das Kirchenjahr

20. Sonntag nach Trinitatis

Die Ordnungen Gottes

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe I - 1. Mose 8, 18-22; 9, 12-17 (= Gen 8, 18-22; 9, 12-17

Die folgende Predigt geht nur auf den Abschnitt aus Kapitel 8 ein:

Liebe Gemeinde!
Noah ist eine Gestalt, die uns allen vertraut ist. Als Kinder haben wir die Geschichte von Noah erzählt bekommen, und es wurden Filme über seine Geschichte gedreht, die viel Beachtung gefunden haben. Es ist ja auch beeindruckend, so eine Flut, die die ganze Menschheit vernichtet und - durch Gottes Ratschluss - nur diese eine Familie am Leben lässt.
Die Arche Noah ist zum stehenden Begriff geworden für eine Herberge, in der man Zuflucht und Schutz finden kann. Das Wort „Arche” steht für Organisationen und Einrichtungen, die solchen Schutz bieten.
Aber wenn man länger über diese Geschichte nachdenkt, kann einem schon das kalte Grausen kommen.
Wieviele Menschen haben da wohl den Tod gefunden? Wenn wirklich die ganze Welt überschwemmt war, dann müssen es ja viele Millionen gewesen sein.
Zugegeben, sie waren nach Gottes Urteil schuldig geworden, ihre Sünde schrie zum Himmel. Aber ist der Tod die Lösung?
Was noch schwerer zu wiegen scheint: all die unzähligen Tiere, die durch die Sintflut den Tod fanden. Warum mussten sie sterben? Man kann doch nicht sagen, dass sie in irgendeiner Form schuldig geworden wären. Die Fähigkeit dazu bleibt dem Menschen vorbehalten.

Die Erzählung von Noah gehört zur sogenannten Urgeschichte. Sie ereignete sich in der Zeit, bevor man begann, Chroniken zu führen und Geschichte auf irgend eine Weise fest zu halten. Man erzählte sich Geschichten, und man kann sich da durchaus das Lagerfeuer einer nomadischen Sippe vorstellen, die nirgends sesshaft war. Dort wurden solche Erzählungen weitergegeben an die Kinder, um ganz grundlegende Erfahrungen der Menschheit zu begründen und zu erklären.
Erlebt hat das, wovon dort berichtet wird, keiner von denen, die sie erzählten. Viele Generationen hat es gedauert, bevor man in Städten zu leben begann und bevor man daran dachte, solche Dinge auf zu schreiben.
Die Geschichte von Noah basiert wohl auf der Erfahrung, die wir auch in unserer Zeit machen: immer wieder kommt es zu massiven Überschwemmungen oder auch anderen Naturkatastrophen, und jedesmal fragten und fragen sich die Menschen, ob Gott sie nun alle vernichten würde. Ist dieses Unwetter das Endgericht?
So wie heute in vielen Ländern, so wurden natürlich auch damals von den Wassermassen nicht nur Hab und Gut vernichtet, sondern es fanden auch viele Menschen den Tod.
[„Houston ertrinkt!”, so lautete vor zwei Monaten eine Schlagzeile, die das Ausmaß der vom Hurrican Harvey verursachten Katastrophe zum Ausdruck bringen sollte.] (evtl. findet sich ein ähnliches, aktuelleres Ereignis, das an dieser Stelle genannt werden kann)
Eine Beobachtung lässt sich eigentlich immer machen, wenn sich solche Naturkatastrophen ereignen: Die Angst vor der Unbarmherzigkeit der Natur lenkt den Blick auf den Schöpfer, auf den, dem man zutraut, dass er diese Gewalten kontrollieren und beeinflussen kann.
Dabei wissen wir ja eigentlich längst, dass da keine übernatürlichen Kräfte ihre Hand im Spiel haben, sondern die Phänomene, die die Katastrophe auslösen, einfach nur auf physikalischen Gesetzen beruhen. Allerdings haben wir inzwischen auch gelernt, dass der Mensch durchaus seinen Teil beitragen kann zur Häufigkeit und Intensität der Wetterphänomene.
Die Hinwendung zu Gott in solchen Notsituationen bleibt. Meist sind es dann vorwurfsvolle „Warum”-Fragen, die gestellt werden, oft ist es aber auch nur ein schwacher Ruf um Hilfe. Auf jeden Fall hat der Mensch das Gefühl des Ausgeliefert-Seins, und da gibt es nur noch eine Hilfe, nämlich Gott.
In der Erzählung von Noah wird versucht, die Naturkatastrophe zu begründen, und in diesem Versuch erkennen wir zwei Dinge, die über Gott ausgesagt werden und sich im Grunde vielleicht sogar widersprechen:

