das Kirchenjahr

Jubilate

Die neue Schöpfung

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe II - Joh 15, 1-8

Liebe Gemeinde!
Das Bild vom Weinstock können wir uns zwar vielleicht nicht so recht vorstellen, aber eine Ahnung haben wir wohl alle, was Jesus damit meint: Der Stamm ist der Weinstock, das ist also Jesus. Durch ihn fließen die Säfte, die die Trauben zum Wachsen und Reifen bringen.
Die Reben sind die Zweige, die vom Weinstock ausgehen und an denen dann die Früchte, die Trauben, hängen.
Wir wissen sicher auch, dass man schwache Äste, die keine Blüten treiben und also auch keine Frucht bringen, abschneiden soll zugunsten der Zweige, die Blüten bringen sollen.
Das gilt umso mehr für den Weinstock, an dem die Grundlage für einen guten Wein wächst - wenn er denn gut gepflegt wird, d.h., wenn man dafür sorgt, dass seine Kräfte nicht verloren gehen.
Der Weingärtner hat also alle Hände voll damit zu tun, diese kraftlosen Zweige zu entfernen und die anderen so zu pflegen, dass sie dann besonders gute Früchte tragen. Er kann niemals damit aufhören, denn ein Zweig, der noch im Vorjahr gute Früchte getragen hat, kann vielleicht in diesem Jahr schon nutzlos geworden sein.
Nach dem Bild, das Jesus hier zeichnet, kennt der Weingärtner dabei kein Erbarmen. Er wird jeden nutzlosen Zweig abschneiden und verbrennen.
Richtig so, denn der Weinstock soll ja ordentlich Frucht bringen!
Aber wenn wir dieses Bild dann auf uns anwenden, kann uns schon mulmig zumute werden. Denn bedeutet das nicht, dass wir vielleicht schon längst abgeschnitten sein müssten? Oder können wir sicher sein, dass wir Jahr für Jahr unsere Frucht so bringen, wie es der Weingärtner, wie es Gott von uns erwartet?
Ein bisschen aufatmen kann man nur angesichts eines anderen Gleichnisses, in dem Jesus von einem Feigenbaum erzählt, für den der Knecht bittet, dass der Herr ihn noch ein Jahr stehen lassen soll, obwohl er keine Frucht bringt. Der Knecht wolle um ihn graben und ihn düngen, also alles dafür tun, dass er doch noch Frucht bringt. Aber wenn nicht, dann wird auch dieser Feigenbaum abgehauen werden.
Dieses kleine Stück Barmherzigkeit - kann das nicht auch der Weingärtner in diesem Bild, das Jesus da zeichnet, beweisen? Will er wirklich die kraftlos gewordenen Reben rigoros abschneiden und ins Feuer werfen?
Es scheint so. Unbarmherzig wird uns das Feuer angedroht, wenn wir keine Frucht bringen. Und wir haben das Gefühl, dass wir machtlos sind, denn wir wissen ja noch nicht einmal so recht, was für Frucht wir eigentlich bringen sollen.
Das scheint in der Geschichte ja recht offen zu bleiben. Dass es nicht Weintrauben sein können, ist klar. Die Weintrauben sind Bilder für das, was wir eigentlich hervorbringen sollen. Es scheint völlig unklar, und doch ist es eindeutig: Es muss Frucht sein, die dem Weinstock entspricht. Es ist doch klar: von einem Weinstock können keine Äpfel oder Birnen wachsen. Es müssen schon Weintrauben sein - um bei dem Bild zu bleiben!
Und da kommen wir der Sache natürlich schon näher. Früchte, die wir hervorbringen sollen, entsprechen dem, was Christus selbst getan hat. Er ist ja der Weinstock, d.h. er bestimmt letztlich, was für Früchte wir hervorbringen - wenn wir denn an ihm bleiben. Er ist die Grundlage und der Ausgangspunkt dessen, was wir hervorbringen können.
Das Bild vom Weinstock will uns darauf aufmerksam machen, dass es nicht genug ist, das Wort, das von Gott ausgeht, einfach zu konsumieren und es dabei bewenden zu lassen. Es müssen Taten folgen, das Wort muss in uns etwas auslösen, das durchaus auch einige Kraftanstrengung verlangt. Denn es ist natürlich schon ein großartiger, aufwendiger Vorgang, wenn solch eine Frucht entsteht: Sie ist ja in ihrer Gestalt und auch in ihrer Substanz ganz unterschiedlich von dem Material, aus dem der Weinstock und die Reben gemacht sind.
Solch eine Kraftanstrengung erwartet Gott von uns. Es ist nicht genug, dass wir leben und dieses Leben genießen. Denn Gott gibt uns Kraft zu mehr.
Unsere Früchte sollen dem entsprechen, an dem wir hängen: dem Weinstock. Was das ist, wissen wir längst: Es ist vor allem die Liebe zum Nächsten und die Liebe zu Gott. Die Liebe zu Gott wird dadurch ersichtlich, dass wir am Weinstock bleiben, dass wir nicht versuchen, uns selbständig zu machen. So können wir auch sicher sein, dass sich Gott um uns kümmert - er versorgt uns so, dass wir genug Licht abbekommen, dass nichts uns daran hindert, gute Frucht zu bringen.
Das andere ist die Liebe zum Nächsten - da werden also eigentlich unsere Früchte erkenntlich. Was genau erwartet Gott von uns in diesem Bereich?
Erwartet er das Unmögliche: zum Beispiel, dass eine alte Frau der Nachbarsfamilie bei der Renovierung ihrer Wohnung hilft? Oder dass sie den Einkauf für ihre Nachbarin tätigt, während sie selbst kaum genug Kraft hat, ihren eigenen Einkauf nach Hause zu tragen?
Natürlich erwartet Gott so etwas nicht. Es wäre zwar eine angemessene Kraftanstrengung, aber es würde nicht mit der Liebe, die Gott für uns hegt, übereinstimmen.
Gott erwartet von uns, dass wir unsere Möglichkeiten sehr genau überprüfen und dann auch alle Anstrengung unternehmen, diese Möglichkeiten auszunutzen.
Es kann sein, dass alles, was wir tun können, darin besteht, etwas zu spenden, also Geld von dem, was uns zur Verfügung steht, abzweigen, um es anderen zugute kommen zu lassen. Natürlich nicht nur einmal im Jahr, sondern regelmäßig, immer wenn die Rente kommt.
Dann heißt es nur, sich darüber klar zu werden, wofür wir unser Geld spenden. Da ist unser Nächster dann vielleicht nicht der Nachbar, sondern Kinder, die weit von uns entfernt in großem Elend leben, oder Menschen, denen ein Krieg alles genommen hat, was die Grundlage ihrer Existenz ist.
Wie das aussehen kann, hat uns die Regierung Sri Lankas im Herbst vergangenen Jahres vorgemacht: angesichts der Not, die unseren Mitmenschen durch die Flut entstanden ist, spendeten sie über eine Tonne Tee. Tee ist die einzige Einnahmequelle dieses Landes, das im Vergleich zu uns allerdings extrem arm ist.
Unser Nächster, unsere Nächste kann aber natürlich auch recht nah sein. Und unsere Frucht kann einfach darin bestehen, ihr Gesellschaft zu leisten, Zeit mit ihr zu verbringen.
Es gibt viele Menschen in unserer Gemeinde, die einsam sind und niemanden haben, mit dem sie sich unterhalten oder mit dem sie einfach gemeinsam etwas Zeit verbringen können. Das ist etwas, das alle tun können.
Und wenn wir uns aufmachen, eine Nachbarin oder einen Nachbarn zu besuchen, haben wir ja meist auch etwas davon. Es kommt etwas zurück - die Dankbarkeit und Liebe dieser Menschen, denen wir gezeigt haben, dass sie nicht allein sind.
Gott will Früchte sehen. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, solche Früchte hervor zu bringen, und es dürfte sicher nicht schwer fallen, eine gute Möglichkeit zu finden, den Saft, der durch uns von Jesus Christus her strömt, dazu zu gebrauchen.
Von dem Feuer, das uns in diesem Bild angedroht wird, und davon, dass wir von dem Weinstock abgeschnitten werden, wenn wir keine Frucht bringen, will ich nicht reden. Denn ich glaube, dass wir alle uns doch redlich bemühen. Die Kraft dazu kommt ja von Gott selbst, an dem wir bleiben wollen.
Das Wesentliche ist dies: dass wir uns bemühen, Früchte hervor zu bringen, die Christus entsprechen. Denn nur dafür wird uns auch Christus die Kraft geben, die wir brauchen. Wenn wir uns mit aller Kraft bemühen, Äpfel zu produzieren, obwohl wir doch an einem Weinstock gewachsen sind, dann wird der Weingärtner wohl doch irgendwann sagen müssen, dass wir nutzlos geworden sind.
Darum ist es gut, dass wir immer wieder das Wort Gottes hören und uns bemühen, darin zu erkennen, was die rechte Frucht ist, die wir hervorbringen können. Gott öffne uns dazu unsere Herzen und führe uns den rechten Weg.
Amen

oder

Liebe Gemeinde,
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben – eines der sogenannten „Ich-Bin-Worte“ Jesu. Es gibt davon sieben Worte im Johannes-Evangelium, von denen uns die meisten vertraut sind:
6,35 - Ich bin das Brot des Lebens (vgl. 6,41.48.51)
8,12 - Ich bin das Licht der Welt.
10,7.9 - Ich bin die Tür.
10,11.14 - Ich bin der gute Hirt.
11,25 - Ich bin die Auferstehung und das Leben.
14,6 - Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.
15,1 - Ich bin der wahre Weinstock.
Es ist also das letzte der Ich-Bin-Worte, mit dem wir uns heute etwas näher befassen wollen. Dabei entfaltet Jesus dieses Wort in einer Art Gleichnis, denn er vergleicht unser Dasein und unser Verhältnis zu ihm mit einem Weinstock und seinen Reben.
Die Reben sind wir, und worum es letztlich geht, ist die Frucht, die von dieser Rebe ausgeht.
Nun könnte man meinen, dass man sich besonders anstrengen muss, um Frucht bringen zu können. Ich glaube aber, dass das anders gemeint ist, und das Bild vom Weinstock hilft uns dabei, das auch zu verstehen:
Denn Jesus sagt: „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“
Anfangs kann es sein, dass man dieses absolute „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ als Übertreibung empfindet. Denn natürlich kann man auch ohne Jesus so manches tun. Man kann ein Buch lesen, man kann spazieren gehen, man kann einkaufen… alles geht auch ohne Jesus.
Aber darum geht es ja nicht in diesem Gleichnis, sondern es geht um die Frucht. Und Jesus bezieht sich mit diesen Worten auf diese Aufgabe, die ja auch die einzige Aufgabe einer Rebe ist: Frucht zu bringen.
Und dann wird schon deutlich, dass es ohne den Weinstock nicht funktionieren kann. Die Rebe braucht den Lebenssaft, der vom Weinstock ausgeht, damit die Frucht gedeihen kann.
Wenn wir es so betrachten, merken wir schon, dass es nicht darum geht, sich abzumühen damit, irgend etwas Tolles zu produzieren, viele Menschen zu überzeugen usw., sondern es geht einzig und alleine darum, dass die innige Verbindung von Weinstock und Rebe, also Stamm und Zweig, bestehen bleibt.
Denn wenn diese innige Verbindung besteht, dann kommt die Frucht ganz von selbst. Darum ist es so gut, sich immer wieder Zeit zum Gebet zu nehmen und auch in der Bibel zu lesen. Das festigt die Verbindung, weil wir unser Leben im Licht Gottes sehen.
Und da merken wir, dass wir getragen werden von der Liebe Gottes, und ich würde mal sagen, dass damit der Saft gemeint ist, der vom Weinstock in die Reben fließt. Es ist Liebe. Und mit dieser Liebe bringen wir die Früchte hervor, die unser himmlischer Vater von uns erwartet.
Und da bin ich dann auch schon beim Weingärtner, von dem Jesus ja auch spricht. „Mein Vater ist der Weingärtner“, sagt er.
Den Weingärtner stelle ich mir nun nicht als grausamen Zerstörer vor, nur weil er hier und da ein paar Reben abschneidet, die vertrocknet und ohne Saft sind. Er hilft damit dem Weinstock, die übrigen Reben besser zu versorgen. Er bindet die Reben an, damit ihre Früchte viel Sonne abbekommen. Überhaupt ist das Handeln des Weingärtners sehr liebevoll. Mit wachsamen Augen sorgt er dafür, dass die Reben keinen Schaden nehmen.
Er pflegt sie, damit es ihnen noch leichter fällt, die Frucht der Liebe hervorzubringen.
Gott hilft uns, zu vergeben, wo uns Schaden zugefügt wurde, und selbst um Vergebung zu bitten, wenn wir an anderen schuldig geworden sind.
Er hilft uns, dass wir nach dem Gebot der Liebe, dem höchsten Gebot, leben, indem er dafür sorgt, dass wir die Quelle unserer Kraft, nämlich Jesus Christus, nicht verlieren.
Frucht bringen ist etwas, was mit dem Herzen und der Seele geschieht. Es bedarf keiner körperlichen Kraftanstrengung, nur der Geist muss mitmachen.
Und was da zu tun ist, ist nicht viel, vor allem ist es keine Kraftanstrengung. Nur dass wir an Jesus bleiben, dass wir ihn nicht loslassen, dass wir ihm treu bleiben. Das ist das einzig Wichtige.
Dazu hilft uns auch das Feiern des Gottesdienstes, wie wir es heute tun.
Dazu helfen uns auch Lieder, die wir zur Ehre Gottes singen, und es spielt dabei keine Rolle, ob wir gut singen können oder ob es uns schwer fällt. Gott hört das, was im Herzen ist.
Dazu hilft, Gott zu danken für alles, was er uns durch Jesus Christus Gutes getan hat.
Dazu hilft das tägliche Gebet, etwa, wenn wir abends ins Bett gehen oder morgens aufstehen. Und beim Beten dann auch das vor Gott bringen, was gewesen ist, wo wir uns nicht verstanden fühlten, wo wir unwillig wurden und vielleicht sogar undankbar.
Dazu hilft auch, um Verzeihung zu bitten, wenn wir einem anderen Menschen unfreundlich begegnet sind.
Dazu hilft auch, alles vor Gott zu bringen, was uns belastet und bedrückt. Denn er will ja unsere Lasten mit tragen.
All das bedeutet die Umsetzung der Worte Jesu: wer in mir bleibt, der bringt viel Frucht.
Jesus macht noch eine Zusage, die wir nicht vergessen sollten. Wer in ihm bleibt und seine Worte bewahrt, dessen Bitten werden erhört werden.
Da fragt man sich natürlich, ob man wirklich so an Jesus hängt, wie es die Rebe am Weinstock tut. Denn wie oft bleiben unsere Gebete unerhört?
Aber ich glaube, dass das, was er sagt, stimmt. Denn auch im Gebet kann es sein, dass wir die Verbindung zu Jesus verlieren. Gerne bitten wir für uns, dabei geht es doch vielmehr darum, für unsere Mitmenschen zu beten. Für uns selbst dürfen wir bitten, dass Gott uns unsere Schuld vergibt – und das, da bin ich sicher, wird er auch tun, wenn unser Gebet von Herzen kommt.
Das beste Beispiel eines Gebetes ist da noch immer das Vaterunser, in dem wir ja um alles Nötige bitten.
Wenn wir dieses Gebet aus dem Herzen heraus und nicht nur mit den Lippen beten, dann dürfen wir auch fest darauf vertrauen, dass unser himmlischer Vater für uns da ist und uns umhegt und pflegt, so wie ein Weingärtner es mit den Reben des Weinstocks tut.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Auf, auf, mein Herz, mit Freuden (EG 112)
Lass mich dein sein und bleiben (EG 157)
Jubilate Deo (EG 181.7)
Wie lieblich schön, Herr Zebaoth (EG 282)
"Eins ist Not!" Ach Herr, dies Eine (EG 386)
Bei dir, Jesu, will ich bleiben (EG 406)

