das Kirchenjahr

15. Sonntag nach Trinitatis

Irdische Güter

Predigtbeispiele

Wenn Sie eine meiner Predigtvorschläge in einem Gottesdienst verwenden wollen, teilen Sie es mir bitte mit. Eine Genehmigung müssen Sie dafür aber nicht abwarten.
Jegliche andere Form der Vervielfältigung, auch im Internet, ist nur mit meiner ausdrücklichen, schriftlichen Zustimmung erlaubt. Weisen Sie bei der Verwendung des Materials bitte auf die Quelle hin.

Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe I - 1. Petr 5, 5b-11

Liebe Gemeinde!
Eines der Tagzeitengebete, nämlich die Complet, enthält einen Ausschnitt aus unserem Predigttext. Abend für Abend rufen sich Mönche und Nonnen in den Klöstern sowie Geschwister in Geistlichen Gemeinschaften diese Worte zu:
Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. 9 Dem widersteht, fest im Glauben. (1. Petr 5, 8-9a)
Weil wir Studenten während meines Studiums die Complet regelmäßig gehalten haben, sind mir diese Worte besonders vertraut. In beeindruckender Weise versinnbildlichen sie die Gefahr, in der wir als Christen stehen.
Dabei werden hier Dinge genannt, die unserem aufgeklärten, protestantischen Bewusstsein schon etwas fremdartig, vielleicht auch unzeitgemäß erscheinen.
Was hat es mit dem Teufel auf sich? Ist er wirklich einer, der irgendwie von außen auf uns eindringt, der uns auflauert wie solch ein Löwe, der nach Beute schreit? Jedenfalls ist dieses Bild hilfreich und wird noch unterstrichen von der Vorstellung, dass er wie ein hungriger Löwe brüllend umhergeht und nach Beute sucht. Wer könnte einem solchen Löwen widerstehen?
Die meisten werden wohl schon einen Löwen gesehen haben, allerdings eher im Zoo, wo man eine solche Situation nicht erlebt. Die Löwen sind dort immer gut gefüttert, und so liegen sie meist ganz faul da.
In freier Wildbahn sieht das anders aus. Und wer schon mal gesehen hat, wie ein Löwe seine Beute reißt, der weiß, dass man besser sicher in einem geschützten Raum ist, wenn sich in der Nähe ein hungriger Löwe herumtreibt.
Aber dann merkt man auch, dass das Bild nicht so ganz passt. Denn Petrus fordert uns auf, dem fest im Glauben zu widerstehen. Und das deutet ja wohl eher an, dass da irgend etwas ist, was uns lockt, was wir toll finden und wovon wir ganz gerne etwas haben würden.
Denn Glaube hilft nicht wirklich im Kampf gegen einen Löwen. Da ist vielmehr physische Stärke gefragt, und die hilft einem Menschen eigentlich auch nicht, weil der Löwe stärker ist.
Wenn wir beim Teufel bleiben, dann müssen wir ihn uns so vorstellen, dass er uns lockt mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, damit wir seine Beute werden.
Das einzige Anliegen des Teufels ist es, uns daran zu hindern, unser Vertrauen ganz und einzig auf Gott zu setzen.
Und dazu setzt er Mittel ein, denen man tatsächlich nur schwer widerstehen kann.

Doch hat unser Predigttext noch ein bisschen mehr zu bieten, und ich möchte das anhand der vier Stichworte, die wir dort finden und die man als wichtige Eigenschaften eines Christenmenschen bezeichnen könnte, etwas entfalten.

Da geht es zunächst um Demut.
Die Aufforderung zur Demut wurde früher oft missbraucht, um eigene Machtansprüche durchzusetzen. Das Wort leitet sich ab von einem Wort, mit dem früher Diener und Untertanen bezeichnet wurden.
Demut ist zwar eine Tugend, aber sie ist nicht gerade zeitgemäß. Vielmehr gilt es in unserer Zeit, selbstbewusst aufzutreten und auf keinen Fall den Eindruck zu erwecken, sich unterwerfen zu wollen.
Doch kann man das nur für das Verhalten anderen Menschen gegenüber sagen. Wenn wir Gott gegenüber treten, ist das anders. Wir sind und bleiben Geschöpfe, auch wenn es im 8. Psalm heißt; dass wir wenig niedriger als Gott gemacht sind. (Ps 8, 6)
Aber dann doch niedriger als Gott; wir sind Geschöpfe, und so ist es nur würdig und recht, dass wir vor unseren Schöpfer mit Demut treten.
Denn der Demütige erkennt und akzeptiert, dass es etwas für ihn Unerreichbares, Höheres gibt. Darum wird Demut als die Haltung empfohlen, mit der wir Gott begegnen sollen. Nur wer in Demut vor Gott tritt, darf auch von Gott etwas erwarten.
Was das ist, wird von Petrus auch gleich beschrieben: Gnade.
Indem wir Gott demütig gegenüber treten, erfahren wir also seine Gnade. Gnade ist eine unverdiente Gabe, so wie in der Taufe Gott sich uns zuwendet, ohne dass wir etwas dazu beitragen könnten. Außer diesem einen, dass wir zu ihm kommen.
Und das erwartet Gott schon von uns, dass wir uns zu ihm hin wenden. Aber wenn wir das in Demut tun, dann dürfen wir erleben, wie er sich voll grenzenloser Liebe uns zuwendet, so wie eine Mutter sich ihrem Kind zuwendet.

