das Kirchenjahr

17. Sonntag nach Trinitatis

Sieghafter Glaube

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe II - Mt 15, 21-28

Liebe Gemeinde,
Jesus ist Jude. Und er sieht sich selbst zu dem jüdischen Volk gesandt. Die ganze Geschichte bestätigt ihn dabei. Hier ist das auserwählte Volk, das Volk Gottes. Und er gehört dazu, von Geburt an. Auf ihm ruhen die Messiasverheißungen, und viele sind es, die daran glauben, die es erwarten, dass er sich eines Tages als der Messias zu erkennen geben wird, der von den Propheten angekündigt wurde.
Heiden, die Nichtjuden, können das allerdings nicht verstehen. Sie wissen nicht, was der Messias ist. Sie haben nicht diese Geschichte, die das jüdische Volk hat: sie sind nicht Volk Gottes. Und so wissen sie nichts von dem Gesandten Gottes, dem Messias, dessen Aufgabe es sein wird, das jüdische Volk wieder zu altem Glanz zu führen, wie es zu Zeiten Davids und Salomos war. Sie wissen nicht, dass der Messias wieder sichtbar werden lässt, dass dies das Volk ist, das von Gott auserwählt und gesegnet wurde – schon vor tausenden von Jahren. Und dass Gott diesen Segen nie von seinem Volk genommen hat.
Die Heiden haben da nur eine Aufgabe: hinaufzuziehen zum Heiligen Berg, zum Zion, um diesen Gott anzubeten, der ein so kleines Volk zu seinem Eigentum erwählte.
„Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“, sagt Jesus mit aller Schärfe, und, ja, auch mit Verachtung für diese heidnische Frau, die ihn um Hilfe anruft für ihre besessene Tochter.
Die Frau lässt aber nicht locker. Sie rennt hinter ihm her, überholt ihn und wirft sich ihm in den Weg, auf die Knie. „Herr, hilf mir“.
Und nun kommt die Verachtung noch deutlicher zum Ausdruck, indem Jesus sagt: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ Ein Hund bist du, Frau, nichts weiter. Deine Not rührt mich nicht.
Einen Hund nannte man damals noch nicht des Menschen besten Freund. Sie waren Nutztiere, nichts weiter.
Und mit einem Hund vergleicht Jesus nun diese Frau, die sich ohnehin schon vor ihm gedemütigt hatte, indem sie sich in den Staub niederwarf.
Doch sie gibt noch immer nicht auf. Trotz des tiefen Schmerzes, den sie da sicher empfunden hat, blickt sie noch einmal zu ihm auf und sagt: „Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“
Auch wenn die Hunde nur Nutztiere sind und längst nicht zu vergleichen mit den Kindern im Hause, so bekommen doch auch sie etwas zu essen – und wenn es nur die Abfälle sind. Denn auch sie haben ein Recht auf Leben.
Die Kanaanäische Frau fordert dieses Recht ein, und bekennt dabei zugleich, dass sie auf die Macht Jesu vertraut, ganz gleich, ob sie nun Kind oder Hund ist, ganz gleich, ob sie ein volles Maß oder nur ein paar Körner abbekommt. Es wird reichen. Das weiß sie.
Und so geschieht es dann auch. Ihr Anliegen wird erfüllt, fast im Vorübergehen, doch hat Jesus noch ein gutes Wort für sie: „Frau, dein Glaube ist groß“.
Die Verachtung hat sich in Achtung gewandelt, in Anerkennung, denn sie hat nicht gleich aufgegeben, als ihr doch sehr deutlich klar gemacht worden war, dass dieses Heil nicht für sie bestimmt ist.

Die Kanaanäerin lässt sich mit Brosamen abspeisen – aber diese Brosamen sind genug, denn sie weiß, sie haben die gleiche Kraft wie das Brot, von dem sie abfallen.
Das ist der Glaube, von dem Jesus redet.
Das Vertrauen, dass Gottes Kraft mächtig wird, ganz gleich, wie man mit ihr in Berührung kommt. Dieses Vertrauen, dass Gott auch im Kleinen große Wunder wirken kann, ist es, das uns unser Leben etwas leichter, etwas lebenswerter machen kann.
So möge Gott auch uns solches Vertrauen schenken.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Herr, unser Gott, lass nicht zuschanden werden (EG 247)
Lobt Gott den Herrn, ihr Heiden all (EG 293)
Es ist das Heil uns kommen her (EG 342, 1.8-9)
Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ (EG 343)
Wenn wir in höchsten Nöten sein (EG 366)
Was Gott tut, das ist wohlgetan (EG 372)
Mein ganzes Herz erhebet dich (
KHW/HN-EGEG Regionalteil Kurhessen-Waldeck/Hessen Nassau
597)

Predigtvorschläge zu Reihe III - Röm 10, 9-17(18)

