das Kirchenjahr

2. Sonntag nach Trinitatis

Die Einladung

Predigtbeispiele

Wenn Sie einen meiner Predigtvorschläge in einem Gottesdienst verwenden wollen, teilen Sie es mir bitte mit. Eine Genehmigung müssen Sie dafür aber nicht abwarten.
Jegliche andere Form der Vervielfältigung, auch im Internet, ist nur mit meiner ausdrücklichen, schriftlichen Zustimmung erlaubt. Weisen Sie bei der Verwendung des Materials bitte auf die Quelle hin.

Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe I - Jes 55, 1-5

Liebe Gemeinde,
Es hat monatelang nicht geregnet. Die Wasserreservoirs sind leer, Wasser kann nur noch aus den tiefsten Brunnen geschöpft werden, die weit verstreut liegen. Nicht jeder hat Zugang zu jedem Brunnen, Wasserleitungen in die Häuser gibt es ohnehin meist nicht, und wenn doch, so kommt daraus schon lange kein Tropfen Wasser mehr. So bleiben Brunnen die einzigen Wasserquellen, aber soziale Unterschiede verbieten es den einen, zum Brunnen im Gebiet der anderen zu gehen, so dass, wenn ein Brunnen versiegt, viele Menschen sich nicht mehr selbst mit Wasser versorgen können.
Die Regierung sorgt für Wasser, indem sie mit großen Tankwagen Wasser zu den Menschen bringt. Je nach Wasserstand in den Reservoirs oder Brunnen, aus denen diese Tankwagen ihr Wasser beziehen, kommt der Tankwagen täglich oder auch nur einmal in der Woche. Denn wer weiß, wie lange die Dürre noch dauern wird?
Für manche ist der Tankwagen die einzige Wasserquelle.
Und so wartet man also auf den Tankwagen, der Wasser bringt. Natürlich hält er nicht an jedem Haus, sondern fährt nur die Hauptstraße entlang, hält, wo eine Abzweigung zu einem Dorf ist und füllt die Gefäße derer, die dort auf den Wagen gewartet haben – manchmal mehrere Stunden lang.

„Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser!“
Jesaja ruft es den Menschen zu, die Durst leiden. Und er meint es nicht etwa allegorisch, wie man vielleicht meinen könnte, sondern er spricht vom ganz konkreten, körperlichen Bedürfnis. Es ist so trocken, dass ich unbedingt etwas trinken muss. „Kommt her zum Wasser!“ Keine Scheu! Trinkt! Es ist genug für alle da.
Das sagt Jesaja zwar nicht ausdrücklich, aber es klingt mit. Wir hören es gewissermaßen, wenn wir weiterlesen. Niemand braucht Angst zu haben, nicht genug zu bekommen.
Denn es muss noch nicht mal dafür bezahlt werden. Da will sich niemand an einem elementaren Bedürfnis der Menschen bereichern, da versucht niemand, aus der Not noch Gewinn zu schlagen.

Man stelle sich vor, ein Supermarkt macht die Türen auf und räumt die Kassen weg. Kommt, nehmt, was ihr braucht!
Das ist natürlich wichtig: Es geht nicht darum, sich die Taschen vollzustopfen und die Regale in der heimischen Speisekammer zu füllen, sondern es geht darum, jetzt zu essen und zu trinken, was du brauchst. Aus der Fülle schöpfen ohne Völlerei, ohne Angst, dass die Quelle versiegen könnte.
Das scheint utopisch, ein Ding der Unmöglichkeit. Die Bauern und die verarbeitende Industrie haben viel Arbeit und natürlich auch Geld in die Produktion der Güter investiert, die wir zum Leben brauchen. Das muss bezahlt werden.
Aber wenn wir uns auf die Grundnahrungsmittel beschränken, könnte man schon die verarbeitende Industrie ausschalten, und der Bauer – ja, er könnte ja den Anteil behalten, mit dem er seine Arbeit und seinen eigenen Lebensunterhalt finanziert, und den Rest umsonst weggeben.
So unmöglich ist es also doch nicht. Wir würden nur eben nicht mehr alles vorgekaut bekommen, sondern müssten unser Mehl selber mahlen und unser Brot selber backen. Für den Winter müssten wir selber Konserven anlegen, was unsere Vorfahren ja schon immer gemacht haben und manche von uns sicher auch heute noch tun.

Die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!
So utopisch scheint es dann doch nicht zu sein – es könnte funktionieren, wenn alle darauf verzichten würden, Gewinn machen zu wollen.

Es ist nicht Jesaja, der hier spricht, sondern Gott selbst. Er stellt uns ein Lebensmodell vor, das für uns nahezu unvorstellbar ist. Und er stellt dazu eine provokative Frage:
Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.
Es ist die Frage, was wir eigentlich brauchen. Wenn man gründlich darüber nachdenkt, wird man feststellen, dass man auf vieles verzichten könnte.
Aber es ist natürlich auch schön, wenn einem manche Arbeit abgenommen wird, und man freut sich an der schier unendlichen Auswahl, die uns im Supermarkt geboten wird.
Aber ist es wirklich nötig?
Im Grunde ist dieser Text, den der Prophet Jesaja uns übermittelt, eine Einladung zur Gemeinschaft miteinander. Keine heiße Schlacht am kalten Buffet, wie Reinhard Mey es vor vielen Jahren einmal besungen hat, wo ein Mann noch ein Mann ist, wo kämpft, wer noch kämpfen kann, wo am Ende von dem vereinnahmten Geld, welch noble Idee, 10% an Brot für die Welt gehen.
Nein, hier geht es ums Miteinander Teilen und nicht um ein Feigenblatt, mit dem man die Völlerei und Raffgier zu bedecken versucht.
Gott lädt uns ein, zu ihm zu kommen. Das bedeutet: nicht nur im Gottesdienst, sondern immer, fortwährend sich zu ihm hin zu versammeln.
Immer Gott im Sinn zu haben, sich an seine Wohltaten zu erinnern nicht als etwas Vergangenes, sondern als etwas Fortwährendes, Andauerndes. Das bedeutet der Ruf: Hört doch auf mich!
Gott sorgt für uns – es ist nicht der Supermarktmanager, der für volle Regale sorgt, sondern Gott. Das zu sehen und sich immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, hilft ganz ungeheuer, es erleichtert uns um schwere Lasten, es befreit uns von der Sorge um das Morgen. Denn Gott sorgt für uns.
Es mag allerdings schon etwas merkwürdig klingen, wenn gesagt wird: „Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.“
Was hat das Hören auf Gott mit dem Essen zu tun? Eigentlich liegt es auf der Hand: Wenn wir auf Gott hören, erkennen wir, dass wir nicht reich oder wenigstens wohlhabend sein müssen. Wir müssen uns nicht für alle Eventualitäten absichern, sondern können bewusst jeden Tag als ein Geschenk Gottes annehmen – mit allem, was uns an diesem Tag widerfährt.
Das mag nun gerade für die Menschen, die Opfer der Hochwasser wurden, wie ein Hohn klingen. Sie hätten sich gerne gegen solche Schäden versichert, aber die Versicherungen verlangten nach dem letzten Hochwasser vor etwas mehr als 10 Jahren extrem hohe Prämien, da das nächste Hochwasser absehbar war und geplante Schutzmaßnahmen noch nicht wirksam umgesetzt werden konnten.
Da blieb eigentlich nur noch Gottvertrauen. Und nun scheint es fast, als hätte sie dieses Gottvertrauen getrogen, als seien die Worte Jesajas nur leere Hülsen.
Doch genau das sind sie nicht. Denn es geht doch darin auch und gerade darum, dass die, die genug zum Leben haben, ihren Überfluss mit anderen teilen.
Und das sind dann nicht nur ein paar Euro im Klingelbeutel oder als Spende überwiesen an Brot für die Welt oder an die Kindernothilfe oder an Unicef und was es sonst an Hilfsorganisationen gibt, sondern wirklich teilen, einen substanziellen Teil abgeben, weil wir gar nicht so viel brauchen, wie wir haben.
Damit machen wir für manche Menschen in dieser Welt und heute vielleicht besonders für die Menschen in Sachsen erfahrbar, wozu uns die Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja ermutigen – und dass diese Worte für sie nicht nur leere Hülsen sind.
Gott vor Augen haben, auf ihn hören, das verändert unser eigenes Weltbild, und es verändert die Welt. Es macht möglich, was im Grunde unmöglich erscheint:
Die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!
Freut euch an den Gaben Gottes – denn sie sind Euch geschenkt.