Predigtvorschläge zu Reihe III - Apg 17, 22-34

Liebe Gemeinde!
Ich finde die Apostelgeschichte ausgesprochen spannend. Sie liest sich genauso wie ein Roman, auch wenn man sich hier und da noch etwas mehr Spannung wünschen würde. Aber man fühlt sich dennoch mit hineingenommen in das Geschehen und kann sich manches recht gut vorstellen.
Man erlebt die Spannungen, in denen die ersten Christen lebten und mit denen sie zurecht kommen mussten. Man erfährt von Verfolgung und Bekehrung und nimmt wahr, wie unkompliziert es damals war: „Was hindert's, dass ich mich taufen lasse?”, fragt z.B. der Kämmerer aus Äthiopien, nachdem er nur wenige Stunden lang durch Philippus in den grundlegenden Dingen des christlichen Glaubens unterwiesen worden war. Und Philippus sagt nicht: „Hm, da musst Du aber erst noch wenigstens ein paar Tage lang Unterricht bekommen”, sondern er tauft ihn auf der Stelle.
Und dieser getaufte Mensch, der wenige Stunden vorher nichts von alledem verstanden hatte, trug das Evangelium in die Welt hinaus genauso, wie die Apostel es taten, obwohl Philippus sofort nach der Taufe wieder verschwunden war. Also auch keine Nachsorge, keine Anbindung an eine Gemeinde, nein, alles noch ganz neu, frisch, aufregend.
Oder die Bekehrung des großen Christenverfolgers, Saulus, von der das Sprichwort stammt: „Vom Saulus zum Paulus werden.”, was ein Stück weit die Verwandlung beschreibt, die in einem Menschen mitunter vorgehen kann.
Es sind Geschichten, in denen wir trotz der Kürze, in der sie erzählt werden, ganz deutlich die Kraft des Geistes Gottes wahrnehmen und erfahren, wie Gott seine Kirche, d.h. die Gemeinschaft der Heiligen, nicht nur trägt, sondern auch leitet und wachsen lässt.
Und nun steht dieser Paulus auf dem Areopag. Es ist ein Platz von historischer Bedeutung, der aus der Stadt Athen herausragt und nicht weit von der Akropolis entfernt ist. Man erzählte sich, dass dort die Götter Gericht gehalten hätten über ihresgleichen.
Zu Zeiten des Paulus hatte der Platz an Bedeutung verloren, und man vermutet, dass in der Erzählung der Apostelgeschichte nicht der Ort Areopag, sondern das Gremium, das die gleiche Bezeichnung trug und weiterhin für Rechtsfragen zuständig war, gemeint ist.
Das schließt nicht aus, dass sich das Ganze auch auf dem Areopag ereignete, aber der erste Satz müsste dann heißen: Paulus stand inmitten des Areopag, also inmitten des Rates, der sich Areopag nennt. Das ist auch sinnvoller, denn sonst müsste man ja berechtigterweise fragen, wem Paulus eigentlich seine Rede dort auf dem Areopag vortrug. Waren es nur Menschen, die zufällig dort waren? Das ist eher unwahrscheinlich, denn er wurde ja dorthin gebracht, damit er von einflussreichen Leuten gehört würde.
Paulus hatte sich gut vorbereitet. Er kannte die Griechen recht gut, hatte er doch selbst auch griechische Philosophie studiert. Er hatte sich auch nicht gescheut, in die Tempel zu gehen und zu sehen, welche Götter dort angebetet und verehrt wurden. Es ging ihm darum, die Menschen mit ihren Nöten und Ängsten, aber auch mit ihren Hoffnungen und Freuden kennen zu lernen.
Und dann stieß er auf einen Tempel, der dem unbekannten Gott gewidmet war.
Wie merkwürdig. Oder auch nicht: sollte man sich nicht unbedingt des Beistandes aller Götter versichern? Nachdem man also all den Göttern des Olymp seine Opfer dargebracht hatte, konnte man noch zu diesem Altar gehen und zu dem Gott beten, den niemand kannte, der aber vielleicht doch existierte und womöglich noch mächtiger war als alle anderen bekannten Götter.
Es erinnert mich an eine Erfahrung, die ich in Indien machte, wo ich an vielen Orten neben Bildern von Shiva und Vishnu, die eigentlich schon im hindustischen Glauben zwei rivalisierende Götter sind, auch ein Bild von Jesus und evtl. auch noch weitere Bilder von Heiligen anderer Religionen
fand. Alle Bilder wurden in gleicher Weise geehrt: sie bekamen jeden Morgen eine frische Blumengirlande umgehängt und brennende Räucherstäbchen wurden an ihnen befestigt, während ein Gebet gesprochen wurde.
Nur immer auf der sicheren Seite sein.
Oft wird gesagt, Prediger sollten sich an dieser Areopagrede ein Vorbild nehmen. Die Art und Weise, wie Paulus sich vorbereitete, sei meisterhaft. Aber was auf seine Einleitung folgt, die die Menschen ja im Grunde tatsächlich dort abholt, wo sie sich befinden, nämlich in einer großen Unsicherheit darüber, wie ihnen welcher Gott nun eigentlich gesonnen ist, ist alles andere als das, was wir heute von vielen Kanzeln hören.
Paulus zieht klare Grenzen. Das ist eigentlich ein Unding nach heutigen Maßstäben. Denn danach ist Gott doch der liebe Gott, der Niemandem etwas zu Leide tut, sondern alle willkommen heißt, egal, was in ihren Herzen vorgeht.
Aber Paulus findet da andere, sehr deutliche Worte: „Gott hat über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun.” - d.h. alle Menschen auf der ganzen Erde sollen umkehren und sich Gott zuwenden – dem Vater Jesu Christi.
Buße, das heißt eben nicht nur mal in sich gehen, sondern es heißt, sich zu dem lebendigen Gott bekehren, eben dem einen, der Himmel und Erde gemacht hat, der über beiden Herr ist, der nicht in Tempeln wohnt, die mit Händen gemacht sind, der jedermann Leben und Odem und alles gibt, und der sich auch nicht dienen lässt, weil er keinen Dienst braucht. Gott muss nicht von uns versorgt werden, er lebt nicht davon, dass wir ihn anbeten, sondern er lebt aus sich selbst, weil er alles in allem ist.
Da mag man natürlich auch fragen, warum wir eigentlich Gottesdienst feiern – denn auch das ist doch ein Dienst an Gott und nach diesen Worten des Paulus völlig überflüssig. Ich möchte jedoch das Wort „Gottesdienst” ganz anders verstehen. Nicht wir dienen Gott, sondern Gott dient uns: er wendet sich uns im gemeinsamen Gottesdienst zu, was wir besonders in der Feier des Abendmahls erfahren können. Da dienen nicht wir Gott, sondern er dient uns. Und das hat er ja auch getan, als er sich ans Kreuz schlagen ließ um unserer Sünden willen.
Unser Gottesdienst hilft uns, den Dienst Gottes an uns wahr zu nehmen und anzunehmen.
Und dann ist der Gottesdienst nur unsere Antwort, unser Dank für Gottes Handeln an uns.
Paulus nimmt die griechische Philosophie auf, indem er sagt: „In Gott leben, weben und sind wir, wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts.” Es ist ein Lehrgedicht, das bereits über dreihundert Jahren vor seiner Zeit entstand. Man nennt das Pantheismus, wenn Gott in allen Dingen gegenwärtig ist, sie durchdringt und auf diese Weise heiligt.
Paulus entwickelt aus diesem Gedanken die Erkenntnis über den unbekannten Gott weiter: wenn wir göttlichen Geschlechts sind, dann kann unmöglich das, was wir mit unseren Händen
herstellen, über uns stehen. Die Götterbilder können nicht Götter sein, sie können auch nicht die Götter in irgendeiner Form verkörpern und ebensowenig ihre Gegenwart in den Tempeln garantieren. Das Anbeten der Götterbilder kann darum nicht helfen, es führt zu nichts.
Auch das erinnert mich an die Situation vieler Menschen in Indien, und ich kann mir denken, dass die ersten Missionare, die sich vor Jahrhunderten dorthin aufmachten, sich ganz wie Paulus auf dem Areopag gefühlt haben, nachdem sie die vielen Götterbilder in den zahlreichen Tempeln und an den Straßen gesehen hatten. Auch sie stellten sich auf die Marktplätze und begannen davon zu sprechen, dass die Götterbilder unmöglich Gott fassen können.
Aber das ist dann doch etwas zu kurz gegriffen. Zumindest wenn man gelehrte Hindus fragt, dann werden sie antworten, dass das Götterbild nur eine Hilfe ist, den wahren Gott anzubeten, der in seiner Form ganz frei ist und sich nicht an Ort oder Zeit binden lässt. Gott scheint gewissermaßen durch das Götterbild hindurch, aber es ist nicht Gott.
Genauso nutzen wir ja auch z.B. die Kruzifixe hier in unserer Kirche: sie erinnern uns an das Handeln Gottes, das zwar in Jesus Christus sehr konkret und abbildbar wurde, aber weit über jede Darstellung hinaus geht. Die Darstellung, das Bild hilft uns, die Liebe Gottes nachzuvollziehen, aber sie ist nicht die Liebe Gottes.
Und dann passen die Worte des Paulus plötzlich nicht mehr. Es kann mit der besten Logik nicht weitergehen, und das muss Paulus auch in seiner Rede auf dem Areopag erkennen.
Er kann noch nicht einmal mehr den Namen „Jesus Christus” nennen, und vielleicht will er das auch nicht, weil man sich vielleicht schon sein Bild von Jesus Christus gemacht hatte und das ganz anders aussah, als es eigentlich aussehen sollte. Und so spricht Paulus nur von „einem Mann, den Gott von den Toten auferweckt hat.”
Genau an dieser Stelle ist es mit der Kunst der Predigt des Paulus vorbei. Die Auferstehung treibt einen Keil in die Zuhörerschaft. Bei den einen weckt sie verborgene Hoffnungen, bei den anderen Argwohn und Skepsis, ja, sogar Spott.
Die Realität des Todes ist allen gegenwärtig, auch was aus den Toten wird. Niemand hat je einen Menschen von den Toten erwachen sehen, aber man weiß, dass sie alle verrotten und nichts bleibt, was wieder lebendig werden könnte – es sei denn in den Pflanzen, die aus der Erde wachsen, in der die Menschen begraben wurden. Warum sollte man da einem Fremden glauben, der von einem unbekannten Menschen behauptet, dass er von den Toten auferstanden sein?
Vielleicht machte es da auch „Klick” bei den Zuhörern: ach, das ist auch einer von diesen Jesuanern. Da sind wir uns doch schon längst einig geworden, dass das alles Humbug ist, weil das mit der Auferstehung unmöglich wahr sein kann.
Und so beginnen einige, Paulus zu verspotten: Wir dachten, Du würdest uns etwas Neues verkünden, und jetzt kommst Du mit Kinderkram!
Andere sind etwas sensibler, sie versprechen, später noch einmal zu zu hören, aber das bedeutet ja doch meist nur: du kannst lange warten, bis du wieder zu uns sprechen darfst. Du hast deine Chance gehabt. Aber wir wollen nicht unhöflich sein, darum stellen wir eine zweite Chance in Aussicht – in ferner Zukunft.
Aber dann ist doch einiges auf fruchtbaren Boden gefallen, und die Saat ging auf, unmittelbar durch diese Rede, oder eigentlich besser gesagt: durch den Heiligen Geist, denn die Apostelgeschichte ist ja eigentlich nicht eine Geschichte der Apostel, sondern des Heiligen Geistes, wie er unter den Menschen wirkt und das Evangelium langsam, aber stetig über den ganzen Erdkreis ausbreitet.
Und so sind da einige, wenige, die mehr wissen wollen, die sich Paulus anschließen, als er – vielleicht enttäuscht – sich abwendet und wieder seiner Wege gehen will.
Der letzte Vers unseres Predigttextes bietet da auch noch eine Besonderheit: „Einige Männer”, so heißt es, „schlossen sich ihm an und wurden gläubig: unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat (des Areopag), und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.”
„Einige Männer” sagt er, und dann nennt Lukas nur einen Mann und eine Frau neben einigen anderen, die unbekannt bleiben. Vielleicht waren die Übrigen alle Männer, aber warum nennt er dann nur einen Mann und eine Frau mit Namen?
Es wird ganz automatisch aus seiner Feder geflossen sein, aber es ist doch merkwürdig, dass am Anfang des Satzes diese eine Frau sogleich unter den Tisch fällt, obwohl man sie mit Namen kennt. Er hätte ja auch sagen können: ‚Einige Männer und Frauen schlossen sich ihm an.’ Dabei ist das ja gerade das Besondere, was für mich die Apostelgeschichte so interessant macht: Dies sind Personen, die man kannte – sonst wäre die Nennung ihrer Namen nicht nötig und auch nicht möglich gewesen. Dionysius und Damaris, sie beide hatten sich in der damaligen Zeit unter den Christen einen Namen gemacht. Vermutlich hatten beide in ihren Häusern eine Gemeinde gegründet und geleitet, und wahrscheinlich hatten sie die Verkündigung des Evangeliums auch auf den Marktplätzen fortgeführt. Die Gemeinde in Athen wenigstens wusste, wer gemeint war, wenn man von Dionysius und Damaris sprach.
Von Dionysius wissen wir, dass er der erste Bischof von Athen wurde, also tatsächlich eine bedeutende Stellung innerhalb der frühen Christenheit einnahm.
Von Damaris weiß man nicht mehr, und dass sie später zur Frau des Dionysius gemacht – ich will nicht sagen: degradiert – wurde, zeugt eigentlich nur davon, wie schnell die Emanzipationswelle, die durch das Evangelium ausgelöst wurde, verebbte.