Liebe Gemeinde!
„Was ich glaube, geht niemanden etwas an.“ Das ist eine Aussage, die ich häufig höre. Sie spiegelt wider, was schmerzhaft errungen wurde und was wir eigentlich sehr hoch schätzen: die Religionsfreiheit.
Wie viele blutige Kriege wurden wegen des Glaubens gefochten. In jedem dieser Kriege ging es darum, dass der Gegner den falschen Glauben hatte und deswegen bezwungen werden musste.
Schon Kaiser Konstantin hat nach der Legende die Schlacht gegen seine heidnischen Gegner durch das Kreuzeszeichen gewonnen, das er auf Fahnen und Schilde anbringen ließ.
Die Kreuzzüge sind Zeugnisse christlicher Überheblichkeit, die dreißigjährigen Kriege waren zwar nicht nur religiös motiviert, aber die Grenzen waren zwischen römisch-katholischen und protestantischen Lagern gezogen. Die anderen glaubten, um es schlicht zu sagen, das Falsche.
Auch die Kolonialisierung der Entwicklungsländer ist ein Zeugnis christlicher Überheblichkeit, die den nichtchristlichen Einheimischen jegliches Recht auf Selbstbestimmung absprach.
Im Dritten Reich wurden Juden systematisch verfolgt und ermordet, wobei der jüdische Glaube selbst zwar eine untergeordnete Rolle spielte, aber nicht gänzlich bedeutungslos war.
Zur Zeit des Kalten Krieges galten Kommunisten als Diener Satans. Sie gehörten dem Reich der Finsternis an, während die Christen – natürlich – dem Reich des Lichts angehörten.
Immer wieder spielte und spielt der Glaube der Menschen eine entscheidende Rolle in den blutigen Auseinandersetzungen, die die Menschheitsgeschichte begleiten.
Religionsfreiheit sichert zu, dass so etwas nicht mehr passiert. Zumindest sollte sie das. Dass das nicht immer gelingt, erkennt man daran, dass das öffentliche Bekenntnis zu einer Religion unter bestimmten Umständen verboten ist und sogar drastische Strafen nach sich ziehen kann.
Muslimischen Lehrerinnen wird verboten, bei der ausübung ihrer Arbeit ein Kopftuch zu tragen. Eltern (mitunter auch solche, die – noch – der Kirche angehören) klagen, wenn in den Klassenzimmern öffentlicher Schulen Kreuze aufgehängt sind. Der Grundsatz der Religionsfreiheit schränkt, so scheint es, die Ausübung der Religion zumindest in der Öffentlichkeit deutlich ein, denn all diese Verbote sind möglich, weil der Staat in Sachen Religion zur Neutralität verpflichtet ist.
Das ist wohl auch der Grund, warum die meisten Menschen nicht über ihren Glauben reden. Man möchte niemanden provozieren oder verletzen. Und man möchte selber natürlich auch nicht provoziert oder verletzt werden. Denn wer sich zu einem bestimmten Glauben bekennt, der macht sich angreifbar, heute wohl mehr als noch vor einigen Jahrzehnten.
Existenziell erleben es viele Menschen in der ganzen Welt. Auch heute sterben Menschen wegen ihres Glaubens. Nicht immer schaffen sie es dann bis in unsere Medien. Aber manchmal schon. Meist, wenn es um Christen geht, wird darüber berichtet.
„Wenn du mit deinem Mund bekennst, dass Jesus der Herr ist“ – so leitet Paulus den Predigttext ein.
Es wäre ja viel einfacher, wenn da stünde: wenn du wie ein guter Christ lebst. Denn das kriegen wir alle noch hin, ohne irgendwo Anstoß zu erregen. Aber das genügt Paulus nicht. Für ihn gehört das Bekenntnis dazu, das Bekenntnis zu dem Glauben, den wir in unserem Herzen tragen, das Bekenntnis mit dem Mund, so dass alle es hören können: „Ich glaube an Jesus Christus.“
Für die Christen damals war das Bekenntnis mit viel größeren Risiken verbunden als für uns heute hier in Europa. Damals ging es meist um die ganze eigene Existenz. Wer sich zum Christentum bekannte, musste mit Widerstand rechnen bis hin zum Tod.
An der Spitze der Verfolgerländer, wenn man sie so nennen soll, ist heute Nordkorea, wo gezielte Kampagnen gegen Christen durchgeführt werden. Christen werden dort gefangen genommen, gefoltert, in Arbeitslager gebracht oder hingerichtet – wegen ihres Glaubens.
Im Iran kommt es immer wieder zur Verhaftung von Christen, Kirchen werden geschlossen, Gefangene werden misshandelt.
In Somalia werden immer wieder Christen ermordet aufgrund ihres Glaubens.
Und so könnte die Liste immer weiter geführt werden. Sie zeigt, wie gut es uns geht, die wir die Freiheit haben, unseren Glauben zu leben, ohne in irgendeiner Weise daran gehindert zu werden oder dadurch irgendwelche Nachteile zu erleiden. Und wenn es dann doch einmal zu Benachteiligungen wegen unseres Glaubens kommen sollte, können wir die Instrumente des Rechtsstaates nutzen, um zu unserem Recht zu kommen.
Trotz dieser großen Freiheit und dieses umfassenden Schutzes beschränkt sich das Bekenntnis zum christlichen Glauben in unserem Land meist auf den Gottesdienstbesuch und auf den Versuch, nach christlichen Grundsätzen zu leben, wobei diese eher allgemeine ethische Standards sind, die eigentlich jeder Mensch befolgen sollte.
„Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.“
Für Paulus gehört natürlich Beides zusammen. Nur wenn Beides da ist, Glaube und Bekenntnis, ist auch die Rettung gewiss. Er wiederholt diese Feststellung gleich noch einmal, mit einem kleinen Unterschied:
„Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit seinem Munde bekennt, so wird man gerettet.“
Heute machen wir meist nach dem ersten Halbsatz Halt. Es reicht doch, wenn wir gerecht werden. Darum ging es ja auch Martin Luther, um dieses „gerecht werden“. Was brauchen wir mehr? Warum sollen wir anderen auf die Füße treten, indem wir von unserem Glauben auch noch erzählen, indem wir ihn hinausposaunen? Ist das wirklich notwendig, oder reicht es nicht doch aus, gerecht zu sein vor den Augen Gottes, also in meinem Herzen zu glauben?

„Was ich glaube, geht niemanden etwas an“ - und damit interessiert mich auch nicht, was andere glauben. Das ist die fast logische Folgerung, auf jeden Fall aber die Konsequenz aus dem Grundsatz der Religionsfreiheit. Denn der Glaube eines Menschen darf bei nichts im Weg stehen. Ob ich nun einkaufe oder ein Haus baue, ob ein Arbeitsplatz besetzt werden soll oder ein Praktikumsplatz für eine Schülerin gesucht wird, der Glaube darf nicht von Bedeutung sein bei den Entscheidungen, die in dem Zusammenhang gefällt werden. Ob die Firma, die ich beauftrage, einem Christen, einem Muslim oder einem Atheisten gehört, muss egal sein.
Allein die Kirchen haben hier in Deutschland das Recht, Ausnahmen zu machen. Wer in der Kirche arbeitet, muss auch Mitglied der Kirche sein. Dieser Grundsatz wurde immer wieder auch von höchstrichterlicher Stelle bestätigt, wird aber zunehmend kritisiert.
Man kann aber auch beobachten, dass wir die Religionsfreiheit im Blick auf unsere muslimischen Mitbürger nicht mehr so freizügig auslegen. Da wird meist genauer hingeschaut. Es besteht schon eine Hemmschwelle, was man auch daran erkennt, dass es vielen Menschen schwer fällt, in einen muslimischen Laden zu gehen, um dort etwas einzukaufen.
Wer Moslem ist, wird in heutzutage von vielen fast automatisch mit Terrorismus oder wenigstens der Neigung dazu in Verbindung gebracht. Und meist sind es ja auch muslimische Länder, in denen Christen verfolgt werden. Es passt also scheinbar alles zusammen. Aber eben nur scheinbar.
Ich kenne viele Muslime, die alle terroristischen Aktivitäten verdammen, besonders aber die, die von Muslimen angeblich im Namen des Islam durchgeführt werden. Für sie hat die Achtung und die Erhaltung menschlichen Lebens höchste Priorität, ohne dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion eine Rolle spielt. Das ist das Gebot Gottes, und nicht die Vernichtung Andersgläubiger, die ja eine ganze Zeit lang auch auf der Tagesordnung der Christen stand. Ob wir uns an so ein Islam-Bild gewöhnen können?
Vermutlich eher nicht, da die Medien solch einen Islam nur sehr selten ins Blickfeld rücken.
Wenn du mit deinem Mund bekennst, dass Jesus der Herr ist... – Wie kann das denn aussehen? Paulus spricht von Predigt, aber es ist wohl so, dass nicht alle zum Predigen geboren sind.
Und vielleicht muss es ja auch nicht gleich irgend eine Kanzel sein, von der herab man seinen Glauben bekennt. Es genügt, davon zu reden bei den ganz alltäglichen Begegnungen.
Sicherlich werden wir es uns verkneifen, der Kassiererin im Supermarkt, wenn sie uns das Wechselgeld gibt, zu sagen: „Übrigens, ich glaube, dass Jesus der Herr ist!“ Das wäre sicherlich unpassend, mindestens aber komisch.
Aber warum nicht mal den Nachbarn oder die Nachbarin ansprechen: 'Übrigens, ich gehe morgen in die Kirche, wollen Sie nicht mal mitkommen? Mir tut das gut, und ich würde mich freuen, mit Ihnen dahin zu gehen!'
Ist das so abwegig? Selbst wenn wir eine Ablehnung vorhersehen oder tatsächlich dann auch erhalten, kann es sein, dass sich daraus ein interessantes Gespräch entwickelt, das Ansatzpunkte liefert für weitere Gespräche. Und dann sind wir auch schon mittendrin im Bekennen – und im Predigen. Ohne es wirklich zu merken.
Anders als viele Christen in der ganzen Welt, können wir nichts verlieren, wenn wir etwas offener mit unserem eigenen Glauben umgehen. Eher im Gegenteil. Der Glaube wird gefestigt, je mehr wir mit anderen darüber ins Gespräch kommen. Und wenn man selbst nicht weiter weiß – es gibt kundige Menschen in der Gemeinde, die helfen können. Sie sind ganz in der Nähe.
Wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.
Lassen wir uns doch auf diese Verheißung ein, nehmen wir sie an und fangen wir an, darüber zu reden, was Gott für gute Dinge an uns getan hat und noch tut.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
O Heilger Geist, kehr bei uns ein (EG 130)
Fröhlich wir nun all fangen an (EG 159)
Komm, Herr, segne uns (EG 170)
O Gott, du höchster Gnadenhort (EG 194)
Herr, für dein Wort sei hoch gepreist (EG 196)
Herr, dein Wort, die edle Gabe (EG 198)
Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ (EG 246)

