das Kirchenjahr

Rogate

Die betende Gemeinde

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe I - Joh 16, 23b-28(29-32)33

Liebe Gemeinde!
„Es kommt die Zeit“... wie oft finden wir in der Bibel solche und ähnliche Formulierungen, die uns vertrösten auf eine Zeit, die jetzt noch nicht ist? Ich weiß es nicht. Ich habe sie nicht gezählt. Ich weiß nur: es ist ganz schön enttäuschend, wenn einem immer wieder nur dies gesagt wird: „es kommt die Zeit“, denn sogleich kann man den Satz fortführen und sagen: aber sie ist noch nicht da.
Man möchte die Hoffnung aufgeben, die ja gerade durch solche Worte weiter aufrechterhalten werden soll, denn nach 2000 Jahren müsste doch klar sein: die hier angesprochene Zeit kommt nicht.
Und doch mag ich es nicht tun. Denn da ist doch eine Ahnung, dass wir es hier mit etwas ganz anderem zu tun haben, etwas, das unsere Zeitvorstellungen und überhaupt unsere ganze Wahrnehmung zu sprengen vermag.
Solange wir in den uns verfügbaren Dimensionen denken, gibt es in der Tat wenig zu hoffen, denn in diese Dimension gehört unweigerlich das „aber“, das sich allem in den Weg stellt.
Es kommt die Zeit – Jesus sagt es mit Bestimmtheit. Er kündigt eine Zeit an, in der er nicht mehr in Bildern reden wird. Eine Zeit, in der uns alles klar vor Augen ist. In der wir keine Metaphern brauchen, um zu verstehen, wie Gott ist und was er für uns bereit hält.
Aber muss diese Zeit nicht schon damals gewesen sein? Seine Jünger glauben es. Sie sind begeistert: Siehe, nun redest du frei heraus und nicht mehr in Bildern. 30 Nun wissen wir, dass du alle Dinge weißt und bedarfst dessen nicht, dass dich jemand fragt. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist.
So sagen sie voller Begeisterung. Wenn das so einfach wäre. Jesus kontert gleich: „Jetzt glaubt ihr? 32 Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein laßt. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.“
Die Zeit ist noch nicht da. Vielmehr ist eine andere Zeit da: die der Angst und des Zweifels. Glaube ist nicht so leicht zu haben.
So war es damals. Und wie ist es heute? Immer reden wir von Gott – und auch von Jesus – in Bildern, weil wir es anders nicht können. Weil immer schon zu uns von Gott in Bildern geredet wurde. Weil wir Gott nicht fassen können mit unseren Gedanken, mit unseren Worten, ja, auch nicht mit unserer Phantasie.
Doch das ist nur unser Reden. Und was ist mit Gottes Reden? Hat sich da seither nicht etwas verändert?
Jesus weist auf ein Ereignis hin, das damals unmittelbar bevor stand: dass die Jünger ihn verlassen werden, dass sie sich zurückziehen, jeder in das Seine, und damit alle Hoffnung aufgeben. Das sind die Ereignisse vor Ostern.
Wir wissen, was danach geschah, und können sagen: Seither hat sich einiges verändert.
Die Angst, die die Jünger in ihre Verstecke trieb, ist nicht mehr. Am Pfingstfest werden sie vom Geist Gottes erfüllt, werden zu mutigen Bekennern des Evangeliums. Da werden sie von wahrem Glauben erfüllt. Da wird das Wort Gottes verständlich – so sehr, dass die vielsprachige Menge keine Probleme hat, die Worte der Jüngerinnen und Jünger zu verstehen.
Es sind keine Bilder mehr nötig. Jesus ist der Sohn Gottes, der uns den Weg frei macht zum Vater. So frei, dass es keiner Mittelinstanz mehr bedarf. „Ihr werdet bitten in meinem Namen“ sagt Jesus, 'und nicht ich für euch'. Selbst Jesus nimmt sich heraus aus der Gebetslinie.
Also kein Vertrösten. Die Zeit kommt nicht, sie ist schon. Auch wenn unser Reden von Gott nur einem Stammeln ähnelt: Gott redet mit uns in klaren Worten durch seinen Geist.