Der nachfolgende Text bezieht sich auf eine konkrete Aktion zur Zeit, als die Predigt gehalten wurde. Da er zum Schluss der Predigt führt, bleibt er hier erhalten. Es dürfte nicht allzu schwer sein, den Text den eigenen Gegebenheiten anzupassen:
Wir freuen uns, dass zur Zeit der Künstler Magnus Kleine-Tebbe, der unseren Osterleuchter gestaltet hat, eine kleine Ausstellung in unserer Kirche aufgebaut hat. Sie steht im Zusammenhang mit einem Projekt der Karin und Jochen Prüsse Stiftung zum Jubiläum des Thesenanschlags 2017, in dessen Rahmen v ier große Skulpturen erstellt werden, die später an vier Standorten im Bereich unserer Landeskirche aufgestellt werden.
Der Jesus-Kopf, der zur Zeit vor dem früheren Hertie-Kaufhaus steht, wird in einigen Wochen vor der Trinitatiskirche seinen Platz finden und von dort weiter durch die Landeskirche wandern, bis er 2017 an seinen endgültigen Platz gelangt. Für die anderen Skulpturen werden hier auf der von Ihnen aus gesehen linken Seite einige Entwürfe vorgestellt.
Die Skulpturen sollen dann vier wesentliche Grundaussagen der Reformation darstellen:
Sola gratia – allein durch die Gnade Gottes wird der Mensch erlöst;
Sola fide – allein durch den Glauben wird der Mensch vor Gott gerechtfertigt, und nicht durch seine Werke;
Sola scriptura – allein die Schrift ist Grundlage des christlichen Glaubens; und
Solus Christus – allein Christus wirkt unser Heil, sein Kreuz und seine Auferstehung sind das Zentrum unseres Glaubens.
Interessant im Zusammenhang mit unserem Predigttext finde ich aber die Skulptur, die an der Südseite unserer Kirche, also zu Ihrer Rechten, steht.
Diese Skulptur stellt den Kopf Johannes des Täufers dar. Er ist der Vorläufer von Jesus, und wir befinden uns kurz vor seinem Gedenktag, der am 24. Juni begangen wird.
Diese Skulptur hat eine Besonderheit: wenn man die Rückseite betrachtet, erkennt man ein weiteres Gesicht. Es erscheint wie ein Negativ der Vorderseite, aber tatsächlich ist es das Gesicht Jesu, das sich gewissermaßen in den Kopf Johannes des Täufers tief eingeprägt hat.
Wir erinnern uns: schon vor seiner Geburt, so berichtet der Evangelist Lukas, erkannte er den Herrn Jesus und hüpfte vor Freude im Leib seiner Mutter Elisabeth, als Maria, mit Jesus schwanger, sie besuchte.
Er war von Anfang an dafür bestimmt, das Bild Jesu in sich zu tragen.

So wie Johannes der Täufer das Bild Jesu in sich trägt, sind auch wir eingeladen, Gottes Bild in uns zu tragen. Wenn wir das tun, dann kann Wirklichkeit werden, was Jesaja verkündigt:
„Du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst, und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des Herrn willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.“
Und es wird niemand mehr Not und Hunger leiden, denn immer wird jemand da sein, der bereit ist, abzugeben von seinem Überfluss.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden (EG 66, 7)
Brunn alles Heils, dich ehren wir (EG 140)
Such, wer da will... (EG 346)
Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn (EG 363, 1-2)
O Lebensbrünnlein tief und groß (EG 399)

Predigtvorschläge zu Reihe III - 1. Kor 14, 1-12.23-25

Liebe Gemeinde!
Paulus fordert uns auf, nach etwas zu streben, was uns fremd ist und manchem vielleicht sogar Angst macht: Die Gaben des Geistes, vornehmlich die Gabe der prophetischen Rede. Er schreibt: »Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen. Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und Ermahnung und zur Tröstung.« Uns beunruhigt diese Aufforderung, weil wir damit wenig anfangen können. Gehören diese Gaben nicht der Vergangenheit an? Gab es das nur früher: prophetische Rede und Zungenrede? Haben wir damit heute nichts mehr zu tun? Oder müssen wir da vielleicht eine Umdeutung vornehmen, um sie wieder aktuell zu machen?

Wenn wir an Gaben, Begabungen, denken, dann fallen uns jedenfalls ganz andere Dinge ein, zum Beispiel die Gabe des Handwerkens. Da ist einer, dem geht alles gut von der Hand, er kann alles mögliche reparieren und neue Dinge erschaffen. Das ist beeindruckend. Oder die Begabungen, die in unserer Web- und der Werkgruppe zusammenkommen: Töpfern, Malen, Arbeiten mit Holz und Stoffen, und vieles andere. Da sind die Gaben des Singens, des Vorlesens, des Zuhörens. Die Gabe, schnell Vertrauen zu wecken, ist auch manchen unter uns gegeben und nicht zu unterschätzen. So sind es viele Gaben, noch viel mehr, als ich gerade aufgezählt habe, die in unserer Gemeinde existieren. Sicher gibt es auch einige Gaben, die noch gar nicht entdeckt wurden.
Sind dies Gaben des Geistes? Können sie sich mit den Gaben der prophetischen Rede und der Zungenrede messen?
Ich möchte, bevor ich dies beantworte, erst einmal erklären, was diese beiden Gaben, die Zungenrede und die prophetische Rede, denn nun eigentlich sind.
Die Zungenrede entzieht sich unserem Verstehen. Das meint Paulus auch, wenn er sagt, dass, wer in Zungen redet, der nur für Gott redet und nicht für Menschen, weil ihn niemand versteht. Es gibt heutzutage Gruppen, in denen Zungenrede praktiziert wird, zumindest nach Aussage dieser Gruppen. Manche sagen sogar, wer die Zungenrede nicht beherrscht, ist kein richtiger Christ, denn die Zungenrede sei eine fundamentale Gabe des Geistes Gottes, d.h. jeder müsse sie haben, sie würde automatisch denen gegeben, die an Christus glauben, sie sei gewissermaßen das Erkennungsmerkmal der Christen. Dem widerspricht Paulus, der kurz darauf sagt: »Ich wollte, dass ihr alle in Zungen reden könntet.«, und damit offenbar macht, dass es eben nicht alle können. Deswegen sind diese Mitglieder der Gemeinde aber nicht weniger wert als die, die es können.
Paulus betont, dass, wenn in Zungen geredet wird, dies auch ausgelegt werden muss. Sonst sollen die Zungenredner schweigen, weil es keinen Sinn macht, ohne Auslegung in Zungen zu reden.