Predigtvorschläge zu Reihe V - Mk 9, 17-27

Liebe Gemeinde!
Es ist eine etwas merkwürdige Situation. Gerade zuvor nämlich, so erzählt es uns der Evangelist Markus, war Jesus mit den drei Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes auf einen Berg gegangen und vor ihren Augen verklärt worden. Sie hatten nicht nur ihn, sondern auch Mose und Elia gesehen. Dazu hatten sie die Stimme vernommen, die sagte: „Das ist mein lieber Sohn; den sollt ihr hören!”
Angeregt hatten sie sich auf dem Weg zurück über das Erlebte unterhalten.
Als sie zu den übrigen Jüngern stießen, stellten sie fest, dass bei ihnen viele Menschen waren, dazu auch einige Schriftgelehrte, und es wohl ziemlich lautstark zuging. Man stritt sich derart, dass nicht mehr zu verstehen war, worum es ging.
Die drei, Petrus, Jakobus und Johannes treten schlagartig in den Hintergrund, als Jesus von der Menschenmenge wahrgenommen wird. Schnell laufen sie auf ihn zu. Offensichtlich erwarten sie von ihm die Schlichtung des Streits.
Jesus kommt dem zu erwartenden Durcheinander zuvor und fragt seine Jünger: „Was streitet ihr mit ihnen?”
Ob in dieser Frage ein Vorwurf lag, etwa in dem Sinne: „Warum seid ihr so verrückt und legt euch mit denen an? Da müsst ihr doch den Kürzeren ziehen!”, oder ob man in ihr so etwas wie Geringschätzung hören konnte, etwa so: „Warum verschwendet ihr eure Zeit mit denen? Es ist doch völlig nutzlos!”, werden wir wohl nie mit Gewissheit herausbekommen.
Auf jeden Fall wird die Frage als Aufforderung verstanden, Jesus über die Ursache für den Streit aufzuklären. Und sogleich tritt einer hervor, der nicht zu seinen Jüngern gehört. Und dieser Mann sagt:
„Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir.”
Diese Worte verlangen nach Beachtung. Sie sind nicht nur Beiwerk, nicht nur nebenbei erzählt, um zum eigentlichen Kern der Sache zu kommen. Es geht um einen wichtigen Dienst, den dieser Vater für seinen Sohn getan hat. „Ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir.”
Für den Vater ist es wohl die letzte Hoffnung. Er weiß nicht mehr weiter. Er bangt um seinen Sohn – er will ihn wiederhaben, er will, dass er frei wird von diesem Geist, der schon seit langem Besitz von ihm ergriffen hat, der ihn gewissermaßen entführt und gefangen gesetzt hat. Darum bringt er ihn her zu Jesus. Es war kein leichtes Unterfangen.
Die Symptome, die der Vater schildert, würden wir heute wohl als typische Epilepsie-Anfälle wieder erkennen. Damals sah man in solchen Erkrankungen einen Geist, und eigentlich ist es ja auch nichts anderes. Die Krankheit nimmt den Menschen ganz in Anspruch, sie besitzt ihn – er ist besessen. Da macht es kaum mehr einen Unterschied, ob man von einem Geist oder von einer Krankheit spricht.
Damals gab es keine helfenden Medikamente. Wer an Epilepsie erkrankt war, hatte kein einfaches Leben. Er konnte keiner geregelten Arbeit nachgehen. Immer musste jemand da sein und ihm helfen, auf ihn aufpassen. Der frühe Tod war einem solchen Menschen gewiss.
Das hatte den Vater langsam zur Verzweiflung gebracht. Von Kind auf, so sagt er später, musste sein Sohn solche Anfälle erleiden.
Aber nachdem der Vater mit einem Satz diese Symptome geschildert hatte, verweist er zunächst auf die Jünger Jesu. Sie waren ja da gewesen, als er mit seinem Sohn hierher gekommen war. Mit ihnen hatte er geredet, sie gebeten, dass sie den Geist austreiben mögen, aber sie konnten es nicht.
Ob sie es von Anfang an verweigert hatten und sagten, sie könnten es nicht? Oder ob sie es vergeblich versucht hatten? Darauf gibt es keine Antwort.
Jedenfalls hatte dieses Versagen der Jünger wohl den Streit ausgelöst. Vermutlich wurden sie verspottet oder verhöhnt, sicher hat man, da Jesus nicht da war, auch über ihn gleich ein abfälliges Urteil gefällt. Das würde jedenfalls ihr Entsetzen erklären, als sie Jesus sahen.
Es ist ja häufig so, dass man viel lieber über andere redet als mit ihnen. Um so peinlicher wird dann das Schweigen, wenn der Betroffene plötzlich den Raum betritt.
Jesus reagiert auf die Schilderung in recht merkwürdiger Weise. Er klagt: „O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen?”
Von wem redet er? Von seinen Jüngern, die nicht vollbringen konnten, was für Jesus mit Leichtigkeit möglich war? Von der Menschenmenge, die sich sogleich über ihn und seine Jünger hergemacht hatte, sobald der Beweis seiner Macht ausblieb?
Die Klage hat eine lange Geschichte. Im Lied des Mose im Buch Deuteronomium im 32. Kapitel heißt es: „Das verkehrte und böse Geschlecht hat gesündigt wider ihn; sie sind Schandflecken und nicht seine Kinder.” (Dtn 32, 5) Und beim Propheten Jesja lesen wir: „Ich streckte meine Hände aus den ganzen Tag nach einem ungehorsamen Volk, das nach seinen eigenen Gedanken wandelt auf einem Wege, der nicht gut ist.” (Jes 65, 2)
Gerade eben erst war Jesus auf dem Berg gewesen, mit Mose und Elia, und gleich darauf wird er mit ihrer Realität konfrontiert. Immer hat Gott Grund zur Klage gegen sein Volk, gegen uns, denn es ist ja viel einfacher, nicht nach Gottes Willen zu handeln, und so tun wir es meistens ja auch.
Aber wen hat Jesus nun gemeint mit dem „ungläubigen Geschlecht”?
Zunächst sind es sicher seine Jünger, denn wenig später erfahren wir ja: alles ist möglich dem, der da glaubt. Und Jesus klagt ja nicht über Ungehorsam oder gar Verkehrtheit, so wie Jesaja und Mose, sondern er klagt allein über den Unglauben. Und den müssen sich zunächst einmal seine Jünger vorwerfen lassen, die ihm schon lange gefolgt waren und gesehen hatten, welche Vollmacht Jesus gegeben war.
Aber darauf bleibt die Klage nicht beschränkt. Es geht um das ganze Geschlecht, um alle Menschen, und nicht nur die, die sich da versammelt und auch aufgeregt hatten, weil irgendwie alles nicht so läuft, wie es nach ihrer Vorstellung eigentlich laufen sollte.
Trotz der begründeten Klage wendet sich Jesus aber nicht ab und zeigt dadurch, worum es ihm und worum es Gott, seinem himmlischen Vater, geht: die liebende Zuwendung zum Menschen, trotz aller Boshaftigkeit, trotz aller Engstirnigkeit, trotz aller Selbstsucht und Überheblichkeit. Trotz allen Versagens wendet sich Gott uns immer wieder auf's Neue zu.
„Bringt ihn her zu mir!”
Das ist ein klarer Befehl, und nun wird der Sohn gebracht. Wie alt er ist, darauf gibt es nur zwei ungenaue Hinweise. Denn etwas später wird der Sohn als „Kind” bezeichnet. Das Wort, das Luther später mit „Knabe” übersetzt, könnte auch „Heranwachsender” bedeuten und würde eine Altersspanne von ca. 14-18 Jahren umfassen.
Und das Wort „Kind” ist wohl nur eine liebevolle Bezeichnung für das Verhältnis des Vaters zu seinem Sohn. Auch als Erwachsener ist er noch sein Kind und bleibt es bis ins hohe Alter.
Es ist ja auch so: wir sind alle Kinder des lebendigen Gottes, bedürfen seiner liebenden Zuwendung und dürfen sie auch von ihm als unserem himmlischen Vater erwarten.
Warum der Sohn in diesem Moment nicht in der Nähe seines Vaters gewesen ist, lässt uns darum aufhorchen. Da müssen auch andere gewesen sein, die mit dem Vater und seinem Sohn hierher gekommen waren, und die sich, als der Vater die Geschichte zu erzählen begann, irgendwo im Hintergrund um den Sohn kümmerten.
Von diesen Menschen wird der Sohn nun zu Jesus gebracht. Kann man hier ein Sinnbild für die christliche Gemeinde erkennen? Sie ist selbstverständlich da, wenn einer nicht mehr weiter weiß, und hilft, das Anliegen vor Gott zu bringen. Sind wir gemeint?

