das Kirchenjahr

Reminiszere

Gott und Mensch

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe I - Joh 3, 14-21

Liebe Gemeinde!
Johannes saß an seinem Schreibtisch. Gut, von einem Schreibtisch konnte man eigentlich nicht reden. Es war eine einfache Holzplatte, die auf zwei hölzerne Ständer gelegt war. Oft wurde diese Platte benutzt, um dort Dinge abzustellen. Aber regelmäßig räumte sich Johannes eine Fläche frei, legte das Pergament darauf und begann zu schreiben. Aber seine Feder flog nicht über das Papier, im Gegenteil. Meist ruhte seine Hand, der Kopf war auf die andere Hand gestützt, und sein Blick schien die Wand vor ihm zu durchdringen und in eine unbekannte Ferne zu schauen.
Es fiel ihm schwer, die Geschichte von Jesus aufzuschreiben. Zumal es ja schon einige solcher Historien gab. Er hatte sich bewusst dafür entschieden, einen eigenen Versuch zu machen, denn keines der Evangelien, die bisher im Umlauf waren, schienen ihm deutlich genug zu sagen, wer Jesus wirklich war.
Darum hatte er auch nicht so anfangen können wie die anderen: mit einem Ereignis aus dem Leben Jesu oder gar mit seiner Geburt oder wie bei Lukas gar noch mit der Geburt Johannes des Täufers.
Nein, Johannes hatte einen philosophischen Zugang gewählt. Denn von Anfang an sollte deutlich sein: Jesus Christus ist der Sohn Gottes, nichts und niemand ist ihm gleich als Gott allein. Am Anfang war das Wort – der Logos, das schöpferische, das göttliche Wort.
Doch es konnte nicht immer nur philosophisch zugehen. Er musste auch Elemente aus dem Leben Jesu mit einflechten, denn schließlich hatte der Gottessohn ja unter den Menschen gelebt, und darum war es auch eine Historie und nicht nur eine philosophische Abhandlung.
Johannes hatte Jesus nicht persönlich kennen gelernt. Er war Petrus begegnet und auch Paulus, und lange hatten sie miteinander diskutiert. Damals war er noch jung gewesen.
Wichtig war auch die Zeit, die Maria, die Mutter Jesu, bei ihm gelebt hatte. Sie war kurz nachdem er sich hatte taufen lassen zu ihm gekommen und bis zu ihrem Tod bei ihm gelebt. Die erste Begegnung zwischen den beiden war wie eine Offenbarung gewesen. So, als hätten sie schon immer gewusst, dass sie an die Stelle seiner eigenen Mutter, die schon früh gestorben war, treten würde.
Oft hatten sie über Jesus gesprochen, obwohl Maria nur von seiner Kindheit erzählen konnte. Das meiste andere, bis auf die Kreuzigung, hatte sie aus der Ferne erlebt.
Zu ihr kamen auch andere Jünger, sie erzählten sich von dem, was sie mit Jesus erlebt hatten. Und wahrscheinlich lag es an ihr, dass er dann auch Bischof einer Gemeinde wurde, nachdem sie gestorben war.
Die Entwicklungen in dieser Gemeinde hatten ihm den Anstoß gegeben, all das über Jesus zu schreiben, was sonst bis dahin nur mündlich überliefert worden war und nicht in den schon bekannten Historien von Markus, Matthäus und Lukas.
Die Frau, die er kurz zuvor noch geheiratet hatte und die er von Herzen liebte, hieß ebenso Maria – so, als wolle ihm Gott mit diesem Namen etwas sagen: Ein Gottesgeschenk war sie ihm, Gott wirkte in sein Leben hinein.
„Maria”, wandte er sich nun an seine Frau, die in der Kochnische das Essen zubereitet, „ich komme hier nicht so recht weiter. Ich habe Dir doch von Nikodemus erzählt, dem Pharisäer, der ein Sympathisant Jesu war. Ich will beschreiben, wie Jesus und er sich begegneten. Ich habe diese Begegnung an den Anfang gestellt, nachdem Jesus im Tempel reinen Tisch gemacht hat. Ich habe schon angefangen, die Begegnung zu beschreiben, aber jetzt weiß ich nicht so recht, wie ich weitermachen soll.”
„Womit hast Du denn angefangen?”, fragte Maria zurück.