Es wird immer Menschen geben, die sagen, dass Beten Unsinn sei, dass man ja doch nichts höre – es sei immer eine Einbahnstraße. Gott rede nicht mit ihnen.
Dass man die Stimme Gottes nicht wie die eines Gesprächspartners hört, das ist auch nicht verwunderlich, denn Gott brüllt nicht in unsere Welt hinein. Er kommt vielmehr in der Stille zu uns. Die Geschichte des Propheten Elijah macht dies in schöner Weise deutlich: Gott ist nicht im Feuer, auch nicht im Erdbeben, und auch nicht im Sturmwind. Gott kommt, als es still wird, er ist im sanften, leisen Säuseln.
Also brauchen wir Orte und Zeiten der Stille, die wir uns nehmen müssen, damit wir Gott hören können, damit er zu uns kommen und mit uns reden kann.
Hier können wir dann auch beginnen, Gott zu bitten: an den Orten und Zeiten der Stille. Dort wenden wir uns Gott zu, und Gott wendet sich uns zu.
Doch worum sollen wir bitten? In den einleitenden Worten Jesu wird nur angedeutet, dass es so einfach wohl doch nicht zu sein scheint, um das Richtige zu beten: „Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen“.
Das gilt den Jüngerinnen und Jüngern, die sich damals um Jesus geschart hatten. Es war die Zeit vor Pfingsten. Die Zeit, in der es noch heißt: es kommt die Zeit...
Aber dennoch kann ich mir kaum vorstellen, dass sie nicht schon Gott um etwas gebeten hatten. Schließlich war Frömmigkeit damals etwas Selbstverständliches, das tägliche Gebet gehörte zum Tagesablauf dazu. Und warum sollten nicht auch die Jüngerinnen und Jünger an diesem täglichen Gebet festhalten?
Vielleicht war es, genauso wie für viele von uns heute, nur Routine. Vielleicht fehlte das „im Namen Jesu“, auf das Jesus ja deutlich hinweist. Vielleicht waren es schlicht die falschen Bitten. Vielleicht war es aber auch, dass sie dem Gebet in Wahrheit nichts zutrauten.
Denn auch sie hatten doch schon lange die Erfahrungen gemacht, die alle Generationen vor und nach ihnen und auch wir immer wieder gemacht haben und machen: selten werden Gebete so erhört, wie wir es erwarten; die überwiegende Mehrheit unserer Gebete geht vielmehr scheinbar ins Leere: da, wo es uns richtig ernst ist, scheint unser Gebet völlig fruchtlos zu sein.
Nun gibt es den Versuch einer Erklärung: dass Gott unsere Gebete auf andere Weise erhört, als wir es erwarten. Manchmal mag das zutreffen, aber sicher nicht immer.
Wie oft beten wir um Einheit im Glauben, um das Zusammenwachsen der vielen verschiedenen Kirchen, um Frieden in unserer Nachbarschaft und in der ganzen Welt – alles hohe Ziele, die doch sicher auch dem Willen Gottes entsprechen. Und dennoch verändert sich nichts, vielleicht sogar im Gegenteil: es wird nur noch schlimmer.
Worum sollen wir also bitten? Wann ist das Gebet sinnvoll, und wann eher Zeitverschwendung? Sollen wir gleich aufhören, um Heilung zu bitten, wenn eine unheilbare Krankheit den Tod nahe bringt? Sollen wir aufhören, um Frieden zu bitten, wenn irgendwo ein neuer Konflikt ausbricht? Sollen wir aufhören, um Gerechtigkeit zu bitten, wenn wieder ein riesiger Konzern Lebensräume zerstört und Menschenrechte mit Füßen tritt?
Nein, wir sollen nicht aufhören. Denn wenn wir das täten, hätte Jesus ja recht: Bisher habt ihr noch nichts gebeten in meinem Namen. Und Jesus fordert uns im Gegenteil auf, in seinem Namen den Vater im Himmel zu bitten.
Worum sollen wir also bitten?
Um das, was uns von Gott zugesagt ist, was er versprochen hat, uns zu geben: Heil und Heilung, Frieden, Gerechtigkeit, Leben, Einheit der Gemeinde Jesu Christi. All die Dinge, die so unmöglich zu sein scheinen. All die Dinge, die in der drei Worte langen Bitte des Vaterunsers bereits enthalten sind: „Dein Reich komme“.
Das Gebet hat nicht nur eine Verheißung; es ist auch ein Privileg. Wir als Gemeinde Jesu Christi haben das Privileg, Gott zu bitten, ohne dabei irgendwelche Umwege gehen zu müssen. Dieses Privileg können wir gar nicht hoch genug einschätzen.
Und darum ist es so wichtig, dass wir uns immer wieder zum Gottesdienst versammeln, dass wir gemeinsam beten für die geschundene Welt, die die Verheißungen Gottes von sich weist oder ignoriert.
Damit endlich geschieht, was Gott uns schon so lange zugesagt hat: dass er alle Tränen von unseren Angesichtern abwischen wird, dass er eine neue Erde und einen neuen Himmel schaffen wird, in denen Gerechtigkeit wohnt und Gott mitten unter uns ist.
Das Gebet wird uns helfen, all das zu überwinden, was uns in dieser Welt Angst macht. Es entfaltet seine Kraft, wenn es ein Ziel ansteuert, das in dieser Welt unerreichbar zu sein scheint. Denn das ist das Ziel Gottes. Nur ein Gebet, das das Unmögliche erwartet, ist ein Gebet des Glaubens, das uns mit Gott vereint und darum helfen wird, die beängstigenden Dinge in dieser Welt zu überwinden.

Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Von guten Mächten (EG 65)
Gelobt sei Gott im höchsten Thron (EG 103)
Dir, dir, o Höchster, will ich singen (EG 328)
Mache dich, mein Geist, bereit (EG 387)
O Durchbrecher aller Bande (EG 388)