Das Evangelium ist eine Herausforderung, die nur wenige Menschen annehmen. Das erfahren wir auch heute, oder vielleicht besonders heute. Ich denke, dass die Situation des Paulus damals in Athen der unseren heute so ähnlich ist wie zu kaum einer anderen Zeit. Die meisten Menschen wollen sich nicht in ihren Glauben hinein reden lassen, sie haben es sich bequem zurecht gemacht. Da ist kein Raum für Buße, denn Gott liebt ja jeden und alles, und da gibt es auch kein Gericht, denn es ist uns durch die Taufe ja sowieso schon alles vergeben. Da kann mir niemand vorschreiben, ich müsse an den Gottesdiensten teilnehmen, denn Gott kann ich überall erfahren, dazu muss ich nicht am Sonntag morgen früh aufstehen.
All diese Aussagen haben etwas Wahres an sich, aber es sind nur Halbwahrheiten. Denn der Glaube ist keine Privatsache. Von Anfang an war der christliche Glaube eine Sache der Gemeinschaft, des Miteinanders, das sich zwar auf vielfältige Weise ausdrückt, aber im Gottesdienst für alle deutlich sichtbar wird. Ohne die Gemeinschaft mit anderen ist der christliche Glaube nutzlos.
Und immer wieder wünsche ich mir, dass wir uns öfter die Zeit nähmen, um in uns zu gehen und uns neu ausrichten zu Gott hin, der allein Leben schenken kann. Denn unser Gott ist kein Weichspül-Gott, der allen irgendwie, egal wie, gerecht wird. Er ist vielmehr der Gott, der ganz konkret in unsere in Sünde verstrickte Existenz hinein gewirkt und die Bande der Sünde zerrissen hat, damit wir frei werden zu einem Leben in der Gottes- und der Nächstenliebe.
Das Evangelium fordert uns heraus – es ist kein bequemes Ruhekissen. Und ein Teil der Herausforderung ist, dass wir wie Paulus hingehen und weitersagen, was wir an uns erfahren haben: dass Gott will, dass wir nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben.
Dass nicht alles auf fruchtbaren Boden fällt, damit müssen wir rechnen. Wir dürfen aber auch darauf vertrauen, dass der Heilige Geist seinen Teil dazu beiträgt, dass das, was wir tun und sagen, seinen Weg findet und Neues entstehen lässt – eine Gemeinde, die getragen und geleitet wird eben von diesem Heiligen Geist, der derselbe ist wie damals vor fast 2000 Jahren.
Amen
oder
Liebe Gemeinde!
Die Geschichte der Apostel ist das wohl spannendste Buch in der Bibel überhaupt. Viele Menschen haben sich das Handeln der Apostel zum Vorbild genommen und ähnlich wie sie in sogenannten heidnischen Ländern das Evangelium verkündigt. Über die Methoden, die dabei angewandt wurden, will ich mich hier nicht auslassen, aber eins wissen wir aus der Apostelgeschichte: das Evangelium wurde immer nur angeboten, nie aber aufgezwungen. Dieses Angebot konnten die Zuhörer annehmen oder verweigern - es blieb ihnen überlassen.
Hier haben wir nun Paulus, einen beeindruckenden Mann. Der größte Teil der Briefe, die im sogenannten Neuen Testament zu finden sind, stammt von ihm.
Er ist ein großer Theologe. Und darum fiel es ihm wohl auch nicht schwer, den Griechen, die selbst geübt waren im philosophischen Denken, das Evangelium auf eine ansprechende Weise nahezubringen.
Der unbekannte Gott - das ist der Ansatzpunkt. Offensichtlich waren die Griechen schon auf dem richtigen Weg, es fehlte nur noch die Erkenntnis, wer dieser unbekannte Gott nun eigentlich ist. Und diese Erkenntnis sollten sie durch die Predigt des Paulus gewinnen.
Dass Paulus dabei nicht ganz so erfolgreich war, wie man das vielleicht erwartet hat, sei erstmal dahin gestellt. Ich will aus seiner Rede nur einen Gedanken herausnehmen, einen Satz, der mir an diesem Tag besonders wichtig erscheint. Er sagt: Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.
Wir haben in unserer Gemeinde eine Webgruppe, die sich über diesen Satz vermutlich freuen würde. Aber vielleicht wissen Sie ja auch, dass von dem Weben am Webstuhl hier gar nicht die Rede ist.
Martin Luther hat es damals so übersetzt, weil ihm dieses Wort passend erschien. Es vermittelt die Unermüdlichkeit einer Spinne, die ihr Netz webt und dabei auch immer wieder von vorne anfängt, wenn das Netz mal zerstört wird.
Das Wort weben vermittelt überhaupt eine unablässige Tätigkeit, ein unermüdliches Wirken, aus dem am Ende eine schönes Ganzes entsteht.
Mir fällt dabei noch etwas anderes ein: unser Lebensweg wird zu einem langen Faden, der sich einfügt in ein großes Tuch, das man vielleicht »die Schöpfung Gottes« nennen könnte. Somit ist unser Leben Teil des Vorgangs, der dieses Tuch entstehen lässt: wir weben mit an der Schöpfung Gottes. Wir sind mit ihr verwoben. Das wird niemand abstreiten können, denn niemand kann sich aus dieser Schöpfung ausklinken. Wir gehören dazu, und je länger unser Leben dauert, um so stärker ist unsere Verbindung mit ihr.
Der Meister aber, der dies alles zu einem wunderschönen großen Ganzen zusammenfügt, ist Gott selbst.
Also alles, was wir tun, denken und fühlen, geschieht in Gott - Gott »umfängt« alles. Man kann sich eigentlich gar nicht so recht vorstellen, was das bedeutet, denn Gott umfängt ja sogar unsere Vorstellung.
Er ist jenseits davon, und doch unendlich nah: wir weben in ihm, wir sind auch mit ihm verwoben. Ein schöner Gedanke.
Paulus steht da also auf dem Aräopag, einem zentralen Platz, auf dem schon viele vor ihm gestanden hatten.
Die Erzählung ist in einer Hinsicht typisch für ihre Zeit: es scheint so, als ob nur Männer damit zu tun hätten. Paulus redet diese Männer an: Ihr Männer von Athen... Und am Ende heißt es dann, dass sich einige Männer ihm anschlossen.
Und dann kommt das merkwürdige: Von den Männern werden nur zwei namentlich genannt, und einer von ihnen ist ... eine Frau.
Sie heißt Damaris. Ich wette, diese Frau war damals, nachdem sie Christin geworden war, außerordentlich bekannt geworden aufgrund ihrer Mitarbeit in der christlichen Gemeinde in Athen. Sonst hätte Lukas, der diese Geschichte aufgeschrieben hat, es doch sicher nicht für nötig gehalten, ihren Namen zu erwähnen. Er hätte sich ja gar nicht mehr an sie erinnert!
Nein, wenn man einen Namen im Kopf hat, dann doch deswegen, weil man der Trägerin dieses Namens schon öfter begegnet ist, weil sie einen beeindruckt hat auf irgendeine Art und Weise, oder weil man oft von ihr gehört hat.
Und da steht nun Damaris neben Dionysius, einem aus dem Rat, einem angesehenen Mann also. Sie taucht aus dem Nichts auf und verschwindet - für uns - im Nichts. Denn sie wird nirgendwo sonst wieder erwähnt.
Aber sie ist wichtig. Denn sie unterstreicht, was Paulus in seiner Rede kurz zuvor zum Ausdruck gebracht hat:
es hat etwas Neues angefangen. Gott hat das Blatt gewendet. Es geht nicht mehr so weiter wie bisher.
Die Frau ist nicht mehr dem Mann untergeordnet. Es ist zwar noch immer nicht in aller Bewusstsein, dass Männer nicht die Krone der Schöpfung sind, sondern der Mensch, den Gott als Mann und Frau schuf. Aber diese Tatsache wurde damals erstmals ins Bewusstsein gerückt, weil Jesus selbst immer beide, Mann und Frau, in gleicher Weise respektiert hat. Allein das war ja schon etwas Neues.
Es ist gut, und wir können darüber froh sein, dass das damals trotz der starken Männerdominanz immerhin noch bemerkt wurde.
Für uns ist dies eine wichtige Erinnerung: Vor Gott gibt es keine Qualitätsunterschiede. Gott liebt uns alle in gleicher Weise, und er will, dass wir entsprechend leben und handeln. Dazu ermutige uns seine Liebe.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Wir danken dir, Herr Jesu Christ (EG 107)
Mit Freuden zart zu dieser Fahrt (EG 108)
Gelobet sei der Herr (EG 139)
Gott ist gegenwärtig (EG 165)
Nun jauchzt dem Herren, alle Welt (EG 288)
Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut (EG 326)
Such, wer da will, ein ander Ziel (EG 346)

Predigtvorschläge zu Reihe IV - 1. Mose 1, 1-4a(4b-25)26-28(29-30)31a(31b); 2, 1-4a

Liebe Gemeinde!
Wie ist die Welt entstanden? Die meisten Menschen, auch Christen, würden heute ganz selbstverständlich auf diese Frage antworten: alles hat mit dem Urknall begonnen.
Das ist eine wissenschaftlich fundierte These, die sich die Mehrheit der Menschheit heutzutage zu eigen machen. Auf den Urknall folgt dann die Milliarden Jahre dauernde Evolution, aus der – vielleicht einzigartig auf unserer Erde – der Mensch hervorgeht.
Die Chance, dass es Planeten wie diese gibt, auf denen nach unseren Maßstäben Leben möglich ist, ist schon recht gering. Die Möglichkeit, dass wir jemals solche Planeten besuchen werden, ist nach unserem Wissen nicht existent.
Der Urknall: das ist, stark vereinfacht gesagt, eine ungeheure Menge an Energie, die explosionsartig eine ebenso ungeheure Menge an Masse entstehen lässt.
Es gibt verschiedene Theorien, wie es von dort weiterging. Für den Urknall selbst wird nur festgestellt, dass die uns bekannten Naturgesetze da noch nicht wirksam waren, sondern erst kurz nach dem Urknall in Kraft traten – allerdings wohl sehr kurz danach.
Milliarden Jahre später war die Erde so weit, dass auf ihr Leben entstehen konnte, und zwar zunächst die Pflanzen (die im Wasser ihr Dasein begannen, dann aber bald auch auf's Land wanderten), wenig später dann Mikroben. Es dauerte eine Weile, bis die ersten komplexeren Lebewesen mit Skelett, ebenfalls im Wasser, entstanden. Das wären dann Krebse und Fische. Schließlich hatten die Pflanzen an Land eine Atmosphäre geschaffen, die Leben außerhalb des Wassers ermöglichte, was dann auch die Entstehung solcher Lebewesen auslöste.
Am Ende der Entwicklung stand der Mensch.

