das Kirchenjahr

2. Sonntag nach Trinitatis

Die Einladung

Predigtanregungen

Der 2. Sonntag nach Trinitatis hat „die Einladung” zum Thema. Es leitet sich ab vom Evangelium vom großen Abendmahl - der Einladung, die von den Wohlhabenden abgelehnt wird, woraufhin die Einladung an die Außenseiter und Ausgestoßenen ergeht, die sie freudig annehmen. Es geht an diesem Sonntag wohl mehr darum, darüber nachzudenken, wo Gottes Einladung an uns ergeht und wie wir darauf antworten. Die übrigen Perikopen nehmen das Thema in vielfältiger Weise auf.

Zu den Perikopen

  • I: Jes 55, 1-5

    In diesem Predigttext erklingt ein Lockruf. Gott ruft sein Volk so, wie es die Marketing-Strategen namhafter Firmen kaum besser tun könnten, wenn sie auf Kundenfang gehen. Denn Gott bietet Sonderangebote an, ja noch besser: Gratisgeschenke! Wer sollte da nicht anbeißen? Der einzige Unterschied zu den Angeboten der Marketing-Strategen: Es gibt hier keinen Haken. Die „Kunden” müssen nicht Angst haben, irgendwo in eine Falle zu stolpern. Im Gegenteil: sie sitzen ja längst in der Falle drin. Sie zahlen Geld für Dinge, die nichts wert sind, wohl weil sie schon zuvor auf andere Lockangebote reingefallen sind. Gott aber knüpft sein Angebot an keine Bedingung, im Gegenteil. Er verspricht ein Leben, das so bisher kaum vorstellbar gewesen ist.
    Freilich wird dieses Leben nicht klar beschrieben. Man kann es aber ableiten: es ist ein Leben ohne Betrug und Hinterlist, ein Leben ohne Not und Leid, ein Leben in Frieden und Eintracht.
    Der eingeklammerte Teil der Perikope befasst sich ganz spezifisch mit dem Volk Israel und verkündet sein Wiederaufblühen als Weltmacht. Diese Ankündigung ist für die christliche Gemeinde problematisch, zumal u.a. wir angesprochen sind, wenn in Vers 5 von Heiden geredet wird. Von daher erscheint es wohl angemessen, diese Verse auszulassen. Auf der anderen Seite wird durch diese Verse erst richtig klar, dass sie dem Volk Israel gelten, und man muss sich die Frage gefallen lassen, ob man diese Einladung so einfach auf die Christenheit übertragen kann.
    Ich denke schon, nur darf dabei natürlich das Volk Israel nicht außen vor bleiben. Von daher sollten die eingeklammerten Verse also auch mitgelesen und in der Predigt entpsrechend berücksichtigt werden.
    Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang ist klar: Auch hier wird eine Einladung ausgesprochen. Und so wie Wasser für die Israeliten der Lebensquell schlechthin war, so ist auch die Einladung von ganz existenzieller Natur: Gott lädt das Volk an den Quell des Lebens ein. In einer solchen Einladung erkennen wir dann auch die Einladung zum Abendmahl, wiewohl sehr schemenhaft.
    Es tun sich eine Menge Fragen auf, die man stellen könnte im Blick auf das Gratisangebot. Z.B.: Muss man in der Kirche sein, um dieser Einladung folgen zu können? Ich will diese Frage nicht weiter bearbeiten, denn die Predigt wird ja sicher nicht vor Menschen gehalten, die aus der Kirche ausgetreten sind. Im Gegenteil. Es sind Menschen, die schon längst die Einladung vernommen haben. Für sie hat diese Einladung einen anderen Stellenwert. Es ist eine Einladung zum Kraftschöpfen, zum Aufatmen, zum Ruhefinden. In der Predigt, ja im Gottesdienst sollte man versuchen, dazu Gelegenheit zu bieten. Ist der Gottesdienst wirklich ein Ort, an dem die Menschen sich „regenerieren” können? Auf der anderen Seite stehen die Dinge, für die wir gerne Kraft und Zeit opfern, die aber doch für unser Leben nichts austragen. Nur wenn dies auch aufgezeigt und der Weg, der aus dieser „Verschwendung” herausführt, sichtbar wird, können Oasen der Ruhe und des Friedens entstehen.