„Nun, ich habe erst einmal den Grundstein gelegt: Jesus erklärt, wie man Christ wird. Das steht am Anfang eines Christenlebens, und so soll mein Bericht auch am Anfang deutlich darauf hinweisen.
Es ist für uns ja klar: man wird Christ durch die Taufe. Auf diese Weise wird ein Mensch wiedergeboren zum Leben in der Gnade Gottes.
Ich habe aber natürlich nicht „Taufe” geschrieben, das wäre zu platt. Ich habe geschrieben: „Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.” (Joh 3, 5b)
Nikodemus fragt darauf, wie das geschehen kann, denn er begreift nicht, was es bedeutet, aus dem Wasser und dem Heiligen Geist neu geborgen zu werden.
Du weißt ja, dass ich auf die Pharisäer nicht so gut zu sprechen bin. Erst neulich hat mich wieder einer beschimpft, ich sei ein Abtrünniger und Verächter Gottes. Und das, obwohl wir regelmäßig den Gottesdienst in der Synagoge besuchen.
Nikodemus ist etwas schwer von Begriff, wie die meisten Pharisäer, die ich kenne. Jesus reagiert darum etwas spöttisch auf seine Frage: Die Pharisäer verstanden ja noch nicht einmal, wenn Jesus von den ganz irdischen Dingen sprach – wie sollen sie dann die Dinge des Himmelreichs verstehen?
Na, und jetzt weiß ich nicht, wie ich weiter machen soll.”
Maria schaute versonnen in das Feuer, auf dem ein Fladenbrot langsam braun wurde.
Dann sagte sie: „Du musst erklären, warum wir durch die Taufe wiedergeboren werden. Das Wasser allein kann's ja nicht sein, und der Heilige Geist reicht auch nicht als Erklärung. Die Wiedergeburt setzt den Tod voraus – den Tod unseres Herrn. Davon musst Du schreiben.”
Johannes überlegte kurz. „Du hast Recht”, sagte er dann. „Nur wer stirbt, kann zu neuem Leben erwachen. Der alte Mensch muss sterben. Buße und Reue führen in den Tod, bevor die Taufe das neue Leben möglich macht.”
Eine Weile war es still. Dann sagte Maria: „Erinnerst Du Dich an das, was kürzlich in der Synagoge gelesen wurde? Die Geschichte von der ehernen Schlange? Das ist doch ganz ähnlich: tot und wieder lebendig werden. Die Schlange wurde zum Symbol des Lebens, obwohl sie vorher den Israeliten den Tod gebracht hatte. Genau das gleiche gilt doch auch für das Kreuz: es bringt den Tod, aber uns bringt es das Leben. Durch das Kreuz werden wir neu geboren.” „Ja!” rief Johannes aus, tauchte die Feder in das Tintenfass und schrieb:
„Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.” (Joh 3, 14-15)
Vom Tod Jesu mochte er nicht schreiben, denn der Tod hatte ja nicht das letzte Wort. Das Kreuz, das ist die Erhöhung: da vollendet Gott sein Liebeswerk an der Menschheit. Die Majestät Jesu wird offenbart. Das Kreuz ist der Thron des Menschensohnes!
Nur kurz überlegte er, bevor er den nächsten Satz anschloss:
„Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.” (Joh 3, 16)
'Das ist gut!', dachte er bei sich. 'Jeder Pharisäer muss das verstehen. Der Sohn Gottes ist das vollkommene Osterlamm – nie wieder muss ein Opfer dargebracht werden, denn Jesus Christus hat das letztgültige Opfer selbst vollbracht. Gott opferte sich in seinem Sohn, damit wir frei werden von aller Sünde.'
Wieder erhob sich sein Blick und begann, durch die Wand hindurch zu wandern und in eine Ferne zu blicken, die sonst niemand erkennen konnte.
„Was ist mit dem Gericht?”, fragte Maria ohne zu ahnen, dass sie die Gedanken ihres Mannes gelesen zu haben schien.
„Ja, darüber habe ich auch gerade nachgedacht.”, erwiderte Johannes. „Es muss doch deutlich werden, dass die Taufe nichts nützt, wenn man nicht auch an den Sohn Gottes glaubt. Die Gnade ist nicht billig. Sie kommt allein durch den Glauben. Das habe ich zwar schon angedeutet, aber ich muss es wohl noch etwas deutlicher ausführen.”
