Der 24. Sonntag nach Trinitatis kommt nur sehr selten vor. Deswegen gibt es nur drei Predigttexte, die sich in Reihe IV-VI wiederholen. Thematisch bereitet er unmittelbar auf das bevorstehende Kirchenjahresende vor, indem er Gott als den Überwinder des Todes vor Augen führt. Leider hat die Perikopenrevision von 2018 im Blick auf die Epistel diesen Duktus verlassen. Man kann das Thema aber sowohl in der alttestamentlichen als auch in der Evangeliumslesung erkennen.
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II - Jes 51, 9-16Wach auf, wach auf, zieh Macht an, du Arm des HERRN! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt!
Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?
10 Warst du es nicht, der das Meer austrocknete, die Wasser der großen Tiefe, der den Grund des Meeres zum
Wege machte, dass die Erlösten hindurchgingen?
11 So werden die Erlösten des HERRN heimkehren und nach Zion kommen mit Jauchzen,
und ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein. Wonne und Freude werden sie ergreifen, aber Trauern und Seufzen wird von ihnen fliehen.
12 Ich, ich bin euer Tröster! Wer bist du denn, dass du dich vor Menschen gefürchtet
hast, die doch sterben, und vor Menschenkindern, die wie Gras vergehen,
13 und hast des HERRN vergessen, der dich gemacht hat, der den Himmel ausgebreitet und die
Erde gegründet hat, und hast dich ständig gefürchtet den ganzen Tag vor dem Grimm des Bedrängers,
als er sich vornahm, dich zu verderben? Wo ist nun der Grimm des Bedrängers?
14 Der Gefangene wird eilends losgegeben, dass er nicht sterbe und begraben werde und dass er keinen
Mangel an Brot habe.
15 Denn ich bin der HERR, dein Gott, der das Meer erregt, dass seine Wellen wüten - sein Name
heißt HERR Zebaoth -;
16 ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt und habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen,
auf dass ich den Himmel von neuem ausbreite und die Erde gründe und zu Zion spreche: Du bist mein Volk.
Wie immer stehen wir bei alttestamentlichen Texten vor dem Problem
der Adressaten. Diesmal sind es die nach Israel zurückkehrenden Juden, die
nun endlich die Nähe und Macht Gottes wieder erfahren, nachdem sie jahrzehntelang
im Exil gelebt hatten. Auf diesen Hintergrund sollte in der Predigt hingewiesen
werden. Darüber hinaus ist es aber durchaus möglich, den Text auf die
christliche Gemeinde zu beziehen, zumal Teile dieses Textes schon lange mit christlichem
Inhalt gefüllt werden (z.B. der Vers 11, der im Deutschen Requiem von Johannes
Brahms vertont wird). Die Aneignung alttestamentlicher Texte darf nur nicht so geschehen,
dass die ursprünglichen Adressaten völlig ausgelassen werden.
Die Macht Gottes wird deutlich spürbar, endlich zwar, aber steht es nicht Gott
frei, zu handeln, wann er es will? Auch hatten sie ja das Elend, in das sie geführt
worden waren, selbst verschuldet. Der Vorwurf klingt mit: 'warum hast du Angst vor
Menschen, die doch sterben? Warum hast du den Herrn vergessen?' (Verse 12-13) Denn
letztlich wird doch Gott den Sieg behalten. Ja, nun kann man wieder jauchzen und
jubeln - niemand denkt mehr an die, die im Exil starben und deren Sehnsucht nach
Zion niemals gestillt wurde. Spätestens in den folgenden Versen wird deutlich,
dass Gott eben nicht an einen Ort gebunden ist. Er war bei seinem Volk, auch und
gerade, als sie Gefangene waren. Hätte er ihr Elend nicht gesehen, er hätte
ihnen auch nicht geholfen.
Es sind schöne Worte in dieser Perikope enthalten, es lohnt sich, diesen Worten
nachzugehen, vielleicht auch dadurch, dass Vertonungen dieser Worte erklingen könnten
(Vers 12a im Elias-Oratorium v. Mendelssohn-Bartholdy, Vers 11 im Deutschen Requiem
von Brahms, Vers 9 im Lied "Zieh an die Macht, du Arm des Herrn" EG 377).
Zentral für diese Perikope ist sicherlich Vers 11, auch wenn der Tadel in den
Versen 12-13 durchaus ein guter Start wäre. Es geht hier um die Befreiung,
die Gott wirkt, und die Frage taucht wieder auf: was ist mit denen, die diese befreiende
Kraft in ihrem Leben nie erfahren haben? Bleibt ihre Sehnsucht, oder wurde sie dann
doch gestillt? Wir glauben, dass uns ewiges Leben geschenkt ist, der Tod wird als
Befreiung angesehen. Vielleicht genügt dies, auch wenn es unbefriedigend zu
sein scheint, zumal es ja heißt, der Gefangene werde nicht sterben und begraben,
sondern losgegeben (Vers 14). Jedenfalls sollte der Hinweis auf die Befreiung durch
den Tod nicht derart klingen, als wollte man den Tod dem Leben vorziehen. Vielmehr
soll das Wissen um die Befreiung dazu verhelfen, auch diesem Leben Gutes abzugewinnen.
Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang legt nahe, den Text so
zu interpretieren, dass man an der Not und dem Elend dieser Welt und des eigenen
Lebens nicht verzweifelt, sondern die Hoffnung erhält, dass Gott eingreifen
wird. Wie gesagt: Menschen sterben, vor ihnen brauchen wir darum keine Angst zu
haben. Gott wird kommen, ja er ist schon da. Er kann eingreifen, aber vor allem
will er ja, dass wir die Hoffnung nicht aufgeben und dies beweisen, indem wir aus
unserer Hoffnung heraus handeln, Menschen helfen, denen es schlechter geht, die
den Trost nicht spüren, die an Gott verzweifeln. Dies sollte in der Predigt
wohl vor allem anderen deutlich gesagt werden.
Herr, unser Herrscher, wie herrlich bist du (EG 270)
Wo Gott, der Herr, nicht bei uns hält (EG 297)
Danket Gott, denn er ist gut (EG 301)
Zieh an die Macht, du Arm des Herrn (EG 377)
Vertrauen wagen (NB-EG 607)
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