Der Anblick Jesu macht den Geist rasend. Wieder wirft er den Sohn nieder, Schaum tritt vor seinen Mund. Davon lässt sich Jesus aber nicht beeindrucken. „Wie lange geht das schon so?” „Von Kind auf.”
Ich kann mir vorstellen, dass der Vater mit den Nerven am Ende ist. Wie lange hatte er sich schon vergeblich mit den Jüngern Jesu beschäftigen müssen, nachdem er voller Hoffnung hierher gekommen war. Es musste ja so kommen, dass er auch an der Macht Jesu zweifelte.
„Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!”
„Wenn du aber etwas kannst”... natürlich hatte er gehört, dass Jesus kann. Aber die Zweifel waren wieder aufgetaucht. Denn wer weiß, was die Menschen so alles erzählen. Getratscht wird viel, und dazugedichtet auch.
Also: „Wenn du aber kannst”. Der Vater scheint diesen Zweifel jedoch sogleich zu bereuen, denn er bittet mit den folgenden Worten um Barmherzigkeit und Hilfe. Er weiß schon, mit wem er es zu tun hat. Aber nun hat er es einmal gesagt. Zweifel und Glaube, sie liegen so dicht beieinander, sie gehören zur menschlichen Existenz.
Ich stelle mir vor, wie Jesus bei seiner Antwort nicht den Vater, sondern die ganze Menge, vielleicht sogar ganz gezielt seine Jünger anschaut und diese Worte sagt: „Alles ist möglich dem, der da glaubt.”
Das ungläubige Geschlecht, über das er sich anfangs beklagt hatte, hatte seinen Unglauben ja bewiesen, indem es den Geist nicht austreiben konnte. Diesen Vorwurf des Unglaubens, den manche der Jünger vermutlich im Stillen von sich gewiesen hatten, unterstreicht Jesus nun noch einmal mit diesem Hinweis. Wenn sie glauben würden, hätten sie auch den Geist austreiben können.
Was für ein Armutszeugnis! Es musste niederschmetternd sein für Petrus, für Jakobus, für Johannes, die gerade erst so Großes erlebt hatten, und für all die anderen der Jünger.
Es muss niederschmetternd sein für uns.
Denn es ist das Urteil, das Jesus auch über uns fällt: es fehlt der Glaube. Sonst sähe diese Welt längst ganz anders aus. Dann wäre schon längst der Himmel auf Erden sichtbar. Christen würden nicht mehr angefeindet, sondern als Boten des Friedens und der Liebe Gottes die Welt verändern.
„Alles ist möglich dem, der da glaubt.”
Die Antwort des Vaters ist widersprüchlich, aber anders geht es nicht: „Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!”
Er sagt es nicht, er schreit es hinaus. Laut, so dass alle es hören können. Es ist ein Glaubensbekenntnis der ganz besonderen Art. Es ist so, als ob wir am Ende des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, das wir in jedem Gottesdienst sprechen, noch sagen würden: „Ich will es glauben, aber wie kann ich das? Hilf mir, Gott, damit ich es glauben kann!”
Das Merkwürdige ist: Jesus scheint gar nicht auf diesen Ruf zu reagieren, sondern auf die Tatsache, dass das Volk herbeilief. Wollte er nicht, dass sie das nächste Wunder sehen? Und wieso überhaupt lief das Volk herbei? Hatte es das nicht schon vorher getan? Zwei Verse vor unserem Predigttext heißt es:
„Sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle, liefen herbei und grüßten ihn.” Da waren sie doch schon alle versammelt. War ihnen langweilig geworden angesichts dieses Hin und Hers zwischen dem Vater und Jesus, so dass sie sich wieder zurückgezogen hatten?
Ja, die Erzählung ist schon etwas merkwürdig. Aber nicht nur in dieser Hinsicht. Denn über den Vater wird der Sohn ganz vergessen. Er liegt ja immer noch am Boden, Schaum vor dem Mund, wie wild zuckend und mit den Zähnen knirschend. Wer geht da schon weg? Das Schauspiel lässt man sich doch nicht entgehen. Und der Vater wird seinen Sohn auch nicht aus den Augen gelassen haben.
Jesus gebietet dem Geist, auszufahren. Ja, noch mehr: er gebietet ihm, nicht wieder in den Jüngling zu fahren. Das scheint wichtig, und natürlich ist es das auch. Wer Wunder vollbringt, ist immer der Skepsis ausgesetzt. Die Anfälle gingen ja sowieso immer wieder vorüber, vielleicht passten Jesu Worte und das Ende des Anfalls nur zufällig gerade zusammen.
Aber nein, der Geist sollte nicht wieder zurück kehren. Und er tat es auch nicht. So wurde dieses Ereignis ein Wunder.
Das Ende der Erzählung scheint wenig bedeutungsvoll, aber ist es das wirklich?
„Der Knabe lag da wie tot, so dass die Menge sagte: Er ist tot. Jesus aber griff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.”
Das ist das eigentlich Wichtige an dieser Geisteraustreibung: Jesus richtet den Menschen auf. Er macht ihn gewissermaßen neu. Es ist eine Auferstehung vom Tod, dem er vorher unterlegen war.
Er richtete ihn auf, und er stand auf – das ist beides, das Handeln Gottes und des Menschen. Was sich die ganze Zeit wie ein roter Faden durch diese kurze Geschichte hindurch zieht, taucht auch hier wieder auf: Ich glaube, hilf meinem Unglauben.
Der Glaube lässt uns teilhaben an Gottes Macht, an seiner Vollmacht. „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen” (Ps 18, 30), alleine aber nicht. „Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig” (2. Kor 12,9), aber nicht in den Starken.
Wer sich mit seiner Schwachheit abfindet und in dieser Schwachheit nichts von Gott erwartet, bleibt allein. Wenn wir aber unsere Schwäche erkennen und zugeben, dass nur Gott unserer Schwachheit aufhelfen kann (Röm 8, 26), dann können wir Wunder vollbringen. Ist das wirklich so unglaublich?
Amen