Wenn man sich das so anhört, dann kann man wohl staunen, wie groß die Übereinstimmung mit dem biblischen Bericht ist. Eigentlich passt alles, bis auf einige wenige Details, die man aber nicht als Fehler bewerten muss. Denn diese Abweichungen geben Antworten auf Fragen, auf die die Physiker und Evolutionstheoretiker bis heute keine Antwort wissen, sondern höchstens Theorien entwickeln können. Es ist gut möglich, dass sie nie eine schlüssige Antwort auf diese Fragen finden werden.
Da ist vor allem die Frage, wo die ungeheure Energie herkam, die am Anfang des Universums stand. Die Bibel antwortet darauf nahezu lapidar: es ist das Wort Gottes. Denn es heißt dort: Gott sprach: es werde Licht.
Licht ist der Ausfluss geballter Energie. Unsere Sonne produziert so viel Energie wie über eine Billion Atomkraftwerke zusammen. Und das ist nur ein minimaler Bruchteil der Energie, die wohl am Anfang des Universums existierte. Das Licht der Sonne scheint uns jeden Tag und macht unsere Herzen froh, je wärmer es scheint.
„Es werde Licht” – da ist die Energie des Urknalls, da ist ihr Ursprung: In Gottes Wort.
Damit begann die Existenz der Naturgesetze. Die Bibel berichtet, wie die Erde entstand, das Wasser nicht konfus durcheinanderwirbelte, sondern sich zum Meer sammelte, während trockenes Land den Boden für das irdische Leben bereitete. Pflanzen entstanden auf der Erde, die die Lebensbedingungen formten, und es entstanden nach und nach die verschiedenen Arten von Lebewesen – fast genau so, wie es die Evolutionstheorie beschreibt.
Nur mit dem Unterschied, dass bei jedem Schritt Gottes Wort vornean steht: „Es werde...”
Dass die Reihenfolge nicht 100%ig mit den Vorstellungen der Evolutionstheorie übereinstimmt, mag man verzeihen – immerhin wurde der biblische Schöpfungsbericht vor rd. 2500 Jahren geschrieben, lange bevor Charles Darwin geboren wurde.
Eines ist wohl sicher: wenn wir heute einen Schöpfungsbericht schreiben wollten, dann würde er wohl auch mit der Aussage beginnen, dass Gott selbst der Auslöser des Ganzen gewesen ist. Damit haben wir die Antwort auf die Frage, was denn am Anfang diese Unmenge an Energie hervorgebracht hat. Und auch sonst sähe der Bericht nicht viel anders aus als der, den wir am Anfang unserer Bibel finden.
Nur in einem sind sich wohl die meisten Christen und vor allem die Evolutionisten einig: Das mit den sieben Tagen geht überhaupt nicht.
Wie sollte die Welt in sieben Tagen geschaffen worden sein? Archäologische Funde beweisen eindeutig, dass sich die Erde über Milliarden von Jahren entwickelte und Lebewesen und Menschen erst in den letzten Sekunden der Weltentwicklung entstanden, würde man die gesamte Zeit der Erdexistenz in einen 24-Stunden-Zeitraum pressen.
Diese sieben Tage sind der Grund, warum der biblische Bericht häufig belächelt wird und man Menschen, die daran glauben, dass Gott hinter der Entstehung des Universums steckt, für naiv, wenn nicht dumm, hält.
Dabei sind diese sieben Tage überhaupt nicht das Entscheidende in Bezug auf den Schöpfungsprozess. Vielmehr tritt zur Erschaffung der Welt etwas, das da eigentlich nicht reinpasst: die Erschaffung des Ruhetages.
Man stelle sich vor, man wollte den Ruhetag nach dem Evolutionskalender einrichten. Es gäbe wohl gar keinen, aber nur mal die Zeit von der Entstehung der Erde bis zum ersten Menschen genommen, würden wir auf etwa 4,5 Milliarden Jahre kommen. Also gäbe es alle 4,5 Milliarden Jahre einen Ruhetag.
Ich glaube, da würden die Gewerkschaften heftig protestieren, auch wenn dieser Ruhetag im Verhältnis dann vermutlich rd. 750 Millionen Jahre lang wäre (da würde dann die Arbeitgeberseite auf die Barrikaden springen).
Als vor 2500 Jahren dieser Schöpfungsbericht entstand, ging es darum, eine soziale Komponente in das menschliche Dasein einzufügen und sie mit der Autorität Gottes zu untermauern. Erholung von der Arbeit, Entspannung, Ruhe.
Wir alle wissen, wie wichtig es ist, solch einen Ruhetag zu haben. Man kann nicht immer nur durcharbeiten. Und doch ist es so gewesen, viele Jahrhunderte, ja, Jahrtausende lang. Die Menschen mussten sich abrackern, Tag für Tag, ohne Pause, oft auch, um ihren Herrschern die Kornspeicher und die Schatzkammern zu füllen. Das war so in den vielen Hochkulturen der damaligen Zeit, in Assur, in Babylonien, in Ägypten, in Indien, bei den Griechen und im römischen Reich, bei den Germanen usw. Zwar gab es Feiertage, aber die waren unregelmäßig verstreut und boten nicht immer auch die Möglichkeit der Entspannung und Ruhe.
Einzig das jüdische Volk und später die Christenheit kannten diese Einrichtung der 7-Tage-Woche, die einen Ruhetag enthält, der für alle verbindlich ist. Inzwischen hat sich dieses System in der ganzen Welt durchgesetzt.
Was für eine Errungenschaft, schon vor 2500 Jahren!
Heute redet man von dem sogenannten Wochenende, obwohl es eigentlich Wochenende und Wochenanfang zugleich ist, denn der siebte Tage, den wir aus dem Schöpfungsbericht kennen, ist der Sabbat, also der Sonnabend, während der Sonntag der erste Tag der Woche ist. Unsere Gewerkschaften haben es geschafft, für einen Großteil der Bevölkerung die 5-Tage-Woche durchzusetzen. Für mich gab es damals selbstverständlich noch am Sonnabend Schulunterricht, und die meisten Fabriken schalteten erst am Sonnabend mittag ihre Maschinen ab.
Der Sonnabend, d.h. der Sabbat, der eigentliche Ruhetag, war bei uns also lange Zeit noch ein Arbeitstag, denn für uns Christen wurde der erste Tag der Woche als Tag der Auferstehung Christi so wichtig, dass er der primäre Ruhetag wurde. Am Prinzip der 7-Tage-Woche halten wir fest, nur eben nicht mit dem siebten Tag als Ruhetag, sondern dem ersten Tag.
Ruhe – das drückt sich bei vielen dann durch langes Ausschlafen aus. Aber eigentlich war der siebte Tag der Woche – oder heute der erste Tag – für etwas anderes bestimmt: Gott zu loben und zu danken für seine Wunder, die wir überall entdecken können, die uns ja gewissermaßen entgegen springen.
Die Natur erzählt beständig von den Wunderwerken Gottes, unsere Existenz ist an sich schon ein Wunderwerk. Da kann man eigentlich nur staunen! Und dazu (zum Staunen) sollte man sich auch die Zeit nehmen! Es nicht einfach nur verschlafen!
Gott, der Allmächtige und Ewige, hat diese Welt großartig gemacht. Er hat ihr eine Ordnung gegeben, er hat sie mit einer immensen Vielfalt beschenkt. Auch wenn er nur die Grundlagen dafür gelegt haben sollte – es ist doch sein Wille, der diese Welt ins Leben gerufen hat durch sein Wort, und er ist es, der das Zusammenleben so vielfältiger und unterschiedlicher Geschöpfe ermöglicht.
Als Wissenschaftler würde man sich mit solchen Aussagen natürlich nicht zufrieden geben. Man würde versuchen wollen, herauszubekommen, wer oder was Gott ist. Man würde versuchen, den Ursprung der massiven – man sagt übrigens „unendlichen” - Energie, die da am Anfang unseres Universums existierte, zumindest theoretisch zu definieren.
Aus Sicht der Wissenschaft sind die Aussagen der Bibel rückständig, weil sich die Existenz Gottes nicht beweisen lässt. Ich würde das Gegenteil sagen. Denn wir haben bereits eine Antwort auf die Frage nach dem Ursprung dieser unendlichen Energie – die Schöpfung, die ganze Welt, das Universum ist der Beweis für die Existenz Gottes.
Gott, der Allmächtige, redet und ruft der Welt zu vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang! (Ps 50, 1) Überall können wir seinen Ruf hören! Immer, wenn wir beginnen zu staunen, hören wir ihn.
Wenigstens einmal in der Woche, jeden Sonntag, können wir auch darauf antworten – in unseren Gottesdiensten, mit unserem Lobgesang, mit unseren Gebeten.
Natürlich auch in der Woche, aber dieser Tag ist ja ganz besonders dem Lob Gottes gewidmet. Die Möglichkeit, sich in der Gemeinschaft aller Gläubigen zu sammeln und gemeinsam das Lob Gottes zu singen und seinen Namen zu preisen, ist das Geschenk, das Gott uns gemacht hat – schon vor 2500 Jahren.
Wir sollten es nicht achtlos links liegen lassen, sondern immer neu dankbar ergreifen. Denn durch diese Möglichkeit erfahren wir die Nähe und die Liebe Gottes auf ganz besondere Weise.
Amen

oder
Liebe Gemeinde,
Jeden Morgen mache ich einen Rundgang durch den Garten. Es ist aufregend, zu sehen, wie wieder die Blumen ein Stück weiter gewachsen sind, die Blätter an den Bäumen größer werden und in immer satterem Grün glänzen, und wie sich auch die ersten Blüten bilden. Ja, teilweise sind sie sogar schon wieder verblüht. Die Erdbeeren zeigen zahlreiche Blüten und versprechen reiche Ernte. Da freut sich schon die ganze Familie drauf, auf die Erdbeeren aus dem eigenen Garten.
Manchmal halte ich inne, wenn ich so durch den Garten gehe. Ich frage mich, wie das alles möglich ist. Seit Mitte November waren die Bäume wie abgestorben, die Blumen waren verwelkt, der Boden war viele Wochen kahl und fest gefroren, die Temperaturen weit unter 0°. Es war ein kalter Winter dieses Jahr. Was kann da schon überleben?
Und dennoch beginnt wieder alles zu grünen und zu blühen.
Aber das ist ja noch nicht alles, was es da zu bewundern gibt. Die Hummeln und Bienen fliegen wieder. Die Vögel haben ihre Nester gebaut und suchen nun schon die Nahrung für ihre Jungen. Sehr zu meinem Leidwesen vermehren sich auch wieder die Blattläuse.
Aber wenn man es recht bedenkt: das alles gehört ja aufs Engste zusammen. Ohne die Bienen und Hummeln gäbe es keine Früchte, die Blattläuse liefern den Ameisen Nahrung, die zwar lästig, aber auch sehr nützlich sind. Außerdem erfreuen sich die Marienkäfer an einer guten Mahlzeit, denn sie fressen die Blattläuse wieder auf. Alles greift ineinander über auf wunderbare Weise.
Naturschützer reden vom biologischen Gleichgewicht. Ich rede von den wunderbaren Ordnungen Gottes, die der großartigen Schöpfung Gottes zugrunde liegen. Gott hat das alles so gemacht – das wird mir bewusst, wenn ich mich hinaus begebe in den Garten und die Pflanzen und Tiere beobachte. Denn wie könnte eine solche Ordnung von selbst entstehen?
Wir haben davon vorhin gesungen, mit dem Lied „Geh aus mein Herz und suche Freud“, und ich will auf dieses Lied von Paul Gerhardt nun etwas eingehen:
Geh aus, mein Herz, und suche Freud an deines Gottes Gaben; schau an der schönen Gärten Zier...
Dieser Aufforderung sollten wir so oft wie möglich folgen. Denn so werden uns immer wieder die Wunderwerke Gottes bewusst.
Was mich besonders dabei fasziniert, ist die Schönheit und Vielfältigkeit der verschiedenen Blüten. Nicht immer lässt sich diese Schönheit damit erklären, dass bestimmte Insektenarten angezogen werden sollen. Und wenn das so ist, dass es nichts damit zu tun hat, dass bestimmte Insekten angezogen werden sollen, Dann ist es sicher nicht verkehrt, wenn man glaubt, dass Gott diese Schönheit für uns geschaffen hat, so wie Paul Gerhardt es in seinem Lied besingt: „wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben.“ schlicht und ergreifend für uns, damit wir uns daran erfreuen können.
Über viele Strophen stellt der Dichter dann die Wunder der Natur vor, die einen staunen lassen und dazu bewegen, die Hand Gottes zu erkennen. Dass wir Gott darum unser Lob singen, ist nur richtig, ja, eigentlich können wir gar nicht anders:
„Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinnen; ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen.“
Doch dann, in den weiteren Strophen, wird nun diese Schöpfung zum Anstoß dafür, darüber nachzudenken, wie wohl das Himmelreich, das Paradies, aussehen wird.
Die Schönheit der Natur kann ja nur ein Abglanz sein dessen, was dort ist – denn im Himmelreich ist ja die Fülle Gottes, dort ist alles vollkommen.
Wie mag das wohl aussehen? Wir können es uns kaum vorstellen. Auch der Gesang der Engel, das ewig andauernde Halleluja, entzieht sich unserer Vorstellungskraft.
Und dann drängt sich vielleicht auch die Frage auf: wie könnten wir dort hineinpassen? Wie könnten wir mit unseren schwachen, unvollkommenen Stimmen teilhaben an diesem Engelschor? Und wie könnten wir mit unserem schwachen, unvollkommenen Körper dort, in dieser vollkommenen Welt, einen Platz finden?
Nun, da hilft uns der Wochenspruch vielleicht ein bisschen weiter: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das alte ist vergangen, siehe, neues ist geworden.“
Wir sind in Christus, und darum sind wir auch neue Kreaturen, neue Geschöpfe Gottes. Das lässt sich jetzt zwar noch nicht so richtig wahrnehmen, weil wir gebunden sind an diesen Abglanz der Herrlichkeit. Wir sind noch irdisch. Doch es kommt die Zeit, da alle, die in Christus sind, diese Verwandlung zur Vollkommenheit erfahren. Darauf dürfen wir uns freuen, und dessen dürfen wir gewiss sein, denn das ist die Zusage, die Gott uns macht, dass wir neu geboren sind.
Und, wie Paul Gerhardt in einer Strophe, die wir nicht gesungen haben, ebenfalls bemerkt:
„Doch gleichwohl will ich, weil ich noch hier trage dieses Leibes Joch, auch nicht gar stille schweigen; mein Herze soll sich fort und fort an diesem und an allem Ort zu deinem Lobe neigen.“
So gilt unsere Bitte mit dem Dichter, dass Gott in uns Raum schaffe für seinen Geist, damit wir eine gute und schöne Blume sind im Garten Gottes.
Wir sind eine neue Kreatur. Mit den Augen des Glaubens vermögen wir das zu erkennen, und mit diesen Augen erkennen wir darum auch die Schönheit, die Gott schon in uns angelegt hat und die dort im Himmelreich dann zur vollen Entfaltung kommt.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Das ist ein köstlich Ding (EG 285)
Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut (EG 326)
Liebe, die du mich zum Bilde (EG 401)
Gott gab uns Atem, damit wir leben (EG 432)
Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht (EG 506)