Die zweite Eigenschaft ist „Gelassenheit“.
Wer aufmerksam zuhörte, fragt sich vielleicht, wo dieses Wort im Predigttext vorgekommen ist.
Es kam nicht vor. Aber es klingt deutlich an, wenn Petrus uns auffordert: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“ (1. Petr 5, 7)
Bleibt also gelassen, auch dann, wenn es mal eng wird, wenn die Arbeitssuche vergeblich ist, wenn das Geld am Monatsende (oder schon früher) knapp wird oder wenn eine Krankheit einem alle Kräfte raubt. Gott sorgt für uns.
Das mag man natürlich nicht den Millionen von hungernden Menschen in der Welt sagen – dazu hätten wir gar nicht das Recht, da wir hier in solchem Überfluss leben. Und es fällt auch schwer, es einem Menschen zu sagen, der aus irgendeinem Grund in Schwierigkeiten geraten ist.
Wenn wir aber als solche, denen es gut geht und die mehr als nötig haben, einem Menschen begegnen, der nichts anderes als Sorge kennt, dann sollten wir aufmerksam werden. Denn es kann gut sein, dass Gott uns solche Menschen schickt, damit wir ihnen diese Botschaft nicht mit Worten, sondern mit Taten vermitteln: indem wir ihnen helfen, die Sorgen los zu werden.
Deswegen finde ich es so unsäglich, dass es Stimmen gibt, die angesichts der vielen Flüchtlinge, die in unser Land kamen, zu stöhnen begannen und sagten, die Last wäre zu groß, und Deutschland müsse den Deutschen gehören, usw.
Wer so denkt, hat keine Liebe. Und es fällt mir schwer, diese Menschen zu verstehen, denn es geht uns doch ausgesprochen gut, auch jetzt, und es ist schon abzusehen, dass die Flüchtlinge, die bei uns bleiben, keine Last, sondern eine Bereicherung für uns sind. Das werden und können sie aber nur dann werden und sein, wenn wir ihnen offen und ohne Vorbehalte begegnen und sie teilhaben lassen an unserem Überfluss.
Ja, Gelassenheit steht uns gerade in solch einer Situation sicher gut an.
Aber nicht nur in materiellen Dingen ist Gelassenheit möglich, sondern auch in all den anderen Dingen, die uns Sorgen bereiten. Es gilt, was der Apostel Petrus schreibt: Gott sorgt für Euch. Er weiß wie es um uns steht, und er eröffnet uns Wege, die aus der Sorge heraus führen. Sicher werden das nicht immer die Wege sein, die wir uns vorstellen. Aber die Zusage bleibt: er sorgt für uns.
Übrigens ist die Gelassenheit ganz eng mit der Demut verknüpft. Denn in der Regel ist es ja so, dass wir meinen, alle Dinge selbst bewältigen zu müssen. Wir meinen auch, dass wir das schon irgendwie schaffen werden.
Da tut dann ein bisschen Demut ganz gut. Denn da ist Gott, der alle Dinge in der Hand hält. Wir müssen nicht alles können und wir müssen auch nicht alles selbst schaffen. Wir können getrost alle Sorge auf ihn legen.

Und nun kommt die Nüchternheit.
Seid nüchtern und wacht. Bei dem Wort „Nüchtern“ denkt man ja vermutlich eher an das Nicht-Betrunken-Sein, und indirekt stimmt das auch, aber Nüchternheit ist nicht nur die Abwesenheit eines Zustandes – also des Betrunkenseins – sondern sie ist eine positive Eigenschaft, die uns hilft, ganz sachlich eine Situation zu deuten und zu verstehen.
Es ist immer gut, nüchtern zu sein und sich nicht in seinem Handeln, Denken und Tun von negativen Gefühlen leiten zu lassen. Denn wer z.B. zornig ist, reagiert ganz anders als wenn man erst einmal eine Nacht drüber geschlafen hat und die ganze Angelegenheit am nächsten Tag nüchtern betrachtet.