Predigtvorschläge zu Reihe IV - Lk 11, (1-4)5-13

Liebe Gemeinde!
Man möchte ein warmes Abendessen zubereiten, und während man schon mitten drin ist, stellt man fest, dass zwei Eier fehlen. Also schnell die Autoschlüssel gegrapscht, raus aus dem Haus, zum nicht allzu fernen Supermarkt gefahren, ein paar mehr als nur zwei Eier gekauft, und wieder zurück, um schnell das Essen fertig zu kochen.
Wenige kämen heute noch auf die Idee, mal eben beim Nachbarn anzuklopfen und um die zwei fehlenden Eier zu bitten. Der Supermarkt hat ja heutzutage schon bis zum Schlafengehen auf, so dass es kein Problem ist, mal eben dort einzukaufen. Und man muss sich ja vor den Nachbarn nicht die Blöße geben, schlecht geplant zu haben.
Viele kennen es sicher noch, dass man mal mit einer Tasse rüber zum Nachbarn ging, um etwas Mehl oder Zucker zu erbitten. Auch ich erinnere mich daran, dass ich als Kind mit solch einer Tasse losgeschickt wurde. Es kam mir schon damals komisch vor, irgendwie nicht richtig.
Dabei war es früher doch üblich, dass man sich gegenseitig bei solchen Dingen half. Es konnte jedem schon mal passieren, dass etwas ausging. Vielleicht hatte man auch nicht mehr genug Geld, Neues zu kaufen. Oder es war schlicht eilig. Selten wurde einem die Bitte abgeschlagen. Ich habe es nicht erlebt. Wenn das Erwünschte im nachbarlichen Haus oder in der nachbarlichen Wohnung war, dann bekam man es auch.
Und das ist wohl auch wichtig: es wurde nicht erwartet, dass man es am nächsten Tag zurück brachte. Denn alle wussten: irgendwann komme ich vielleicht auch mal in die Lage, und dann weiß ich, dass ich hingehen und meine Nachbarn um Hilfe bitten kann. Heute fällt uns das Bitten meist ungeheuer schwer. Alles möchte man selbst machen. Nur nicht sich die Blöße geben, abhängig von der Hilfe anderer zu sein.
Wer zum Beispiel arbeitslos wird, findet sich nicht gleich damit ab, nun den Staat um Hilfe zu bitten – obwohl es einem ja zusteht. Der erste Gang zum Arbeitsamt ist ungeheuer schwer, aber nötig: man muss ja Geld zum Leben haben.
Nach einem Jahr oder etwas länger bekommt diese Hilfe dann einen faden Beigeschmack, denn dann bekommt man nur noch Sozialhilfe. Man liegt dem Staat gewissermaßen auf der Tasche. Und vielleicht hat man selbst, solange man noch Arbeit hatte, immer über die Sozialhilfeempfänger geschimpft. Aber jetzt erlebt man es selber: es findet sich keine Arbeit. Man bleibt von der Hilfe anderer abhängig und muss darum bitten, so ungerne man es tut.
Diese Probleme dehnen sich auch aus auf andere Lebensbereiche. Unsere Angst, andere um etwas zu bitten, geht sogar über den Tod hinaus. Die Zahl der Beerdigungen unter dem grünen Rasen steigt stetig. Damit nur ja niemand sich verpflichtet fühlen muss, die Grabpflege zu übernehmen.
In der Zeit davor wird unser Generationenproblem erkennbar: Alte Menschen finden ihr Zuhause meist in einer Seniorenresidenz oder in einem Pflegeheim, wo sie dann rund um die Uhr betreut werden können. Denn man kann doch unmöglich die Kinder darum bitten, sich um die Pflege der Eltern zu kümmern.
Natürlich gibt es auch viele gute Gründe dafür, dass Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, sich selbständig zu versorgen, in ein Pflegeheim kommen. Doch früher, vor dem zweiten Weltkrieg, gab es nahezu keine Pflegeheime – und da hat es mit der Pflege auch funktioniert. Und ich glaube, dass viele jüngere Menschen damals ihr Leben mit seinen Grenzen und Möglichkeiten bewusster wahrgenommen haben als heute.
Das Bitten fällt uns schwer – weil wir niemandem zur Last fallen wollen.
Und nun geht es darum, Gott zu bitten. Da kommt zu diesem Grundgefühl, das sich in uns regt, dieser generellen Angst, wir könnten uns eine Blöße geben oder unseren Mitmenschen zur Last fallen, noch etwas anderes:
warum eigentlich sollen wir beten? Können wir wirklich eine Antwort erwarten? Wie viele Male haben wir Gott um Hilfe gebeten, und dieses Gebet wurde nicht erhört? Lohnt es sich überhaupt, Gott zu bitten?
Und: müssen wir das überhaupt? Können wir es nicht doch alleine schaffen?
Bittet, so wird euch gegeben...
Viele haben das längst aufgegeben. Denn es wird eben nicht gegeben. Zumindest scheint es so. Und ich möchte das auch gar nicht schönreden. Es ist so.
Wir bitten um ein Ende der Kriege in dieser Welt, und anstatt dass sie aufhören, brechen immer mehr Konflikte in der Welt aus. Wir bitten darum, dass Menschen von Naturkatastrophen verschont bleiben, und doch geschieht ein Erdbeben mit katastrophalen Folgen, oder eine Serie von Orkanen verwüstet riesige Landstriche und auch Städte.
Wir bitten um Gerechtigkeit, und doch wird die Ungerechtigkeit immer größer, auch in unserem Land.
Wir bitten um Nahrung für die Hungernden und Verhungernden in unserer Welt, und doch verhungern jeden Tag tausende von Menschen, Jahr für Jahr werden es sogar mehr anstatt weniger, obwohl unsere Erde durchaus genug Nahrungsmittel produzieren könnte.