Mit der prophetischen Rede ist es anders: sie ist verständlich und muss - in der Regel - nicht ausgelegt werden. Aber hier fragt man sich: was ist nun prophetische Rede, die von Gott eingegeben wurde, die eine Gabe des Geistes ist? Wie können wir das erkennen? Ist es prophetische Rede, wenn ich sage: morgen wird es wieder regnen? Oder wenn ich sage: Die jetzige Regierung wird nicht länger als eine Legislaturperiode an der Macht bleiben? Wenn ich so etwas verkündigen würde, dann würde ich mir anmaßen, zu wissen, was ich nicht wissen kann, weil es uns Menschen unmöglich ist, in die Zukunft zu sehen. Ich würde damit behaupten, etwas zu können, was nur Gott kann.
Das scheint nicht nur vermessen, es ist es auch. Deswegen gibt es heute wohl nur wenig Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, Propheten zu sein oder prophetische Dinge zu sagen. Man will sich diese Autorität des Allmächtigen nicht anmaßen. Und das ist auch richtig so. Denn Paulus meint, so glaube ich, mit prophetischer Rede etwas anderes. Prophetische Rede ist für ihn nicht das bloße Vorhersagen von irgendwelchen Ereignissen. Wir wissen ja auch von der Geschichte des Jona, dass die Vorhersage solch konkreter Ereignisse wie die Vernichtung der Stadt Ninive zwar zunächst richtig sein kann. Später aber erweist sich schon als falsch, weil die Menschen auf den wichtigeren Teil der prophetischen Rede gehört haben: sie wurden ermahnt, von ihrem bösen Weg umzukehren und zu tun, was Gott gefällt. Das haben sie getan, und darum wurde ihre Stadt entgegen der Vorhersage eben doch nicht zerstört.
Darin liegt der eigentliche und wichtigere Zweck und Sinn der prophetischen Rede: sie macht aufmerksam auf den Willen Gottes. Wenn also jemand sagt: 'Gott will, dass ihr euch versöhnt,' dann hat er damit, abgesehen davon, dass dies eigentlich ja schon selbstverständlich ist, durchaus ein prophetisches Wort gesprochen, denn wir können es anhand von Gottes Wort überprüfen und bestätigen. Wenn eine Frau zu einem trauernden Menschen geht und sie tröstet, indem sie auf die Liebe Gottes hinweist, dann wurde ein prophetisches Wort gesprochen, weil es das ist, was Gott von uns will. Wenn jemand zu einem entmutigten Menschen geht und ihm Mut zuspricht, indem er auf die Kraft Gottes hinweist, die in den Schwachen mächtig wird, dann wurde ein prophetisches Wort gesprochen.
Wenn man so handelt, maßt man sich nicht die Autorität und Macht Gottes an. Man weist vielmehr auf diese Autorität und Macht Gottes hin, und das ist durchaus richtig und gut. Wenn wir prophetische Rede so verstehen, dann werden wohl die meisten, vielleicht sogar alle unter uns erkennen, dass sie entweder selber schon prophetisch geredet haben oder dass ihnen schon einmal ein Prophet begegnet ist. So selten ist es dann jedenfalls nicht mehr. Und wir merken, dass es hier eben doch nicht um eine besonders wertvolle und herausragende Gabe des Geistes geht, die nur wenigen vergönnt ist, sondern um etwas, das uns allen geschenkt wurde und zur Verfügung steht.
Aber wie steht es mit den Begabungen, von denen ich am Anfang sprach? Der Handwerkerei, dem Basteln usw.? Den Begabungen, die wir an uns selber entdeckt und gefördert haben? Sind dies auch Gaben des Geistes Gottes? Oder sind es einfach Fähigkeiten, die in den Genen stecken und nichts mit Gott zu tun haben? Wenn ich von Genen rede, denke ich sofort daran, dass Gott unser Schöpfer ist und darum auch für diese Gene verantwortlich - unsere Begabungen haben also durchaus mit Gott zu tun, sind uns von Gott geschenkt. Die Frage ist nur, welchem Zweck diese Gaben dienen. Sind sie reiner Selbstzweck? Dienen sie nur dazu, mich allein zu erfreuen? Oder setze ich sie ein, um anderen damit eine Freude zu machen?
Wenn die Gaben nicht auf mich alleine bezogen sind, d.h., wenn ich sie nicht nur für mich selbst einsetze, dann, glaube ich, werden sie zu Gaben des Geistes Gottes. Denn aus diesen Gaben entsteht dann Segen. Vor allem und gerade dann, wenn wir selbst erkennen, dass Gott uns diese Gaben geschenkt hat, dass er uns begabt hat, und nicht wir selbst. Denn dann werden wir es nicht darauf beruhen lassen, wenn jemand sagt: »Das haben Sie aber toll gemacht!«, sondern wir werden daran erinnern, dass dies letztlich nicht von uns kommt, sondern von dem, der uns erschaffen hat. Damit werden wir zu Einladenden, denn wir verkünden den Ruhm unseres Gottes.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
O Gott, du höchster Gnadenthron (EG 194)
Nun singe Lob, du Christenheit (EG 265)
Strahlen brechen viele (EG 268)
Preisen lasst uns Gott, den Herrn (EG 568)
Herr, wir stehen Hand in Hand (NB-EG 602)