Und schließlich ist da die Wachsamkeit.
Jesus hat uns immer wieder zur Wachsamkeit aufgefordert, denn wir wissen weder Tag noch Stunde, wann der Herr kommen wird. Aber das ist nicht das Einzige.
Anfangs habe ich schon deutlich gemacht, dass da einer ist, der nichts lieber möchte als dass wir aufhören, Gott zu vertrauen. Und dazu setzt er alle Hebel in Bewegung.
Dabei habe ich zunehmend den Eindruck, dass er sich gar nicht mehr viel Mühe machen muss. Denn wir haben inzwischen so viele Möglichkeiten, uns ablenken zu lassen und andere Dinge in den Vordergrund zu stellen als das Gotteslob, dass er sich im Grunde nur noch gemütlich zurück lehnen braucht und sich einen nach dem anderen schnappen kann, um noch einmal das Bild vom Löwen anzudeuten. Denn wir nehmen die Gefahr, die von diesem Widersacher ausgeht, gar nicht mehr ernst, ja, wir glauben, dass sie nicht existiert.
Seid wachsam, denn dieser Löwe wird niemals satt. Werdet nicht zur leichten Beute.
Seid wachsam!
Petrus macht uns darum auch auf etwas aufmerksam, was uns immer bewusst sein sollte: da sind Christen in der Welt, die in einer ganz anderen Situation leben als wir. Sie werden verfolgt, , sie müssen um ihr Leben fürchten – weil sie Christen sind. Für sie ist es ganz real: Der Widersacher geht umher wie ein brüllender Löwe...
Not lehrt beten, so sagt man und meint damit, dass die Menschen fromm werden, wenn sie in Not geraten. Dabei sind es wir, die das Gebet brauchen. Denn wenn es einem gut geht, so wie uns, dann vergisst man allzu leicht, wo der Wohlstand herkommt.
Das wird besonders deutlich daran, dass überall dort, wo Menschen im Wohlstand leben, mehr und mehr Kirchen geschlossen oder zu Kulturzentren umfunktioniert werden, weil niemand mehr in die Gottesdienste kommt, um Gott für seine Wohltaten zu danken.
Darum: seid demütig, gelassen, nüchtern und wachsam.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Lobt Gott getrost mit Singen (EG 243)
In allen meinen Taten (EG 368)
Wer nur den lieben Gott lässt walten (EG 369 - Wochenlied!)
Es mag sein, dass alles fällt (EG 378)
Stern, auf den ich schaue (EG 407)
Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst (EG 612)

Predigtvorschläge zu Reihe II - 1. Mose 2, 4b-9(10-14)15(18-25) (= Gen 2, 4b-9(10-14)15(18-25)

Liebe Gemeinde!
Irgendwie gemütlich, diese Erzählung von den Anfängen unserer Welt und der Menschheit. Schön ist die Vorstellung, dass Gott den Menschen nahm und in den Garten Eden setzte – so wie ein Kind eine Puppe ins Puppenhaus zum Beispiel. Hier ist dein Reich, hier darfst du schalten und walten. Nur dass Puppen nicht von sich aus schalten und walten.
Aber nehmen wir es einmal an, dann müssen wir doch feststellen, dass der Garten Eden, der schnell zum Paradies wurde, begrenzt ist. Wie genau, das entzieht sich unserer Kenntnis, und viele Versuche, diesen Garten wieder zu finden, scheiterten, obwohl es manche Forscher gab, die felsenfest überzeugt waren, ihn gefunden zu haben.
Dafür ist dieser Garten umso anschaulicher. Gott pflanzte den Garten. Das heißt nicht, dass er den Garten irgendwo hin pflanzte, sondern er tat, was ein Gartenbauer zu tun pflegt.
Er gestaltete das Gelände, pflanzte Blumen hier, Bäume dort, Getreide wieder an einen anderen Ort.
Dazu gibt es Flüsse, die das Ganze bewässern.
Denn das ist offensichtlich: Es geht schon um Land, das bebaut und gepflegt werden will. Ein wilder Garten hat zwar auch was für sich, denn er bietet unzähligen Tieren Heimat, aber es ist schwer, aus ihm Früchte zu gewinnen.
Etwas Pflege gehört dazu, damit die Bäume und Sträucher und die Gräser ihre Frucht bringen und der Mensch sich davon ernähren kann.
Und ganz klar wird vom ersten Augenblick an, wer diese Aufgabe der Pflege und Bebauung übernehmen soll: es ist der Mensch. Denn: alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute. (Gen 2, 5)
...kein Mensch war da, der das Land bebaute. Noch bevor der Mensch geschaffen wurde, ist seine Aufgabe schon klar dargelegt.
Gott stellt die Grundlage zum Leben zur Verfügung – das Übrige liegt in der Hand des Menschen. Das ist seine Bestimmung: Bebauen und Pflegen.
Und dann schafft Gott den Menschen, und zwar aus dem Elementarsten, was zur Verfügung steht: aus Erde vom Acker.