oder

Liebe Gemeinde!

„Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.” Jesus sagt diesen Satz als Antwort auf die Frage, ob ein Mensch, der offensichtlich an Epilepsie erkrankt ist, durch ihn geheilt werden könne.
Der Vater des Menschen schreit daraufhin: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!” Aber nicht er heilt den Sohn, sondern Jesus tut es. Bedeutet das, dass der Vater eben nicht genug geglaubt hat? Aber was heißt dann „genug glauben”? Wann ist Glaube stark genug, und wann reicht er nicht aus?
Als Konsequenz der Worte Jesu müsste man doch annehmen dürfen, dass wenigstens einige unter uns die Fähigkeit haben, Kranke zu heilen - nein, ich meine nicht die Ärzte, sondern Menschen, die wenig oder vielleicht sogar gar nichts von den medizinischen Hintergründen einer Krankheit verstehen. Denn der Glaube muss ja reichen. Nichts anderes ist nötig, damit einem alles möglich wird. Und dass es Menschen gibt, die glauben, unterstelle ich jetzt einfach mal. Es gäbe keine Kirche, wenn es nicht so wäre.
Dass es solche Menschen gibt, die fähig sind, ohne Kenntnisse medizinischer Methoden zu heilen, das hört man auch immer wieder in den Medien. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die solchen Menschen Scharlatanerie unterstellen - oder es zumindest versuchen. Es gibt auch Untersuchungen, die beweisen, dass da was dran ist an dem, was diese Menschen tun.
Da ist, um nur ein Beispiel zu nennen, eine Frau in der Schweiz, Graziella Schmidt, die unfruchtbaren Frauen die Fruchtbarkeit wieder schenkt - und dies wird medizinisch bestätigt. Durch ihre Behandlung normalisiert sich der Hormonhaushalt dieser Frauen, und sie werden schwanger. Graziella Schmidt selbst sagt, dass sie den Menschen, die sie behandelt, den Kontakt zu Gott wieder ermöglicht.
„Spirituelle Hebamme” nennt sie sich, spirituelle Heiler nennen sich viele andere. Meist reihen sie Jesus ein in die Reihe derer, die so wie sie die Fähigkeit haben, die Lebensenergie in einem Menschen frei zu setzen. Mehr ist er nicht für sie.
Es gibt aber auch andere, solche, die im Namen Jesu heilen. Auch hier ist die Grenze fließend - es gibt Scharlatane und solche, die es aufrichtig meinen. Es ist schwer, den Unterschied zu erkennen, und darum halten wir uns lieber von solchem Umfeld fern.
Ich wurde allerdings hin und wieder recht massiv damit konfrontiert, und zwar überwiegend in Indien. Ich will von einem Vorfall berichten, in dem ich selbst zum spirituellen Heiler wurde:
Wir besuchten eine recht junge Kirche, die aus der Arbeit eines Inders und seines Teams von jungen Predigern, die er selbst ausgebildet hatte, entstanden war. Ich sollte dort eine Bibelwoche halten. Als wir uns gerade zu einer Bibelstunde versammelten, wurden zwei Mädchen zu mir gebracht, die beide wild umher tanzten und sich schüttelten, so als seien sie besessen.
Ich verstand, dass ich für sie beten sollte, aber ich wusste nicht recht, wie ich es tun sollte. Ich fürchtete, dass ich die Erwartungen der Menschen, die die Mädchen zu mir gebracht hatten, enttäuschen würde, denn sicher wollten sie, dass ich die Dämonen in den Kindern austreibe. Ich war kein spiritueller Heiler, das wusste ich - ich hatte so etwas noch nie gemacht.
Dennoch legte ich meine Hände auf sie und begann zu beten. Was immer ich betete, ich weiß es nicht mehr so genau. Mein eigentliches Gebet war das jenes Vaters: „Ich glaube, Herr; hilf meinem Unglauben.”
Das war es, was mir durch den Kopf ging. Gleich, noch während ich betete, wurden die beiden Mädchen ruhig und entspannten sich.
Bis heute geht mir dieses Ereignis nach. Ich weiß ehrlich gesagt nicht viel damit an zu fangen. Für mich ist nur eines klar geworden: Ich hatte nichts getan. Mein Gebet war ein Stammeln gewesen. Also gab es eigentlich nur zwei andere Möglichkeiten: Gott hatte gehandelt, oder die Mädchen hatten mir einen Streich gespielt. Ich weiß es bis heute nicht.
Jesus spricht vom Glauben, als sei es eine Kleinigkeit. Die Jünger hatten es wohl versucht, gerade nachdem sie Jesus in all seiner Herrlichkeit gesehen und die Stimme gehört hatten: „Das ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören”. Glaube dürfte für Sie doch eigentlich überhaupt kein Problem gewesen sein!
Doch es war ein fundamentales Problem. Sie versuchten, sich heraus zu reden - diese Krankheit könne man nicht heilen, der Geist, der den Knaben besessen hat, sei zu mächtig, usw. Was fehlte ihnen, dass sie ihn nicht austreiben konnten, dass sie das Kind nicht heilen konnten?
Und was fehlt uns, dass wir es nicht können, so wie Jesus es tut?
Die Antwort hat Jesus ja selbst schon gegeben: Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Wir glauben also nicht.
Wollen wir uns diesen Vorwurf gefallen lassen? Glauben wir wirklich nicht? Oder geht es hier nur um Abstufungen des Glaubens?
Immerhin heißt es doch sinngemäß an anderer Stelle: Wenn ihr Glauben habt so groß oder eher so klein wie ein Senfkorn, dann könnt ihr Berge versetzen. Da wird offenbar zwischen großem und kleinem Glauben unterschieden.
Hier ist das nicht so. Jesus spricht von Glauben, und ich neige dazu, ihm Recht zu geben. Es gibt in Wahrheit keine Abstufungen des Glaubens. Es gibt keinen kleinen oder großen Glauben. Glaube ist Glaube. Auch der Glaube so groß wie ein Senfkorn ist vollkommener Glaube. Deswegen reicht er ja aus, um Berge zu versetzen.
Jesus wirft ganz offensichtlich seinen Jüngern und damit letztlich auch uns Unglaube vor. Er hört sich regelrecht genervt an: „Wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen?”
Wie müssen sich die Jünger gefühlt haben, als sie das hörten? Und: was konnte ihnen denn noch an Glauben fehlen, gerade nachdem sie, zumindest Petrus, Jakobus und Johannes, ihn verherrlicht gesehen hatten?
„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!” schreit der Vater voller Verzweiflung. Jesus reagiert darauf nicht, indem er ihm Glauben schenkt, sondern indem er das Heil bringt. Er heilt seinen Sohn.
Ich glaube: ja, sicher glaube ich. Das lasse ich mir nicht ausreden, und ich lasse mir auch nicht das Gegenteil sagen. Aber ich gebe zu, dass mich auch schnell Zweifel überkommen.
Ich glaube nicht, dass ich Kranke heilen kann. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Nicht ich heile ja, sondern Gott. Ich muss nicht an meine Fähigkeiten glauben, auch wenn ein gesundes Selbstbewusstsein gut ist, sondern ich soll an die Fähigkeiten Gottes glauben.
Schaffe ich es, ihm das zu zu trauen, dass er heilt, wo unsere Fähigkeiten versagen? Will ich das überhaupt?
„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!”. Dieser verzweifelte Ruf gilt Jesus. Ich kann es nicht, Du aber kannst es!
Diese Wendung zu nehmen fällt uns oft schwer. Wir sind so von unseren eigenen Fähigkeiten überzeugt, dass die Grenzen, die sich auftun und unsere Fähigkeiten beschränken, wirken, als seien sie unüberwindbar - auch für Gott selbst. Wie oft kommen wir gar nicht auf die Idee, Gott in Anspruch zu nehmen, wenn wir versagt haben.
„Ich glaube” - das bezieht sich eigentlich nur auf uns. Ich glaube. Ich tue es. Ich kann es. Nein, ich kann es eben nicht. Darum: „hilf meinem Unglauben.”
Es ist gut, wenn wir diese Wendung zu Gott hin zu einer Lebensgrundhaltung machen. Das Leben sieht anders aus, wenn wir mit seiner Kraft rechnen. Er kann es, und er wird es tun.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Gott der Vater steh uns bei (EG 138)
Ohren gabst du mir (EG 236)
Jauchzt, alle Lande, Gott zu Ehren (EG 279)
Ich weiß, woran ich glaube (EG 357)
Von Gott will ich nicht lassen (EG 365)
Ich steh in meines Herren Hand (EG 374)
Herr, du hast mich angerührt (EG 383)
O Durchbrecher aller Bande (EG 388)
Meine engen Grenzen (HN-EG 584)

