das Ende.

Ich empfinde durchaus Sympathie für den Propheten, ist unsere Lebenssituation doch ganz ähnlich wie die Seine.
Wer sucht denn heute noch die Nähe Gottes? Wer hört auf sein Wort? Wer fragt nach Gottes Willen, bevor er eine Entscheidung fällt, die vielleicht sein ganzes Leben beeinflussen könnte?
Es wird ganz rational entschieden, häufig ist der Geldbeutel der Ratgeber, und ansonsten sind es meist praktische Erwägungen.
Die meisten Menschen stellen ihr eigenes Wohlergehen in den Mittelpunkt. Die florierende Wellness-Branche ist dafür ein deutliches Zeichen.
Die Armut in dieser Welt stört uns nicht wirklich, solange es mir nur gut geht.
Über die Tatsache, dass es immer mehr Rentner gibt, die ohne Unterstützung ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können, obwohl sie ihr Leben lang gearbeitet haben, zucken die meisten nur die Schultern.
Flüchtlinge, die bei uns Heimat suchen, werden als Schmarotzer beschimpft.
Muslimische Mitbürger werden misstrauisch beobachtet, und der Argwohn, dass sich in jedem Muslim ein Terrorist verbirgt, macht sich unterschwellig breit.
Der Tod wird aus unserem Leben verbannt, die Beerdigung „unter dem grünen Rasen” stellt mittlerweile eine weit verbreitete und vielfach genutzte Möglichkeit dar, die Beschäftigung mit dem Tod auf ein Minimum zu reduzieren.
Viele Menschen handeln, als lebten sie ewig, und investieren in einen Wohlstand, den sie doch nur wenige Jahre genießen können.
Das politische Handeln wird überwiegend von wirtschaftlichen Faktoren bestimmt und darum auch von der Wirtschaft beeinflusst. Es scheint kein Ende zu geben auf der Wachstumsskala. Dass das Wachstum unserer Wirtschaft erst durch die Ausbeutung billiger Arbeitskräfte in den sogenannten Entwicklungsländern möglich ist, rückt kaum ins Bewusstsein.
Aber während ich das noch sage, merke ich schon, dass das nur eine Seite der Realität ist. Ich sehe da nämlich die Menschen, die in den Gottesdienst kommen und die Gemeinschaft im Gebet, im Gotteslob und im Hören auf das Wort Gottes suchen.
Ich sehe die vielen, die Tag für Tag in unsere Kirche kommen und Gott um Wegweisung bitten, um Kraft und seinen Segen. Sie sehnen sich nach der Nähe Gottes, sie wollen seine Liebe spüren.
Ich sehe die, die sich auf unterschiedliche und vielfältige Weise für eine gerechtere Welt einsetzen.
Ich sehe die, denen die Armut in der Welt überhaupt nicht gleichgültig ist, sondern die sich im Gegenteil für die Armen einsetzen und sie unterstützen und ihnen zu essen geben. Ich sehe die, die für ihre Angehörigen auch in schwerer Krankheit da sind und sie bis zum Tod begleiten. Ich sehe, wie bewusst der Tod als Teil des Lebens wahrgenommen wird und wie die Botschaft von der liebenden Fürsorge Gottes, die über den Tod hinaus reicht, in die Herzen solcher Menschen dringt.
Ich sehe die, die den Flüchtlingen ihre Türen öffnen und sie willkommen heißen.
Ich sehe die, die den Muslimen die Hand reichen und mit ihnen ins Gespräch kommen.

Es ist also nicht alles so düster, wie Jeremia es erlebt und es auch für uns manchmal den Anschein hat.
Und so hat die Aufforderung am Ende unseres Predigttextes eben doch auch ihre Berechtigung: „Singet dem Herrn, rühmet den Herrn, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!” (Jer 20, 13)

Gott ruft uns. Sein Ruf ist laut und klar, denn wir kennen seinen Willen: dass wir sein „Wort halten und Liebe üben und demütig sind vor unserem Gott.” (Micha 6, 8b)
Es muss nicht jeder gleich zu einem Propheten werden. Denn die Aufgaben sind vielfältig. Da ist die Sorge um die Menschen, die als Flüchtlinge in unser Land gekommen sind. Ihnen das Gefühl zu geben, hier willkommen zu sein, kann eine solche Aufgabe sein.
Oder die Sorge um die Menschen, die in Armut leben, z.B. im Diakonieausschuss.
Oder der Dienst an den Einsamen in unserer Gemeinde, z.B. im Besuchsdienst.
Oder der Einsatz für mehr Gerechtigkeit, z.B. durch das Eintreten für den Verkauf und Gebrauch von Waren aus dem Fairen Handel.
Oder die Aufgabe, für Frieden und Versöhnung einzutreten. Nicht die Menschen unterstützen, die ständig Angst schüren, sondern auf die Menschen zugehen, die immer deutlicher aufgrund solcher Angst an den Rand gedrängt werden.
Oder denen ein Begleiter sein, die auf den Tod zugehen, z.B. in der Hospizarbeit.
Gott ruft uns. Welche Aufgabe er für uns vorgesehen hat, werden wir erfahren, wenn wir uns in der Stille ihm zuwenden. Und vielleicht haben wir es ja schon längst gespürt und nur nicht den Mut gefasst, es auch anzupacken.
So wie Jeremia es formuliert hat, dürfen wir aber darauf vertrauen, dass Gott an unserer Seite ist, auch dann, wenn es nicht den Anschein hat. Gott steht zu seinem Wort. Darauf dürfen wir vertrauen.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Mein Kreuz und meine Plagen (EG 82, 6-7)
Ach Gott, vom Himmel sieh darein (EG 273)
Erhebet er sich, unser Gott (EG 281)
O gläubig Herz, gebenedei (EG 318)
Ich weiß, woran ich glaube (EG 357)
Nun aufwärts froh den Blick gewandt (EG 394)
Hilf, Herr meines Lebens (EG 419)