Während Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen hat, verhält es sich hier beim Menschen anders. Der Mensch entsteht aus dem, was Gott geschaffen hat. Er ist also eigentlich der Schöpfung untergeordnet, ganz anders, als er über viele Jahrhunderte begriffen wurde: als Krone der Schöpfung.
Deutlicher kann wohl kaum gezeigt werden, wohin der Mensch gehört. Da kann er noch so viele Fähigkeiten entwickeln, noch so gottähnlich werden: er wird niemals Gott sein können. Denn aus der Erde vom Acker ist er gemacht, so wie wenig später die Tiere auch.
Der Mensch ist Geschöpf, nicht mehr und nicht weniger. Er ist als Geschöpf dem Auftrag verpflichtet, der ihm von Gott übertragen wurde.
Wir sind diesem Auftrag verpflichtet. Wir gehören auf die Seite der Schöpfung, und nicht auf die Seite des Schöpfers. Wir sind eingebunden in dieses großartige Gefüge, in dem unzählige Geschöpfe alle ihren Teil tun, damit es funktioniert.
Dummerweise hat der Mensch sich nicht an seine Rolle gehalten. Mal abgesehen davon, dass es schon richtig ist, wenn nicht alle zu Gärtnern und Bauern werden – das ist ja auch sicher nicht gemeint. Aber der Mensch versucht ja immer wieder, durch technische Entwicklungen den Arbeitsaufwand so weit zu minimieren, dass letztlich alle zu Ruheständlern werden – diesen Eindruck könnte man jedenfalls gewinnen.
Zwar gibt es noch Länder, in denen die menschliche Arbeit weitaus billiger ist als der Einsatz der Maschinen, und aus denen wir heute die meisten der Dinge bekommen, die von Menschenhand zusammengebaut und erwirtschaftet werden müssen. Aber auch das wird sich ändern.
Worauf es hier ankommt, ist etwas anderes: Der Mensch hat in seinem Rationalisierungswahn ja auch in die Schöpfung selbst eingegriffen.
Raubbau ist da das wohl bedeutendste Stichwort. Da werden gnadenlos riesige Landstriche zerstört, um an einen Rohstoff zu gelangen, der unser Leben etwas vereinfachen kann. Unzählige Tier- und Pflanzenarten sind auf diesem Wege schon ausgerottet worden, weil ihre Lebensräume zerstört wurden.
Das hat vielleicht mit bebauen zu tun, nicht aber mit bewahren.
Und das alles nur, damit einem Bruchteil der Weltbevölkerung das Leben etwas angenehmer gestaltet werden kann.
Gen-Manipulation, deren Folgen noch niemand absehen kann, gehört zu den aktuellsten Errungenschaften der Menschheit. Dieser winzige Baustein, der Aussehen, Widerstandsfähigkeit usw. von Pflanzen, Tieren und Menschen beeinflusst, kann von uns mittlerweile zumindest bei Pflanzen gezielt verändert werden, so dass am Ende Früchte entstehen, die viel besser aussehen und dazu noch widerstandsfähiger und leichter maschinell zu ernten sind als die natürlichen Pflanzen.
An Tieren werden seit etwa vierzig Jahren Versuche in diesem Bereich unternommen, teilweise mit verheerenden Folgen: sonst harmlose Tierkrankheiten, an denen der Mensch nicht erkrankte, konnten z.B. aufgrund der genetischen Manipulation plötzlich auf den Menschen übertragen werden und dort großen Schaden anrichten.
Die Kernspaltung ist eine weitere, ähnlich bedenkliche Fertigkeit, die sich der Mensch erworben hat und die einen massiven Eingriff in die Schöpfung darstellt.
Beide Forschungsgebiete haben durchaus ihre Vorteile, aber sie bergen auch enorme Gefahren, deren Ausmaß wir nicht abschätzen können. Und das ist das eigentlich Gefährliche.
Wir sind nicht der Schöpfer – wir sind Geschöpfe. Uns fehlt das Wissen, das nötig wäre, um diese Dinge zu kontrollieren. Dennoch machen wir weiter. Dabei treibt uns der Glaube, dass wir eines Tages alles Wissen erwerben können.
Darum wird weiter geforscht. Denn die Wissenschaft kennt die Geschöpflichkeit nicht. Sie geht davon aus, dass sich vielmehr alles entwickelt, und der Mensch mit seinen Möglichkeiten prädestiniert dafür ist, nicht nur neue Dinge zu entdecken, sondern sie auch zu kontrollieren.
Die Frage ist: müssen wir das überhaupt? Reicht es nicht, wenn wir unsere Umwelt so gut verstehen, dass wir wissen, wie wir sie erhalten können?
Das ist es jedenfalls, worauf uns die Worte Jesu aus dem Evangelium hinweisen wollen: Die Sorge um unser Leben ist nicht unsere Aufgabe. Gott sorgt für uns, und wir könnten darum eigentlich mit viel weniger genauso zufrieden oder sogar generell zufriedener sein, als wir es derzeit sind.