Predigtvorschläge zu Reihe V - Lk 14, (15) 16-24

Liebe Gemeinde!
Das Gleichnis von der Einladung zum Festmahl ist uns wohl allen vertraut. Wir haben es als Evangeliumslesung gehört.
Es gibt von diesem Gleichnis zwei Fassungen, die des Evangelisten Matthäus und die des Evangelisten Lukas. Es hilft zum besseren Verständnis, wenn man die beiden miteinander vergleicht, was ich hier aber nur ansatzweise tun möchte, indem ich hervorhebe, was in unserem Predigttext aus dem Matthäusevangelium anders ist als bei Lukas.
Matthäus redet von einem König, der das Mahl zubereitet. Eine hochgestellte Persönlichkeit also, ja, man muss wohl sagen, die höchstgestellte Persönlichkeit, über allen anderen. Wer dem König etwas abschlägt, hat sich selbst unter Umständen schon das Grab geschaufelt, denn der König hat die größte Macht. Er lädt ein zu einem Hochzeitsmahl für den eigenen Sohn, ein Fest, bei dem man eigentlich nicht fehlen darf, wenn man eingeladen wird. Wer nicht kommt, bringt damit seine Ablehnung dieser Hochzeit zum Ausdruck und macht sich so den König zum Feind.
Der König lädt nur einmal ein, nämlich als das Fest bereits fertig vorbereitet ist. Sicher kann man aber bei einer Hochzeitsfeier davon ausgehen, dass man schon vorher davon wusste, zumal es die Hochzeit des Königssohns ist.
Was für Gründe die Eingeladenen hatten, nicht zu kommen, spielt keine Rolle; sie wollen schlicht und ergreifend nicht, sie machen sich noch nicht einmal die Mühe, eine Ausrede zu finden. Schlimmer noch: manche der Boten verhöhnen oder erschlagen sie, so, als ob diese freundlich gemeinte Einladung ein Zeichen der Verachtung gewesen wäre.
Etwas unklar ist dann die Wendung: der König vernichtet die Eingeladenen mit seinem Heer, und die Stadt der Eingeladenen wird zerstört. Ist das nicht die Stadt, in der auch der König lebt? Hat er nicht damit seine eigene Stadt zerstört?
Diese Frage kann erst durch die Deutung beantwortet werden, die damit im Grunde erzwungen wird: der König ist nämlich niemand anders als Gott selbst.
Doch das Gleichnis ist damit noch nicht zu Ende. Die Gäste, die nun eingeladen werden, sind die Menschen von der Straße, keine bedeutenden Persönlichkeiten. Anders als bei Lukas gibt es hier keine Erklärung, was für Menschen das nun sind, es wird nicht angezeigt, dass jetzt die Außenseiter der Gesellschaft eingeladen werden.
Was wir bei Lukas nicht finden, ist der Kontrollgang des Königs. Offenbar ist es nicht egal, wer eingeladen wird, obwohl es so erschien.
Da ist einer ohne hochzeitliches Gewand, der offenbar nicht eingeladen wurde, oder er wurde eingeladen, weigerte sich aber, dieses hochzeitliche Gewand anzuziehen, das ihm von den Bediensteten des Königs angeboten wurde. Dieser eine wird nun hinausgeworfen in die Finsternis, in der Heulen und Zähneklappern sein wird.
Auch der Nachsatz ist nur beim Evangelisten Matthäus zu finden: „Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.”
Aus der historischen Sicht ist dieses Gleichnis wohl leicht zu interpretieren. Es wird von dem Volk Israel gesprochen, das Gott durch die Propheten dazu einlud, seinen Sohn Jesus Christus anzunehmen und durch ihn die Nähe Gottes in dieser einmaligen Hochzeitsfeier zu erleben. Das Volk sperrte sich, es wollte nicht kommen, es wollte lieber nach seinen eigenen Vorstellungen leben. Gott war zwar für den Ritus gut, aber nicht für den Alltag. Und der Ritus entfernte sich immer weiter von dem, was Gott für sein Volk wollte.
So zerstörte er ihre Stadt – Jerusalem – und wandte sich denen zu, die bisher außen vor gewesen waren: den Heiden, den Nicht-Juden.
So weit, so gut. Aber gerade dadurch, dass dieses Gleichnis so leicht historisch eingeordnet und interpretiert werden kann, fällt es dann doch schwer, es auf uns heute in unserer Zeit anzuwenden. Wer sind wir in diesem Text? Wo erkennen wir uns wieder?
Sind wir die Knechte, die Gott aussendet, um die Gäste einzuladen? Das scheint mir eher abwegig. Es ist nur eine kleine Schar von Knechten, und das sind wiederum besonders beauftragte Menschen. Jesus spielt in seinem Gleichnis auf die Propheten an, von denen es nur relativ wenige gegeben hat, die jeder für sich eine spezifische und einzigartige Berufung erfuhr.
Also können wir doch eigentlich nur zu denen gehören, die eingeladen werden. Aber zu welcher Schar gehören wir?
Sind wir die ersten Eingeladenen, die dann nicht wollen? Auch das scheint auf den ersten Blick abwegig. Immerhin sind wir ja hier versammelt, wir stellen uns unter Gottes Wort, und um uns herum, draußen, sind die, denen das alles egal ist, eben die, die nicht wollen.
Aber: ist das hier, ist dieser Gottesdienst das Hochzeitsfest, zu dem Gott uns einlädt?
Hochzeiten ereignen sich nicht im wöchentlichen Rhythmus. Sie sind einmalig, zumindest für die Personen, die heiraten. Die Hochzeit, von der das Gleichnis redet, ist sicherlich ein einmaliges Ereignis.
Außerdem: Auch das Volk Israel feierte seine Gottesdienste, es erfüllte die Gebote in Bezug auf die Opfergaben regelmäßig, es versammelte sich in den Synagogen, um Gottes Wort zu hören. Dennoch wird von ihnen gesagt, dass sie nicht wollten. Könnte das auch für uns gelten?
Um das Gleichnis richtig zu verstehen, müssten wir wissen, was mit dieser Hochzeit eigentlich gemeint ist. Denn sicher handelt es sich nicht um die Feier der Hochzeit Jesu. Das wäre zu oberflächlich, und wir wissen ja auch, dass Jesus nicht geheiratet hat.
Das zentrale Ereignis ist, so glaube ich, nicht die Hochzeit, sondern das Fest, zu dem der König, also Gott, einlädt. Dadurch, dass dieses Fest als die Hochzeit des Königssohnes beschrieben wird, macht Jesus deutlich, wie wichtig dieses Fest ist. Es ist einmalig! Allein deswegen sollte man die Einladung eigentlich nicht abschlagen.
Es geht in der Feier selbst aber nicht um die Hochzeit, sondern vielmehr darum, teil zu haben an der Gegenwart Gottes. Die Frage, die durch die Einladung gestellt wird, lautet also eigentlich: willst Du in der Gegenwart Gottes leben, oder nicht? Willst Du Dich auf Gott einlassen?
Wenn wir diese Frage mit „Ja” beantworten können, dann beginnt für uns ein großartiges Fest, eben so wie die Hochzeitsfeier eines Königssohnes.
Es ist klar, dass der Rest des Lebens dann nicht aus Feiern besteht; es wird kein ständiges Lachen und Scherzen, kein Singen und Tanzen sein. Zumindest nicht ständig und ununterbrochen. Das Leben geht weiter, und es fordert unseren Einsatz, unsere Kraft. Es kommen Dinge auf uns zu, die uns traurig machen werden, die uns Furcht einflößen, die uns ratlos machen. Es werden auch Dinge auf uns zukommen, die Grund zur Freude sein werden.
Das Fest ereignet sich darin, dass in allem, was wir tun, die Liebe und die Nähe Gottes erfahrbar ist. Selbst in den Enttäuschungen, selbst in unserem Versagen erkennen wir, dass Gott uns nicht allein lässt. Wenn wir Angst haben, ist Gott da und macht uns neuen Mut. Wenn wir traurig sind, schenkt er uns Trost. Wenn wir ratlos sind, kommt er zu uns mit seiner Hilfe. Wenn unsere Kraft verbraucht ist, stärkt er uns. Kurz: wir spüren seine Nähe und Liebe.
So wird unser Leben zu einem Fest, zu dem Fest, das Gott für uns bereitet hat.
Das Abendmahl soll uns an dieses Fest erinnern, das sich ja eigentlich stetig ereignet. Denn das Abendmahl macht die Nähe Gottes zu den Menschen leibhaftig erfahrbar. Es ist aber nicht dieses Fest. Es dient uns vielmehr als Wegzehrung, denn, wie schon gesagt, unser Leben geht ja weiter, es ist eben kein beständiges und unablässiges Feiern, sondern fordert unsere Kraft, bis zur Erschöpfung. Durch die Feier des Abendmahls können wir dann neue Kraft gewinnen. Das Abendmahl erfüllt uns mit der Gewissheit, dass unser Herr Jesus Christus uns nahe ist, denn wir haben Teil an seinem Leib und Blut.
So gestärkt, fällt es auch im Alltag leichter, die Nähe Gottes zu erkennen, seine Spuren in unserem Leben wahr zu nehmen.
Und was ist mit dem einen, der kein hochzeitliches Gewand hat und hinausgeworfen wird? Vielleicht will er uns nur daran erinnern, dass es auch ein Gericht gibt, dass es eben nicht egal ist, wie ich mich entscheide. Dass die Freiheit, die Gott uns schenkt, nicht dazu führt, dass wir von ihm so oder so angenommen sind, sondern dass die Entscheidung, die wir aus dieser Freiheit heraus fällen, Konsequenzen hat für das Verhältnis Gottes zu uns und für unsere Zukunft, über den Tod hinaus.
Vielleicht will uns dieser eine aber auch darauf aufmerksam machen, dass die Gemeinschaft mit Gott etwas Besonderes ist, ein Privileg, auf das wir zu Recht stolz sein können. Sicherlich nicht so, dass wir damit angeben, aber doch so, dass wir davon reden. Nicht im Rahmen eines großen Happenings, so wie der Kirchentag, der vorigen Sonntag zu Ende ging und während dessen die Stadt Hannover voll war des Lobes Gottes, sondern in den alltäglichen Begegnungen mit Menschen, die uns auf die verschiedensten Arten zu verstehen geben: „ich brauche Gott nicht.” Doch, auch sie brauchen Gott.
Gott lädt jeden Menschen ein. Dass wir seine Einladung annehmen, und dass wir es dann auch erkennen lassen, dass wir teilhaben an diesem Fest, dazu schenke er uns seine Gnade.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Einer ist's, an dem wir hangen (EG 256)
Noch werden sie geladen (EG 257, 3-4)
Singet dem Herrn ein neues Lied (EG 287)
"Kommt her zu mir", spricht Gottes Sohn (EG 363)
"Eins ist not!" Ach Herr, dies eine (EG 386)
*Gott rufet noch (EG 392)
Er ruft die vielen her (EG 583)