  • II: Mt 11, 25-30

    Der sogenannte „Heilandsruf” gehört sicher zu den vertrauteren Texten der Bibel. So schön die Einladung auch ist und so wohltuend die Zusage, Ruhe für die Seele zu finden, auch ist, so ist der Weg dahin alles andere als leicht. Denn es geht darum, ein Joch zu tragen - eine Last, die nicht weiter definiert ist außer dadurch, dass dies das Joch Jesu ist. Und wenn wir auf sein Leben schauen, müssen wir erkennen und annehmen, dass diese Last überaus schwer ist, denn sie ist nichts weniger als die Sünde der Welt. Kann das gemeint sein?
    Die Aufforderung, von Jesus zu lernen, führt in eine etwas andere Richtung: die Sanftmut und Demut Jesu machen selbst große Lasten tragbar.
    Es geht in dem Heilandsruf zunächst darum, zu erkennen und zuzugeben, dass wir selbst schuldig werden und sind (Kommt her zu mir, d.h. kehrt um). Niemand ist frei von Sünde, das hat Jesus sehr drastisch in den Antithesen (Mt 5) dargestellt. Die Neigung, sich selbst als gut und mitunter auch als besser als andere darzustellen, widerspricht dieser Erkenntnis. Darum werden wir hier aufgefordert, uns zu unseren Sünden zu stellen und sie zu bekennen, das Joch also auf uns zu nehmen. Wenn dazu die Liebe Gottes, die in Jesus offenbar wurde, tritt, dann wird das Joch in der Tat leicht zu tragen sein, auch wenn wir, je ehrlicher wir zu uns selbst sind, das Joch immer größer wird. Aber bei Jesus verliert das Joch gleichzeitig sein Gewicht, weil wir wissen, dass er es mit uns, ja, für uns trägt.
    Die Predigt wird versuchen, diesen Weg nachzugehen, der aus mehreren Schritten besteht:

    1. Die Erkenntnis der eigenen Sünde
    2. Das Bekenntnis der eigenen Sünde
    3. Die Hinwendung zu Jesus als dem, der alle Sünde auf sich nimmt

    Am Ende dieses Weges steht die Gemeinschaft mit Jesus, die versprochene Ruhe für die Seele.
    Das vorangestellt Gebet Jesu gehört zwar zum Text, scheint aber ganz neue Dimensionen zu eröffnen. Da werden die Weisen und Klugen den Unmündigen gegenübergestellt, was die Frage aufwirft, zu welchen man sich selbst (bzw. die Predigthörer) zuordnen möchte. Niemand möchte als unmündig gelten, aber genausowenig möchte man sich selbst als klug und weise (und damit als Angeber) hinstellen. Allerdings kann dieser einleitende Satz helfen, den Weg zur Selbsterkenntnis zu ebnen. Es geht ja darum, dass wir Gottes Handeln nicht mit unserem Verstand nachvollziehen können. Gott handelt aus Liebe, und die ist nun mal unvernünftig. Um das zu erkennen, bedarf es der Unmündigkeit, d.h. der Bereitschaft, die Selbstkontrolle, die man üblicherweise ja doch ausübt, fallen zu lassen. Erst dann sind wir offen für das Handeln Gottes, weil wir dann bereit sind, das Unerwartete zu erwarten und anzunehmen. In der Begegnung mit Jesus wird uns die Liebe Gottes offenbart.
    Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang ergibt sich durch den Charakter der Einladung mit den ersten Worten des Heilandsrufs: "Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid.".