Wieder wandte er sich dem Pergament zu und schrieb die nächsten Sätze. Dann wandte er sich um, nahm das Pergament in die Hand und sagte zu Maria: „Höre mal zu und sage mir, was du davon hältst:
„Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.
Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.” (Joh 3, 17-18)
Maria schwieg.
„Nun, was sagst Du?”, drängte Johannes.
„Ich weiß nicht.” entgegnete Maria. „Da fehlt noch was. Was ist denn das Gericht? Wenn Jesus nicht gekommen ist, um zu richten, womit Du ja Recht hast – er ist in die Welt gekommen, um den Menschen die Liebe Gottes zu offenbaren und die Zeit der Gnade zu verkünden – wie sieht dann das Gericht aus, das Du da ankündigst? Was kommt auf die Menschen zu, die nicht glauben wollen, die nicht wiedergeboren werden – auch wenn sie getauft wurden?”
Johannes überlegte kurz und sagte dann: „Das ist doch eigentlich jetzt schon klar. Sieh dir die Welt an. Da wird gestohlen, gemordet, gehurt, der eine gönnt dem andern nichts. Politiker sind bestechlich und gewähren den Reichen alle möglichen Vorteile, während die Armen leer ausgehen. Ist das nicht Gericht genug?”
„Für wen?”, fragte Maria. „Wenn das das Gericht ist, dann trifft es doch nur die, die es eigentlich nicht verdient haben: die Armen, die kein Geld haben um die Beamten zu bestechen, und die Sklaven und die Kranken und die Witwen und die Waisen usw. Sie leiden am meisten in unserer Gesellschaft.”
„Ja, da hast du Recht”, sagte Johannes und schwieg. Dann hob er wieder an: „aber es ist doch so: wenn diese Armen und Sklaven und Kranken und Witwen und Waisen sich Jesus zuwenden und an ihn glauben und sich taufen lassen, dann haben sie Gott auf ihrer Seite. Sie werden erleben, wie Gott sie trägt und hält und stärkt. Sie werden von ihm mit offenen Armen aufgenommen, während all die anderen fallen gelassen werden. Jene können nicht in das Reich Gottes hinein kommen – sie aber sind schon mitten drin.”
Beide schwiegen eine Weile. Die letzte Konsequenz dieser Worte schien Johannes dann doch etwas zu hart. Aber ist es nicht so? Ist nicht der Mensch, der die Liebe Gottes nicht annehmen will, bereits in den tiefsten Abgründen der Finsternis zu Hause und für immer dort gefangen? Kann ein solcher Mensch noch glücklich werden? Gewiss nicht!
Erneut begann er zu schreiben:
„Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.” (Joh 3, 19-20)
Wieder las er diesen neuen Abschnitt seiner Frau vor. Sie nickte anerkennend. „Gut, dass Du das Licht wieder aufgenommen hast. Ich fand das schon am Anfang schön, wie Du geschrieben hattest: 'Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.' Jetzt wird deutlich, was das bedeutet: Es gibt keine Brücke zwischen der Finsternis und dem Licht. Wer die Finsternis liebt, muss das Licht hassen. Aber umgekehrt ist es doch auch richtig, oder? Es gibt kein Zwielicht zwischen Gott und den Menschen.”
„Ja”, erwiderte Johannes, „da kann ich noch einen Satz zu schreiben. Lass mich noch ein bisschen darüber nachdenken, wie ich das formuliere.”
Wieder wanderte sein Blick durch die Wand hindurch in eine Ferne, die niemand sonst sehen konnte. Wieder und wieder murmelte er die Worte vor sich hin: „Wer Böses tut...”. Und immer wieder versuchte er nun das Gegenteil zu formulieren: „Wer aber Gutes tut...”. Aber irgendetwas in ihm ließ ihn zögern. 'Gutes tun', so dachte er, 'das können doch auch die Bösen, die Freunde der Finsternis. Sie geben sich damit den Anschein, gut zu sein, obwohl sie nur ihren eigenen Vorteil suchen. Ich kenne ihn gut, den Richter, der immer die Hälfte von den Bestechungsgeldern in den Opferstock legt – natürlich so, dass alle es sehen können. Natürlich sagt keiner, dass es Bestechungsgelder sind, aber alle wissen es. Da kommt eine Menge zusammen, und es ist ja für einen guten Zweck – nachdem sich die Leiter der Synagoge ihren Teil abgezogen haben. Sie alle tun Gutes – aber sie meinen es nicht. Sie sind unaufrichtig. Was ist also das Gegenteil von „Wer Böses tut...”?