Bittet, so wird euch gegeben – kann man das wirklich sagen? Wenn wir auf unseren Predigttext schauen, dann hören wir zunächst das Beispiel vom bittenden Freund und Jesu Deutung dazu. Hier könnten wir eine Antwort auf unser Problem finden.
Denn Jesus sagt: „Wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.“ (Lk 11, 8)
Hieraus könnten wir ableiten, dass wir nicht unverschämt genug drängend bitten. Wir neigen dazu, auch wenn wir es nicht unbedingt geradeheraus sagen, in unseren Gebeten immer die anderen Worte Jesu anzuhängen: „...nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ (Lk 22, 42) Auf diese Weise winden wir uns gewissermaßen aus dem Dilemma, ein unerhörtes Gebet rechtfertigen zu müssen. Es war eben nicht Gottes Wille.
Aber dürfen wir es uns so einfach machen? Auf das Beispiel vom bittenden Freund folgen ja diese herausfordernden Worte Jesu: „Bittet, so wird euch gegeben; Suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ (Lk 11, 9) Also wir sollen schon damit rechnen, dass Gott uns geben wird, worum wir bitten. Das wird dann ja auch noch unterstrichen durch die folgenden Worte Jesu:
Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn er ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete?“ (Lk 11, 11) Gott führt uns nicht an der Nase herum. Er gibt uns, worum wir bitten. So sagt es Jesus. Sollten wir uns darauf nicht verlassen können? Sollten wir unser Gebet also gerade darum hartnäckig und immer wieder auf den Weg bringen, so als sei Gott schwerhörig? Aber wenn wir daran denken, klingen uns sicher auch die anderen Worte Jesu im Ohr: „Wenn ihr betet, dann sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden“ (Mt 6, 7). Darauf folgt dann das Vater unser, mit dem eigentlich schon alles Erforderliche erbeten ist. Sollten wir darum also nun das Vater unser ständig wiederholen? Was ist mit der Erkenntnis, dass unser himmlischer Vater weiß, was wir bedürfen, bevor wir ihn bitten? (Mt 6, 8)
Des Gerechten Gebet vermag viel“ (Jak 5, 16), heißt es im Jakobusbrief, und das ist auch der Tenor unseres Predigttextes: Bittet, so wird euch gegeben.
Und doch bekommt unser Predigttext noch eine Wendung, die dann doch alles zu relativieren scheint. Am Ende heißt es: „... wieviel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten.“ (Lk 11, 13)
Also geht es nur um den Heiligen Geist? Oder darum, dass die Antwort auf unsere Gebete immer der Heilige Geist ist?
Bei den meisten Dingen, um die wir bitten, ist es doch so: bei genauem Hinsehen können wir erkennen, dass die Nöte der Menschen von Menschen gemacht sind. Und darum können sie auch von Menschen wieder beseitigt werden. Nur ist es nötig, dass die Menschen das auch erkennen. Und das kann natürlich durch den Heiligen Geist geschehen.
Aber da gibt es zwei Probleme.
Zum einen: viele Menschen bitten Gott nicht. Sie haben das Beten längst verlernt. Wie sollen sie da den Heiligen Geist empfangen, wenn sie Gott nicht darum bitten?
Und zum andern: es bleiben immer noch die Naturkatastrophen und Krankheiten, von denen man kaum sagen kann, dass sie von Menschen verursacht sind, obwohl das in manchen Fällen auch zutrifft. Wie hilft uns da der Heilige Geist?
Die Antwort auf die erste Frage ist die: wir können um den Heiligen Geist auch für unsere Mitmenschen beten. Die Fürbitte bekommt hier einen hohen Stellenwert.
Und auf die zweite Frage gibt es diese Antwort: Natürlich hilft der Heilige Geist auch dann, wenn Naturkatastrophen oder Krankheiten auftreten. Nur hilft er nicht gegen sie. Er hilft in ihnen. Er hilft, dass Menschen füreinander da sind, einander helfen und unterstützen. Er hilft, dass Grenzen überwunden werden, die vorher da waren.
Also ist das Gebet nicht vergeblich, auch wenn es nicht ganz so ist, wie die Worte „Bittet, so wird euch gegeben“ suggerieren. Es wird uns gegeben, was wir brauchen. Damit aber sollen wir nicht nur rechnen, damit müssen wir rechnen.
Denn sonst ist unser Gebet in der Tat wert- und ziellos. Wenn wir nicht darauf vertrauen, dass Gott uns gibt, worum wir bitten, können wir das Beten auch gleich ganz sein lassen.
Aber wenn wir das tun, d.h. wenn wir nicht mehr beten, dann wird es ewig so weiter gehen wie bisher, es wird immer Kriege geben, es werden immer Menschen verhungern, es wird immer Ungerechtigkeit geben. Unsere Welt wird nicht erlöst werden von dem Bösen.
Darum mahnt uns Jesus auch, allezeit zu beten und darin nicht nachzulassen (Lk 18, 1). Denn nur dann wird uns auch der Heilige Geist gegeben werden, und nur dann wird erfüllt werden, was er uns zugesagt hat: dass er kommen wird, um diese Welt zu erlösen von allem Leid, dass er die Tränen von den Angesichtern abwischen wird, dass Friede herrscht und Gott mitten unter uns ist.
Also betet!
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Komm, Heiliger Geist (EG 125)
Komm, o komm, du Geist des Lebens (EG 134)
Bewahre uns, Gott (EG 171)
Ausgang und Eingang (EG 175)
Dir, dir, o Höchster, will ich singen (EG 328)
Verzage nicht, du Häuflein klein (EG 249)
So jemand spricht: Ich liebe Gott (EG 412)
Brich mit den Hungrigen dein Brot (EG 420)