  • III: 1. Kor 14, 1-12.23-25

    Die Geistesgaben der Zungenrede und der Prophetie, von denen Paulus hier redet, sind wichtig, aber wohl allzuoft missbraucht worden. Wichtig sind sie aus den Gründen, die Paulus aufführt: sie dienen quasi als Erkennungsmerkmal, zur Erbauung und zur Ermahnung.
    Die Zungenrede oder Glossolalie hat dabei offenbar einen geringeren Stellenwert, denn sie erbaut nicht und ermahnt nicht. Sie kann vielmehr Ungläubige abstoßen, indem diese denken, die in Zungen redenden seien verrückt. Die Prophetie hingegen „überführt” Ungläubige, denn durch sie werden die Ungläubigen identifiziert; damit wird die Macht des Gottes, an den die Christen glauben, offenbar.
    Merkwürdig und nicht leicht nachvollziehbar ist allerdings die Zuordnung dieser Gaben durch Paulus in Vers 22: Die Zungenrede ist ein Zeichen für die Ungläubigen, die Prophetie ein Zeichen für die Gläubigen. Ich verstehe dies so, dass die Zungenrede eine unmittelbare Wirkung auf die Ungläubigen hat, aber nicht auf die Gläubigen (denn, wie gesagt, haben die anderen Gläubigen nichts davon, wenn einer beginnt, in Zungen zu reden). Dabei spielt es dann keine Rolle, dass diese Wirkung negativ ist. Die Prophetie aber hat auch eine Wirkung auf die Gläubigen (aber eben: „auch”; denn auch die Ungläubigen werden durch die Prophetie angesprochen) und kann deswegen in dieser Gegenüberstellung als „für die Gläubigen” bezeichnet werden. Schlüssig ist dies nicht, aber andere Erklärungen aus der Welt der Kommentare haben mich nicht überzeugen können. Dieses Problem spielt aber für die Predigt ohnehin nur eine untergeordnete Rolle.
    Die Einleitung des Predigttextes, die aus dem Anfang des Kapitels genommen ist, mahnt zunächst zum Streben „nach der Liebe”. Dies ist sicher motiviert aus dem vorhergehenden Hohelied der Liebe (Kap. 13) und sollte deswegen hier nicht überbewertet werden, denn der Schwerpunkt der Perikope liegt eindeutig bei den Geistesgaben. Hier wäre aber wünschenswert, noch Vers 4 hinzuzunehmen, der Licht auf die Zungenrede wirft, so wie Vers 3 die prophetische Rede bewertet.
    Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang wird nicht so leicht ersichtlich. Das Thema ist die Einladung, und hier wird offenbar nicht von einer Einladung gesprochen. Man kann allerdings auf diesen Zusammenhang kommen, wenn man bedenkt, dass von der Wirkung der Geistesgaben auf die „Ungläubigen”, also die Außenseiter, gesprochen wird. Abhängig davon, ob diese Wirkung einladend oder abstoßend ist, wird eben auch die „Einladung” Gottes ausgesprochen.
    Natürlich ist es ausgesprochen schwer, von einer durchschnittlichen Gemeinde zu erwarten, dass sie Erfahrung in der Zungenrede oder in der Prophetie hat. Wie schon eingangs erwähnt, wurden beide zu oft missbraucht. Zungenrede dient(e) oft als Mittel der Ausgrenzung (wie es hier ja auch gesagt wird), Prophetie diente oft der Geltungssucht einzelner. Nie kann man sicher beurteilen, ob die Prophetie in dem konkreten Fall eine Gabe Gottes ist oder schlicht der Ausdruck eines Gefühls oder einer besonders kleveren Schlussfolgerung aus zahlreichen Zusammenhängen. Wie dem auch sei: für die Predigt könnte man sicherlich darüber nachdenken, wie die Gemeinde auf Außenstehende wirkt. Hierbei kann man den Gegensatz zwischen „gläubig” und „ungläubig” wohl kaum gebrauchen, denn denen „draußen”, die ja meist auch getauft sind, kann man nicht so ohne weiteres den Glauben absprechen. Zudem differnziert Paulus zwischen „Ungläubigen” und „Unkundigen”, er geht also davon aus, dass auch Gläubige unkundig sein können.
    Was also kann die Gemeinde tun, um einladender zu wirken, um mehr Menschen anzusprechen? Es gibt viele Geistesgaben, nicht nur die Zungenrede oder die Prophetie. Wie wirken diese Gaben auf andere Menschen, die nicht mit dem kirchlichen Leben und den kirchlichen Ausdrucksformen vertraut sind? Diese Gedanken können in der Predigt Entfaltung finden.