Predigtvorschläge zu Reihe VI - Eph 2, (11-16)17-22

Liebe Gemeinde,
Die Urlaubszeit steht kurz bevor. Das Wetter spielt auch langsam mit, nachdem die ersten fünf Monate des Jahres deutlich kälter als der Durchschnitt waren. Man kann in Urlaubsstimmung kommen.
Und das bedeutet für viele: sich aufmachen, vielleicht an einen bekannten Ort, den man schon in den Vorjahren regelmäßig aufgesucht hat, vielleicht aber auch dorthin, wo man noch nie zuvor gewesen ist.
Eine jede Urlaubsreise wird sorgfältig vorbereitet. Viele buchen ihren Urlaub im Reisebüro, am besten eine Pauschalreise. Das ist bequem – alles ist im Preis inbegriffen, man muss sich nicht wirklich um Details kümmern. Viele Angebote beinhalten sogar Führungen zu den Sehenswürdigkeiten. Was will man mehr.
Viele andere buchen ein Ferienhaus. Die Fahrt dorthin muss extra gebucht werden, es ist also schon etwas mehr Aufwand. Und dort im Ferienhaus muss man sich zumindest um das Essen selber kümmern.
Wieder andere machen sich auf, um Verwandte oder Freunde zu besuchen. Das bedarf keiner aufwendigen Vorbereitung. In der Regel weiß man ja, was einen erwartet.
Noch andere fahren mit dem Campingwagen oder Wohnmobil an ihren Zielort. Camping – das bedeutet, dass man auch viel selbst machen muss. Nur die Waschgelegenheiten und Toiletten stehen auf dem Campingplatz zur Verfügung, um alles andere muss man sich selbst kümmern. Es hat etwas von Abenteuer, dieses Campen, denn man kann da schon so manche Überraschung erleben, wenn man nicht jedes Jahr zum gleichen Campingplatz fährt.
Eins haben alle diese Varianten gemeinsam: wo immer man hin fährt: man ist dort zu Gast. Und ich muss gestehen: Ich bin gerne Gast. Denn es entbindet mich von manchen lästigen Alltagspflichten. Deswegen fährt man ja auch in den Urlaub: um Abstand zu nehmen, um die Lasten des Alltags mal hinter sich zu lassen, um sich etwas verwöhnen zu lassen – oder um sich selbst zu verwöhnen. Gastsein ist also durchaus etwas Gutes. Es hat nur einen Haken: Es dauert nicht ewig.
Paulus redet in seinem Brief an die Epheser auch vom Gastsein. Offensichtlich wertet er es ab gegenüber dem „Zuhause-Sein“. Gast zu sein ist längst nicht so gut wie wirklich dazu zu gehören.
Wenn wir an das Gastsein im Urlaub denken, dann erinnern wir uns auch sicher daran, dass sich irgendwann auch die Sehnsucht nach dem Zuhause einschleicht. Denn wir merken doch: so schön es ist, sich mal verwöhnen zu lassen: es ist eben doch etwas anderes. Oft versteht man noch nicht mal die Sprache richtig und ist froh, wenn man wenigstens gleichsprachige Nachbarn hat.
Zu Hause wartet Vertrautes auf uns. Und deswegen gibt es auch Menschen, die nie in den Urlaub fahren, weil sie dieses Zuhause über alles schätzen. Die vertraute Umgebung wollen sie nicht aufgeben.
Mit der Vorstellung vom Gastsein macht Paulus auf ein Problem aufmerksam, das zu seiner Zeit sehr aktuell war. Es geht um das Miteinander von Juden- und Heidenchristen.
Die Judenchristen sahen sich meist als etwas Besseres an. Immerhin finden wir ja auch bei Jesus selbst Aussagen, die darauf hindeuten, dass sein Kommen nur den Juden galt. Doch wissen wir andererseits, dass sich Jesus den Heiden nicht gänzlich verweigert hat. Er erbarmte sich über die samaritische Frau genauso wie über den römischen Hauptmann. Aber das blieben zunächst Ausnahmen. Und so ist es kaum verwunderlich, wenn die Christen, die aus den Juden hervorgegangen sind, wenigstens etwas abfällig blickten auf jene Christen, die vorher noch nicht einmal den jüdischen Glauben gekannt hatten und darum auch mit der Hoffnung auf den Messias überhaupt nicht vertraut waren, also auch nicht so richtig verstehen konnten, was Jesus eigentlich für die Menschheit bedeutet. So empfanden es zumindest die Judenchristen.
Andererseits gab es aber durchaus auch Heiden, die den jüdischen Glauben ernst nahmen und sich vertraut machten. Sie hatten sich von der heidnischen Götterverehrung so gut es ging abgewandt. Sie waren gottesfürchtig, aber, um bei dem Bild zu bleiben, bestenfalls Gäste. Nur selten konnten solche Heiden auch den letzten Schritt tun und ganz zum Judentum konvertieren. Die Beschneidung war dabei noch das kleinste Hindernis. Viel schwerer wog, dass solch ein Schritt die soziale Abgrenzung von allen, die sich nicht zum jüdischen Glauben bekannten, bedeutete. Und damit würde man sich u.U. also auch von Freunden und Verwandten trennen müssen.
Aber der Friede, der durch Christus verkündigt wurde, gilt nun doch beiden in gleicher Weise, ohne Vorbehalte. So wurde es den Aposteln offenbart, nachdem sie ihren Dienst zunächst ganz auf das jüdische Volk beschränkt hatten.
Als Petrus zu einem römischen Hauptmann gerufen wurde, ging er hin, weil er sich durch eine Vision dazu ermutigt sah. Und als er dann dort war und mit dem Hauptmann sprach, erkannte er, dass Gott die Person nicht ansieht, sondern alle, die ihn fürchten, annimmt.
Der Friede wurde beiden verkündigt, nicht nur dem jüdischen Volk, sondern auch den Heiden, sagt Paulus in unserem Predigttext.
Es geht dabei um den Frieden zwischen Gott und den Menschen. Der ewige Konflikt, der seit der Vertreibung aus dem Paradies bestand, hat durch Jesus Christus ein Ende. Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis, der Cherub steht nicht mehr dafür, Gott sei Lob, Ehr und Preis!
Es steht nichts mehr zwischen Gott und uns – Jesus Christus hat alles Trennende fort genommen. Und so wie damals der Ausschluss aus dem Paradies die ganze Menschheit betraf, so betrifft heute auch der Friede, den Gott selbst durch Jesus Christus stiftet, alle Menschen.
Es ist ein Geist, der den Zugang gewährt zum Vater, der alle Menschen nicht nur mit unserem himmlischen Vater, sondern auch untereinander verbindet. Die Trennung zwischen Heiden und Juden gilt nicht mehr.
Für uns ist das Problem, ob Heiden- oder Judenchrist, nicht von Bedeutung. Aber unter uns wird eine andere Trennung erkennbar, die durchaus ähnliche Züge aufweist. Oft nehmen wir diese Trennung gar nicht bewusst da. Aber sie ist spürbar, ja, auch sichtbar, da.
Wenn wir uns hier in unserer Kirche umschauen: es sind vielleicht 50 oder 60 Menschen hier von einer Gemeinde, die aus über 3000 Menschen besteht. Wie blicken wir auf die anderen, die gar nicht oder vielleicht nur einmal im Jahr in die Kirche gehen? Sind sie für uns nicht auch nur Gäste, wenn sie mal in der Kirche oder bei einer anderen gemeindlichen Aktion auftauchen?
Wie steht Gott dazu? Um es noch einmal zu sagen: Er hat den Frieden gestiftet. Und wer diesen Frieden für sich in Anspruch nehmen will, der gehört dazu, der kann bei ihm sein Zuhause finden, der ist Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenosse.
Es wäre fatal, wenn wir uns diesem Frieden in den Weg stellen wollten. Denn damit würden wir auch den Bau des heiligen Tempels nicht nur behindern, sondern wohl gänzlich unmöglich machen.
Ob wir ihn zum Einsturz bringen könnten, wage ich zu bezweifeln. Denn der Schlussstein, der alles zusammen hält, ist Jesus Christus selbst, und an dem können wir wohl kaum rütteln. Wohl aber würden wir uns selbst wohl eine Chance verbauen, wenn wir entscheiden wollten, wer zum Bau des heiligen Tempels zur Verfügung stehen darf.
Stellen wir uns einmal kurz diesen Bau vor, der ja noch nicht vollendet ist. Da wird Stein um Stein aufeinander gefügt – diese Steine sind wir, aber nicht nur wir, sondern alle, die den Frieden Gottes suchen und für sich in Anspruch nehmen wollen. Wenn wir also solche Steine wieder ausstießen, dann würden Lücken entstehen, die erst wieder mühsam geflickt werden müssten. Darunter leidet sicher die Stabilität eines solchen Baus.
Wir, Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, werden nun zu einem heiligen Tempel in dem Herrn gebaut. Wir lassen uns an unserem Platz einsetzen, mit den Begabungen und Gaben, die uns zur Verfügung stehen, und sorgen so mit dafür, dass der Bau Bestand hat.
Wenn wir uns dieses Bild vergegenwärtigen, erkennen wir auch, warum es unklug wäre, wenn wir manche der Steine, die um uns herum eingesetzt werden, einfach herausnehmen wollten. Uns fehlt der Gesamtüberblick – wir wissen nicht, welche Qualitätsansprüche an die verschiedenen Bausteine in der jeweiligen Position gestellt werden.
Es ist letztlich Gott, der diesen Bau vollendet. Der Bauplan liegt in seinen Händen. Welche Steine er verwendet, muss und wird er selbst entscheiden. Wichtig ist für uns doch eigentlich nur: wir werden zu einer Wohnung Gottes gestaltet, wenn wir uns für diesen Bau benutzen lassen, wenn wir den Frieden, den Gott macht, annehmen. Und das ist, so finde ich, doch schon etwas Großartiges.
So werden wir auf jeden Fall zu Gottes Hausgenossen, indem wir uns mit einbauen lassen in diesen heiligen Tempel Gottes. Denn in ihm wohnt Gott. So sind wir bei ihm zu Hause und nicht mehr nur Gäste oder sogar Fremdlinge. Und wir sind so sehr zu Hause, dass es uns niemand nehmen kann.
Und darum: seid dankbar für jeden einzelnen Stein, der sich in diesen Bau einfügt, damit der heilige Tempel des Herrn bald vollendet werde.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
O Heiland, reiß die Himmel auf (EG 7)
Gott sei Dank durch alle Welt (EG 12)
Seht, die gute Zeit ist nah (EG 18)
Ehre sei Gott in der Höhe (EG 26)
Herbei, o ihr Gläub'gen (EG 45)
Freu dich, Erd und Sternenzelt (EG 47)
O Heilger Geist, kehr bei uns ein (EG 130)
Agnus Dei (EG 190)
Kommt her, ihr seid geladen (EG 213)
Und suchst du meine Sünde (EG 237)
Preis, Lob und Dank sei Gott dem Herren (EG 245)
Ich lobe dich von ganzer Seelen (EG 250)
Die Kirche steht gegründet (EG 264)
Ach Gott, vom Himmel sieh darein (EG 273)
Christi Blut und Gerechtigkeit (EG 350)
Ich habe nun den Grund gefunden (EG 354)
Ich weiß, woran ich glaube (EG 357)
Gib uns Frieden jeden Tag (EG 425)
Herr, gib uns deinen Frieden (EG 436)