Predigtvorschläge zu Reihe V - 1. Tim 2, 1-6a

Liebe Gemeinde!
So ein bisschen merkwürdig ist der Predigttext schon, denn er scheint ein Verhalten fördern zu wollen, das wir in einer demokratischen Gesellschaft eigentlich verlernen sollten.
Paulus lebte in einer Zeit des Feudalismus. Die Menschen waren Untertanen, und dazu noch von Herrschern, die nicht zum eigenen Volk gehörten.
Die Römer herrschten im Grunde über alle Länder rund um das Mittelmeer. Mit unterschiedlichen Methoden, durchaus auch mit Gewalt, sorgten sie dafür, dass die Menschen, über die sie herrschten, ihnen gehorsam blieben.
Paulus selbst war als römischer Bürger geboren, obwohl er kein Römer war. Das römische Bürgerrecht konnte man sich erwerben, oder es wurde einem verliehen. Auf welche Weise seine Eltern dieses Bürgerrecht erlangten, wissen wir allerdings nicht.
Für Paulus waren die Römer aber nicht aus diesem Grund keine Feinde, wie es viele seiner jüdischen Genossen sahen. Vielmehr war es ihm ziemlich gleichgültig, wer über ihn herrschte. Es hätten auch Ägypter oder Griechen oder Germanen sein können: er hätte sie alle mit den gleichen Augen gesehen: als Menschen, die durch Jesus Christus mit Gott versöhnt werden können – wenn sie es denn wollen.
Aber scheinbar zeigt er in unserem Predigttext auch keinen Missionseifer, wie wir ihn eigentlich doch von ihm kennen, denn er hat ja schließlich einige Gemeinden selbst gegründet und sich sein Leben lang für die Ausbreitung des Evangeliums eingesetzt.
Im Gegenteil: er fordert dazu auf, für die Obrigkeit, also für die römischen Herrscher, zu beten, damit „wir“ als Christen „ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.“ (1. Tim 2, 2b)
Diese Aufforderung macht uns nachdenklich, denn zwei Dinge gehören doch eigentlich zum Christsein dazu: (1.) die Verkündigung der Frohen Botschaft und (2.) das Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden. Zu beidem hat uns Jesus aufgerufen.
Aber beides kann uns hindern, das zu tun, was Paulus offenbar für erstrebenswert hält.
Wer die Frohe Botschaft, das Evangelium von Jesus Christus, verkündet, lief schon damals Gefahr, von den Oberen als Aufwiegler gefangen genommen und im schlimmsten Fall zum Tod verurteilt zu werden.
Dieser Gefahr setzen sich auch heute Christen in vielen Ländern aus, schon dann, wenn sie sich zum Gottesdienst versammeln, und nicht erst, wenn sie sich hin begeben zu den Menschen, die die Frohe Botschaft noch nicht gehört haben.
Oft tun die Christen in solchen Ländern das auch gar nicht. Aber es gibt subtile Arten der Mission: In Indien etwa sind bei jedem Gottesdienst Lautsprecher, die außen an der Kirche angebracht waren, angeschaltet, die die Predigt laut hörbar machen für alle, die vorübergehen. Auf diese Weise wird die Frohe Botschaft, das Evangelium, Sonntag für Sonntag in die Welt hinaus hörbar. Ähnlich mag es in anderen Ländern sein, in denen eine grundsätzliche Religionsfreiheit besteht, die Mission aber untersagt ist.
Für manche ist solch ein Vorgehen eine Provokation, andere werden vielleicht aufmerksam und wollen mehr hören.
In Ländern, wo es keine Religionsfreiheit gibt, kann man das allerdings nicht tun, ohne sein Leben aufs Spiel zu setzen. Dass es auch heute solche Länder gibt, erfahren wir immer wieder aus den Nachrichten.
Das andere, das Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden, wird in Ländern mit totalitären Regimen selten gerne gesehen. Auch in manchen Ländern, in denen angeblich demokratische Verhältnisse herrschen, wird erwartet, dass man sich auf der Linie der Regierung hält, wenn man sich öffentlich zu bestimmten Ereignissen äußert. Wer zivilen Ungehorsam übt, weil die Regierung ungerecht gehandelt hat oder im Begriff ist, ungerecht zu handeln, muss in solchen Ländern damit rechnen, gefangen genommen und im schlimmsten Fall auch gefoltert oder gar getötet zu werden.
Der sogenannte „Arabische Frühling“ mag uns daran erinnern, dass man auf diese Weise zwar viel erreichen kann, man aber nicht unbedingt ein Veränderung der Verhältnisse erreichen kann. Denn oftmals sind die Menschen in dem Land von gesellschaftlichen Strukturen geprägt, die den demokratischen Grundlinien nicht entsprechen. Und so kann eine neue Regierung schnell in alte Verhaltensmuster zurückfallen.
Vielleicht ist auch das der Grund, warum Paulus nur dazu auffordert, für die Obrigkeit zu beten, damit man ein ruhiges und stilles Leben führen kann.
Aber dabei kann es nicht bleiben, vor allem dann nicht, wenn Menschen ungerecht behandelt werden – und mit „ungerecht“ meine ich nicht die Frage, ob ein Mensch die Äpfel vom Baum des Nachbarn pflücken darf, wenn die Äste des Baumes über sein Grundstück reichen. Es geht um das Recht, zu leben – wenn z.B. die Firma Siemens in Brasilien Staudämme errichten will, die den Lebensraum der Munduruku und anderer Volksstämme, deren Geschichte lange vor der Besiedlung Südamerikas durch die portugiesischen Kolonialherren begonnen hat, vernichten werden.
Die Regierung hat dem Vorhaben zugestimmt, wobei dies nach der brasilianischen Rechtslage eigentlich nicht zulässig ist. Aber im sogenannten Interesse der Allgemeinheit kann die Regierung so ziemlich jedes Gesetz ignorieren bzw. neue Gesetze fassen, es sei denn, man kann belegen, dass das geplante Vorhaben nicht nötig ist.
Aber hier geht es um Geld. Es sollen Wasserkraftwerke entstehen, die für einen steten Geldfluss sorgen würden. Die deutsche Firma Siemens bietet dazu das Know-How und die Technologie.
Dies ist nur ein Beispiel für viele, woraus sich die Frage ergibt: sollen wir als Christenmenschen, die daran glauben, dass Gott die Liebe ist und allen Menschen in Liebe begegnet, solches Unrecht einfach geschehen lassen?
Paulus&39; Aufforderung scheint genau dies zu meinen. Aber er selbst führt dann auch dieses Argument an: „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1. Tim 2, 4)
Die Wahrheit ist, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben und Freiheit hat, und beides wird vielen Menschen, auch z.B. den Munduruku, genommen. Jeder Mensch hat ein Recht darauf, in Ruhe und Frieden leben zu können.

Wir sollen beten – das ist es, wozu uns Paulus als erstes auffordert. Wir sollen beten auch für die Obrigkeit, für die Regierungen, aber heute vielleicht noch viel mehr für die Verantwortlichen in der Wirtschaft, deren einziges Interesse es ist, den Umsatz ihrer Firma zu steigern, ganz gleich, ob dies anderen Menschen schadet.
Aber wird das Gebet genügen?
Nun, wir erfahren oft nicht, ob unser Gebet wirklich das bewirkt hat, worum wir gebeten haben. Ich weiß aber dies: das Gebet ist nicht vergeblich. Gott hört uns, wenn wir zu ihm rufen. Und manchmal ist das Gebet das Einzige, was wir tun können.
Auf jeden Fall ist es ein Baustein in unserem Handeln. Indem wir beten, beziehen wir Gott in unser Leben mit ein. Es hilft dabei, uns daran zu erinnern, dass wir Kinder Gottes sind – genauso wie alle Menschen auf dieser Erde.
Natürlich beten wir auch für die, die Unrecht tun, aber nicht, dass es ihnen gut geht und sie das Unrecht weiter pflegen können, sondern dass sie ihr Unrecht erkennen und damit aufhören – dass sie, mit anderen Worten, die Wahrheit erkennen.
Wir beten darum, dass das, was Gott für alle Menschen will, möglich wird.
So kann man dann auch die Aufforderung des Paulus verstehen und annehmen. Es geht nicht um Duckmäusertum oder gar Feigheit, sondern darum, uns immer neu des Beistandes und der Hilfe Gottes zu vergewissern, wenn wir die Frohe Botschaft in diese Welt hinaus tragen und für Gerechtigkeit und Freiheit eintreten.
Paulus selbst hat die Auseinandersetzung nie gescheut, wenn es um Gerechtigkeit und Freiheit ging. Er hat auch sein Leben aufs Spiel gesetzt, indem er die Frohe Botschaft dort verkündigte, wo die Menschen ihr gegenüber ablehnend waren.
Daran erkennen wir, dass der Wunsch nach einem ruhigen und stillen Leben nicht bedeutet, Unrecht gegenüber den Menschen und Unkenntnis der Liebe Gottes zu ignorieren, sondern für Gerechtigkeit und die Erkenntnis der Wahrheit einzutreten. Denn letztlich können wir nur dann ein ruhiges und stilles Leben führen, wenn genau dies geschehen ist: dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.
So gebe uns Gott den Mut, dafür mit unseren Gebeten und unserem Handeln einzutreten.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Nun lasst uns gehn und treten (EG 58, 1.7-14)
Ausgang und Eingang (EG 175)
Kyrie (EG 178)
Vater unser im Himmelreich (EG 344)
Verleih uns Frieden (EG 421)
Herr, höre, Herr, erhöre (EG 423)
Bleibet hier (EG 789.2)