Predigtvorschläge zu Reihe VI - Gal 3, 26-29

Die nachfolgende Predigt wurde an einem Neujahrstag gehalten. Die Bezüge zum Jahresanfang müssten entsprechend bearbeitet werden.
Liebe Gemeinde!
Paulus hatte es nicht einfach mit den Galatern, das steht fest. Es gab dort andere aktive Missionare, denen es offensichtlich gelang, die Christen dort dazu zu bewegen, die durch den Glauben an Jesus Christus gewonnene Freiheit wieder aufzugeben.
Sein Brief ist voller Leidenschaft, es wird spürbar, dass er tief verletzt ist angesichts der Entwicklungen, die ihm berichtet wurden. Dabei ist es nicht sein persönliches Ego, das verletzt ist, sondern sein Eifer für das Evangelium, der offenbar vergeblich gewesen ist. Das Evangelium hatte sie doch frei gemacht! Warum waren sie jetzt wieder bereit, neue Fesseln anzulegen?
Vielleicht spürt Paulus auch einen Zweifel an der Kraft des Evangeliums. Auf jeden Fall erleben wir ihn in seinem Brief an die Galater als einen ausgesprochen leidenschaftlichen Menschen.
Ich frage mich, wie es wohl wäre, wenn Paulus einen Brief an unsere Gemeinde schreiben würde. Wie wäre es überhaupt, wenn er heute zu uns käme?
Vielleicht würde sein Brief ähnlich klingen wie der Brief der Kommission der Partnerkirchen unserer Landeskirche, die vor einigen Jahren hierherkamen und gewissermaßen eine Visitation unserer Landeskirche vornahmen – sofern das in 14 Tagen überhaupt möglich ist.
Ich lese daraus ein paar Zeilen vor:
Es wird kaum eine Überraschung sein, dass wir die Zahl der Gottesdienstbesucher als sehr niedrig empfinden – mit kaum jungen Menschen, die nach der Konfirmation noch am Gottesdienst teilnehmen. Betroffen macht uns, dass dies einfach so als Normalität hingenommen wird. ...
Die Heilige Schrift ermahnt uns, dass es zu unserer christlichen Berufung gehört, Gott und unseren Nachbarn zu lieben wie uns selbst. Dies bedeutet, dass diakonische Arbeit mit Recht eine zentrale Aufgabe für alle Christen sein soll. Wir bitten Euch sehr, die wunderbaren Einrichtungen der institutionellen Diakonie zu nutzen, um sich auch ehrenamtlich in dem Dienst für andere zu engagieren. Und wir beten, dass Ihr die hierbei entstehenden Gelegenheiten nutzt, das Evangelium ins Gespräch zu bringen.