  • IV: Jona 3

    folgt später

  • V: Lk 14, (15) 16-24

    Das Gleichnis ist weithin bekannt und enthält eine knappe, klare Aussage: die Einladung ist ausgegeangen, jede(r) wusste schon lange zuvor, dass da bald was großes auf sie zukommt. Es ist nur die Frage, wie wir auf diese Einladung reagieren.
    Nun hat das Gleichnis ein Problem: von einem Festmahl entschuldigt man sich schon mal - es geht eben wirklich nicht immer. Aber dieses ist eben kein gewöhnliches Festmahl, und man muss wohl die Frage stellen dürfen, ob das den Eingeladenen überhaupt klar war. Vielleicht ist aber gerade das der Knackpunkt - Die Einladung ist nicht so gestaltet, dass man wüsste, dass das eigene Leben davon abhängt. Man kann tatsächlich das Gefühl haben, dass es auch ohne dieses Mahl ganz gut weitergeht.
    An der Ablehnung der Einladung entscheidet sich nun aber die gesamte Zukunft, und das sollte hellhörig machen: was, wenn auch wir die Einladung längst verpasst haben? Denn mit welchem Personenkreis wird sich der Gottesdienstbesucher identifizierenkönnen? Gehört er zu den Außenseitern (heute vielleicht schon, da die meisten ja nicht in die Kirche zum Gottesdienst gehen), oder gehört er zu denen, die sich selbst im Grunde genug sind und deswegen diese Einladung ausschlagen? Woran erkennen wir die Einladung?
    Die Antwort auf diese letzte Frage ist recht einfach: Jesus Christus hat sie ausgesprochen, auf vielfältige Weise. Die Einladung steht, ist heute aber allzu unbedeutend geworden. Das liegt nun nicht an denen, die die Einladung hinaustragen, sondern an denen, die sie hören und sich mit Ausreden herauswinden.
    Eine andere Frage wäre, was für eine Feier wohl mit dem großen Abendmahl gemeint ist. Sicher wird hier nicht auf das gottesdienstliche Handeln angespielt, auch wenn die Begrifflichkeit das vermuten lässt. Vielmehr ist es tatsächlich die Gemeinschaft mit Gott, an der wir durch die Einladung teilnehmen können. Und diese Gemeinschaft ereignet sich nicht nur im Abendmahl, nicht nur im Gottesdienst, sondern überall dort, wo wir den Willen Gottes wahrnehmen und ausführen.
    Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang ist eindeutig. Es geht um die Einladung Gottes, die durch Jesus Christus an die ganze Menschheit ergangen ist, an seiner Gemeinschaft teilzunehmen. Dies beginnt nicht erst mit der Feier dieser Gemeinschaft, sondern schon viel früher, nämlich da, wo die Entscheidung gefällt ist, sich auf den Weg zu machen.
    Entsprechend wird die Predigt nach dieser Entscheidung fragen. Ist der Gottesdienstbesuch reiner Selbstzweck, oder ist er nur eine Station auf dem Weg, den wir mit Gott zu gehen bereit sind?