Predigtvorschläge zu Reihe VI - 2. Mose 32, 7-14 (= Ex 32, 7-14)

Liebe Gemeinde!
Nur nichts vom Zorn Gottes sagen – das ist die Devise. Denn in Christus ist ja die Versöhnung vollkommen – Gott hat durch seinen Sohn alles neu gemacht, uns ist vergeben, egal, was wir tun. Da hat ein Rachegott gar nichts zu suchen, und auch das Gericht scheint uns ein archaisches Mittel zur Unterdrückung der Gläubigen, nicht aber biblische – oder besser „christliche“ - Botschaft zu sein.
Doch liegen wir mit dieser Grundvoraussetzung falsch. Die Bibel kennt in beiden Teilen den Zorn Gottes. Wir finden beängstigende Gerichtsgleichnisse aus dem Munde Jesu in den Evangelien, und auch Paulus nimmt da kein Blatt vor den Mund: Im Römerbrief macht er sehr deutlich, dass Gottes Zorn nicht zu unterschätzen ist und dass sich dieser im Gericht dann letztlich auch erweisen wird. Die Unbefangenheit, mit der hier von Zorn und Gericht gesprochen wird, ist uns in den letzten Jahrzehnten allerdings völlig abhanden gekommen.
Ist das richtig? Verkürzen wir damit nicht die Botschaft, die uns weiter zu geben aufgetragen ist? Dürfen wir Gott hinstellen als einen, der lächelnd über alles hinweg sieht, was wir tun?
So billig sollten wir die Gnade Gottes nicht machen, denn, das wissen wir, was umsonst ist, ist auch nichts wert. Es gilt also, immer wieder aufs Neue unseren Glauben zu prüfen, ob er den Maßstäben, die Gott selbst ansetzen würde, auch standhalten kann.
Das Volk Israel hat solch eine Prüfung mehr oder weniger unfreiwillig mehr als einmal über sich ergehen lassen. Als Mose auf dem Berg Sinai war, um die 10 Gebote zu empfangen, hatten sie keine Geduld und forderten Aaron auf, ihnen einen Gott zu machen, der vor ihnen hergehe. Das goldene Kalb wurde ohne großen Widerspruch erstellt und mit den Worten eingeführt: „Siehe, das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat.“
Das rauschende Fest war dann auch für den vom Berg herabsteigenden Mose schon aus weiter Ferne zu hören.
Man könnte meinen, dass uns so etwas nicht passiert, doch da sollten wir vorsichtig sein. Luther hat in einer Predigt über diesen Text Aaron als Warnung hingestellt: Wenn selbst der Priester nicht standhaft bleiben kann, dann darf gewiss niemand auf sich selbst vertrauen. Jeder kann diesem Trug verfallen und sich in den Tanz um das goldene Kalb einreihen.
Der „Tanz um das goldene Kalb“ ist sprichwörtlich geworden für eine Gesellschaft, die den Wohlstand über alles andere stellt. Hauptsache, es ist genug Geld auf dem Konto.
Unsere Gesellschaft übt diesen Tanz seit langem. Vielleicht hat uns ja der Krieg, die lange Zeit der Entbehrung, dazu veranlasst, Sicherheit im Wohlstand zu suchen. Was auch immer die Ursache ist: Dieser Tanz ist gefährlich. Denn er führt dazu, dass die Armen dieser Welt uns erst dann etwas bedeuten, wenn ihre Existenz unseren Wohlstand bedroht. Und das ist eine Haltung, worüber Gott durchaus zornig wird.
Doch wie macht sich dieser Zorn Luft? Nun, Gott kann unserem Treiben zuschauen und nicht eingreifen. Er kann uns in unser Verderben rennen lassen – denn es liegt auf der Hand, dass unser Tanz geradewegs ins Verderben führt. Wir wissen längst, dass es so nicht weiter gehen kann. Nur, wann treten wir die Kehrtwende an?
Mose hört die Stimme Gottes, das Urteil: sie sollen ausgerottet und vom Erdboden vertilgt werden.
Gott lehnt sich also nicht zurück. Das Treiben der Menschen ist ihm nicht gleichgültig. Sein Zorn entbrennt, wie er ja schon zum ersten Gebot angekündigt hat: ich will die Sünden der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied. Das ist keine Rachsucht, sondern es ist der Versuch, die Menschen auf dem Weg der Gebote zu leiten, die, wenn sie übertreten werden, unweigerlich Konsequenzen nach sich ziehen, die sich nicht kalkulieren lassen und die im höchsten Grade zerstörerisch sind.
Wir merken es vielleicht an der Diskussion um die globale Erwärmung, den Anstieg des Kohlendioxidgehaltes aufgrund unseres andauernden Tanzes um das goldene Kalb, und die damit verbundenen Klimaveränderungen. Noch hält es sich in Grenzen, aber was da auf uns zukommt, lässt sich ja kaum abschätzen. Horrorszenarien werden da an die Wand gemalt. Gottes Zorn ist entbrannt. Doch die Konsequenz des angedrohten Gerichts, wäre ja nicht nur das Ende der Menschheit, sondern auch das Ende der Geschichte Gottes mit den Menschen.
Mose erkennt das und setzt an dieser Stelle an. Er fordert Gott geweissermaßen heraus. Er bittet: „Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und laß dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst."
Er kann Gottes heiligen Willen nicht brechen, das weiß er. Das kann nur Gott allein. Aber er kann ihn erinnern an die Verheißungen, die Gott ja auch gemacht hat: „Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig." Mose schlägt Gott mit seinen eigenen Waffen, wenn man so will. „Du hast es gesagt, mache es wahr. Dein Wille geschehe.“ Und zwar nicht der Wille, der vernichtet und dem Erdboden gleich macht, sondern der Wille, der in der Verheißung zum Ausdruck gebracht wurde.
Gott bleibt seinem Worte treu. Moses darf erfahren, wie der Gott des Zornes sich in den Gott der Vergebung verwandelt. Aber das heißt nicht, daß das untreue Volk ungestraft davonkommt. Moses zerschlägt das goldene Kalb, zermahlt es zu Pulver, streut es aufs Wasser und gibt es dem Volk zu trinken. Es muß die Suppe auslöffeln, die es sich eingebrockt hat. Gottes vergebende Liebe ist heiliger Ernst: Wer dem Golde vertraut, muß lernen, daß niemand davon satt wird.
Wer sich dem Tanz um das Kalb hingibt, muß erfahren, daß am Ende der Sturz in den Abgrund steht. Böse Taten bringen böse Taten hervor. Unter diesem Gesetz des Todes leben wir in dieser Welt.
„Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden", sagt uns unser Herr Jesus Christus. Der Fluch des Todes ist nicht das letzte Wort über uns. Mose hat gewagt, in seinem Gebet vom Gott des Zornes zu dem Gott der vergebenden Liebe zu fliehen. Es sind nur zwei verschiedene Gesichter des gleichen Gottes, aber sie sind beide da.
Achten wir darauf, nicht nur das eine Gesicht, das der vergebenden Liebe zu sehen. Dann würden wir es uns zu billig machen.
Es ist vielmehr höchste Zeit, dass wir umkehren und all unsern Mut zusammen nehmen, um mit unserem Gebet Gott um zu stimmen, ihn zu erinnern an die Verheißungen, die er durch Jesus Christus machte und auf die wir vertrauen dürfen, wenn wir aufhören, um das goldene Kalb zu tanzen.
Vielleicht lässt Gott sich dann auf unser Bitten ein, und die Zukunft, die vor uns liegt, wird nicht so beängstigend sein, wie sie uns jetzt schon erscheint.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
*So wahr ich lebe, spricht dein Gott (EG 234)
Wach auf, wach auf, 's ist hohe Zeit (EG 244)
Treuer Wächter Israel's (EG 248)
Herr, der du vormals hast dein Land (EG 283)
Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ (EG 343)
Ach bleib mit deiner Gnade (EG 347)
Wo zwei oder drei (EG 563)
Gott ruft dich, priesterliche Schar (EG 587)