Predigtvorschläge zu Reihe V - Joh 16, 16-23a

Liebe Gemeinde!
Abschiedsstimmung – das passt so gar nicht zum Namen dieses Sonntags. Jubilate! Freut euch! Jubelt! Es heißt ja nicht: blast Trübsal.
Aber das ist leichter gesagt als getan. Denn die Situation der Jünger wird trostlos. Das kündigt Jesus ihnen an. Schöne Aussichten sind das: er wird sie verlassen, ja, aus Sicht der Jünger muss man wohl sagen: er wird sie im Stich lassen.
Es war eine gute Zeit gewesen. Drei Jahre hatten sie mit Jesus zusammen gelebt, drei Jahre lang konnten sie ihm zuhören und miterleben, wie er das Reich Gottes durch seine Wunder und durch seine Art und Weise, wie er mit den Menschen umging, sichtbar werden ließ. In seiner Nähe fühlten sie sich geborgen, denn er strahlte Sicherheit aus. Sein Auftreten war überzeugend, und er forderte nichts, was sie nicht auch hätten bewältigen können.
Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen... Jesus spricht damit etwas aus, was sie wohl für unmöglich gehalten hatten. Sie hatten wohl geglaubt, mit ihm alt zu werden, und sie hatten erwartet, dass er sie in das himmlische Jerusalem führen würde.
Noch eine kleine Weile... diese kleine Weile macht Angst. Was soll werden? Wenn er nicht mehr da ist, wie kann es dann weitergehen? Er hatte ihnen doch immer alles gesagt, er hatte sie geführt, er hatte erklärt, was wichtig ist und was nicht. Aber wenn er nicht mehr da ist, wer würde es ihnen dann sagen? Wie konnten sie in Zukunft alleine Entscheidungen treffen? Das schlimmste war ja vielleicht: er hatte sie alle zusammen gehalten, sie konnten sich alle auf ihn ausrichten, aber was sollte ihre Mitte sein, wenn er nicht mehr bei ihnen sein würde? War es vorstellbar, mit den anderen auf gleicher Ebene zusammen zu leben und Entscheidungen zu treffen? Mit dem, der immer so viel überflüssiges Zeug redet, oder mit dem, der keinen Finger rührt, wenn die anderen schuften, oder mit dem, der immer Kontra gibt, egal, ob es passend ist oder nicht? War es vorstellbar, mit dem in einer Gemeinschaft zu bleiben, der ständig angab, was für ein toller Kerl er doch ist, oder mit dem, der ständig nur seine Wunden leckte und nach Mitleid suchte? Nein, eigentlich konnten sie sich das nicht vorstellen.
Aber die drei Jahre waren eine Einübung gewesen in die Zeit, in der sie ohne ihn würden sein müssen. Drei Jahre lang waren sie ja nicht nur zusammen gewesen: sie sind in dieser Zeit geprägt worden, bis aufs Mark. Nun mussten sie lernen, dass es auch ohne ihn geht. Sie mussten lernen, das umzusetzen, was er ihnen immer und immer wieder in seiner liebevollen und verständnisvollen Art vorgegeben und auch vorgelebt hatte.
Und sie haben es gelernt. Sie blieben zusammen, sie fingen an, von ihm zu reden und das weiter zu geben, was er sie gelehrt hatte. Und merkwürdig, sie spürten, dass er gar nicht so weit fort von ihnen war. Denn imm wieder wandten sich Menschen ihnen zu, wollten dazu gehören, weil Jesus sie angerührt hatte, weil er ihr Herz geöffnet hatte. Und sie spürten selbst seine Gegenwart, wenn sie gemeinsam das Brot brachen, wenn sie im Abendmahl seinen Leib und sein Blut zu sich nahmen.
In Wirklichkeit war Jesus also gar nicht richtig fort. Er war mitten unter ihnen, auch wenn sie nicht wirklich hätten beschreiben können, wie.
Es tauchten natürlich immer wieder Fragen auf, die dann in langen, manchmal jahrhundertelangen Diskussionen über die Generationen hinweg beantwortet wurden. Irgendwann wurden diese Antworten dann verbindlich erklärt, denn man hatte das Gefühl, dass man dahinter nicht zurückfallen dürfe. Ob das so richtig ist, kann wohl niemand mit 100%iger Sicherheit sagen. Fest steht jedenfalls, dass heute viele Menschen von der Unbeweglichkeit der Kirche in manchen Bereichen enttäuscht sind, und andere Menschen widerum das Gefühl haben, dass die Kirche Grundsätze aufgibt, die über die Jahrhunderte gewachsen sind und darum eigentlich unaufgebbar sein müssten.
Die Kirche – auch dies eine Institution, die über die Jahrhunderte gewachsen ist, die langsam entstand und deren Form sich offenbar bewährt hat. Sie hat sich über die Jahrhunderte verändert, den Verhältnissen angepasst – aber die Strukturen sind doch im Großen und Ganzen die gleichen geblieben. Heute scheint vielen die Kirche überflüssig. Sie treten aus und meinen, wenn man sie nach ihren Gründen fragt, dass sie auch ohne die Kirche selig werden können. Brauchen wir die Kirche also vielleicht gar nicht?
Damals fing alles ohne jegliche Struktur an. Es war ein bunt zusammen gewürfelter Haufen. Menschen, die von Jesus gerufen worden waren, fühlten sich zusammengehörig, gerade und vor allem durch diesen Ruf. Sie waren nicht organisiert, oder wenn, dann nur ein bisschen. Es gab einen Kassenwart, das wissen wir, aber sonstige Ämter gab es wohl nicht. Die Aufgaben verteilten sich nach den Begabungen, die ein jeder hatte.
Aber ist das heute anders? Damals war es nur eine kleine Gruppe von vielleicht fünfzig bis hundert Personen, mit zwölfen als Kern, die dann natürlich auch mehr oder weniger die Verantwortung übernahmen. Heute sind es etwa 2 Milliarden Menschen, die nach dem Evangelium zu leben versuchen. Manche sind in größeren Kirchen organisiert, von einigen tausend Mitgliedern bis hin zu einigen Millionen, andere in kleineren Gemeinden von einigen Hundert, vielleicht mit einer Art Dachverband, aber ohne einer übergeordneten Institution wie etwa unsere Landeskirche.
Die katholische Kirche, die ja weltweit einheitlich organisiert ist, umfasst etwa 1 Milliarde Christen. Unsere Landeskirche hat rd. xxx Mitglieder. Es ist klar, dass man da Strukturen braucht, die einem helfen, das Gemeinsame zu erhalten, Neues zu bewerten und für alle zu erschließen, sowie Altes abzulegen und zurück zu lassen. Es wäre Unfug, das gleiche Problem in jeder der 417 Gemeinden in unserer Landeskirche durch zu diskutieren, wenn es nicht das gemeindliche Leben unmittelbar angeht. Das kann dann auch ein repräsentativer Kreis, in unserem Fall die Synode, der letztlich eine Entscheidung trifft. Es ist klar, dass so etwas in den teilweise recht großen Institutionen mit dem Namen „Kirche” seine Zeit dauert, aber das Verfahren stellt sicher, dass alle Gemeindeglieder in gleicher Weise davon profitieren können.
„Kirche” bedeutet übrigens nichts anderes als „zum Herrn gehören”. Es kommt also mit diesem Wort zum Ausdruck, worauf wir uns als Mitglieder der Kirche beziehen: auf unseren Herrn Jesus Christus. Wir sind seine Jünger, berufen durch ihn zur Gemeinschaft miteinander.
Jesus hat die Jünger allein gelassen, und doch nicht. In allem, was seit diesen Anfängen begonnen und Gestalt gewonnen hat, hat er selbst ja mitgewirkt. Fest steht auf jeden Fall: die Kirche, das sind wir, jeder einzelne, aber nicht alleine, sondern in der Gemeinschaft. Was in der Kirche daneben geht, nicht richtig funktioniert, das tut es deswegen nicht, weil wir selbst unsere Aufgabe nicht richtig wahrnehmen. Darüber müssen wir uns immer wieder klar werden.
Jesus lässt seine Jünger alleine, und doch sind sie nicht allein. Zwar ist die Erfahrung seiner Nähe oftmals diffus, ungenau, und wer sich auf solch eine Erfahrung beruft, erntet zumindest Zweifel. Von vielen wird man in solch einem Fall sogar wohl eher herablassend oder mitleidig angesehen, denn so etwas zeugt ja wohl von religiösem Fanatismus, und unsere Gesellschaft ist doch aufgeklärt genug, um darüber hinweg zu sein.
Ist sie das? Unsere Gesellschaft hat religiöse Empfindungen zur Privatsache erklärt, man redet nicht darüber, höchstens eben in der Kirche, aber auch das verkneift man sich lieber, denn es ist ja meine Privatsache - so meint man.
Solange christlicher Glaube zur Privatsache erklärt wird, ist das Wesen der Verkündigung Jesu nicht begriffen worden. Denn christlicher Glaube ist auf Gemeinschaft ausgelegt. Er lebt davon, dass man sich mitteilt und dass man miteinander teilt. Das ist überhaupt das Zentrum der Verkündigung.
Jesus hat seine Jünger nicht dazu ermutigt, dass sie sich zurückziehen und jeder für sich seinen Glauben lebt, unabhängig vom anderen, nur zu dem einen Zweck, seine eigenen religiösen Bedürfnisse zu befriedigen. Jesus hat sie dazu ermutigt, in Gemeinschaft zu leben, die Spannungen in der Gemeinschaft auszuhalten und zu tragen, und aus dem, was gegeben ist, das Beste zu machen, indem man nicht ausweicht, sondern Probleme anspricht und gemeinsam Wege sucht, sie zu meistern.
Darum wird Gemeinde ja so genannt, weil sie eben gemeinsam handelt, gemeinsam feiert, gemeisam Gott lobt und gemeinsam betet.
Es ist zwar ein Grund zur Traurigkeit, dass Jesus nicht so unter uns ist, wie er damals bei seinen Jüngerinnen und Jüngern war. Aber so wie die Eltern ihre Kinder irgendwann loslassen müssen, so hat auch er seine Gemeinde losgelassen, damit sie sich selbständig weiter entwickeln kann.
Ob wir jemals das uns gesetzte Ziel erreichen werden?
Ich glaube schon. Jesus sagte: „Ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.” Das ist unser Ziel. Und dieses Ziel erreichen wir nicht mit unserer Kraft. Dieses Ziel kommt uns entgegen. Es ist auf dem Weg zu uns. Jesus kommt, er wird uns wiedersehen.
Fatal wäre nur, wenn wir damit nicht rechnen würden. Denn dann könnte es glatt passieren, dass wir dieses Ziel eben doch verpassen.
Amen