Predigtvorschläge zu Reihe M - Mt 22, 1-14
Lk 10, 1-12
1. Kor 9, 16-23 (s. Reihe M am 19. S. n. Trinitatis und Reihe I/IV am 24. S. n. Trinitatis)

Zu Mt 22, 1-14:
Liebe Gemeinde!
Das Gleichnis von der Einladung zum Festmahl ist uns wohl allen vertraut. Wir haben es gerade als Evangeliumslesung gehört.
Es gibt von diesem Gleichnis noch eine zweite Fassung, die uns vielleicht aus der Erinnerung heraus beim Zuhören mitgeklungen hat. Es ist die des Evangelisten Matthäus (Mt 22, 1-14), die heute auch unser Predigttext ist.
Ich habe das Gleichnis jetzt bewusst nicht gelesen, sondern möchte es erst einmal mit dem Gleichnis, wie es uns bei Lukas erzählt wird, vergleichen und dabei auf die Unterschiede aufmerksam machen. Auf diese Weise werden wir das Besondere dieses Gleichnisses besser verstehen können.
Matthäus redet anders als Lukas von einem König, der das Mahl zubereitet. Eine hochgestellte Persönlichkeit also, ja, man muss wohl sagen, die höchstgestellte Persönlichkeit, denn ein König ist ja über allen anderen. Er ist der Herrscher. Man könnte sagen, wer dem König etwas abschlägt, hat sich selbst unter Umständen schon das Grab geschaufelt, denn der König hat die größte Macht. Auf jeden Fall ist das Abschlagen einer Einladung eines Königs als Affront zu werten, der sicher Konsequenzen nach sich ziehen wird.
Der König nun lädt – ebenfalls anders als bei Lukas – zu einem Hochzeitsmahl für den eigenen Sohn ein. Das ist ein Fest, bei dem man eigentlich nicht fehlen darf, wenn man eingeladen wird. Auch deswegen nicht, weil es eine besondere Ehre ist, zu einem solchen Fest eingeladen zu sein. Wer der Einladung nicht folgt, bringt damit seine Ablehnung dieser Hochzeit und die Verachtung des Königs und seiner Familie zum Ausdruck und macht sich so den König zum Feind.
Ein weiterer Unterschied ist: Der König lädt nur einmal ein, nämlich als das Fest bereits fertig vorbereitet ist. Bei Lukas gibt es zwei Einladungen: eine vorab und dann die Einladung durch den Knecht, als alles fertig ist.
Sicher kann man aber bei einer Hochzeitsfeier davon ausgehen, dass man schon vorher davon wusste, zumal es die Hochzeit des Königssohns ist.
Was für Gründe die Eingeladenen hatten, nicht zu kommen, spielt nicht so eine große Rolle wie bei Lukas, nur dass es um Geschäfte geht. Sie wollen schlicht und ergreifend nicht, sie machen sich noch nicht einmal die Mühe, eine Ausrede zu finden, sondern gehen ihren Geschäften nach. Schlimmer noch: manche der Boten verhöhnen oder erschlagen sie, so, als ob diese freundlich gemeinte Einladung ein Zeichen der Verachtung gewesen wäre.
Die Unterschiede werden noch krasser: der König vernichtet die Eingeladenen mit seinem Heer, und die Stadt der Eingeladenen wird zerstört. Ist das nicht die Stadt, in der auch der König lebt? Wenigstens dürfte es eine Stadt in seinem Reich sein, also sein Eigentum. Ist es klug so zu handeln? Aber das scheint nicht die Frage zu sein.
Wie Lukas schließt das Gleichnis damit ab, dass wildfremde menschen, die eigentlich unbedeutend sind, zum Fest eingeladen werden.. Es sind die Menschen von der Straße, keine bedeutenden Persönlichkeiten. Anders als bei Lukas gibt es hier keine genauere Beschreibung, was für Menschen das nun sind, es wird nicht angezeigt, dass jetzt die Außenseiter der Gesellschaft eingeladen werden. Auffällig ist aber der Hinweis, dass „Böse und Gute“ zum Fest kommen.
Was wir bei Lukas nicht finden, ist der Kontrollgang des Königs. Offensichtlich ist es nicht egal, wer eingeladen wird, obwohl es so erschien.
Da ist einer ohne hochzeitliches Gewand, der offenbar nicht eingeladen wurde, oder er wurde eingeladen, weigerte sich aber, dieses hochzeitliche Gewand anzuziehen, das ihm von den Bediensteten des Königs angeboten wurde. Dieser eine wird nun hinausgeworfen in die Finsternis, in der Heulen und Zähneklappern sein wird.
Auch der Nachsatz ist nur beim Evangelisten Matthäus zu finden: „Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.”
Wir sehen: es gibt eine Fülle von Unterschieden, die es mitunter einfacher machen, das Gleichnis zu interpretieren.
Geht man in die Zeit Jesu zurück und bedenkt die Umstände, in denen er lebte, hat man schon ganz gute Deutungsmöglichkeiten.
Der König ist Gott – das liegt auch bei Lukas für den Hausherrn nahe. Die zuerst Eingeladenen sind die Angehörigen des Volkes Israel. Sie wurden durch die Propheten eingeladen, Jesus Christus als den Messias anzunehmen und durch ihn die Nähe Gottes in dieser einmaligen Hochzeitsfeier zu erleben.
Das Volk aber sperrte sich, es wollte nicht kommen, es wollte lieber nach seinen eigenen Vorstellungen leben. Dabei ist die Tötung der Propheten nicht historisch belegt. Nur die Kreuzigung Jesu könnte jetzt angeführt werden, und vielleicht ist das auch tatsächlich gemeint. Allerdings könnte man nun auch vermuten, dass Boten des Evangeliums ebenso zu den Propheten zu zählen sind. Dann wird hier auch auf die erste Christenverfolgung, an der Saulus teilhatte, Bezug genommen.
Das Volk suchte Gott nicht, es hörte nicht auf seine Mahnungen und Einladungen, und vor allem: es ließ sich nicht von Jesus Christus einladen.
So zerstörte Gott ihre Stadt – Jerusalem. Im Jahre 70 nach Christus erfolgte tatsächlich die Zerstörung Jerusalems, worauf dieses Gleichnis wohl Bezug nimmt.
Danach wandte sich Gott den Heiden zu, den Nicht-Juden, denen, die nicht Teil des ersten Bundes waren, und lud auch sie ein.