Predigtvorschläge zu Reihe M - 1. Mose 18, 16-33 (Gen 18, 16-33)
Sir 34, 28-31
Kol 4, 2-4

Zu Kol 4, 2-4:
Liebe Gemeinde!
Wenn ich ein Gemeindeglied besuche, dann ist es häufig so, dass ich auch anbiete, ein Gebet zu sprechen. In der Regel wird dieses Angebot gerne angenommen, manchmal aber auch nicht. Von zwei solcher Reaktionen möchte ich kurz berichten:
Einmal kam ich zu einer Frau, die viel Leid erlebt hatte und vielfach enttäuscht worden war. Als ich ihr anbot, ein Gebet zu sprechen, erwiderte sie: „Von mir aus, machen Sie ruhig, mir bedeutet das nichts.“
Ich habe gebetet. Aber ich habe mich oft gefragt, ob dieses Gebet etwas bewegt haben kann.
Andererseits war mir das Gebet unter diesen Umständen besonders wichtig. Ich wollte nun gerade für diese Frau beten, damit sie die stärkende Kraft des Gebetes wieder neu entdecken konnte. Ich hatte die Hoffnung, dass das Gebet in ihr etwas bewegt. Ein andermal kam ich zu einem Ehepaar, das rundum zufrieden zu sein schien. Sie hatten liebe Kinder, es ging ihnen gesundheitlich dem Alter entsprechend gut, die Rente reichte.
Es war sein Geburtstag, und so wollte ich auch diesen Besuch mit einem Gebet für das Geburtstagskind abschließen. Er lehnte dankend ab: „Wissen Sie, ich habe so viele schlimme Dinge erlebt, vor allem im Krieg, da kann ich nicht glauben, dass es einen Gott gibt. Er hätte das doch verhindern müssen.“
Merkwürdig, dass er dennoch die Gemeinschaft der Kirche nicht verlassen hatte. Aber zugleich auch ermutigend. Ich habe seinen Wunsch respektiert, mich aber oft gefragt, wie es dazu kommen kann, dass Menschen nicht mehr in der Lage sind, zu beten, und manchmal dann auch andere nicht für sie beten lassen.
Nun fordert uns Paulus zum Gebet auf. Er schreibt zwar an die Christen in Kolossä, aber wir können diese Worte getrost auch für uns in Anspruch nehmen.
„Seid beharrlich im Gebet“, so lesen. Mit anderen Worten: hört nicht mit dem Beten auf! „wacht in ihm“, so heißt es weiter. Verbringt Eure Zeit betend, Tag und Nacht.
Das erscheint dann doch ziemlich übertrieben – man muss ja schließlich auch mal was anderes tun.
Ein Konfirmand meinte: „Wenn ich bedroht werde, dann werde ich bestimmt nicht auf die Knie fallen und beten.“ Damit wollte er sagen, dass es Situationen gibt, in denen Handeln wichtiger ist als Beten.
So mag es sein. Aber ich habe es erlebt – und Sie sicher auch - dass wir eben gerade in solchen Situationen, in denen es um unsere Existenz geht, uns wieder an Gott erinnern und ihn um Hilfe bitten. „Not lehrt beten“, so heißt es ja so schön im Volksmund.
Die sogenannten Stoßgebete, die wir in solch akuten Situationen zum Himmel schickten, haben dann auch unter Umständen einen Perspektivwechsel verursacht, wodurch wir wieder aus der Gefahr hinaus gelangten.
„Seid beharrlich im Gebet“; damit meint Paulus sicher nicht, dass wir tagtäglich von morgens bis abends beten sollen. Dann könnte ja nichts mehr getan werden. Die alltäglichen Geschäfte müssen erledigt, die Arbeit, mit der wir unseren Lebensunterhalt verdienen, muss getan werden. Also Beten doch nur am Morgen und am Abend?
Dann hätte es mit dem beharrlichen Beten nicht mehr viel zu tun. Nein, Paulus meint, dass wir das Beten zu einem Bestandteil unseres Alltags machen sollen. Was immer wir tun – es verdient auch, vor Gott gebracht zu werden. Die Gespräche, die wir führen, der Einkauf, das Handwerk, die täglichen Verrichtungen des Alltags – all das kann von einem Gebet begleitet werden.
Es ist zwar hilfreich, aber nicht nötig, dass wir für das Gebet eine besondere Atmosphäre schaffen. Die hat es auch in den Luftschutzbunkern nicht gegeben.
Ob wir nun in unserem Gebet Gott um Hilfe bei einer Entscheidung bitten, oder ob uns jemand eingefallen ist, für den man ein kurzes Gebet spricht – solche Gebete geschehen oft ganz unmerklich, im Herzen. Gott hört auch solche Gebete.
Ebenso wichtig wie das Bitten um Hilfe für einen selbst oder für andere ist dann aber auch die Danksagung. Da gibt es gerade im Alltäglichen viele Anlässe. Die Fülle, aus der wir schöpfen können, die Sicherheit, in der wir leben, die Menschen, die uns begleiten und mit denen wir in Liebe verbunden sind – all das ist Grund zum Danken, und noch viel mehr.
Seid beharrlich im Gebet...
Doch warum beten wir nun eigentlich?
Das fragen uns solche Menschen, von denen ich zu Beginn erzählt habe. Hat es denn einen Sinn?
Vielen Konfirmandinnen und Konfirmanden fiel es jedenfalls schwer, im Gebet einen Sinn zu erkennen. Einer meinte, er hätte es in einer Angelegenheit dreimal versucht, und es wäre nichts geschehen. Worum es sich konkret handelte, wollte er nicht sagen, aber es war klar, dass er eine spezifische Reaktion erwartete, und darin enttäuscht wurde.
Generell herrschte unter den Konfirmanden die Meinung vor, dass es jedenfalls keine erkennbare Reaktion auf das Gebet gibt. Und darum sei es überflüssig.
Wenn man den Erfahrungsschatz 13- bis 14-jähriger Jungen und Mädchen in Betracht zieht, dann ist es auch in der Regel sehr verständlich, dass ihnen das Gebet nutzlos erscheint.
Denn manche Antwort, das wissen viele von uns, weil sie es selbst so erfahren haben, kommt oft erst viel später, oder man erkennt sie als Antwort erst im Nachhinein, ebenfalls Jahre später.
Denn Gott antwortet auf unser Gebet nicht notwendigerweise so, wie wir es erwarten. Er stellt das Gebet in einen großen Zusammenhang, den wir nicht mehr überblicken können. Er schaut, wie das, worum wir bitten, in diesen großen Zusammenhang hineinpasst, und erfüllt unsere Bitten dementsprechend. Und das kann ganz anders sein, als wir es erwarten oder uns vorstellen.
Manchmal werden wir selbst dann auf dieses große Ganze gestoßen und erkennen, dass unser Gebet in die falsche Richtung lief.