oder

Liebe Gemeinde!
Noch eine kleine Weile
„Ich komme gleich!“ - wie oft haben meine Frau und ich das aus dem Mund unserer Kinder gehört, wenn der Ruf zum Essen erklungen war. Und dann dehnte sich dieses „gleich“ immer weiter und weiter aus. Der zweite Ruf zum Essen wurde in fast gleicher Weise erwidert: „Ja, gleich!“ oder auch „In einer Sekunde!“
Nun, die eine Sekunde wäre auch rein physisch nicht möglich gewesen, denn der Weg zum Esszimmer brauchte schon ein bisschen länger.
Irgendwas hielt sie immer auf, das eine Kind länger, das andere kürzer, aber nur sehr selten war es so, dass wir das Gefühl hatten: ja, das war wirklich ein „gleich“ oder nur eine Sekunde.
Es ist schon merkwürdig mit der Zeit: wenn man sehnsüchtig auf etwas wartet, kriecht sie dahin, und wenn man eigentlich noch mehr Zeit gebrauchen könnte, zerrinnt sie einem zwischen den Fingern.
Dabei sind das alles nur ganz subjektive Eindrücke, denn wir wissen sehr wohl, dass die Zeit nie schneller oder langsamer vergeht. Sie wird genauestens gemessen, der Sekundentakt ist unerbittlich stabil. Und wenn wir uns zu einer bestimmten Zeit verabreden, dann geben wir uns auch alle Mühe, diese Zeit einzuhalten.
Aber nach rund zweitausend Jahren scheint uns das „noch eine kleine Weile“ aus dem Munde Jesu schon ziemlich ungenau zu sein.
Unter einer kleinen Weile würde ich vielleicht ein paar Tage verstehen, höchstens Wochen. Wenn man ganz großzügig sein will, könnte man auch ein paar Jahre daraus machen, aber das würde ich dann bestimmt nicht mehr als „kleine Weile“ bezeichnen.
Und außerdem ist die erste kleine Weile, nach der die angesprochenen Jünger Jesus nicht mehr sehen werden, ja auch nur einen Tag lang. Denn unmittelbar auf diese Worte folgt nur das sogenannte hohepriesterliche Gebet, bevor Jesus dann gefangen genommen und verurteilt wird.
Ein Tag gegen zweitausend Jahre – das passt nicht, das kann man doch nicht mit den gleichen Worten, mit einer „kleinen Weile“, umschreiben.
Und so könnte man schon fragen, was Jesus eigentlich mit einer kleinen Weile meint. Sind das Gottes Maßstäbe, die er da ansetzt? Dann könnte die kleine Weile auch noch einige tausend Jahre andauern, denn Gott ist ja zeitlos, er ist der Ewige, er braucht die Zeit nicht zu messen. Was für uns in tausend Jahren ist, ist ihm längst vor Augen, und tausend Jahre sind vor ihm sowieso nur wie ein Tag und wie eine Nachtwache (Ps 90, 4).
Aber dann dürfte Jesus ja eigentlich auch nicht von einer kleinen Weile reden, denn das ist nun mal gemessene Zeit und nicht Ewigkeit.
Es ist also etwas rätselhaft, diese Rede von der kleinen Weile, und es fällt schwer, zu erkennen, was uns Jesus damit vermitteln will.
Die Jünger sind aber aus anderen Gründen verwirrt. Denn sie ahnen noch nichts von der Gefangennahme ihres Herrn, von seiner Verurteilung und Kreuzigung. Aber auch sie wollen wissen, was das bedeutet: „Noch eine kleine Weile“. Aber sie haben Angst vor seinem Fortsein, vor diesen Worten: „dann werdet ihr mich nicht mehr sehen.“ (Joh 16, 16a)
Doch brauchen sie Jesus gar nicht zu fragen, denn er weiß schon, was sie bewegt.
Seine Antwort ist allerdings wenig hilfreich, zumindest was die Frage nach der kleinen Weile angeht.
...dann werdet ihr mich nicht mehr sehen
Er geht gleich auf das „dann werdet ihr mich nicht mehr sehen“ ein. Diese Worte deuten hin auf all das, was sich seit Jesu Himmelfahrt in der Geschichte der Christenheit ereignet hat und noch ereignet.
Zunächst einmal ist offensichtlich: Wir sehen ihn nicht. Die Nähe Gottes muss geglaubt werden, sie ist nicht beweisbar. Und das hat dann ganz unterschiedliche Auswirkungen:
Menschen haben sich z.B. Gott zu eigen gemacht, um ihren Mitmenschen Angst zu machen und sie so leichter beeinflussen zu können. Sie berufen sich auf Gott, um ihre eigene Autorität zu stärken und sich so Vorteile zu schaffen.
Andere haben sich gänzlich von Gott abgewandt und führen gewissermaßen einen Glaubenskrieg gegen den Glauben. Erst kürzlich ist mir bewusst geworden, dass es einen „Bund der Konfessionslosen und Atheisten“ gibt, der sogar einen Preis an Menschen verleiht, die sich in herausragender Weise um Weltanschauungsfreiheit, Selbstbestimmung und Toleranz, die Förderung vernunftgeleiteten Denkens wie auch nichtreligiöse kulturelle Angebote verdient gemacht haben. Da wird mit anderen Worten ein Preis für das Nicht-Glauben verliehen, und wer nicht glaubt, gilt erst als freier Mensch.
Wieder andere versuchen, Gott gewissermaßen zu rationalisieren: sie wollen beweisen, dass es ihn gibt, und übersehen dabei oft, dass er sich unseren Maßstäben und unserer Vernunft entzieht.
Es hat schon seinen Grund, warum Paulus im Philipperbrief die Worte sagt, die wir in der Regel am Ende einer Predigt hören: „Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ (Phil 4, 7)
Die Vernunft kann Gott nicht fassen. Wie sollten wir ihn dann mit unseren Mitteln beschreiben oder gar beweisen können? Es geht nicht.
Wie gesagt, die Nähe Gottes muss geglaubt werden.
Das fällt allerdings besonders schwer angesichts der Ereignisse, die uns jüngst aufgerüttelt haben: Weit über tausend Menschen im Mittelmeer ertrunken, weil ihr einziger Weg, aus dem Elend des Krieges herauszukommen, illegal ist und darum nur unter Lebensgefahr gegangen werden kann.
Denn es gibt keine andere Möglichkeit für sie. aus dem Elend in ihrem Land heraus zu kommen, weil die Botschaften in den entsprechenden Ländern keine Einreisegenehmigung erteilen, egal, wie kritisch die Lebenssituation dieser Menschen ist.
Es fällt auch schwer, die Nähe Gottes zu glauben, wenn wir hören, dass Menschen ermordet werden, nur weil sie an Jesus Christus glauben.
Was für eine Welt ist das, in der Menschen aufgrund ihres Glaubens getötet werden?
Uns erfüllen solche Nachrichten immer wieder mit Entsetzen, mit Unverständnis und tiefer Trauer – dabei war es in unserem Land nicht anders, vor nur etwas mehr als 70 Jahren, als Juden aufgrund ihres Glaubens systematisch verfolgt und getötet wurden.
Es fällt auch schwer, die Nähe Gottes zu glauben, wenn man nach einer gründlichen Untersuchung die Diagnose Krebs zu hören bekommt. Wenn die darauf folgende Behandlung nicht den gewünschten Erfolg bringt, sondern die Kräfte immer weiter nachlassen und man sich auf den nahen Tod einstellen muss.
Es fällt auch schwer, die Nähe Gottes zu glauben, wenn eine Ehe zerbricht, wenn die eigenen Kinder auf die schiefe Bahn geraten, wenn ein Unfall einen lieben Menschen aus dem Leben reißt, wenn man betrogen wird, wenn das, was man sich von Herzen wünscht, nicht wirklich werden kann.
Das ist die Welt, von der Jesus redet, wenn er sagt: dann werdet ihr mich nicht mehr sehen.
Es ist eine Welt, in der wir eigentlich nur weinen und klagen können, wie Jesus sagt. Eine Welt, in der andere ihre Triumphe feiern und sich freuen, weil es den Anschein hat, als kämen sie ungeschoren davon mit dem himmelschreienden Unrecht, das sie tun.
Es ist eine Welt, in der wir den Grenzen des Menschseins ausgeliefert sind und es schwer fällt, über diese Grenzen hinweg zu schauen, weil sie uns so unerbittlich, so unüberwindbar erscheinen.
...dann werdet ihr mich sehen
Jesus benutzt ein Bild, um den Lauf der Zeit zu erklären: Wenn eine Frau ein Kind gebiert, ist es für sie mit großen Schmerzen verbunden. Es ist gewissermaßen ein Kampf um das Leben, und der Ausgang ist ungewiss, bis das Kind geboren ist.
Damals kam es öfter vor, dass Frauen während oder kurz nach der Geburt starben. Auch die Kinder wurden nicht immer lebend geboren. Dass bei uns die Säuglingssterblichkeit so gering ist, liegt vor allem an den medizinischen Errungenschaften des letzten Jahrhunderts, die uns vollständig zur Verfügung stehen. Und so war die Geburt auch immer ein Bangen um das Leben, eben ein Kampf, für beide, Mutter und Kind.
Doch wenn das Kind dann geboren ist und die Mutter spürt, dass ihre Kräfte zurückkehren, dann ist die Freude groß, ja, sie ist überschwenglich. Es ist das Gefühl der Erlösung, der Befreiung, das sich da mit Macht Raum schafft und überwältigend sein kann. So, sagt Jesus, wird es sein, wenn er wiederkommt, wenn wir ihn wiedersehen. Dann wird sich unser Herz freuen, es wird jubeln! Und dann wird es niemanden und nichts geben, was die Freude von uns nehmen kann, denn dann erkennen wir, dass Gott alles in allem ist (1. Kor 15, 28), und nicht nur wir, sondern die ganze Welt, alle Menschen werden das erkennen.
Dann werdet ihr mich nichts fragen, verheißt Jesus (Joh 16, 23a). Denn dann sind alle Fragen beantwortet, auch die nach dem Grund für all das Leid, das sich in der Welt ereignet.
Noch eine kleine Weile, sagt Jesus, und wir fragen: „Wie lange noch, Herr?“
Denn unsere Fragen sind noch nicht beantwortet, und darum wissen wir, dass diese kleine Weile noch nicht vorüber ist. Gottes Maßstab ist offensichtlich ein anderer, und auch das macht uns betrübt und traurig. Wie lange noch? Wie lange noch ist der Ehrgeiz der Menschen wichtiger als das Leben?
Das Wohltuende an unserem Predigttext ist, zu erfahren, dass Jesus von unseren Fragen und Zweifeln weiß.
Er kennt unsere Not, unsere unerfüllte Hoffnung. Und er sagt nicht: es ist alles gut, weine nicht, denn du hast doch keinen Grund. Er sagt vielmehr: „Ihr habt nun Traurigkeit.“ (Joh 16, 22a) Er kennt unsere Lebenssituation, unsere Fragen, unsere Ängste. Er ist da, auch wenn wir ihn nicht sehen. Er macht uns Mut, durchzuhalten: „noch eine kleine Weile“.
Das ist kein Vertrösten auf den St. Nimmerleinstag, auch wenn es den Anschein hat, sondern ein Hinweis auf den Plan Gottes, durch den diese Welt zu ihrer Vollendung geführt wird. Noch eine kleine Weile – und darum sind wir heute hier, feiern gemeinsam Gottesdienst, danken Gott für alle Bewahrung und bitten ihn, dass er die Trauer in Freude verwandelt, Freude, die ewig bleibt. In diesem gemeinsamen Feiern wird schon etwas sichtbar von dem, was uns verheißen ist. Wir begegnen dem Auferstandenen, wir dürfen die Freude erfahren, dass er da ist.
Ja, wir glauben, dass Gott nahe ist, dass er unsere Sorgen kennt, unsere Irrwege mitgeht, dass er unsere Freude und Wonne ist. Und wir wissen: er kommt. Er ist auf dem Weg zu uns, und wir sind auf dem Weg zu ihm.
Es ist in der Tat nur noch eine kleine Weile – ja, auch wenn wir diese kleine Weile nicht in den vergangenen zweitausend Jahren wiedererkennen können, so ist es für Gott doch tatsächlich nur eine kleine Weile. Und wenn Jesus uns mit solchen Worten tröstet, dann tut er das, um uns Mut zu machen, so zu leben, als wüssten wir:
Morgen ist es so weit, morgen sehen wir ihn in all seiner Herrlichkeit, morgen wischt er ab alle Tränen von unseren Angesichtern, morgen hat alle Ungerechtigkeit ein Ende!
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Mit Freuden zart (EG 108)
Frühmorgens, da die Sonn aufgeht (EG 111)
Auf, auf, mein Herr, mit Freunden (EG 112)
Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt (EG 154)
Ist Gott für mich, so trete (EG 351)
Warum sollt ich mich denn grämen (EG 370)
Jesu, meine Freude (EG 396)
In dir ist Freude (EG 398)

Predigtvorschläge zu Reihe VI - 2. Kor 4, 14-18

Liebe Gemeinde!
Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben - ein fröhliches Lied, das uns allen leicht von den Lippen geht. Paul Gerhard, der so tiefgehende Lieder wie »Befiehl du deine Wege« geschrieben hat, ist der Autor auch dieses Sommerschlagers, von dem uns meist nur die ersten Strophen vertraut sind, weil diese Strophen das besingen, was uns am nächsten ist, nämlich Gottes Schöpfung, so wie wir sie täglich um uns herum erfahren. Dabei folgen auf die ersten 8, die die bekanntesten sind, noch 7 weitere Strophen, die den Ausblick auf die Welt Gottes eröffnen, deren Herrlichkeit wir hier, in unserer Welt, nur erahnen können.
Die 8. Strophe ist gewissermaßen der Angelpunkt, an dem sich die Betrachtung des Liedes von dieser Schöpfung weg der neuen Schöpfung Gottes im Himmel zuwendet. Wir haben gerade die 9. Strophe gesungen:
Ach, denk ich, bist du hier so schön
und lässt du's uns so lieblich gehn
auf dieser armen Erden:
was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnen Schlosse werden.