  • VI: Eph 2, (11-16)17-22

    folgt später

  • Marginaltexte: Mt 22, 1-14
    Lk 10, 1-12
    1. Kor 9, 16-23 (s. Reihe M am 19. S. n. Trinitatis und Reihe I/IV am 24. S. n. Trinitatis)

    Zu Mt 22, 1-14:
    Diese Perikope ist weitaus extremer in ihren Details, als die Erzählung bei Lukas. Da werden Boten ermordet ohne jegliches Motiv, und die Stadt der Mörder (da haben doch sicherlich noch Unschuldige drin gewohnt?) wird in Windeseile in Brand gesteckt. Matthäus hat ganz offensichtlich ein sehr starkes Interesse daran, die Ablehnung der Wohlhabenden zu verstärken und dann gleich auch die endgültige Konsequenz mit anzuführen. Eine Parallele zur Verbrennung Jerusalems ist wohl nicht auszuschließen, und dann wären die Wohlhabenden gleichzusetzen mit „den Juden”.
    Ein weiterer Zusatz gegenüber Lukas ist dann der Schluß, in dem der König einen Gast findet, der nicht dazu passt, da er kein hochzeitliches Gewand anhat. Es gibt also noch einmal eine Auslese, nachdem zunächst ganz ohne Diskriminierung eingeladen wurde. Das alles kann ganz schön Angst machen. Auf welcher Seite stehen wir? Sind wir die, die die Boten umbringen, oder die, die dann ohne Entschuldigung kommen? Haben wir das richtige Gewand an? Oder sind wir vielleicht die Knechte, die einladend hinausziehen?
    Diese Fragen müssen wohl zunächst an zweite Stelle gerückt werden. Vorrangig ist die Kernaussage des Gleichnisses, wie sie Matthäus deutlich hervorgehoben hat: „viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt” (Vers 14). Auch wenn diese Kernaussage nicht mit der Erzählung in Lukas übereinstimmt, so müssen wir doch die Eigenart der Erzählung bei Matthäus bewahren. Noch einmal kommt einem das Gefühl der Angst auf. Wir fühlen uns wohl berufen, müssen uns nun aber die Frage stellen (lassen), ob wir auch auserwählt sind. Wo finden wir hier das Evangelium? Wie werden wir von diesem Angstgefühl befreit?
    Zunächst sollte man sich die Adressaten näher anschauen: Es sind dies Pharisäer und Schriftgelehrte, also eigentlich die Menschen, die sich anmaßen, genau zu wissen, was die Schrift bedeutet und wie sie auszulegen ist. Dass so nicht alle Pharisäer und Schriftgelehrte denken, sei angemerkt, denn leider ist das Wort „Pharisäer” schon lange sprichwörtlich geworden. Das Gleichnis ist also ein Gerichtswort über solche Menschen, immer noch ohne Evangelium, aber doch schon sehr eingeschränkt. Dies nun in einer Predigt umzusetzen, ist schwierig. Man kann über die „Pharisäer” unter uns hinwegziehen, und wird dabei selber zum „Pharisäer”. Wichtiger und richtiger ist wohl, die Einladung zu wiederholen. Wie reagieren wir auf die Einladung? Nehmen wir sie überhaupt wahr? Erkennen wir die Bedeutung des Einladenden? Sind wir bereit, sie kurzfristig anzunehmen? Geben unsere Terminkalender noch Raum für ein solches Fest?
    Mit diesen Fragen wird klar, dass wir wohl in der Position der Eingeladenen anzusiedeln sind, da diese Position auch die ursprünglichen Adressaten innehaben. Damit wäre auch der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang gegeben. Die Einladung erfolgt zu einem Fest, und auch wenn dort noch eine Auslese stattfindet, so dürfte leicht deutlich werden, dass die Kennzeichen, die den einen Gast disqualifizieren, so eindeutig sind, dass wir wohl kaum die Auslese fürchten müssen; es sei denn, wir wollten gar nicht dabei sein. Das Fest aber ist etwas, auf das wir uns freuen können, denn nun brauchen wir uns nicht mehr sorgen, sondern können ganz frei und dankbar daran teilnehmen. Wenn dieses Fest stattfindet, brauchen wir uns nicht mehr um irgend etwas anderes zu sorgen.