Ich kann mir denken, dass ein Brief des Paulus noch ganz anders aussähe. Sicher würde er das Prinzip der Volkskirche gar nicht verstehen. Er würde hier etwas erleben, das unserem Besuchsdienst und auch mir immer wieder einmal widerfährt: man klopft bzw. klingelt an den Türen von Gemeindegliedern und wird dann abgewiesen.
Wie viele würden wohl zu einem Gottesdienst kommen, in dem Paulus als Prediger angekündigt wird? Aber Paulus würde sich selbst wohl niemals auf einem Plakat oder in einer Zeitungsnotiz sehen wollen. Denn es geht ihm nicht um seine Person. Und deshalb gäbe es auch eine solche Ankündigung nicht. Er würde daher nur eine kleine Zahl Menschen im Gottesdienst vorfinden, obwohl doch zweitausend zur Gemeinde gehören.
Er würde erfahren, dass die Kinder von ihren Eltern nicht mehr lernen, welche wunderbare Kraft vom Evangelium ausgeht.
Und er würde sehen, wie manche Menschen in ihrem Leid allein gelassen werden und niemand da ist, sie zu trösten.
Sicher würde er auch andere, positive Dinge sehen, und die ökumenischen Visitatoren damals vor 7 Jahren haben auch solche Dinge gesehen und benannt. Aber es würde ihm wehtun, zu sehen, wie weit weg das Evangelium vom Zentrum unseres Lebens entfernt ist. Denn das würde er wohl unweigerlich aus dem, was er hier erleben kann, schließen.
Wie also würde eine Brief des Paulus an unsere Gemeinde heute klingen? Ginge es etwa so los, wie wir gerade gehört haben: „Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus.“? Würde er uns auf den Kopf zusagen, dass wir alle, die wir getauft sind, Christus angezogen haben? Oder würde er es eher so formulieren:
„Obwohl ihr alle getauft seid, habt ihr Christus ausgezogen!“?
Nein, ich glaube, trotz der Erfahrungen, die er in unserer und den meisten anderen volkskirchlichen Gemeinden in Deutschland machen würde, würde er uns doch erst einmal positiv begegnen und uns sagen, was wir haben.
Also ja: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“
Er würde es ja besonders im Blick auf die hier versammelte Gemeinde so formulieren, denn hier sind die versammelt, die Ernst machen wollen mit dem, was christlicher Glaube und christliche Gemeinde bedeutet.
Ihr habt Christus angezogen. Das hört sich zwar etwas merkwürdig an, aber es bedeutet doch nichts anderes, als das, wozu wir ohnehin berufen sind: dass wir Christus nachfolgen, dass wir seine Jüngerinnen und Jünger sind, dass wir seinen Weg mitgehen.
Darum ist das Kirchenjahr so hilfreich, weil es uns diesen Weg auch ein Stück weit führt, jedes Jahr auf's Neue, wobei wir selbst merken, dass nicht jedes Ereignis im Kirchenjahr uns jedes Jahr auf die gleiche Weise anspricht.
Vielmehr merken wir, wie wir in einem Jahr z.B. uns dem Gekreuzigten viel näher fühlen als dem Auferstandenen, weil wir selbst schweres Leid erfahren haben.
Oder wir spüren in besonderer Weise die versöhnende Liebe Gottes, die im Fest der Geburt unseres Herrn so deutlich erkennbar wird, weil ein alter Streit endlich beendet werden konnte.
Oder wir klagen mit den Müttern am 28. Dezember, dem Tag der unschuldigen Kinder, wenn wir wieder einmal hören, dass so viele Menschen, auch Kinder, durch Krieg oder Terror oder auch Hunger ums Leben kamen – und das muss eben nicht am 28. Dezember sein. Aber wir haben diese Tage und Zeiten im Kirchenjahr, die uns dafür sensibel machen, die uns auf die Spur bringen, jedes Jahr auf's Neue.
Und heute haben wir den Anfang eines neuen Jahres, aber das ist eigentlich gar nicht das Wesentliche, denn ob heute Neujahr ist oder am 25. Februar, spielt im Kirchenjahr überhaupt keine Rolle. Es sieht für uns vielmehr den Tag der Namengebung und Beschneidung Jesu vor und macht uns auf diese Weise deutlich, dass Jesus eingebunden ist in die Traditionen seines Volkes Israel.
Das Kirchenjahr erinnert uns somit auch daran, dass wir Heidenchristen sind, zugezählt zum Volk Gottes, aber in keiner Weise berechtigt, uns selbst als besser, wertvoller oder vollkommener als jene zu betrachten.
Im Libretto - d.h. dem Textbuch - des Weihnachtsoratoriums erkennen wir, dass man sich zu Zeiten Bachs schon etwas schwer tat mit der Tatsache, dass durch die Beschneidung der Bund Gottes mit dem Volk Israel bekräftigt wird und Jesus in die Tradition seines Volkes gestellt wird.
Denn nachdem der eine Vers, der von der Namengebung und Beschneidung berichtet, vom Evangelisten vorgetragen wurde, geht es einzig um den Namen Jesu, wobei der Dichter des Libretto auch auf den Propheten Jesaja zurückblickt, bei dem der Name „Immanuel“ genannt ist, was so viel heißt wie „Gott mit uns“, während der Name „Jesus“ ja „Gott rettet“ bedeutet.
Schon Matthäus hatte an den Propheten Jesaja erinnert, und in Jesus wird ja tatsächlich beides erkennbar: dass Gott mit uns ist und dass er rettet. Nur den Namen Immanuel hat er eigentlich nie getragen – er hat ihn aber gelebt.
„Gott wird Mensch, dir Mensch, zugute“. In dieser einen Zeile des Liedes „Fröhlich soll mein Herze springen“ sind beide Namen enthalten: Immanuel in dem “Gott wird Mensch“, und Jesus in dem „dir zugut“. Und darum konnte der Evangelist Matthäus auch unbekümmert den Propheten Jesaja zitieren, ohne das Zitat zu verändern und anstelle des Namens „Immanuel“ den Namen „Jesus“ einzusetzen. Denn es ist wahr: der Immanuel, der Gott mit uns, ist Jesus.
Und mit diesem Zuspruch, der aus den beiden Namen erklingt, können wir auch getrost in das neue Jahr gehen. Aber dabei wollen wir nicht vergessen, dass Jesus ein Kind des Volkes Israel ist und bleibt. Der erste Bund ist nicht vergangen, im Gegenteil, er wird durch Jesus bekräftigt und bestätigt: der Bund, den Gott mit Abraham schloss und der ihm und seinen Nachkommen ewigen Segen verhieß, bis dahin, dass von diesem Volk Segen ausgehen soll für alle Völker.
Durch Jesus nun ist der Segen, den Gott über dem Volk Israel ausgegossen hatte, weitergegeben an alle Völker. Doch damit ist das Volk Israel nicht beiseite geschoben, es bleibt Volk Gottes, trotz all der Spannungen, die es über die Jahrhunderte bis heute aushalten muss.
Und wenn wir auf das Land Israel schauen, dann mögen uns schon Zweifel an der Erwählung dieses Volkes kommen, angesichts der Spannungen zwischen Israel und seinen Nachbarn, die nicht enden zu wollen scheinen. Ermutigende und entmutigende Nachrichten reichen sich die Hand. Gott lässt, so scheint es, seinem Volk keine Ruhe.
Aber ist das nicht schon seit dem Babylonischen Exil so gewesen? Über 2500 Jahre lang war das jüdische Volk nicht selbstbestimmt, sondern stand unter der Herrschaft anderer und wurde immer wieder, nicht nur zur Nazizeit, brutal verfolgt.Und doch hat Gott sein Volk nicht aufgegeben, wie wir immer wieder erkennen können. Heute werden wir daran erinnert, dass unser Heil aus diesem Volk hervorgegangen ist, und dafür sind wir dankbar.
Immanuel – Gott mit uns; Jesus – Gott rettet.
In diesen beiden Namen klingt auch etwas mit von dem Versprechen, das in der Jahreslosung anklingt:
Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. (Jes 66, 13)
Und nun noch einmal zurück zu der Frage: Was würde uns Paulus heute wohl schreiben?
Ich mache mal einen Versuch:
„Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Kinder und nach der Verheißung Erben.“
Ja, das ist in keiner Weise anders als das, was wir anfangs gehört haben. So steht es im Brief an die Galater, und so ist es auch für uns heute gemeint: wir sind allesamt einer in Christus Jesus, wir sind Abrahams Kinder, wir sind Erben.
So lasst uns dankbar in das neue Jahr gehen als Gottes Kinder in Christus Jesus. Lasst uns bekennen, was uns zugesagt ist: Gott ist mit uns, er ist unser Heil; er tröstet uns. Darum fürchten wir uns nicht!
Dann wird es auch ein Jahr des Herrn werden, ein gutes Jahr.
Amen