Wir können nur ahnen angesichts der Schönheit der Natur, wie wunderbar das Himmelreich ist, das Reich Gottes. Wie schön muss es dort sein. Die Natur ist von dieser wunderbaren Schönheit nur ein Abglanz. Immerhin aber können wir diesen Abglanz schon sehen. Unser Predigttext spricht das an, was wir in der Schöpfung zwar erahnen, aber noch nicht sehen können. Er steht im 2. Brief des Paulus an die Korinther im 4. Kapitel:
Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig. (2. Kor 4, 16-18)
Wir sehen es ja auch in der Natur: jede Blume verwelkt. Jeder Baum stirbt, auch wenn es manche gibt, die viele hundert Jahre alt werden. Das Leben von Menschen und Tieren ist begrenzt. Niemals werden wir in der Lage sein, diese Tatsache zu ändern. Die Zeit setzt uns unsere Grenze. Wir sind in ihr gefangen.
Weil die Zeit fortschreitet, wachsen wir. Weil die Zeit fortschreitet, altern wir. Weil die Zeit fortschreitet, sterben wir. Zeit heißt: alles hat einen Anfang, und alles hat ein Ende.
Dieser Beobachtung stellt Paulus die Ewigkeit gegenüber. Die Ewigkeit hat keinen Anfang und kein Ende, und darum: wer in der Ewigkeit lebt, stirbt nicht, weil es dort keinen Anfang und kein Ende gibt. Jesus Christus hat uns durch seinen Tod und durch seine Auferstehung das Tor in diese Ewigkeit geöffnet. Weil wir dies glauben, können wir auch von der Ewigkeit reden.
Reden schon, aber es ist doch schade, denn von der Ewigkeit scheinen wir ja nichts zu haben. Offensichtlich ist unser Leben begrenzt, wir leben in der Zeit und nicht in der Ewigkeit; die scheint erst vor uns zu liegen. Man könnte sagen, dass die Erde uns zu sich zieht. Wir sind mit der Erde verbunden und nicht mit dem Himmel. Das erkennen wir daran, dass wir im Tod wieder zu Erde werden. Wir erkennen es am Kreislauf der Natur, der uns Leben und Sterben so deutlich vor Augen führt, dass die Ewigkeit für uns nicht erreichbar ist.
Und doch wagt Paulus zu sagen: etwas an uns ist ewig. Es ist, mit seinen Worten, der »innere Mensch«, der von Tag zu Tag erneuert wird, während der äußerliche Mensch verfällt. In einer uns nicht fassbaren Art und Weise dringt die Ewigkeit, das Unsichtbare, in unser Leben ein, erneuert den inneren Menschen. Man kann darüber nachdenken, was dieser innere Mensch ist. Ich möchte es so beschreiben: es ist das, was einen Menschen zum Individuum, zu etwas besonderem macht. Es ist die Einzigartigkeit eines jeden Menschen. Es ist das, was einen Menschen Gott wert macht. Es ist die Seele eines jeden von uns.
Über diese Seele zu reden, fällt schwer, denn wir können sie ja, genauso wie die Ewigkeit, weder sehen noch ergreifen. Aber wir können sie erahnen. Denn wir spüren sie. Wenn uns jemand beleidigt, dann sind wir verletzt, aber eigentlich nicht wir, denn keine Wunde ist zu sehen, sondern unsere Seele. Wenn ein lieber Mensch stirbt, verspürt unsere Seele einen tiefen Schmerz. Wenn wir den Tag mit dem Segen Gottes beginnen können und spüren, wie gut es uns geht, dann jubelt unser innerer Mensch - unsere Seele. Oft wird der äußere Mensch davon ebenfalls betroffen, aber der innere Mensch ist es, wo die Ewigkeit schon angelegt ist, gwissermaßen hineinragt. Dort lebt das Wissen von dem, was wir nicht sehen können.
Der innere Mensch, die Seele, braucht Nahrung, um täglich erneuert werden zu können, wie Paulus es schreibt. Diese Nahrung kann natürlich nicht das Brot sein, das wir jeden Tag essen. Die Nahrung für die Seele ist das, was wir jetzt nicht sehen können. Es ist das, was Gott für uns bereithält - erst nach unserem Tod? Nein. Wir können es zwar nicht sehen - aber es ist da: die Wunder Gottes, seine Gnade, mit der er uns erlöst hat und die uns zu neuen Menschen macht, all das haben wir ja erfahren und halten wir im Glauben fest. Es gehört schon uns, wir haben schon Teil daran. Auch auf ganz greifbare Art und Weise, indem wir im Abendmahl, das wir heute feiern, an der wunderbaren Ewigkeit Gottes teilhaben.
Man könnte meinen: wenn unsere Seele die Ewigkeit schon erfährt und davon schon profitiert, was soll ich mich mit dieser Welt noch abgeben? Ist es nicht richtig, zu sagen: nach mir die Sintflut? Was die andern machen, geht mich doch sowieso nichts an, es betrifft mich nicht mehr. Ich bin aus dem Schneider.
Das wäre dann wohl doch zu einfach. Es ist ganz anders: Weil wir schon teilhaben an der Ewigkeit, an der neuen Schöpfung, erkennen wir unsere Verantwortung: weil es hier noch nicht so wunderbar ist, wie wir es erahnen, darum arbeiten wir dafür, dass alle etwas von dieser Ahnung spüren, von dem, was Gott für uns schon längst vorbereitet hat. Denn nur dann, wenn wir uns dafür einsetzen, kann das Reich Gottes Wirklichkeit werden.
Paul Gerhard hat das in seinem Lied schön zum Ausdruck gebracht in der 13. Strophe:
Hilf mir und segne meinen Geist
mit Segen, der vom Himmel fleußt,
dass ich dir stetig blühe;
gib, dass der Sommer deiner Gnad
in meiner Seele früh und spat
viel Glaubensfrüchte ziehe.
(EG 503,13 - Singen)
Segen, der vom Himmel fleußt - dem Ort, den wir schon erahnen, der noch viel schöner ist als das, was wir hier in der Schöpfung und in unserem Leben Wunderbares sehen und erfahren. Im Abendmahl wird dieser Segen für uns greifbar. Mit diesem Segen vom Himmel wird unser innerer Mensch tagtäglich erneuert, während unser äußerer Mensch doch immer schwächer wird. Mit diesem Segen gehen wir hinaus, um anderen zu helfen, das Reich Gottes zu erahnen.
Amen

oder

Liebe Gemeinde!
Es ist Geburtstag. Einer der Gäste kommt mit einem großen, in blau glänzendem Geschenkpapier eingepackten und mit einer ebenso großen und auffälligen Schleife versehenen Karton in den Armen zur Tür herein. Kaum passt der Karton durch die Tür, und der Gast fordert Sie gleich auf, auszupacken. Natürlich sind Sie gespannt, was da wohl drin sein könnte. Und so öffnen Sie das Paket, nur um festzustellen, dass darin ein weiteres Paket zu finden ist. Diesmal glänzt das Geschenkpapier rot. Sie packen also auch dieses Paket aus, und entdecken – ein weiteres, diesmal in gelbem Geschenkpapier. So geht es weiter und weiter, die Kartons werden kleiner und kleiner, die Farbe des Geschenkpapiers wechselt immer wieder. Das Zimmer füllt sich mit leeren Schachteln. Am Ende fischen Sie eine Schachtel Pralinen heraus.
Nichts Aufregendes also. Ihre Enttäuschung wollen Sie natürlich nicht zeigen. Also lobt man die Idee, durch die man ja in gewissem Sinne an der Nase herum geführt wurde. Der äußere Schein entsprach absolut nicht dem, was drinnen war.
Es kann natürlich auch anders herum sein. Vielleicht hat Ihnen ein anderer Gast ein bedeutungsvolles Geschenk gemacht, das Sie sehr schätzen und lieben – nur, dieses Geschenk war in Zeitungspapier eingewickelt. Der Gast war der Meinung, dass es nicht auf die Verpackung ankommt, sondern auf das, was drinnen ist.
Und damit hat er ja auch selbstverständlich Recht. Der Inhalt ist das Wesentliche.
Nun redet Paulus von etwas ganz ähnlichem. Er unterscheidet zwischen einem äußeren und einem inneren Menschen. Also der Verpackung und dem Inhalt.
Da ist also das Innere, das nichts mit den Innereien zu tun hat, ja, auch nicht mit dem Herzen, das unermüdlich das Blut durch unsere Adern pumpt, sondern nur und ausschließlich mit dem, was weithin als Seele bezeichnet wird, deren Existenz kein Mensch bisher nachweisen konnte, deren Existenz aber alle in irgendeiner Form spüren.
Doch von dem inneren Menschen als Seele zu reden, wäre wohl doch nicht ganz richtig. Denn üblicherweise wird die Seele doch als etwas verstanden, was man losgelöst vom Körper sehen muss, und das ist hier nicht gemeint. Paulus redet selbst ja auch nicht von der Seele, er bleibt bei dem recht ungenauen Inneren des Menschen, das sich allerdings tagtäglich erneuern kann, im Gegensatz zum äußeren Menschen.
Bleiben wir also bei dieser Beschreibung, dass der innere Mensch eben all das ist, was man nicht wahrnehmen oder messen kann, das, was kein Gramm auf der Waage wiegt, und dennoch im Leben des Menschen ein großes Gewicht hat.
Vielleicht ist aber auch diese Beschreibung ungenau. Denn wahrnehmen können wir schon etwas von diesem inneren Menschen. Meistens jedenfalls. Nur bleibt diese Wahrnehmung genauso ungenau wie die Beschreibung selbst. Es lässt sich schwer unterscheiden, was nun innerer und was äußerer Mensch ist.
Paulus spricht von dem äußeren Menschen als etwas, das man wahrnehmen kann. Es ist der Körper, der sich über die Jahre verändert, der langsam alt wird, schwach und krank. Zum äußeren Menschen gehört auch die Fähigkeit, nachzudenken, zu sprechen, Wege zu suchen und Lösungen zu finden.
Manchmal ist der Körper von Geburt an schwach und zerbrechlich, ja, er ist es ja eigentlich gerade dann, aber ich meine etwas anderes: wenn das Kind nicht so geboren wird, wie wir es erwarten – wenn es geistig oder körperlich behindert ist, wie solch ein Zustand meist genannt wird, dann ist dem Menschen schon ganz früh eine Last aufgelegt, die aber nur den äußeren Menschen betrifft.
Stellen wir es uns einmal vor, das Kind, das da mit einer sogenannten Behinderung geboren wurde. Was nimmt es davon wahr? Was nimmt es davon als Behinderung wahr? Ist nicht das ganze Leben dieses Kindes völlig normal, gemessen an seinen eigenen Maßstäben? Es wird doch nur dadurch, dass wir es mit anderen vergleichen, behindert. Wenn es allein leben würde, käme es nie auf den Gedanken, behindert zu sein.
Und dann wäre da ja noch der innere Mensch, von dem Paulus redet und den wir eben nicht sehen können, der vielleicht auch wegen der Behinderung für uns nicht so deutlich oder gar überhaupt nicht erkennbar wird. Wie sieht es mit dem inneren Menschen eines solchen Menschen aus?
Manche meinen, dass Kinder mit Behinderungen besser gar nicht erst geboren werden. Aber wie können wir wirklich darüber entscheiden, ob dieses Leben es wert ist, gelebt zu werden? Leider sind wir längst in der Lage, den Zustand des äußeren Menschen schon lange vor der Geburt festzustellen, und so entscheiden wir dann oft über das Leben des Kindes, indem wir unsere eigene Kraft und Fähigkeit abzuschätzen versuchen. Ein fataler Versuch, denn es ist doch oft so, dass unsere Kraft mit der Aufgabe wächst.
Doch kehren wir zurück zum „normalen“ Lebenslauf, wo die Behinderungen erst mit zunehmendem Alter beginnen. Wir spüren die Schwäche des Körpers zunehmend, Krankheiten, die einem zusetzen und die Bewegungsfreiheit immer weiter einschränken, machen Angst. Häufig höre ich den Wunsch, nicht teilnahmslos dahin siechen zu müssen, und wenn ich an dem Bett eines sterbenden Menschen stehe, dann kann ich diesen Wunsch manchmal auch für einen Moment verstehen. Man möchte barmherzig sein, den Stecker ziehen, wie es heißt, aber was, wenn da gar kein Stecker ist? Auch ohne Maschinen sind es manchmal Monate und Jahre, die ein Mensch in solchem Zustand verbringt. Der äußere Mensch scheint längst tot, er regt sich nicht mehr, kann kein Wort hervorbringen, keinen Gedanken mehr äußern, kein Gefühl mehr zeigen. Was kann dieser Mensch denn noch mitbekommen von dem, was da um ihn herum geschieht? Und was erlebt er von seinem Leiden?
Das fatale ist, dass wir in solcher Situation immer nur den äußeren Menschen sehen können. Der innere Mensch bleibt uns verborgen. Und dann vergleichen wir wieder mit dem, was wir als Leben einschätzen können, was wir selbst erleben, und meinen, dass ein solches Dahinsiechen nichts mehr wert sei. Paulus aber sieht den inneren Menschen:
Der wird von Tag zu Tag erneuert, ja, er gewinnt sogar dadurch, dass der äußere Mensch verfällt. Unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit..., die der innere Mensch bereits wahrnehmen kann.
Nun sagt Paulus auch, dass wir als Christen eben nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare sehen. Abgesehen davon, dass diese Aussage an sich schon paradox ist, stellt sich natürlich die Frage, wie wir das anstellen. Nun, wir können das Unsichtbare mit dem inneren Menschen wahrnehmen. Der innere Mensch nimmt die Ewigkeit wahr, wobei auch diese Wahrnehmung so ungenau ist wie die Beschreibung des inneren Menschen selbst.
Ob wir uns das vorstellen können? Es fällt zumindest schwer. Denn wir machen in allem ja doch den äußeren Menschen zum Maßstab, weil das alles ist, womit wir vergleichen können. Was wir erfahren, das muss das Normale sein.
Es ist wichtig, dass wir die Wahrnehmung des inneren Menschen stärken, dass wir versuchen, über das Sichtbare hinaus zu sehen zum Unsichtbaren. Wieder stecken wir im Paradox, und dieses Paradoxon hält an: wenn wir die Augen schließen, wenn es uns gelingt, die äußere Wahrnehmung zu verringern, dann kann es geschehen, dass wir den inneren Menschen zu Gesicht bekommen. Vielleicht.
Noch einmal zurück zu dem Satz des Paulus: „Unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit.“ Zweierlei möchte ich noch anmerken: Trübsal empfinden wir in der Regel nicht als leicht, aber sie ist es dadurch, dass sie zeitlich ist. Sie kann nur zeitlich sein, denn spätestens durch unseren Tod findet sie ihr Ende. Dann aber haben wir unser Ende noch nicht gefunden, im Gegenteil: wir haben Teil an der Ewigkeit, die wir mit dem äußeren Menschen ja auch nicht wahrnehmen können, wohl aber mit dem inneren Menschen.
Der innere Mensch, und damit komme ich zum Zweiten, erkennt diese über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit. Er hat Teil daran – auch in diesem Leben, auch und gerade dann, wenn der äußere Mensch verfällt. Denn durch den Verfall des äußeren Menschen wächst diese Herrlichkeit. Sie wird sichtbarer und sichtbarer, weil sich der äußere Mensch immer mehr auf das Wesentliche reduziert, weil er nicht mehr im Weg stehen kann.
Wenn ich das Leuchten in den Augen einer Demenzkranken sehe, dann habe ich das Gefühl, dass etwas genau von dieser Herrlichkeit herausbricht. Es wird sogar meinem äußeren Menschen sichtbar, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. Vielleicht ist es auch mein innerer Mensch, der dieses Leuchten wahrnimmt; jedenfalls habe ich es gesehen, in Menschen, von denen wir oft meinen, dass sie ihr Leben schon gelebt hätten, und dass man doch besser den Stecker ziehen solle. Sicher gibt es auch Situationen, in denen selbst dieses Leuchten nicht mehr sichtbar wird. Darum ist es gut, wenn wir dann unsere Augen schließen und uns bemühen, mit dem inneren Menschen zu sehen, was der äußere Mensch nicht mehr sehen kann.
Wer das Leid aus seinem Leben auszuschließen versucht, der beraubt sich selbst der Möglichkeit, die Herrlichkeit Gottes wahrzunehmen. So wecke Gott in uns die Sinne, die wir brauchen, um das Unsichtbare zu sehen.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Lob Gott getrost mit Singen (EG 243)
Wunderbarer König (EG 324)
Erneure mich, o ewigs Licht (EG 390)
Nun aufwärts froh den Blick gewandt (EG 394)
Jesu, meine Freude (EG 396)
In dir ist Freude (EG 398)
Geh aus, mein Herz (EG 503)
Es kommt die Zeit (KHW-EG 560)