So weit die historische Deutung. Was können wir nun daraus lernen? Wer sind wir in diesem Gleichnis? Wo erkennen wir uns wieder?
Sind wir die Knechte, die Gott aussendet, um die Gäste einzuladen? Das scheint mir eher abwegig. Es ist nur eine kleine Schar von Knechten, und das sind wiederum besonders beauftragte Menschen. Jesus spielt in seinem Gleichnis auf die Propheten an, von denen es nur relativ wenige gegeben hat, die jeder für sich eine spezifische und einzigartige Berufung erfuhr.
Also können wir doch eigentlich nur zu denen gehören, die eingeladen werden. Aber zu welcher Schar der Eingeladenen gehören wir?
Sind wir die ersten Eingeladenen, die dann nicht wollen? Auch das scheint auf den ersten Blick abwegig. Immerhin sind wir ja hier versammelt, wir stellen uns unter Gottes Wort, und um uns herum, draußen, sind die, denen das alles egal ist, eben die, die nicht wollen.
Aber: ist das hier, ist dieser Gottesdienst das Hochzeitsfest, zu dem Gott uns einlädt?
Hochzeiten ereignen sich nicht im wöchentlichen Rhythmus. Sie sind einmalig, zumindest für die Personen, die heiraten. Die Hochzeit, von der das Gleichnis redet, ist sicherlich ein einmaliges Ereignis.
Außerdem: Auch das Volk Israel feierte seine Gottesdienste, es erfüllte die Gebote in Bezug auf die Opfergaben regelmäßig, es versammelte sich in den Synagogen, um Gottes Wort zu hören. Dennoch wird von ihnen gesagt, dass sie nicht wollten. Könnte das auch für uns gelten?
Um das Gleichnis richtig zu verstehen, müssten wir wissen, was mit dieser Hochzeit eigentlich gemeint ist. Denn sicher handelt es sich nicht um die Feier der Hochzeit Jesu. Das wäre zu oberflächlich, und wir wissen ja auch, dass Jesus nicht geheiratet hat.
Das zentrale Ereignis ist, so glaube ich, nicht die Hochzeit, sondern das Fest, zu dem der König, also Gott, einlädt. Dadurch, dass dieses Fest als die Hochzeit des Königssohnes beschrieben wird, macht Jesus deutlich, wie wichtig dieses Fest ist. Es ist einmalig! Allein deswegen schon sollte man die Einladung eigentlich nicht abschlagen.
Es geht in der Feier selbst aber nicht um die Hochzeit, sondern vielmehr darum, teil zu haben an der Gemeinschaft mit Gott. Die Frage, die durch die Einladung gestellt wird, lautet also eigentlich: willst Du in der Gegenwart Gottes leben, oder nicht? Willst Du Dich auf Gott einlassen?
Wenn wir diese Frage mit „Ja” beantworten können, dann beginnt für uns ein großartiges Fest, eben so wie die Hochzeitsfeier eines Königssohnes.
Es ist klar, dass der Rest des Lebens dann nicht aus Feiern besteht; es wird kein ständiges Lachen und Scherzen, kein Singen und Tanzen sein. Zumindest nicht ständig und ununterbrochen. Das Leben geht weiter, und es fordert unseren Einsatz, unsere Kraft. Es werden Dinge geschehen, die uns traurig machen werden, die uns Furcht einflößen, die uns ratlos machen. Es werden aber auch Dinge geschehen, die Grund zur Freude sein werden.
Das Fest ereignet sich darin, dass in allem, was wir tun, die Liebe und die Nähe Gottes erfahrbar ist. Selbst in den Enttäuschungen, selbst in unserem Versagen erkennen wir, dass Gott uns nicht allein lässt.
Wenn wir Angst haben, ist Gott da und macht uns neuen Mut. Wenn wir traurig sind, schenkt er uns Trost. Wenn wir ratlos sind, kommt er zu uns mit seiner Hilfe. Wenn unsere Kraft verbraucht ist, stärkt er uns. Kurz: wir spüren seine Nähe und Liebe.
So wird unser Leben zu einem Fest, zu dem Fest, das Gott für uns bereitet hat.
Das Heilige Abendmahl soll uns an dieses Fest erinnern, das sich ja eigentlich stetig ereignet. Denn das Abendmahl macht die Nähe Gottes zu den Menschen leibhaftig erfahrbar. Es ist aber nicht dieses Fest. Es dient uns vielmehr als Wegzehrung, denn, wie schon gesagt, unser Leben geht ja weiter, es ist eben kein beständiges und unablässiges Feiern, sondern fordert unsere Kraft, bis zur Erschöpfung. Durch die Feier des Abendmahls können wir dann neue Kraft gewinnen. Das Abendmahl erfüllt uns mit der Gewissheit, dass unser Herr Jesus Christus uns nahe ist, denn wir haben Teil an seinem Leib und Blut.
So gestärkt, fällt es auch im Alltag leichter, die Nähe Gottes zu erkennen und seine Spuren in unserem Leben wahr zu nehmen.
Aber was ist mit dem einen, der kein hochzeitliches Gewand hat und hinausgeworfen wird? Vielleicht soll er uns nur daran erinnern, dass es auch ein Gericht gibt, dass es eben nicht egal ist, wie ich mich entscheide. Dass die Freiheit, die Gott uns schenkt, nicht dazu führt, dass wir von ihm so oder so angenommen sind, sondern dass die Entscheidung, die wir aus dieser Freiheit heraus fällen, Konsequenzen hat für das Verhältnis Gottes zu uns und für unsere Zukunft, über den Tod hinaus.
Vielleicht will uns dieser eine aber auch darauf aufmerksam machen, dass die Gemeinschaft mit Gott etwas Besonderes ist, ein Privileg, auf das wir zu Recht stolz sein können. Sicherlich nicht so, dass wir damit angeben, aber doch so, dass wir davon reden. Nicht im Rahmen eines großen Happenings, so wie etwa der Kirchentag, sondern in den alltäglichen Begegnungen mit Menschen, die uns auf die verschiedensten Arten zu verstehen geben: „ich brauche Gott nicht.” Doch, auch sie brauchen Gott. Und so können auch wir zu Einladenden werden, wenn wir es unseren Mitmenschen erfahrbar machen, dass wir schon teilhaben an diesem großen Fest und dass es sich lohnt, ja zu sagen.
Gott lädt jeden Menschen ein. Dass wir seine Einladung annehmen, und dass wir es dann auch erkennen lassen, dass wir teilhaben an diesem Fest, dazu schenke er uns seine Gnade.
Amen