Sie sind unaufrichtig, sie lügen... ja, das ist es!'
Und wieder nahm Johannes die Feder in die Hand und schrieb:
„Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.” (Joh 3, 21)
'Im Licht Gottes wird alles offenbar. Darum scheuen die Bösen ja auch das Licht, oder noch anders gesagt: darum können die Bösen ja nicht zum Licht Gottes kommen. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, denn er hat nichts zu befürchten.'
„Höre, Weib!”, sagte er, und las den letzten Satz seiner Frau vor.
Die neigte den Kopf etwas, wendete den letzten Brotfladen und fragte dann: „Wie kann man die Wahrheit tun? Man redet die Wahrheit, man tut sie doch nicht?”
'Frauen!', dachte Johannes bei sich und hätte am liebsten gesagt: 'Das verstehst Du nicht.' Aber seine Frau hatte ihm immer geholfen, und nur durch sie war das, was er bisher geschrieben hatte, auch verständlich geblieben. Er musste aufpassen, dass er seine verlässlichste Beraterin nicht beleidigte und vor den Kopf stieß. Also sagte er etwas diplomatischer:
„Maria, vielleicht ist es etwas umständlich formuliert, aber es muss ein Gegenüber zum Tun des Bösen geben, das Gegenteil davon. Das Gute Tun kann es nicht sein, denn das tun auch die bösen Menschen, nur eben mit bösen Hintergedanken und nur zu ihrem eigenen Vorteil. Das Gegenteil vom Tun des Bösen ist das Tun der Wahrheit. Denn alles, was in der Wahrheit getan wird, ist gut. Es entspringt aus der Wahrheit. Es ist aufrichtig, ehrlich. Bei solchen Taten, die aus der Wahrheit entspringen, gibt es keine bösen Hintergedanken, keinen Eigennutz als Begleiterscheinung der guten Tat. Verstehst Du jetzt, was ich meine?”
„Ja, jetzt schon”, erwiderte Maria. „Aber ich hoffe, dass es auch deine Leser verstehen werden ohne diese Erklärung.
Nun, das Essen ist fertig. Komm und setz dich zu mir.”
Johannes ließ sich das nicht zweimal sagen. Sein Magen hatte ihn schon spüren lassen, dass es Zeit war, zu essen. Und außerdem duftete das gebackene Fladenbrot so herrlich.
Er setzte sich neben seine Frau auf den Boden, dankte und brach das Brot und gab ihr mit einem dankbaren Lächeln die größere Hälfte. Dann begannen sie, mit dem Brot den Linseneintopf zu essen, den Maria gekocht hatte.
Und in beiden klang der Satz nach: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.” (Joh 3, 16)
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Es kommt ein Schiff, geladen (EG 8)
Also liebt Gott die arge Welt (EG 51)
O Jesu Christe, wahres Licht (EG 72)
Nun gehören unsre Herzen (EG 93)

Predigtvorschläge zu Reihe M - Gen 14, 17-20 (= 1. Mose 14, 17-20)
Mt 12, 38-42
Joh 8, (21-26a)26b-30
Hebr 11, 8-16

zu Hebr 11, 8-16:
Vor der Predigt wurde das Lied „Ich möchte Glauben haben” (NB-EG 596) gesungen.

Liebe Gemeinde!

Ich möchte Glauben haben - eigentlich eine verkehrte Bitte. Wenn wir nicht Glauben hätten, wären wir doch nicht hier. Warum also sollten wir dieses Lied singen?
Aber wir kennen auch die Bitte des Vaters eines besessenen Jungen: Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben! Also gibt es einen Unterschied zwischen Glauben und Glauben? Gibt es einen starken, festen Glauben, und demgegenüber einen schwachen, schwankenden Glauben? Jesus sagte einmal zu seinen Jüngern und meinte damit sicher auch uns: Wenn ihr Glauben habt so groß wie ein Senfkorn, könnt ihr einen ganzen Berg versetzen! Dieser Satz, richtig verstanden, bedeutet doch wohl: Entweder es gibt Glaube, oder es gibt keinen. Und jeder Glaube ist gut genug, da gibt es keine Qualitätsschwankungen: wer glaubt, glaubt. Vielleicht müssen wir dann die Bitte des Vaters etwas näher betrachten: ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben! - mit dieser Bitte deutet er vielleicht nur an, dass er im Grunde gar nicht weiß, von welchem Glauben Jesus redet. Denn Jesus sagt ja zuvor: Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Und der Vater des besessenen Jungen muss bekennen, dass er seinen Sohn nicht heilen kann, dass er also den Glauben, von dem Jesus redet, nicht hat. Auf der anderen Seite aber glaubt er daran, dass Jesus seinen Sohn heilen kann.