1. Gott richtet und
2. Gott errettet und bewahrt

Da ist zunächst das Gericht über die Menschheit. Sie sind alle verdorben, Frevler, gottlos - das ist die Feststellung, die Gott zu Beginn der Erzählung macht.
Es scheint ein Problem des Menschen schlechthin zu sein, dass er Gott vergisst, wenn es ihm gut geht. Aber genau das gefällt Gott nicht.
Nur einer hatte Gott nicht vergessen; und das war Noah. Er wurde mit seiner Familie gerettet, weil er Gott ernst nahm und den absurden Auftrag ausführte, eine Arche auf trockenem Land zu bauen. Es ist ein enorm großes Schiff, in dem alle Tiere zu je einem Paar Platz finden sollen, dazu natürlich Noahs Familie und die nötige Nahrung. Noah hörte auf Gott.
Die Sintflut ist dann das Gericht. Es ist ein unbarmherziges Gericht. War Noah wirklich der einzige, der sein Vertrauen auf Gott setzte? Waren seine Kinder besser als die, die ertranken?
Eigentlich hatte Gott ja beschlossen, die ganze Menschheit zu vernichten und noch einmal von vorne an zu fangen. Er besann sich aber. Noah findet Gnade vor den Augen Gottes. (Gen 6, 8) Es ist Gnade, und kein Rechtsanspruch, den Noah für sich geltend machen könnte.
Und da leuchtet schon etwas durch von dem Gott, den wir den Vater Jesu Christi nennen: er ist gnädig, auch dann, wenn es eigentlich keinen Grund dafür gibt.
In der Entscheidung, diese eine Familie zu retten, wird eigentlich die Liebe Gottes für uns Menschen offenbar.
Aber wie es weitergeht, hängt nun vom Menschen ab. Was, wenn Noah nicht auf Gott gehört hätte?
Die Sintflut beginnt, sie bringt unzähligen Menschen den Tod, dazu all den Tieren, die nicht im Wasser leben können. Fast ein Jahr müssen sie in der Arche ausharren.
Und hier steht nun unser Predigttext, nachdem das Land wieder trocken war und die Arche einen festen Ruheplatz gefunden hatte:
So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, dazu alle wilden Tiere, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.
Noah aber baute dem Herrn einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar. Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Noah weiß, wem er sein Leben verdankt. Mit seinem Dankopfer antwortet er auf die Bewahrung, jetzt redet er mit Gott, nachdem Gott mit ihm geredet hatte.
Und Gott spürt den Dank. Der liebliche Geruch, der Gott in die Nase steigt, das ist natürlich nur eine Weise, auszudrücken, dass Gott den Dank wahrnimmt. Sehr menschlich wird es geschildert, und so stellte man sich damals ja auch Gott vor. Sind wir nicht sein Ebenbild?
Und auch wir neigen ja dazu, uns Gott, den Allmächtigen und Ewigen, menschlich vorzustellen.
Der Dank bewegt etwas. Gott beschließt: Nie wieder soll solches Unheil über die Erde kommen, sagt Gott zu sich selbst. Nie wieder soll die Schöpfung leiden, weil der Mensch versagt hat.
Der Grund ist ernüchternd, ja, erschütternd: Der Mensch ist böse von Jugend an, stellt Gott fest, mit anderen Worten: da lässt sich nichts machen. Eigentlich dürfte es den Menschen gar nicht geben.
Aber die Menschheit vernichten hätte fatale Folgen. Nicht noch einmal soll die übrige Schöpfung unter der Bosheit der Menschen leiden. Die unschuldige Kreatur soll nicht ausbaden, was der Mensch sich eingebrockt hat.