Ein unangenehmer Nebeneffekt unserer Entwicklung ist, dass es etwa drei- bis viermal so viele Menschen gibt, die diesen Lebensstandard, den wir genießen, noch lange nicht erreicht haben, wohl aber das berechtigte Verlangen spüren, auch dahin zu kommen: etwa einen Fernseher, ein Auto oder einen Kühlschrank zu besitzen und zu benutzen. Für die Wirtschaft ist das ein Glück, denn der Umsatz steigt und steigt; für die Umwelt ist es allerdings eine Katastrophe, denn der Raubbau würde sich potenziell vervielfachen, was ungeahnte Auswirkungen auf unsere Lebensbedingungen haben wird.
Die Umwelt ist allerdings schon jetzt so weit aus dem Gleichgewicht geraten, dass das globale Klima davon betroffen ist, und heute muss man sich die Frage stellen, ob ein Schritt zurück überhaupt noch möglich ist. Wir scheinen gezwungen, den nächsten Schritt zu gehen, damit wir noch etwas retten können.
Ich frage mich oft, wie wohl unsere Kindeskinder die Welt erleben, die wir ihnen hinterlassen. Ich kann es mir nicht vorstellen.
Vielleicht ist das auch gut so. Denn jede Generation hat ihre Chance, mit dem, was ihr gegeben ist, in einer Weise umzugehen, dass das Leben für die Nachwelt in einem erträglichen Rahmen möglich ist.
Gott hat uns eine Welt gegeben, die uns alles Nötige zur Verfügung stellt, von der wir gut leben könnten, ohne allzu sehr in die Ordnung, die Gott einmal angelegt hat, eingreifen zu müssen.
Nachdem wir die Erde nun jahrhundertelang bebaut – man muss vielleicht sagen: abgebaut – haben, ist es jetzt höchste Zeit, auch den anderen Aspekt wieder deutlicher wahrzunehmen: dass wir sie bewahren.
Denn letztlich sind wir ein Teil von ihr.
In diesem Zusammenhang muss ich an die Rede des Häuptlings Seattle vor dem Präsidenten der USA denken. Die Weisheit der Ureinwohner Nordamerikas kann uns vielleicht noch etwas helfen, zu verstehen, worauf es ankommt, und vielleicht gelingt es uns, etwas davon wieder zu gewinnen. Dort heißt es:
Wir sind ein Teil der Erde, und sie ist ein Teil von uns. Die duftenden Blumen sind unsere Schwestern, die Rehe, das Pferd, der große Adler - sind unsere Brüder. ...
Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. ... Lehrt Eure Kinder, was wir unsere Kinder lehren: Die Erde ist unsere Mutter. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Wenn Menschen auf die Erde spucken, bespeien sie sich selbst. Denn das wissen wir: die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde - das wissen wir.
Alles ist miteinander verbunden, wie das Blut, das eine Familie vereint. Alles ist verbunden. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. Was immer Ihr dem Gewebe antut, das tut Ihr Euch selber an. ...
Eines wissen wir, was der weiße Mann vielleicht eines Tages erst entdeckt - unser Gott ist derselbe Gott. Ihr denkt vielleicht, daß Ihr ihn besitzt - so wie Ihr unser Land zu besitzen trachtet - aber das könnt Ihr nicht. Er ist der Gott der Menschen - gleichermaßen der Roten und der Weißen. Dieses Land ist ihm wertvoll - und die Erde verletzen heißt ihren Schöpfer verachten.