Predigtvorschläge zu Reihe M - Jes 43, 14-21
Hex 47, 1-12 (= Ez 47, 1-12)
1. Joh 5, 1-4

Zu 1. Joh 5, 1-4:
Liebe Gemeinde!
Als ich den Predigttext das erste Mal las, war ich verwirrt. Wer ist von wem geboren? Gleich im ersten Vers finden wir diese merkwürdige Formulierung: „Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.
Fangen wir ganz vorn an:
Wer glaubt.
Da kann einem viel zu einfallen, z.B. die Worte „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9, 24), die der Vater des besessenen Knaben ausruft. Oder:
Wenn ihr Glaube habt wie ein Senfkorn,“ so könnt ihr Berge versetzen (Mt 17, 20b) oder:
Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ (Mk 9, 24b)
Glaube ist ganz offensichtlich eine Kraft, die Dinge ermöglicht, die normalerweise nicht möglich sind. Und weil wir in der Regel in diesem „normalerweise“ feststecken, weil wir das Unmögliche nicht möglich machen können, müsste man ja eigentlich folgern, dass wir nicht glauben.
Aber so weit möchte ich nicht gehen, und das will uns auch Johannes nicht sagen. Seine Worte laufen auf ein anderes Ziel hinaus.
Doch spielt der Glaube da schon eine wichtige Rolle. Die Frage ist aber nicht, wie groß der Glaube ist, sondern welchen Inhalt er hat.
Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, heißt es, und damit wird zunächst ein Eckpfosten eingeschlagen. Es geht darum, dass Jesus der Christus ist.
An dieser Formulierung erkennen wir, dass Christus kein Nachname ist, wie manche Menschen vielleicht denken, sondern ein Titel. Jesus ist der Messias, der Erlöser, der Gesalbte Gottes. Das ist es, was Christus bedeutet. Von ihm haben die Propheten gesprochen.
Anders gesagt: Gott hat Jesus gesalbt und eingesetzt zu dem dreifachen Amt als Prophet, Priester und König.
1. Er ist der Prophet, der Gottes Wahrheit in unserer Welt offenbart hat. Er ist das Fleisch gewordene Wort.
2. Jesus ist der eine Hohe­priester, der das vollkommene Opfer darbrachte, damit wir mit Gott versöhnt würden. Durch sein Opfer ist alle Schuld getilgt.
3. Jesus hat den Tod überwunden, er ist auferstanden und hat seinen Platz zur Rechten Gottes eingenommen; dort herrscht er als König aller Könige und Herr aller Herren.
Das alles und noch mehr steckt in diesen wenigen Worten: „Jesus ist der Christus“.
Glauben wir das? D.h.: sind wir davon überzeugt, dass es so ist? Denn „glauben“ kann man ja auch ganz unterschiedlich verstehen. Es ist in diesem Zusammenhang nicht nur ein Für-Wahr-Halten oder ein Vermuten, sondern es ist eine feste Überzeugung, eine Gewissheit von dem, was sich nicht beweisen lässt.
Ein solcher Glaube birgt eine ungeheure Kraft, wohl auch die, Berge zu versetzen.
Aber zunächst tut der Glaube etwas anderes: er macht zu Kindern Gottes. Denn wer so glaubt, der ist von Gott geboren, schreibt Johannes.
So sind wir also alle Kinder Gottes, denn wir glauben ja, dass Jesus der Christus ist. Oder?
Ich will einmal versuchen, anhand einer kurzen Geschichte deutlich zu machen, worum es in diesem Glauben geht.
Ein langes Seil war über die Niagarafälle gespannt. Ein Seiltänzer bewegte sich darauf mit großer Leichtigkeit. Viele schauten zu und jubelten bei jeder Aktion, die das Leben des Seiltänzers besonders gefährdete. Schließlich verließ der Artist das Seil und kehrte mit einer Schubkarre zurück. Er schob sie auf das Seil und ging einige Meter. Die Menge jubelte ihm erneut zu. Er kehrte wieder zurück und fragte dann in das Publikum hinein: „Glaubt ihr, dass ich das Gleiche auch mit einem Menschen in der Schubkarre machen kann?“ Die Menge jubelte. „Ja, das kannst du!“
„Na dann, wer von euch möchte es wagen und sich in die Schubkarre setzen?“ Plötzlich wurde es still. Manche blickten betreten auf den Boden, andere schauten um sich, ob sich vielleicht ein Freiwilliger melden würde, einige waren so entsetzt, dass sie die Zuschauertribüne verließen und fortgingen.
Niemand war bereit, sein Leben dem Seiltänzer anzuvertrauen.
Genau darum geht es aber, wenn Johannes von Glauben spricht: dass wir unser Leben ganz und gar Jesus Christus anvertrauen, dem Herrn aller Herren und König aller Könige. Denn wir sind nicht nur Zuschauer, sondern wir haben Teil an dem Werk Gottes. Und darum gehen wir natürlich auch ein Risiko ein, weil wir uns nicht gesellschaftlichen Regeln leiten lassen, sondern weil wir nach dem Willen Gottes fragen und auf seinen Wegen wandeln wollen.
Viele Menschen haben dafür kein Verständnis. Denken wir an Noah, der gegen allen Augenschein eine Arche auf trockenem Land baute, weil Gott es so von ihm erwartete – er wurde verlacht und verspottet, was ihn aber nicht daran hinderte, den Bau der Arche zu vollenden – und so teilzuhaben an dem großen Werk Gottes, das einerseits zerstörerisch, andererseits aber auch bewahrend und durchaus schöpferisch war. Wohlgemerkt: am Anfang steht der völlig absurd erscheinende Bau der Arche.
Wer sich heute außerhalb der Kirchenmauern zu Jesus Christus bekennt, wird von vielen Zeitgenossen kaum noch ernst genommen, es sei denn, er verpackt seinen Glauben so, dass niemand merkt, wodurch das, was man redet oder tut, ausgelöst wurde.
In der Regel geht man dann aber Kompromisse ein, die dem Willen Gottes widersprechen. Man handelt oft so, wie es das Sendschreiben an die Gemeinde in Laodicea aus der Offenbarung des Johannes beschreibt:
Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, will ich dich ausspeien aus meinem Munde.“ (Offb 3, 15f)
Wer glaubt, der brennt – bildlich gesprochen natürlich, aber ein gutes Bild, so finde ich: der Glaubende brennt, er erfährt den Glauben als Energiequelle, als Kraft, die ihn voran treibt gegen alle Widerstände, gegen alle Verachtung, Spott und Hohn, und natürlich auch gegen alle Gleichgültigkeit.
Wer glaubt, der liebt – so sagt Johannes in unserem Predigttext weiter. Das ist schön, denn so stellen wir uns Gott ja auch vor, den lieben Gott, der alles vergibt, der für jeden Raum hat, wo alle willkommen sind.
Aber ganz so einfach ist es nicht. Die Liebe Gottes ist zwar universal, sie gilt jedem Menschen, aber sie ist nicht Selbstzweck, sondern sie hat ein Ziel. Sie will nämlich, dass wir wieder zu dem gelangen, wozu wir seit der Schöpfung bestimmt sind: Ebenbilder Gottes zu sein, die nicht das Beste für sich selbst, sondern das Beste für alle Menschen suchen.
Gott hat uns gezeigt und gesagt, was gut ist – die zehn Gebote sind der Maßstab, an dem sich heute viele Verfassungen der Länder dieser Welt und auch die Menschenrechte orientieren. Wer sie konsequent einhält, schafft zumindest in seinem Umfeld eine Welt, die der Welt Gottes sehr nahe kommt.
Jesus hat uns allerdings deutlich gezeigt, dass das Einhalten der Gebote nicht ganz so einfach ist, wie wir uns das vorstellen. Denn das fünfte Gebot etwa – du sollst nicht töten – wird erst dann richtig gehalten, wenn wir jeden, auch unsere Feinde, aufrichtig lieben.
Und da merken wir dann allerdings unsere Grenzen, denn es kommt ja schon auch zu Streitigkeiten zwischen Menschen, die einander in der Regel sehr freundlich gesonnen sind. Es gibt wohl kaum einen Menschen, der nicht schon mit seinem Ehepartner oder seiner Ehepartnerin gestritten hat. Und das ist doch der Mensch, dem man eigentlich immer mit bedingungsloser Liebe begegnen sollte. Wie soll das dann also gegenüber denen möglich sein, mit denen wir nicht so vertraut sind?
Wir sind Menschen, wir machen Fehler, kann man wohl sagen, und es stimmt auch. Mit dieser Feststellung dürfen wir allerdings nicht aufhören und achselzuckend sagen: so ist das nun mal. Im Gegenteil: wir dürfen mit diesem Zustand nicht zufrieden sein. Wer glaubt, will nämlich das Ziel erreichen, das Gott für uns gesetzt hat.
Und das bedeutet letztlich, wie Johannes ja auch schreibt, dass wir diese Welt überwinden. „Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ (1. Joh 5, 4)
Wir sind von Gott Geborene. Wir sind es, die die Welt überwinden, die Habgier, den Neid, die Missgunst.
Und so möchte ich noch einmal aus dem Sendschreiben an die Gemeinde in Laodicea vorlesen. Dort geht es folgendermaßen weiter:
„Du sprichst: Ich bin reich und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich würdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest.“ (Offb 3, 17f)
Wo beziehen wir unsere Kraft her? Ist es unser Wohlstand? Ist es die Tatsache, dass wir seit über 70 Jahren keinen Krieg mehr erlebt haben?
Unser Glaube ist der Sieg. Er ist unsere Kraft, durch ihn überwinden wir, durch ihn allein finden wir den Weg zu Gott.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Zu 1. Joh 5, 1-4:
Ist Gott für mich, so trete (EG 351)
Ich weiß, woran ich glaube (EG 357)
Es kennt der Herr die Seinen (EG 358)
Ich steh in meines Herren Hand (EG 374)
Du bist da, wo Menschen leben (KHW-EG 623)