das Kirchenjahr

Exaudi

Die wartende Gemeinde

Predigtanregung

Der Name dieses Sonntags leitet sich ab von dem Beginn der lateinischen Antiphon: Exaudi, Domine, vocem meam, qua clamavi ad te; miserere mei, et exaudi me! (Ps 27,7; deutsch s. Antiphon). Der Sonntag ist schon deutlich auf Pfingsten bezogen dadurch, dass er die wartende Haltung der Gemeinde und damit ihre Abhängigkeit vom Heilswirken Gottes herausstreicht, und von daher eigentlich nicht mehr Bestandteil des Osterfestkreises, der mit Christi Himmelfahrt abschloss. Allerdings hat man sich im neuen Evangelischen Gottesdienstbuch nicht dazu durchringen können, als liturgische Farbe violett zu wählen, obgleich diese Farbe sicherlich angemessen wäre.
Der Sonntag Exaudi spiegelt die Spannung wider, in der die Jünger sich befanden, nachdem ihr Herr gen Himmel aufgefahren war. Sie wissen um die Verheißung des Geistes, haben ihn aber noch nicht erfahren. Sie leben in einer kaum erträglichen Spannung, denn das Vergangene hat nun keine Bedeutung mehr, und das Zukünftige hat keine Kraft. Die Gegenwart, in der sie machtlos sind, wird übermächtig und scheint sie zu fesseln.
In diese Spannung hinein erklingt als Erinnerungsruf die Rede Jesu, in der er den Tröster, seinen Geist, verheißt.

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II - Jer 31, 31-34

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, 32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloß, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; 33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. 34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: «Erkenne den HERRN», sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Der Text enthält einen Punkt, der nicht konkretisiert werden kann: in Vers 33 heißt es, dass Gott einen Bund schließen will "nach dieser Zeit". Es ist nicht eindeutig, was "diese Zeit" ist. Ist es die Zeit des Jeremia? Oder ist es die Zeit dieser Welt? Oder ist es eine Zeitspanne, die als Epoche bereits bekannt war und auf die Jeremia zuvor anspielte, um nun darauf hinzuweisen, dass nach dieser Zeit der neue Bund geschlossen wird? Am wahrscheinlichsten ist wohl, anzunehmen, dass hier eine eschatologische Redewendung angewandt wird: "nach dieser Zeit" meint, dass es am Ende dessen, was wir als Zeit erleben, geschehen wird. Es signalisiert ein Ende, das durch Gott herbeigeführt wird und nicht durch Menschen.
Der neue Bund wird dem alten Bund, den Gott mit Mose und den Erzvätern schloss, gegenübergestellt. Ein "gefundenes Fressen" für Christen, die nach einem Hinweis auf Christus im AT suchen. Dabei wird oft übersehen, dass Christus den alten Bund nie für überholt oder gar ungültig erklärt hat.
Der neue Bund wird hier anders beschrieben, was uns aber auch dazu veranlasst, Parallelen im Wirken Jesu zu suchen: Das Gesetz ist nicht mehr auf steinerne Tafeln geschrieben, sondern in die Herzen und Sinne eines jeden Menschen. Damit wird es überflüssig, im Gesetz zu unterrichten, denn jede Person kennt es bereits, es ist ihr einverleibt, es gibt darum auch keine Übertretungen mehr. Es scheint fast, als handele es sich hier um die Ankündigung des Paradieses, denn alle Sünden sind vergeben.
Wie bei jedem alttestamentlichen Text muss man sich auch hier wieder deutlich bewusst machen, dass das Volk Israel, das jüdische Volk, angesprochen ist, und nicht die aus heidnischen Völkern stammenden Christen. Diese Tatsache lässt sich heute nicht mehr mit Hilfe einer Neuinterpretation des Begriffes "Volk Gottes" beiseite räumen. Wohl aber ist es möglich, dass wir uns selbst in dem Handeln des Volkes Israel wiedererkennen und darum Parallelen gezogen werden dürfen. Heilszusagen, wie sie in der vorliegenden Perikope gemacht werden, sind wiederum sehr spezifisch auf das "Haus Israel" und das "Haus Juda" bezogen und daher nicht ohne Weiteres auf uns übertragbar, zumal diese Zusage u.U. noch ihrer Erfüllung harrt und wir sie dem Volk Israel nicht entziehen können, indem wir sie für uns beanspruchen.
Damit ist eine Problematik aufgezeigt, die sich in der Vorbereitung der Predigt unangenehm auswirken wird. Beanspruchen wir diese Prophetie für uns Christen, entziehen wir sie in der Tat dem Volk Gottes, denn wir sehen sie in Christus erfüllt. Die Predigt darf darum das Volk Israel nicht ausschließen. Es ist vielmehr angebracht, dass wir uns selbst auf die gleiche Stufe dieses Volkes Gottes stellen und selbst die Prophetie als "noch nicht erfüllt" ansehen. Und das ist sie in der Tat noch nicht: dieses Paradies auf Erden ist ja noch nicht verwirklicht: Es ist noch nicht so, dass jeder das Gesetz Gottes in seinem Herzen trägt. Vielmehr gibt es auch unter Christen immer wieder Übertretungen, und wir werden uns immer wieder bewusst, dass wir der Vergebung bedürfen.
Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang wird so, denke ich, schon deutlich: Wir verharren mit dem Volk Israel wartend. Und zwar warten wir darauf, dass endlich Gott selbst diese Welt verwandelt. Nach allen Erfahrungen fand diese Veränderung aber nicht schon durch den Heiligen Geist statt, als er zu Pfingsten auf die Gemeinde ausgegossen wurde. Der Heilige Geist hat zwar begonnen zu wirken, aber noch längst nicht das Werk Gottes vollendet.
So könnte die Predigt den Schwerpunkt darauf legen, dass wir noch unvollkommen sind und der Gnade Gottes bedürfen. Wir neigen dazu, die Gesetze erstarren zu lassen und zu vergessen, dass wir nicht um der Gesetze willen gemacht sind, sondern die Gesetze um unseretwillen. Noch warten wir zusammen mit dem Volk Israel darauf, dass uns das Gesetz Gottes ins Herz geschrieben wird.

Liedvorschläge:

Wir danken dir, Herr Jesu Christ (EG 79)
Heilger Geist, du Tröster mein (EG 128)
Gott sei gelobet und gebenedeiet (EG 214)
Wie sich ein treuer Vater neigt (EG 318, 4-7)
Nun freut euch, lieben Christen g'mein (EG 341, 1.6-9)
Vertraut den neuen Wegen (EG 395)
Es kommt die Zeit (KHW-EG 560)



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