Soweit der Häuptling Seattle. Es lohnt sich, diese Rede aus dem Jahre 1855 einmal vollständig zu lesen. Sie ist die Antwort auf das Anliegen, das Land der Indianer zu kaufen.
„Du bist Erde und sollst zu Erde werden“ (Gen 3, 19) - so heißt es wenige Verse nach unserem Predigttext in der Bibel, nachdem der Mensch die ihm gesetzte Grenze unwiderruflich überschritten hatte.
Wir sind Geschöpfe Gottes, um es mit anderen Worten zu sagen. Es ist gut, wenn wir uns daran immer wieder erinnern und versuchen, in der Verantwortung zu leben, in die Gott uns hinein gestellt hat: zu bebauen und zu bewahren.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Wohl denen, die da wandeln (EG 295)
"Eins ist not!" Ach Herr, dies Eine (EG 386)
Meinem Gott gehört die Welt (EG 408)
Gott liebt diese Welt (EG 409)
Herr, die Erde ist gesegnet (EG 512)
Die Erde ist des Herrn (KHW-EG u. HN-EG 634, NB-EG 623)
Weil Gott die Welt geschaffen hat (KHW-EG u. HN-EG 642)

Predigtvorschläge zu Reihe III - Lk 17, 5-6

Liebe Gemeinde!
Stärke uns den Glauben. Ja, das ist ein guter Wunsch.
Denn wenn unser Glaube stärker wäre, dann könnten wir auch etwas wagemutiger sein. Wir würden größeres Vertrauen haben – auch zu den Menschen, die uns unheimlich erscheinen.
Materielle Not würde uns keine Angst machen. Wir würden mehr für die Armen in dieser Welt tun. Wir würden nicht auf unser eigenes Wohl achten, sondern auf das unseres Nächsten, weil wir wüssten: Gott sorgt für uns. Wir würden unser Brot wahrhaftig teilen.
Wir würden kein Blatt vor den Mund nehmen, wenn wir sehen, dass Unrecht geschieht.
Ja, wenn unser Glaube stärker wäre, dann würden wir wohl auch Wunder vollbringen. Dann wäre vielleicht jener Unfall nicht geschehen. Dann hätte diese Krankheit nicht solche Spuren hinterlassen. Dann würde die alte Mutter ihre Tochter noch erkennen.
Ja, wenn unser Glaube stärker wäre, dann würden die Politiker viel mutiger als bisher für den Frieden eintreten. Sie würden dies ohne Waffengewalt tun. Armeen bräuchten wir nicht mehr, denn Gott würde für uns streiten.
Die Politiker würden auf die fremden Regierungen zugehen und mit ihnen reden, immer und immer wieder, so lange, bis sie sich beide verstehen und aus tiefster Überzeugung sagen können: es ist gut, wir können miteinander leben, indem wir aufeinander Rücksicht nehmen und einander respektieren. Politiker würden die Macht des Geldes nicht mehr so ernst nehmen, sondern Gerechtigkeit suchen und durchsetzen.
Ja, wenn unser Glaube stärker wäre, dann wäre alles anders, es wäre alles besser.
Und darum baten die Jünger damals wohl um einen stärkeren Glauben, und darum bitten auch wir oft darum: stärke unseren Glauben. Weil wir glauben, dass dann alles besser wäre.
Aber Jesus tut das nicht, er stärkt den Glauben nicht. Er denkt gar nicht daran. Er antwortet viel mehr ganz provokativ: „Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer. Und er würde euch gehorchen.“
Es ist provozierend, weil es im Grunde ja bedeutet: ihr habt gar keinen Glauben. Da gibt es nichts zu stärken.
So ein Senfkorn ist klein. Sie haben das schon mitbekommen, denn am Eingang wurden Senfkörner verteilt. Ob Sie es noch haben? Oder wissen, wo Sie es hingelegt haben? Ist es da noch?
So ein kleines Senfkorn – ja, größer braucht der Glaube nicht zu sein, um Berge versetzen zu können – dabei geht es hier ja noch nicht einmal um Berge, sondern nur um einen Maulbeerbaum.
Aber immerhin: auch Maulbeerbäume müssen erst mal ausgerissen werden, und dass sie sich ins Meer verpflanzen, ist sowieso unerhört und dazu völlig überflüssig.
Warum gibt Jesus nicht ein besseres Beispiel? Nur, weil da ein Maulbeerbaum gerade im Weg steht? Hätte er nicht sagen können: „Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr Kranke heilen“?
Es ist das Ganze schon eine etwas merkwürdige Situation, die viele Fragen aufwirft.
Ich versuche, es mir etwas plastischer vorzustellen. Jesus hatte zuvor eine Menge Gleichnisse erzählt, die alle auf die Konsequenzen unseres Handelns hindeuten. Zuletzt fordert er die Jünger dazu auf, zu vergeben, wann immer jemand ihnen etwas antut, solange es ihn nur reut.
Jetzt ist der Punkt erreicht, wo sich die Jünger fragen: wie können wir das alles tun? Wie können wir wissen, was Gut und Böse ist? Wie können wir uns vorbereiten auf die Ankunft Gottes? Wie können wir vergeben, anstatt Genugtuung zu fordern?
Und darum bitten sie: stärke unseren Glauben.
Jesu Antwort ist, so glaube ich, begleitet von einem Lachen, oder zumindest einem Lächeln. Nicht mitleidig etwa oder herablassend; er ist nur erheitert, weil er merkt: es ist noch ein langer Weg, bis sie endlich alles erkennen und verstehen werden.
Wie können sie um stärkeren Glauben bitten? Glaube lässt sich nicht messen. Es gibt keinen stärkeren oder schwächeren Glauben. Glaube ist da. Und wenn er da ist, dann hat er auch Kraft, solche Kraft, dass er Kranke heilen oder Bäume versetzen kann, wenn's denn sein muss, Berge noch dazu.
Jesus lacht. Er freut sich an der Naivität dieser Bitte. Und er weiß: der Vater im Himmel wird den Glauben schenken. Und dann wird es auch genug sein. Dann fehlt nicht hier oder da noch ein bisschen, sondern dann reicht die Kraft des Glaubens aus, um alles zu bewirken, was nötig ist.
Hören wir dieses Lachen? Dieses fröhliche, befreiende Lachen, das uns sagt: was sucht ihr noch verzweifelt danach? Glaube wird euch doch geschenkt! Lasst es einfach geschehen. Lasst Gott gewähren. Wehrt euch nicht dagegen, indem ihr meint, es alles selber tun zu müssen! Lasst ihn euch Glauben schenken, den Glauben, der stark ist und nicht stärker werden kann. Lasst euch ganz auf Gott ein.
Denn Glaube, das bedeutet im Grunde nichts anderes als Vertrauen. Vertrauen darauf, dass Gott uns gebrauchen wird beim Bau seines Reiches.
Vertrauen, das uns durchlässig macht für die Kraft Gottes, die wohlgemerkt in den Schwachen mächtig wird. Vielleicht waren die Jünger einfach noch zu stark. Und vielleicht glauben auch wir noch, dass wir zu stark sind, dass wir dies oder jenes selbst schaffen müssten.
Die Kraft des Glaubens wird umso deutlicher, je schwächer wir selbst werden. Denn dann hat Gott Raum, seine Kraft zu entfalten.
Dann wird es auch geschehen: dass unsere Welt besser wird, dass Menschen sich verstehen, dass Armen geholfen wird, dass Frieden einkehrt zwischen den Völkern, dass Geld seine Macht verliert, dass Wunder vollbracht werden.
Das ist nicht unmöglich. Denn alles ist möglich dem, der da glaubt, durch die Kraft Gottes, die in ihm und durch ihn wirkt.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Gott der Vater steh uns bei (EG 138)
Ist Gott für mich, so trete (EG 351)
Alles ist an Gottes Segen (EG 352)
Ich weiß, woran ich glaube (EG 357)
In allen meinen Taten (EG 368)
Du hast gesagt: "Ich bin der Weg" (EG 602)