oder

Die nachfolgende Predigt wurde am 1. Sonntag nach Epiphanias gehalten. Bezüge zu diesem Sonntag müssen also überarbeitet werden.
Liebe Gemeinde!
Eigentlich geht es ja um die Taufe Jesu, und nicht um unsere Taufe. Das Evangelium des 1. Sonntags nach Epiphanias erzählt jedenfalls davon, wie Jesus von Johannes dem Täufer getauft wird.
Mit dem Text, den wir eben gehört, wird ein Schlenker gemacht hin zu der Bedeutung der Taufe für uns. Zugleich wird damit auch eine Brücke hergestellt zu dem Wochenspruch, den wir anfangs gehört haben:
„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“
Hier im Brief an die Galater verbindet Paulus die Gotteskindschaft mit der Taufe.
„Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen“. Das hört sich zunächst etwas merkwürdig an. Man kann ja schlecht einen Menschen anziehen. Man möchte sich das auch gar nicht bildlich vorstellen.
Aber das soll man auch nicht. Was man sich vorstellen soll, das ist das Anziehen selber. Man zieht sich etwas an. Ein Kleidungsstück, das in der Regel Schutz bietet: Schutz vor Kälte oder Hitze, vor Staub oder auch vor Verletzungen. Kleidung kann gewissermaßen zu einer zweiten Haut werden.
Kleidung hat heutzutage noch ganz andere Funktionen. Viele Menschen wollen mit ihrer Kleidung etwas über sich selbst aussagen, oder sie versuchen, mit ihrer Kleidung etwas zu vertuschen und so anders zu wirken, als sie tatsächlich sind.
Das ist aber nicht gemeint. Denn solche Kleidung kannte man damals noch nicht. Die meisten Menschen trugen zweckmäßige Kleidung, die genau die genannten Aufgaben erfüllen sollte und vor allem dem Schutz diente.
Nun sagt Paulus, wir hätten Christus durch die Taufe angezogen. Das stimmt heute nur bedingt. Denn die meisten wurden als Kinder getauft, so klein, dass sie noch gar nicht wussten, was da mit ihnen geschieht. Indem wir Kinder taufen, bringen wir zum Ausdruck, dass in der Taufe Gott an uns handelt, und nicht wir irgend etwas tun müssen.
Das war damals anders. Die meisten Menschen entschieden sich als erwachsene Menschen zur Taufe. Und so konnte Paulus auch sagen, dass sie Christus angezogen haben durch die Taufe. Denn es ging die Entscheidung des zu Taufenden voraus. Der Mensch sagte Ja, und also zog er durch die Taufe Christus an.
Wir müssten es heute wohl eher so sagen: wir wurden mit Christus bekleidet durch die Taufe, denn unsere Eltern brachten uns zur Taufe – sie, wenn man das Bild so weit strapazieren soll, haben uns Christus angezogen.
Doch ändert das nichts am Ergebnis. Denn durch die Taufe sind wir zu Kindern Gottes geworden. Das ist eine schöne, eine gute Vorstellung, denn als Kinder dürfen wir uns darauf verlassen, dass Gott als unser Vater für uns sorgt und für uns da ist. Das ist es, was Glaube bedeutet: dass wir darauf vertrauen, dass Gott für uns da ist.
Natürlich ist es auch möglich, dass sich ein Mensch trotz der Taufe irgendwann von Gott abwendet. Das bedeutet aber nicht, dass sich Gott von dem Menschen abwendet. Er geht ihm nach, und bleibt bei ihm.
Dadurch, dass wir mit Christus bekleidet sind, wird aber noch ein anderer Aspekt erkennbar:
Wir sind alle eins in Christus.
Das ist Anspruch und Zusage zugleich.
Als Anspruch stellt es uns vor die Aufgabe, auch in unserem Gegenüber Christus zu erkennen. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir alle Christus sind und wir darum nach Christus suchen müssen. Es bedeutet vielmehr, dass wir die Frucht der Kindschaft Gottes in unserem Gegenüber suchen, nämlich dass wir durch Christus, durch sein Kreuz, erlöst sind. Das sollen wir auch in unserem Gegenüber erkennen.
Es ist also keine Gleichmacherei. Wir alle haben unsere Eigenheiten, unsere ganz eigenen Nöte und Sorgen, Wünsche und Hoffnungen und auch unsere Grenzen, die wir nicht gerne überschreiten. Manchmal werden wir darum ja auch schuldig an anderen oder an uns selbst.
Aber wir sind mit Christus bekleidet, und wenn wir uns das bewusst machen, befreit es uns auch wieder von der Last, die wir uns oftmals selber aufbürden.
Vor allem aber befreit es uns von der Vermutung, jeden Menschen irgendwie einordnen zu müssen. Es macht uns frei, jeden Menschen erst einmal ganz unvoreingenommen zu sehen und vor allem auch anzunehmen.
Insofern ist die Aussage, dass wir alle eins sind in Christus, eine Hilfe. Sie stellt uns miteinander auf eine Ebene, lässt gesellschaftliche und andere Unterschiede nicht gelten. Und gemäß unseren Begabungen haben wir auch alle unsere Aufgaben in dieser Gemeinschaft der Glaubenden.
Es ist merkwürdig, dass es dennoch möglich ist, dass der eine oder die andere unsympathisch ist, dass man dies oder das nicht hören will, dass einem auch Formen des Ausdrucks der Gemeinschaft widerstreben.
Es gilt, ein offenes Herz zu haben, denn Gott begegnet uns mit Barmherzigkeit – warum sollten wir dann nicht auch unseren Mitmenschen gegenüber barmherzig sein, und das nicht etwa von oben herab, sondern in dem Bewusstsein, dass wir alle durch das Kreuz Christi gerecht geworden sind und nicht durch unsere eigenen Leistungen?
Ihr seid alle eins in Christus – und dennoch ist die Christenheit gespalten, ja, zersplittert.
Es ist schade, dass wir im Miteinander mit unseren römisch-katholischen Geschwistern nicht wirklich weiterkommen, weil es da noch Unterschiede in der Lehre gibt, an denen die Kirchenleitungen festhalten wie am Buchstaben des Gesetzes. Dabei erkennen wir ja längst, dass wir Geschwister sind.
So lasst uns in unseren Gebeten immer wieder daran denken, für die Einheit zu bitten: eine Einheit, die die Vielfalt zulässt, ohne dass sie abstoßend oder gar verletzend wird.
Denn das ist es, was gemeint ist, wenn gesagt wird: ihr seid allesamt eins in Jesus Christus.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Komm, Heiliger Geist, erfüll die Herzen deiner Gläubigen (EG 156)
Ich bin getauft auf deinen Namen (EG 200)
Die Kirche steht gegründet (EG 264)
Ist Gott für mich, so trete (EG 351)
Ich steh in meines Herren Hand (EG 374)
Herr, wir stehen Hand in Hand (
NB-EG Gesangbuch für Niedersachsen und Bremen
602)