    Zu 1. Kor 9, 16-23:
    Der Christ gibt sich als Chamäleon, so mag einem dieser Text erscheinen. Er passt sich der Umgebung an, um nur nicht aufzufallen. Doch nein, so sind die Worte des Paulus nicht zu verstehen. Im Gegenteil. Paulus äußert ein ganz spezifisches Ziel: das Evangelium allen Menschen zu verkündigen. Dazu ist er berufen, das muss er tun. Aber er tut es nicht, indem er sich voll Ignoranz irgendwo hinstellt und drauflos predigt, sondern indem er sich mit der Umwelt, in der er sich befindet, ausgiebig befasst. Er bemüht sich, Ansatzpunkte zu finden (s. die Areopagrede, Apg 17), an denen er mit seiner Verkündigung anknüpfen kann. Denn nur, wenn die Hörer sich in ihrer Situation verstanden fühlen, sind sie auch bereit, zuzuhören.
    Paulus hat diese Notwendigkeit erkannt und passt sich dementsprechend an, immer mit dem einen Ziel, das Evangelium zu verkündigen.
    Dabei weist er darauf hin, dass die Verkündigung des Evangeliums seine Pflicht ist, an der er nicht vorbeikommt. Es scheint fast, als sei es ihm aufgezwungen. Aber das ist wohl eher so zu verstehen, dass er die Wahrheit des Evangeliums erkannt hat und deswegen auch die zwingende Notwendigkeit sieht, diese Wahrheit weiterzusagen, weil er weiß, dass die Menschen diese Wahrheit brauchen. Nach einem Lohn fragt er dabei nicht, er ist frei geblieben, unabhängig, damit ihm niemand vorschreiben kann, wie er das Wort verkündigt.
    An dieser Stelle wäre ein kleiner Exkurs denkbar: Volkskirche oder Freiwilligkeitskirche? Die Volkskirche sichert den Predigern ihr Einkommen, wobei der Prediger frei bleibt, das Evangelium so zu predigen, wie er es für richtig hält. Natürlich gibt es Kontrollmechanismen, die auch eingesetzt werden müssen, aber es ist letztlich nicht die Gemeinde, die dem Prediger, wenn er ihr nicht gefällt, einfach das Auskommen verweigern kann. Bei einer Freiwilligkeitskirche ist die Verbindung zwischen Prediger und Gemeinde viel enger: wenn der Prediger nach Ansicht der Gemeinde schlecht ist (was auch und gerade dann der Fall sein kann, wenn der Prediger die Wahrheit zu sagen versucht), wird ihm einfach sein Gehalt verweigert. Zwar ist dies nur sehr skizzenhaft und oberflächlich dargestellt, aber dieser Text hilft dazu, darüber nachzudenken.
    Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang ist zwar nicht offensichtlich, aber doch erkennbar: Paulus bemüht sich, Wege zu finden, die Menschen einzuladen, das Evangelium anzunehmen. Dabei respektiert er das kulturelle und soziale Umfeld der Adressaten seiner Verkündigung vollkommen. Er zeigt keine Arroganz, sondern Verständnis, und kann so auch einladend wirken.
    Ähnlich muss eigentlich jede Predigt sein. Sie muss die Menschen da abholen, wo sie sind. Das sollte gerade in dieser Predigt besonders deutlich werden. Sie sollte einladen zur Liebe Gottes, die sich auf vielfältige Weise offenbart, und dazu ermutigen, sich vertraut zu machen mit dem Fremden, um dann auch selbst über den eigenen Glauben reden zu können.



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