Glaube - das Wort bedeutet auch: Vertrauen. Vertrauen auf etwas, das man nicht sieht und auch sonst mit keinen Sinnen wahrnehmen kann. Vertrauen darauf, dass es eine Wirklichkeit gibt, die sich unserem Vorstellungsvermögen entzieht nämlich: die Wirklichkeit Gottes. Und diesen Glauben haben wir, darum sind wir doch hier zusammengekommen, um uns gegenseitig in unserem Glauben zu stärken. Das Lied, das wir gesungen haben, liegt daher eigentlich falsch. Es bittet um Glauben, so als ob wir ihn nicht hätten oder so, als ob der Glaube, den wir haben, einfach nicht genug ist. Nur so ist jedenfalls zu erklären, dass in der 4. Strophe dann davon gesprochen wird, dass Gott den Glauben gibt, der reifen wird. Glaube, wenn wir diesem Lied folgen, entwickelt sich also, wird langsam zu dem, was er eigentlich von Anfang an sein soll. Im Glauben wachsen, so nennt man das. Das ist eine ganz übliche Vorstellung, aber eine verkehrte. Denn nach Jesu Worten ist Glaube entweder da - oder er ist nicht da. Und ich bin sicher, dass wir ihn haben, diesen Glauben, der über Zweifel siegt, der Antwort weiß auf Fragen und Halt im Leben gibt. Denn das ist doch auch eine der Früchte des Glaubens, dass wir den Zweifel überwinden, der uns immer wieder befällt, der an uns nagt und uns vermitteln will, dass es keinen Gott gibt, dass unser Leben im Grunde trostlos ist und wir nur dann etwas davon haben, wenn wir es in vollen Zügen genießen, ohne Rücksicht auf unsere Mitmenschen. Unser Glaube überwindet diesen Zweifel und macht uns wieder zu Menschen, zu Geschöpfen Gottes, die sich in ihm geborgen und von ihm getragen wissen. Geschöpfe, die um die Not anderer Menschen wissen und sich ihnen zuwenden in Liebe und Fürsorge. Geschöpfe, die diese Welt erst lebenswert machen, die ihr ein freundliches Gesicht verleihen.
Und das ist auch eine der Früchte des Glaubens, dass wir Antwort haben auf Fragen, auf die niemand sonst eine Antwort weiß. Unser Glaube gibt uns Halt im Leben, er macht uns fest. Es kommt nicht darauf an, wie weit wir im Glauben sind. Diese Frage sollte eigentlich niemals gestellt werden. Jede(r) von uns kann davon erzählen, wie der Glaube geholfen hat.
Der Wunsch, der in diesem Lied zum Ausdruck kommt, ist also falsch zumindest, wenn wir dieses Lied singen. Und dennoch habe ich es ausgewählt, denn es erinnert mich an das, was ich habe. Das Lied hilft mir, den Wert meines Glaubens neu zu erfassen. Ich erkenne, was für ein kostbares Geschenk dieser Glaube ist.