Predigtvorschläge zu Reihe VI - Mt 6, 25-34

Liebe Gemeinde,
Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet. So sagte Jesus, damals, vor rund 2000 Jahren, zu den Menschen im Zusammenhang der Bergpredigt. Wenn wir heute diese Worte hören, denken wir an die Unterschiede, die es zwischen den Lebensumständen der damaligen und unserer Zeit gibt, und fragen uns, ob solche Worte heute überhaupt noch vertretbar sind.
Wenn sie denn Relevanz haben, bleibt immer noch zu fragen:
Wem soll man diese Worte denn sagen?
Es ist jedenfalls ein Hohn, wenn man das zu den Armen in unserer Gesellschaft und in der ganzen Welt sagt, die von Krankheit und Hunger geplagt sind, die kein sauberes Trinkwasser haben und keine Arbeit, die durch Wucherzinsen hoch verschuldet sind oder wie Leibeigene alles erdulden müssen, was ihnen auferlegt wird. Darf man ihnen sagen: „Sorgt euch nicht um euer Leben. Die Frage, ob ihr am nächsten Tag etwas zu essen haben werdet, braucht ihr nicht zu stellen. Gott wird für euch sorgen.“?
Es ist ein Witz, wenn man das zu den Reichen sagt, deren Besitz sich täglich um mehr als 1000 Euro vermehrt und die dennoch nie genug zu haben scheinen. Soll man ihnen wirklich sagen: „Sorgt euch nicht um euer Leben. Die Frage, ob ihr am nächsten Tag noch eure Villa, eure Segelyacht oder euren Sportwagen finanzieren könnt, braucht ihr nicht zu stellen. Gott wird für euch sorgen.“?
Es stimmt nachdenklich, wenn man das zu den Durchschnittsbürgern sagt, die mit ihrer Hände Arbeit ihr täglich Brot verdienen und damit gerade so über die Runden kommen, dass sie sich auch hin und wieder ein klein wenig von dem gönnen können, was man gemeinhin als Luxus bezeichnet. Kann man ihnen sagen: „Sorgt nicht um euer Leben. Die Frage, ob ihr am nächsten Tag noch eine Arbeitsstelle haben werdet, oder ob eure Altersversorgung ausreichen wird, braucht ihr nicht zu stellen. Gott wird für euch sorgen.“?
Sorgen gehört zum Leben dazu, das dürften wohl alle bestätigen. Ohne Sorgen geht es nicht. Denn immer scheint etwas zu fehlen, immer ist da etwas, das nicht den eigenen Wünschen entsprechend läuft. Sei es nun etwas, das zum Besitz gehört, oder sei es die eigene Gesundheit oder die der Kinder und Kindeskinder: es wird gesorgt.
Aber was ist dieses Sich-Sorgen überhaupt?
Im Zusammenhang dessen, was Jesus uns sagt, ist gemeint, dass man sorgt, sich Gedanken macht über die Zukunft, über das Morgen. Dass man voraus schaut und sich fragt, wie das Morgen wohl aussehen wird. Und damit verbunden die Furcht, dass das Morgen nicht so gut aussehen wird wie das heute.
Da hat uns z.B. die Bankenkrise einen ganz schönen Schrecken eingejagt, und man fragt sich, wie das wohl weitergehen wird. Sind da nicht Sorgen berechtigt, wenn andere das eigene Geld womöglich verpulvert haben und man trotz aller möglichen Sicherungsmechanismen nur einen Teil – oder vielleicht sogar gar nichts – davon wiederbekommt?
Manche versuchen, einem die Sorgen abzunehmen, indem sie die Entwicklungen schön reden.
Es sei gar nicht so schlimm mit dem radioaktiven Müll, der in der Asse liegt.
Oder: die Ölvorräte sind längst nicht so erschöpft, wie manche uns glauben machen wollen. Die Ölkonzerne wollen nur die Preise hochtreiben und damit mehr verdienen können.
Aber auch darum darf man sich dann ja wohl sorgen: dass die Ölpreise so hoch steigen, dass unsere Mobilität zunehmend darunter leidet.
Da freut sich dann die Autoindustrie, die endlich eine neue Antriebsform auf den Markt bringen kann, nachdem dies vor Jahrzehnten schon vergeblich versucht worden war. Jetzt sind die Sorgen groß genug, so dass sich die Verbraucher durchaus für Alternativen interessieren und dafür auch etwas von dem Komfort hoher Geschwindigkeit und großer Reichweite aufgeben müssen.
Sorgen werden manches Mal zum Konjunktur-Motor. Und darum ist es auch gar nicht so verkehrt, wenn man sich sorgt, wenn man sich nicht all zu sehr in Sicherheit wiegt.
Sorgen helfen auch der Politik, Entscheidungen umzusetzen, die man sonst vielleicht nicht so leicht hätte durchsetzen können. Die Überwachungsmöglichkeiten zum Beispiel, die die Regierung ihren Staatsorganen einräumt, sind in den letzten Jahren immer umfangreicher geworden. Man möchte ja auf jeden Fall terroristische Aktivitäten beobachten und verhindern können.
Erfolge, die mit dieser Strategie zu verzeichnen sind, werden in der Öffentlichkeit mit Nachdruck verbreitet. Über Misserfolge, da nämlich, wo unschuldige Menschen fälschlich beschuldigt und monate- oder gar jahrelang beobachtet wurden, versucht man zu schweigen.
Die Frage, warum es zu terroristischen Angriffen kommen kann, wird dabei nie gestellt. Man hält Terroristen für notorische Bösewichte, die es einfach nicht anders kennen und die für ihr Leben gern töten – auch, wenn sie selbst dabei sterben. Dürfen wir es uns so einfach machen?
Sorgen sind gut – die Frage ist nur, für wen.
Jesus führt Beispiele aus der Natur an, um uns zu sagen, dass Sorgen überflüssig sind. Die Vögel unter dem Himmel: sie haben alles, was sie brauchen. Und sie sorgen sich kein bisschen.
Man könnte diese Behauptung hinterfragen, denn natürlich sorgen sich auch die Vögel um ihr Leben – und um das ihrer Kinder. Sonst würden sie nicht nach Futter suchen, für sich und ihre Nachkommen.
Es gibt ja sogar Tiere, die für längere Zeit vorsorgen: Tiere, die Winterschlaf halten, legen sich zuvor eine gehörige Fettschicht zu, von der sie während des Winterschlafs zehren. Andere sammeln Vorräte, um den Winter überstehen zu können.
Dennoch, sie sorgen sich nicht so, wie wir es tun. Denn sie sammeln nicht mehr, als sie brauchen. Sie häufen keine Vorräte aufs Geratewohl an, vor allem nicht, um sich später vielleicht mal zur Ruhe setzen zu können und neben dem Vorrat sitzend das Leben zu genießen.
Nein, sie sorgen nur für das Heute und Jetzt. Das genügt. So haben sie auch jeden Tag Zeit, werden nicht von einem zum nächsten Termin gehetzt, sind nicht ständig unter Druck.
Klar, dass unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem solch eine Haltung gar nicht mehr zulässt. Wenn wir was von unserem Leben haben wollen, gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder, wir sind so reich, dass die Zinsen genügen, um gut und in Frieden leben zu können, oder wir arbeiten so, dass wir wenigstens im Ruhestand noch etwas Zeit haben für ein entspanntes Leben. Anders funktioniert das nicht.