Zu 1. Kor 9, 16-23:
Liebe Gemeinde!
Sie kennen es sicher, das Chamäleon. Es ist ein äußerst interessantes Tier. Es passt sich durch seine Körperfarbe, die es verändern kann, seiner Umgebung an, damit es nicht so leicht zu erkennen ist.
So kommen Schmetterlinge und Käfer nah genug heran, nicht ahnend, dass sie bald zu Futter werden. Irgendwann schlägt das Chamäleon dann zu: die lange Zunge schnellt vor, und schon verschwindet das Insekt im Maul der Echse.
Zunächst könnte man meinen, das Chamäleon sei ganz schön listig, aber so ist es natürlich nicht. Denn diese große Echse kann überhaupt nichts dafür, dass sie ihre Farbe an die Umgebung anpasst. Es gehört zu ihrem Wesen dazu, nur so kann sie ihr Überleben sichern.
Denn das Chamäleon wäre nie schnell genug, um seine Beute zu jagen, und könnte auch nicht vor einem Jäger davonlaufen. Die Tarnung durch die Änderung der Körperfarbe ist also eine Methode, die nichts mit List oder gar Hinterhältigkeit zu tun hat. Es ist ein Wesenszug des Chamäleons, es gehört zum Chamäleon dazu.
Als ich diesen Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief las, musste ich unwillkürlich an dieses Tier denken, denn Paulus verhält sich, so scheint es, ganz genauso.
Zunächst passt er sich der Umgebung an, es erscheint, als ob er dazugehört, und dann schlägt er plötzlich und unerwartet zu.
Aber natürlich unterscheiden sich Paulus und das Chamäleon doch um einiges. Das Ziel des Paulus ist nicht die Verspeisung seines Gegenübers zum eigenen Lebenserhalt, sondern die Verwandlung: er will sein Gegenüber für Jesus Christus gewinnen. Dabei könnte man meinen, dass es bei Paulus durchaus eine geschickte List ist, die er da anwendet.
Aber der Apostel sieht das anders. Für ihn ist das, was er tut, eine Notwendigkeit. Es ist ganz so wie bei dem Chamäleon.
Paulus hat sich das nicht ausgedacht, um erfolgreich zu sein: er kann einfach nicht anders. Er muss das Evangelium verkündigen, und diese Art und Weise, die er anwendet ist dabei der einzige Weg, wie das überhaupt möglich wird.
Wenn er das Evangelium verkündigt, dann versucht er erst einmal, den Menschen zu verstehen, dem er gegenübersteht.
Denn Paulus hat den wichtigsten Wesenszug des Evangeliums erkannt: es verlangt nicht, dass sich die Menschen an das Evangelium anpassen, um es dann annehmen zu können, sondern es spricht in die Situation der Menschen hinein.
Damit er diese Erkenntnis umsetzen kann, muss er die Situation der Menschen verstehen.
Also wird er z.B. Jude und spricht zu ihnen von dem Jesus Christus, der das Reich Gottes anbrechen lässt - vom Messias.
Er wird Gesetzloser und spricht zu den Gesetzlosen von dem Jesus Christus, der für sie gestorben ist und von den Toten auferweckt wurde.
Er wird schwach und spricht zu den Schwachen von dem Jesus Christus, der das Joch auf sich nahm, damit er die Schwachen stärken und ermutigen könne.
Paulus war auf diese Weise sehr erfolgreich. Zahlreiche Gemeinden hat er gegründet, von diesen Gemeinden aus wurden wieder andere gegründet.
Vielleicht waren die Menschen damals nur besonders empfänglich für diese neue, gute Botschaft; aber ich glaube, dass es das nicht alleine war. Denn immerhin waren die ersten Jahrhunderte der Christenheit nicht leicht:
Christen wurden verfolgt, viele von ihnen getötet. Und die anderen Menschen, die das Evangelium nicht annahmen, grenzten sich ganz bewusst von ihnen ab. Christen waren also Außenseiter, sie wurden meist wohl heimlich beneidet, öffentlich aber angefeindet, ja, gehasst.
Es hatte diese Menschen also etwas gepackt, was auch Paulus gepackt hatte. Und das war das Evangelium. Es hatte so tief in ihr Leben hineingewirkt, dass sie es nicht wieder loslassen konnten. Es war zum Bestandteil ihrer Existenz geworden - sie waren evangelische Menschen geworden, wobei dieses Wort evangelisch nicht als Abgrenzung zu katholisch gemeint ist, sondern schlicht und ergreifend in diesem Sinn: sie gehörten zum Evangelium, das Evangelium gehörte zu ihnen.
Wie sieht das heute aus? Wir werden gewissermaßen als Christen geboren. Gut, erst die Taufe macht uns zu Christen, aber unsere ganze Umgebung ist christlich. Ich denke mal, dass vielen das Evangelium nie so begegnet ist, wie Paulus es hier beschreibt: als etwas, das in das Leben so tief hineinwirkt, dass es nicht mehr wegzudenken wäre.
Vielleicht ist es dennoch nicht mehr wegzudenken, weil wir ja das christliche Abendland sind, aber wenn das der Grund ist, dann ist es mit dem Christentum in unseren Breiten wohl doch nicht so weit her.
Nein, christlicher Glaube basiert nicht auf einem Lippenbekenntnis, das wir sprechen, weil es unsere Eltern und Großeltern und viele Generationen vor uns schon gesprochen haben.
Das Evangelium ist lebendig. Es spricht zu uns in der Situation, in der wir uns befinden.
Es spricht zu den Schwachen, die von Gebrechen geplagt sind und sich am Leben nicht mehr freuen können: nimm dein Joch auf dich und lerne von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so wirst du Ruhe finden für deine Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.
Und das Evangelium spricht zu den Wohlhabenden: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Verkauft alles, was ihr habt, und gebt's den Armen.
Und so spricht es zu vielen Menschen, zu jedem so, wie er es hören kann.
Vielleicht ist das Evangelium zu radikal, aber das ist es doch, was es so lebendig macht: seine Radikalität. Es geht an die Wurzeln unserer Existenz. Und indem es an diese Wurzeln geht, verwandelt es uns.
Wie, das ist vielleicht die drängendste Frage, die wir uns jetzt stellen. Aber ich glaube, dass diese Verwandlung, die durch das Evangelium geschieht, bei jedem Menschen andere Auswirkungen hat. Denn jeder Mensch hat Gaben, die auf ihre Weise in den Dienst Gottes gestellt werden können.
Eins steht fest:
Wer vom Evangelium gepackt ist, der kann nicht mehr anders. Er muss sein Leben neu gestalten. Das Evangelium wird zum Wesenszug des Christen, so wie die Eigenschaft, sich verfärben zu können, zum Wesenszug des Chamäleons gehört.
Gott helfe uns, diesen Wesenszug nicht zu unterdrücken, sondern das Evangelium in uns lebendig sein und durch uns wirken zu lassen.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Zu Mt 22, 1-14:
Herr Jesu Christ, du höchstes Gut (EG 219)
Du hast zu deinem Abendmahl (EG 224)
Sonne der Gerechtigkeit (EG 262)
Ach Gott, vom Himmel sieh darein (EG 273)
Singet dem Herrn ein neues Lied (EG 287)
Christi Blut und Gerechtigkeit (EG 350)
"Kommt her zu mir", spricht Gottes Sohn (EG 363)
Gott rufet noch (EG 392)

Zu 1. Kor 9, 16-23:
Wach auf, du Geist der ersten Zeugen (EG 241)
Man lobt dich in der Stille (EG 323)
O dass doch bald dein Feuer brennte (EG 255)
Vertraut den neuen Wegen (EG 395)
Wo ein Mensch Vertrauen gibt (EG 630; NB-EG 604)