Auch Abraham glaubte. Er ist gewissermaßen der Vater des Glaubens nicht nur für das jüdische Volk, sondern auch für uns Christen. Der Hebräerbrief erzählt uns davon: Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusst nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. (Hebr 11, 8-10) Abraham begab sich auf einen lange, unbekannten Weg, er war bereit, weil er Glauben hatte. Abraham vertraute Gott. Er überwand den Zweifel, der sich ganz gewiss in ihm regte: wo würde ihn dieser Weg hinführen? Was, wenn es nur seine eigene Abenteuerlust war, die er verspürte, und nicht der Wille Gottes? War es richtig, seine Familie den Härten einer langen Reise durch oft karges Land auszusetzen? Sollte er wirklich seine Ländereien aufgeben, die ihm doch einen guten Stand sicherten? Konnte er hier, in Ur, seiner Heimatstadt, Gott nicht viel besser dienen, indem er hier die Taten Gottes verkündete? Nein, Abraham vertraute Gott und betrat den Weg, den er nicht kannte. Auch kannte er das Ziel nicht nur die Verheißung, die Gott ihm gemacht hatte, dass er in ein fruchtbares Land kommen und ein großes Volk werden würde. So hatte Abraham ein Bild vor Augen, eine Hoffnung, auf die hin er sein Leben ausrichten konnte. Dieses Bild, so schreibt der Verfasser des Briefes an die Hebräer, war das Bild einer Stadt, fest gebaut, gegründet auf einem festen Grund, den Gott selbst gelegt hatte. Ja, die ganze Stadt hat Gott gebaut. Diese Stadt sollte Abrahams Heimat werden. Dort würde er sich nach nichts mehr sehnen, dort wäre alles vollkommen. Dieses Bild vor Augen, machte sich Abraham auf eine ungeheuer beschwerliche, viele Jahre dauernde, Reise. Oft war seine Existenz gefährdet. Das Ziel, dieses Bild der von Gott erbauten Stadt, würde er in seinem Leben nicht erreichen. Aber das hat ihn nicht entmutigt. Er hat Gott vertraut und dieses Vertrauen niemals aufgegeben. Sicher, es gab Zeiten, in denen er zweifelte aber der Glaube hat diesen Zweifel jedes Mal überwunden. Er vertraute darauf, dass Gott zu seinem Wort stehen würde.
Glaube ist ein Wegbegleiter. Glaube führt auf einen unbekannten Weg. An Abraham erkennen wir es das erste Mal, und dann hat es jeden gepackt: wer glaubt, macht sich auf den Weg. Denn wer glaubt, der weiß, dass es ein Ziel gibt, eine Verheißung, zu der man nur gelangen kann, wenn man sich auf den Weg macht. Das bedeutet: Risiken eingehen, Dinge aufgeben, die einem vertraut geworden sind, und sein ganzes Vertrauen auf einen setzen, den man mit seinen Sinnen nicht wahrnehmen kann: Gott.
Auch wir sind auf dem Weg. Das Ziel, das wir vor Augen haben, ist die Realität Gottes, die vielleicht hier und dort hervorbricht, so wie ein Lichtstrahl durch die Wolkendecke bricht. Aber wir sind noch nicht dort. Wir wissen nur, dass es sie gibt, und darum sind wir bereit, zu wandern. Es ist ein nicht immer leichter Weg. Aber wir gehen ihn und nehmen auf diesem Weg die Wegzehrung zu uns, die unser Herr Jesus Christus uns geschenkt hat: seinen Leib und sein Blut im Abendmahl. Darauf dürfen wir uns freuen, denn dies ist die Nahrung, die uns auf dem Weg, auf den uns unser Glaube führt, wirklich satt macht. Durch sie fällt es uns leichter, am Glauben festzuhalten, auch dann, wenn der Zweifel an uns nagt. Mit dieser Nahrung können wir getrost Wege gehen, die uns bisher unbekannt waren und die uns zu einem Ziel führen, das wir noch nicht kennen, von dem wir aber eine große Verheißung haben.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Zu Mt 12, 38-42:
Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude (EG 66)
Christe, du Schöpfer aller Welt (EG 92)
Jesus Christus, unser Heiland (EG 102)
Der schöne Ostertag (EG 117)
Ach Gott, vom Himmel sieh darein (EG 273)
Lass die Nacht auch meiner Sünden (EG 445, 3-4)

Zu Joh 8, (21-26a)26b-30:
Gleichwie mich mein Vater (EG 260)
Ich heb mein Augen sehnlich auf (EG 296)
Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut (EG 326)
Jesu, hilf siegen, du Fürste des Lebens (EG 373)

zu Hebr 11, 8-16:
Geist des Glaubens, Geist der Stärke (EG 137)
Abraham, Abraham, verlass dein Land (EG 311)
Ich weiß, woran ich glaube (EG 357)
Eneure mich, o ewigs Licht (EG 390)
Jesu, geh voran (EG 391)
*Vertraut den neuen Wegen (EG 395)
Ich bin ein Gast auf Erden (EG 529)
*Ich möchte Glauben haben (NB-EG 596)
Herr, wir stehen Hand in Hand (NB-EG 602)