Nun könnte man aus dieser Beobachtung seine Schlüsse ziehen und sagen: in Zukunft bete ich nur noch ganz allgemein, nichts Konkretes mehr. Dann kann ich nicht enttäuscht werden, und ich kann auch sicher sein, nicht das Falsche zu erbitten.
Aber was soll ein solches Gebet dann überhaupt noch? Es würde genügen, Gott alles anheim zu stellen, und das wär's dann schon. Also etwa: „Gott, mach alles so, wie du es haben willst. Amen“
Ein Gebet Jesu zeigt uns, dass die konkrete Situation genauso wichtig ist wie alles in Gottes Hand zu legen. Es ist das Gebet, das er in Gethsemane, kurz vor seiner Gefangennahme, sprach: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ (Lk 22, 42)
Gott wollte den Kelch nicht an Jesus vorübergehen lassen, und Jesus wusste das auch. Denn welche andere Möglichkeit hätte es gegeben, um das Heil für alle Menschen zu bewirken?
Das konkrete Gebet, das Gebet, das ein Ziel hat, ist wichtig. Darum verzichtet Jesus nicht darauf.
Und so soll auch unser Gebet ein Gebet sein, das dem Handeln Gottes Raum gibt, andererseits aber auch unsere konkrete Not nicht außen vor lässt.
Paulus weiß, dass kein Gebet vergeblich ist. Gott hört unsere Gebete, und wir dürfen darauf vertrauen, dass er nur das Beste für uns will. Dabei sollen wir uns klar sein, dass dieses Beste ganz anders aussehen kann als das, was wir uns wünschen.
Darum hat Paulus auch im Römerbrief zum Thema Gebet Folgendes gesagt: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“ (Röm 8, 28a)
Wer betet, bringt damit seine Liebe zu Gott zum Ausdruck. Wer betend lebt und arbeitet, ist erfüllt von der Liebe zu Gott. Für einen solchen Menschen also gilt, dass ihm alle Dinge zum Besten dienen. Denn er schöpft aus dem Gebet seine Kraft, er gewinnt daraus Hoffnung und Zuversicht.
Paulus fordert dazu auf, ganz konkret für ihn zu beten, der im Gefängnis ist, dass sich eine Tür auftut für das Wort des Evangeliums. Soll dies die Tür seines Gefängnisses sein?
Er rechnet jedenfalls fest damit, dass das Gebet Wunder wirken kann. Nicht nur, dass es uns selbst, unsere Einstellung zu den Dingen, die uns widerfahren, verändert, sondern auch, dass sich durch unser Gebet die Welt um uns herum verändert.
Paulus war davon fest überzeugt. Dass viele heute diese Überzeugung nicht mehr teilen, erlebe ich immer wieder. Es genügt nunmal nicht, nur hin und wieder einmal zu beten. Sondern: Seid beharrlich im Gebet. Hört nicht auf, zu beten.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Zu Kol 4, 2-4:
So gib dein Wort mit großen Scharen (EG 241, 4-9)
Preis, Lob und Dank sei Gott, dem Herren (EG 245)
Mache dich, mein Geist, bereit (EG 387)
Gott ruft dich, priesterliche Schar (KHW-EG 587)
Harre, meine Seele (KHW-EG 611)