Seither trägt die Menschheit dieses Mal mit sich und an sich: böse von Jugend an. Und das meint nicht: etwa ab dem 16. Lebensjahr. Das meint vielmehr: von Geburt, vom ersten Tage an.
Das ist das gleiche Urteil, das Gott vor Beginn der Sintflut gefällt hatte. Die Menschheit ist böse, und sie bleibt es. Da ändert auch Noahs Antwort nichts mehr dran. Zwar ist Noah ein Mensch, der auf Gott hört und seinen Willen ausführt, aber seine Familie? Ausnahmen bestätigen die Regel.
Und deswegen ist es eben doch nicht die Antwort des Menschen, die Gottes Meinung zu seiner Schöpfung verändert, sondern Gott selbst.
Denn Gott kann seine Schöpfung nicht aufgeben. Schon als er das Gericht beschlossen hatte, sonderte er ja einen mit seiner ganzen Familie aus. Er liebt seine Schöpfung, und er liebt auch den Menschen als Krone der Schöpfung, so dass er sie erhalten will.
Jetzt geht er noch einen Schritt weiter: die ganze Schöpfung soll erhalten bleiben. Ein solch umfassendes Gericht soll es nicht noch einmal geben.
„Das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.” - Diese Feststellung ist, wenn wir ehrlich sind, richtig.
Denn auch wenn wir nicht Böses tun, so ist doch das Unterlassen, das Nicht-Tun, oftmals Böse, dann nämlich, wenn wir nicht bereit sind, anderen zu helfen und ihnen bei zu stehen, dann, wenn wir uns nicht gegen das Unrecht, das vielen Menschen widerfährt, wenden, dann, wenn wir nicht auf Gott hören.
Die Bilanz Gottes ist niederschmetternd. Und das Bedrückende ist: er zieht diese Bilanz, nachdem Noah ihm gedankt hat.
Gott sagt eben nicht: es scheint ja noch Grund zur Hoffnung zu geben. Nein, es gibt keinen Grund zur Hoffnung, außer dem: dass Gott uns nicht aufgibt. Dass er zu seiner Schöpfung steht. Dass er sie erhält und mit ihr auch uns.
Zuletzt hat er seine unermessliche Liebe in seinem Sohn Jesus Christus bewiesen. Durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes besiegt Gott den Tod, die letzte Fessel der Menschheit. Gott hat die Hoffnung nicht aufgegeben. Er hängt an seiner Schöpfung. Er liebt uns.
Und da ist die Rettung, die aus dem Gericht heraus erkennbar wird.
Was ist unsere Antwort? Noah hatte seine Bewahrung erlebt, er mag noch auf wackeligen Beinen stehen, nach vielen Monaten auf dem Wasser, aber nun hat er festen Boden unter den Füßen.
Er geht und feiert Gottesdienst. Er dankt Gott. Denn er weiß: es ist Gnade, durch die er auserwählt wurde, und nicht sein Verdienst.
Gott für die Bewahrung danken - das ist das Mindeste, was er tun kann.
So auch wir. Es ist die Gnade Gottes, die uns am Leben erhält. Und nicht nur das: Gott hat ja auch den Tod in seine Schranken gewiesen. Die Gnade Gottes reicht weit über dieses Leben hinaus. Sie sieht eine Zukunft für uns Menschen, trotz des vernichtenden Urteils, trotz der Tatsache, dass unser Trachten böse ist von Jugend auf. Gott gibt uns nicht auf. Muss uns das nicht mit unendlicher Dankbarkeit erfüllen?
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Vertraut den neuen Wegen (EG 395)
Herr Jesu, Gnadensonne (EG 404)
Solang es Menschen gibt (EG 427)
Jeder Teil dieser Erde (EG 635)