Sorgt nicht um euer Leben – das ist denen gesagt, die sich sorgen. Die sich Gedanken machen um das Morgen.
Jesus scheint dabei eines wichtig zu sein: „Nach dem allen trachten die Heiden“, sagt er. Also die, die nicht auf Gott vertrauen, sondern auf andere: sich selbst und ihren Reichtum, oder auch die Qualitäten eines sozialen Sicherungsnetzes, wie es in unserem Land noch besteht und in vielen anderen Ländern ebenfalls.
Natürlich kann man so leben, aber die Sorge wird nie aufhören. Reichtum kann zerfallen, und bei einem sozialen Sicherungsnetz können die Maschen so weit auseinander gezogen werden, dass immer weniger Menschen darin Halt finden.
Jesus will, dass wir uns von solchen Menschen unterscheiden, die letztlich auf selbstgebaute Fundamente ihr Vertrauen setzen, indem wir die Zukunft nicht zum ständigen Objekt unserer Sorge machen, sondern zum Objekt der Fürsorge Gottes.
Gott weiß, was wir brauchen. Darum sollen wir uns nicht um das Morgen sorgen. Natürlich dürfen wir, unserem Wirtschaftssystem entsprechend, für unser Alter vorsorgen. Aber wir müssen es nicht übertreiben.
Denn alles, was wir hier sammeln, womit wir uns hier bevorraten, bleibt ja doch zurück, wenn unsere letzte Stunde schlägt.
Dann dürfen unsere Kinder zwar das Zurückbleibende an sich nehmen, was ja nicht verkehrt ist. Aber wir haben nichts mehr davon und offenbar mehr für die Zukunft getan, als nötig gewesen wäre. Und damit auch mehr gesorgt, als nötig gewesen wäre. Unser Leben hätte, um es mit anderen Worten zu sagen, etwas befreiter sein können.
Jesus weist auf etwas anderes hin, worum wir uns vorrangig sorgen sollen: das Reich Gottes. Nicht so, als ob sein Bestand von uns abhinge; das tut es natürlich nicht. Sondern so, dass wir daran teil haben.
Und das tun wir, indem wir für andere da sind, und indem wir die Liebe Gottes weitergeben, die wir wahrnehmen und tagtäglich schon dadurch erfahren, dass es uns gut geht und wir keinen Grund zur Sorge haben. Wir tun es, indem wir uns für ein friedliches Miteinander einsetzen und darauf drängen, dass politische Konflikte nicht mit Waffengewalt gelöst werden, sondern mit Schritten der Versöhnung und des Vertrauens.
Wir trachten auch nach dem Reich Gottes, indem wir für die sorgen, die tatsächlich Grund zur Sorge haben, und die vielleicht am ehesten auch sagen würden: unser Morgen liegt in Gottes Hand: die Hungernden und Kranken in der Welt, die Unterdrückten und Entrechteten und natürlich die, die in Kriegs- oder Katastrophengebieten leben. Denn diesen Menschen ist Gott am Nächsten.
Sie sind ganz der Gnade Gottes ausgeliefert, die für sie nur spürbar wird, wenn wir aktiv werden und uns ihnen zuwenden.
Darum: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, sondern Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Halleluja, suchet zuerst Gottes Reich (EG 182)
Freuet euch im Herren allewege! (EG 239)
Befiehl du deine Wege (EG 361)
Wer nur den lieben Gott lässt walten (EG 369 - Wochenlied!)
Ich steh in meines Herren Hand (EG 374)
Meinem Gott gehört die Welt (EG 408)
Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit (EG 502)
Weißt du, wieviel Sternlein stehen (EG 511)